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Das war 2008: McLaren-Mercedes

Weltmeister gegen Windmühlen: Die unglaubliche Erfolgsgeschichte von Lewis Hamilton, McLaren-Mercedes und vor allem Ron Dennis

(Motorsport-Total.com) - Viele trauern den "goldenen Jahren" der Formel 1 nach, dabei war die Saison 2008 so spannend wie kaum eine andere zuvor. Speziell das packende Herzschlagfinale in Brasilien ging in die Grand-Prix-Geschichte ein. 'Motorsport-Total.com' rollt die zurückliegenden Ereignisse in Form einer Artikelserie noch einmal auf. Den Anfang machen die elf Teams, dann folgen die fünf Deutschen und zum Abschluss am 1. Januar Weltmeister Lewis Hamilton. Heute: McLaren-Mercedes.

Lewis Hamilton und Ron Dennis

Siegertypen: Lewis Hamilton und Ron Dennis in der Fürstenloge in Monaco

'Motorsport-Total.com' vergibt seit 2005 jedes Jahr einen Ehrenpreis für das Lebenswerk: zuerst an Peter Sauber (2005), dann an Michael Schumacher (2006) und zuletzt an Frank Williams (2007). So leicht wie dieses Jahr ist uns die Entscheidung, wem diese Auszeichnung zuteil werden soll, noch selten gefallen: Ron Dennis, Teamchef von McLaren-Mercedes, wird die Kristalltrophäe zum nächstmöglichen Zeitpunkt in Empfang nehmen.#w1#

Die unglaubliche Story des Ron D.

Ron Dennis, Norbert Haug und Dieter Zetsche

Väter des silbernen Erfolgs: Ron Dennis, Norbert Haug und Dieter Zetsche Zoom

Was der 61-Jährige in den vergangenen zwei Jahren durchgemacht hat, ist einzigartig: Erst große Erwartungen mit dem 2007er-Dreamteam um Fernando Alonso, Lewis Hamilton und Vodafone, dann der "Krieg der Sterne" zwischen den beiden Fahrern, die Enthüllung der medial aufgebauschten Spionageaffäre mitsamt 100-Millionen-Dollar-Strafe, der im allerletzten Rennen verlorene WM-Titel und schließlich zum Drüberstreuen auch noch die Trennung von seiner Ehefrau Lisa.

Kaum jemand hätte Dennis zugetraut, dass er sich von all dem wieder erholen würde. Aber die ganz Großen ihres Fachs zeichnen sich dadurch aus, dass sie gegen alle Widerstände Geschichte schreiben. So geschehen in diesem Jahr: Dennis' sportlicher Ziehsohn Hamilton wurde im zweiten Anlauf Weltmeister und beendete damit die McLaren-Mercedes-Durststrecke seit Mika Häkkinens Fahrer-WM-Titel 1999!

Dieser Turnaround binnen weniger Monate ist auch für unseren Experten Marc Surer Grund genug, Dennis als Mann des Jahres zu sehen: "2007 ist alles schief gegangen, was schief gehen kann: Spionage, 100-Millionen-Strafe, die falsche Führung der Fahrer, der knapp verpasste WM-Titel, die Scheidung von seiner Frau. Wer aus diesem Tief herauskommt und gleich im nächsten Jahr Weltmeister wird, vor dem habe ich Hochachtung", applaudiert der Schweizer.

Teamchef und Geschäftsmann

McLaren-Fabrik

Weit mehr als eine Formel-1-Fabrik: Hauptquartier von McLaren in Woking Zoom

Sven Heidfeld, neben Surer unser zweiter Formel-1-Experte, zieht ebenfalls den Hut vor dem ehemaligen Brabham-Mechaniker, der es bis ganz nach oben geschafft hat: "Er lebt 24 Stunden am Tag für die Formel 1. Er ist nicht nur ein guter Teamchef, sondern auch ein guter Geschäftsmann, was man sein muss, um im Haifischbecken Formel 1 so viele Jahre bestehen zu können. Er hat viel weggesteckt. McLaren gehört durch Ron Dennis in die Formel 1 und in den Motorsport."

Dass die Silberpfeile am Jahresende nach dem spannendsten Formel-1-Showdown aller Zeiten die Nase vorne haben würden, hätte noch im Winter kaum jemand geglaubt. Aufgrund der 100-Millionen-Dollar-Strafe galt McLaren-Mercedes nicht als Topfavorit auf den WM-Titel, zumal die Ingenieure in der Hitechfabrik in Woking viele Entwicklungsrichtungen nicht verfolgen konnten, um keine weiteren Verdachtsmomente aufkommen zu lassen.

