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Patrick Head versetzte seinen Helikopter: Stimmt's wirklich?

Auf den Spuren der "Mythbusters" - Ausgabe 12: Musste Williams-Mitbegründer Patrick Head seinen Helikopter verkaufen, um das Team vor dem Ruin zu bewahren?

(Motorsport-Total.com) - Seit Jahrzehnten ist das Formel-1-Fahrerlager eine Welt, die voll ist von kleinen Geschichten um skurrile Teamchefs, von Piloten am Rande des Wahnsinns (oder jenseits davon) und irren physikalischen Phänomenen. In unserer Serie "Stimmt's wirklich? Formel-1-Mythen unter der Lupe!" gehen wir Legenden der Szene nach, die sich hartnäckig halten - und erkundigen uns bei denjenigen, die es wissen müssen. Nach Vorbild der US-TV-Doku Mythbusters.

Patrick Head, Frank Williams

Patrick Head und Frank Williams: Trennten sie sich von Flugzeug und Helikopter? Zoom

In unserer zwölften Ausgabe beschäftigt uns eine von vielen Storys rund um das Thema finanzielle Schwierigkeiten in der Königsklasse, in der das Geld viel knapper ist als man gemeinhin glaubt. Wir fragen uns, ob Williams-Mitbegründer Patrick Head, damals auch Ingenieurs-Direktor und Intimus von Teamchef Frank Williams, im Jahre 2005 tatsächlich seinen privaten Helikopter verkaufen musste, um mit dem Erlös das Team vor dem Bankrott zu retten.

Um was geht's?

Das Williams-Team erlebte Mitte der Neunzigerjahre seine ruhmreichsten Tage. Zwischen 1992 und 1997 waren die Briten fünfmal Konstrukteurs-Weltmeister und schnappten sich vier Fahrerkronen mit Nigel Mansell, Alain Prost, Damon Hill und Jacques Villeneuve. Doch anschließend waren weitere Titel Fehlanzeige, obwohl mit der BMW-Werksunterstützung ab 2000 wieder Siege eingefahren wurden. Als die Truppe 2005 als WM-Fünfter so schlecht dastand wie seit 17 Jahren nicht mehr und die zunehmend kritischen Bayern vor dem Wechsel zu Konkurrent Sauber standen, wurde das Geld knapp - wie bei so vielen privaten Formel-1-Teams.

Was ist der Mythos?

Anfang 2005 wurde das Gerücht laut, dass Head aus der finanziellen Not heraus seinen privaten Helikopter für 4,5 Millionen US-Dollar (damals umgerechnet rund 3,8 Millionen Euro) verkauft hätte, um mit dem Erlös das Team vor dem Ruin zu bewahren. Es hieß, er würde fortan mit einem Motorroller und mit dem Zug zur Arbeit fahren oder zwischen den Anlagen des Teams pendeln. Auch Boss Frank Williams hätte mit dem Versetzen eines Privatjets im Wert von 43 Millionen Dollar (2005 circa 37 Millionen Euro) Finanzlöcher gestopft, vermeldete die Presse in Großbritannien damals.

Und, stimmt's nun wirklich?

Patrick Head winkt ab, wenn es um einen privaten Helikopter geht und stellt klar: "Das Team besaß zwei Hubschrauber und ein Flugzeug." Alle mondänen Verkehrsmittel wurden tatsächlich verkauft, aber nicht in einer Rettungsaktion. Vielmehr wollte Head seinen privaten Geldbeutel schonen: "Wir wurden damals einen der beiden Hubschrauber los - unter anderem, weil sie zu teuer waren. Ich benutzte den kleineren, weil ich in London lebte, um zu pendeln. Das britische Steuerrecht besagt aber, dass man für die Fahrtkosten von und zur Arbeit selbst aufkommen muss. Das wurde mir zu teuer."


Fotostrecke: Die Williams-Story

Der zweite Hubschrauber war dafür gedacht, dass Head sich um das von Williams aufgekaufte Renault-Tourenwagen-Team kümmern konnte - 1999 war aber Schluss mit dem BTCC-Projekt gewesen. "Wenn ich per Flugzeug zu einem Test geflogen wäre, hätte mich das einen Tag gekostet, während ich mit dem Helikopter kurzfristig für ein paar Stunden beim Test vorbeischauen konnte", erklärt Head den Verkauf des zweiten Hubschraubers und sagt: "Das Flugzeug hatte die Funktion, Frank zu Europarennen zu bringen, weil er seit 1986 nicht mehr Linie fliegen kann."

Williams entschied sich aber dafür, im Laufe des Jahres 2004 einen größeren Windkanal zu bauen. "Frank war so großzügig und hat das Flugzeug verkauft, um ihn zu finanzieren", so Head, der übrigens tatsächlich mit dem Motorroller und dem Zug zwischen seinem Wohnort, dem noblen Londoner Staddteil Chelsea, und der rund 100 Kilometer entfernten alten Williams-Fabrik in Didcot pendelte: "Aber ich habe es gerne gemacht", sagt er. "Die englischen Züge sind ziemlich zuverlässig. Ich hatte zwei BMW C1 mit Dach. Mit dem einen bin ich von Chelsea nach Paddington gefahren, mit dem anderen vom Bahnhof in Didcot zur Williams-Fabrik."

Wer hat uns aufgeklärt?

Patrick Head gründete 1977 als 30-prozentiger Teilhaber gemeinsam mit Frank Williams das gleichnamige Formel-1-Team. Der studierte Ingenieur übernahm den Posten des Technikchefs und fungierte auch als Designer der ersten Boliden. Sein großer Durchbruch gelang dem Briten 1980 mit dem Weltmeister-Auto von Alan Jones. Fortan stand er nicht mehr am Zeichenbrett. Mit mehr Geld und Prestige steuerte Williams auf seine erfolgreichste Ära zu, ehe sich Head 2004 zum Ingenieurs-Direktor machen ließ und 2012 aus dem operativen Motorsport-Geschäft ausschied. Heute befindet sich der 70-Jährige im Ruhestand.

Wie geht's weiter?

Gibt es irgendeine Geschichte, von der du schon immer mal wissen wolltest, ob sie wirklich wahr ist? Wir begeben uns auf die Spuren der Mythbusters und haken für euch nach. Einfach deinen Mythos via Kontaktformular oder auf Twitter an unsere Formel-1-Spezialisten Christian Nimmervoll und Dominik Sharaf schicken! Die nächsten Folgen sind schon in Planung.

Bisherige Folgen von "Stimmt's wirklich?"

01: Dürfen McLaren-Mitarbeiter im Büro wirklich keine Frühstücksbrote essen?
02: Bestimmte Jean Todt den Ausgang der Rallye Paris-Dakar mit einem Münzwurf?
03: Sah Jacques Villeneuve per Computerspiel die Zukunft der Formel 1 voraus?
04: War Formel-1-Boss Bernie Ecclestone beim großen Postzugraub dabei?
05: Gewann Porsche den Sportwagen-WM-Titel mit Zange und Panzerband?
06: Designte Jacques Villeneuve seinen bunten Helm nach dem Vorbild eines Kleides seiner Mutter?
07: Werden die Gymkhana-YouTube-Videos von Ken Block in einem Take gefilmt?
08: Hatte der Schumacher-Benetton von 1994 eine verbotene Traktionskontrolle eingebaut?
09: Ist es im Privatflieger des McLaren-Bosses Ron Dennis nicht erlaubt, Schuhe zu tragen?
10: Fährt ein Formel-1-Auto mit Sprit von der Tankstelle?
11: Kassierte Eddie Irvine einen Bonus für Schumacher-Titel?

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