Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Langsamer als Mercedes, Fragezeichen hinter der Zuverlässigkeit: Sebastian Vettel sieht seine WM-Chancen 2016 schon nach zwei Rennen dahinschwinden

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Titel-Bild zur News: Sebastian Vettel

Wer sein Auto liebt, der schiebt: Sebastian Vettel im Freitagstraining in Bahrain Zoom

Ferrari hat, da sind sich die Experten einig, 2016 ein besseres Auto gebaut als 2015. Und trotzdem lassen wir nach dem zweiten Saisonrennen bereits zum zweiten Mal einen Signore von der Scuderia am schlechtesten schlafen. Haben wir uns nach Australien noch für Teamchef Maurizio Arrivabene entschieden, der angesichts des wachsenden internen Drucks immer unlockerer wird, so glauben wir diesmal, dass Sebastian Vettel keine besonders ruhige Nacht gehabt haben kann.

Ich lege mich (jetzt schon!) fest: Vettel wird 2016 nicht zum fünften Mal Weltmeister. Nach zwei Rennen hat er 35 Punkte Rückstand auf Gesamtleader Nico Rosberg. Das sind umgerechnet ein Sieg und ein fünfter Platz. Und auch wenn der Ferrari im Vergleich zu 2015 zugelegt hat, ist er das langsamere Auto als der Mercedes. Das wird sich, zumindest in der ersten Saisonhälfte, nicht ändern. Und mit einem langsameren Auto Punkte aufzuholen, ist denkbar schwierig.

Zumal Mercedes in Sachen Zuverlässigkeit nicht den Funken einer Schwäche zeigt. Weil die Silberpfeile gar nicht ans Limit gehen müssen? Mercedes sei "haushoch" überlegen, glaubt Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko, und vor allem damit beschäftigt, "die Überlegenheit zu kaschieren". Dafür spricht der Verlauf des Samstags: Im bedeutungslosen Abschlusstraining war Ferrari sogar schneller, bis Q2 einigermaßen auf Augenhöhe. Aber als die Pole vergeben wurde, war Vettel gegen Mercedes chancenlos.


Fotostrecke: GP Bahrain, Highlights 2016

Selbst Mercedes-Sportchef Toto Wolff, sonst ein Meister der Tiefstapelei, sagt: "Ich habe keinen Zweifel, dass die Ferraris stark sind. Aber wenn du mit so einem Vorsprung führst, legst du das Rennen eher konservativ an. Das hat Nico gemacht." Ohne Vettels Ausfall in der Aufwärmrunde - es war das erste DNS ("did not start") seiner Karriere - hätte es zwar nach Punkten freundlicher ausgesehen, aber nicht in Bezug auf das wahre Kräfteverhältnis.

Nicht falsch verstehen: Vettel hat sich selbst nichts vorzuwerfen. Unser Experte Christian Klien bewertet sein fahrerisch "tadelloses Wochenende" sogar mit einer glatten Eins. Aber waren drei Siege im ersten Ferrari-Jahr 2015 noch Grund zur Freude, so würde das 2016 nicht mehr ausreichen. So stark, wie Mercedes momentan auftritt, ist jedoch schwer vorstellbar, dass Vettel diese Bilanz in den verbleibenden 19 Rennen weit übertreffen wird.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Ferrari-Antrieb. Schon bei den Barcelona-Tests kursierten Gerüchte, Ferrari habe konzeptionelle Probleme mit dem Motor, insbesondere mit dem Turbolader. Das wurde energisch dementiert. Nun ist in Australien ein Turbo abgebrannt und in Bahrain ein weiterer Antrieb verraucht - und Arrivabene verbiegt sich wie eine gekochte Spaghetti, wenn man ihn nach den konkreten Ursachen fragt.

"Ventil oder Einspritzung" sollen Vettel gestern eine unruhige Nacht beschert haben, erklärt der Teamchef, ergänzt aber im selben Atemzug: "Es hat nichts mit dem Motor zu tun." Jedenfalls sei es kein Defekt, der sich seit den Tests wiederholt habe. Aber: "Selbst wenn, würde ich es nicht sagen." Das schürt kein übertriebenes Vertrauen in die Zuverlässigkeit des SF16-H. Und ohne die wird das mit dem WM-Titel 2016 nicht klappen. Leider.

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Jean Todt: Der neue Qualifying-Modus sorgt weiterhin für Diskussionen. Wer die Rückkehr zum 2015er-Format blockiert, der soll öffentlich im Paddock gekreuzigt werden, meinte Mercedes-Sportchef Toto Wolff am Samstagabend. Am Sonntagmorgen legte sich der FIA-Präsident quer. Beschlossen wurde nur der Termin für das nächste Meeting, die Fans toben. Jetzt ist nur noch offen, nach welchem Modus Todt gekreuzigt werden soll.

Lewis Hamilton im Scheich-Outfit

In der Ruhe liegt die Kraft: Lewis Hamilton als Scheich im Bahrain-Paddock Zoom

Lewis Hamilton: Bei Gesprächen in unserer Redaktion haben viele das Gefühl: Dieses Jahr ist Rosberg dran. Der Weltmeister ist zwar immer noch der schnellere Autofahrer (und war das auch in Bahrain), hat aber seit Austin 2015 kein Rennen mehr gewonnen. Dauert die Durststrecke noch länger an, wird man ihm irgendwann seinen ausschweifenden Lebensstil vorwerfen. "Vielleicht sagt dann auch Mercedes mal was dazu. Dann wird er im Kopf nicht mehr so frei sein", befürchtet Experte Klien.

Claire Williams: Auch die kürzere Nase haucht dem FW38 keine Performance ein. Wer nach der ersten Kurve Zweiter und Dritter ist und am Ende Achter und Neunter wird, kann nicht gut schlafen. Williams hat nach zwei Rennen 20 WM-Punkte auf dem Konto. Das sind um zehn weniger als 2015. Der direkte Gegner heißt 2016 jedenfalls nicht mehr Ferrari. Es werden wieder kleinere Brötchen gebacken in Grove.

Ihr

Christian Nimmervoll

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