"Das schlimmere Handicap als das Geld war, dass sie die ganze Zeit FIA-Leute im Haus hatten, als sie das neue Auto gebaut haben", meint Surer. "Sie hatten einige Ideen, die sie nicht verfolgen konnten, weil sie Ferrari zu sehr geähnelt hätten. Die Radabdeckungen sind ein gutes Beispiel dafür. Ich glaube, dass sie deswegen mit einem Handicap in die Saison gestartet sind. Das Geld hat ihnen nicht wirklich wehgetan."

Sportlicher und kommerzieller Erfolg

Lewis Hamilton

Auftakt nach Maß: Lewis Hamilton gewann den turbulenten Opener in Australien Zoom

Heidfeld sieht den sportlichen Erfolg des Teams noch einmal in einem ganz anderen Licht, denn offensichtlich ist es trotz all des Gejammeres mancher Konkurrenten möglich, trotz eines künstlichen Handicaps auch kommerziell erfolgreich zu sein. McLaren-Mercedes steht heute besser da als die meisten anderen Rennställe. Insofern sollte man so manche Hiobsbotschaft vielleicht relativieren: "Man kann mit der Formel 1 Geld verdienen", schlussfolgert Heidfeld.

Sportlich begann die Saison mit einem Sieg von Hamilton in Australien, doch das Rennen verlief recht chaotisch und war somit wenig aussagekräftig für die nächsten Wochen. Ferrari wurde gleich in die große Krise geschrieben, aber schon bei der zweiten Station in Malaysia sah alles ganz anders aus: Die roten Boliden fuhren alles in Grund und Boden, während sich McLaren-Mercedes mit Blockadeaktionen samt anschließender Strafe selbst ein Bein stellte.

"Sie haben das erste Rennen gewonnen und wähnten sich in Sicherheit, aber dann fuhr ihnen Ferrari beim zweiten Rennen um die Ohren. Das war schon eine kleine Krise", erinnert sich Surer, der die Silberpfeile zunächst nur als zweite Kraft in der Formel 1 sah. "Dann kam Bahrain, auch nichts, dann Barcelona, auch nichts - und erst ab Monaco ging es dank des Regens dort wieder. Für ein Topteam hat das fast zu lange gedauert."

Nicht das beste Auto?

Lewis Hamiltons und Kimi Räikkönens Auto

Tiefpunkt in Kanada: Lewis Hamilton rammte Kimi Räikkönen in der Box Zoom

"Der Ferrari", findet der Ex-Grand-Prix-Pilot, "war mit Abstand das beste Auto. Der Ferrari hatte die meisten Siege, die meisten schnellsten Runden und die meisten Pole-Positions. Das ist für mich ein klares Zeichen für das schnellste Auto." Immerhin hat McLaren-Mercedes bewiesen, dass das Team nicht nur in allen ungeraden Jahren konkurrenzfähig sein kann, sondern auch in geraden - der Rotation der Ingenieursstäbe zum Trotz.

Ähnlich wie früher bei Renault setzt McLaren-Mercedes nämlich auf zwei Designcrews, die abwechselnd die Autos bauen. 2005 und 2007 stimmte der Speed der silbernen Boliden, 2004 und 2006 fuhr man hoffnungslos hinterher. Doch dass man aus dieser Theorie nicht gleich eine Regel formulieren kann, wurde dieses Jahr eindrucksvoll unter Beweis gestellt - obwohl kein routinierter Führungsfahrer an Bord war.

"Sie haben das Auto nicht für jede Strecke hinbekommen. Ich meine, da hat Alonso gefehlt", bemängelt Surer. "Vorher hat Alonso gesagt, wo es lang geht, und Hamilton hat profitiert, aber jetzt musste Hamilton plötzlich in seinem zweiten Jahr ein Team führen und die Richtung vorgeben. Dass er gerudert hat, hat man gesehen, denn er hat Fehler gemacht und war unkonzentriert. Da hat er gespürt, was es heißt, Teamleader zu sein. Hamilton war zumindest eine Weile lang verunsichert."

Doppelschlag in Silverstone und Hockenheim

Heikki Kovalainen vor Lewis Hamilton

Mit Heikki Kovalainen machte Lewis Hamilton in Silverstone kurzen Prozess Zoom

Der junge Brite holte aus den drei Rennen nach Australien nur zehn Punkte und gewann erst in Monaco wieder einen Grand Prix. Die große Wende gelang dann mit dem Doppelschlag bei den Heimrennen von McLaren und Mercedes in Großbritannien beziehungsweise Deutschland: In Silverstone zog er im Regen Kreise um die Konkurrenz, in Hockenheim gewann er trotz einer für ihn ungünstig getimten Safety-Car-Phase.

Da waren die peinlichen Nullnummern von Frankreich und Kanada, wo er Kimi Räikkönen am Ende der Boxengasse bei roter Ampel ins Heck gefahren ist, schnell wieder vergessen. Außerdem hatte Hamilton den Vorteil, dass Räikkönen seit Spanien keine Rennen mehr gewann und Felipe Massa mit einer Doppelnull in die Saison gestartet war. In der zweiten Saisonhälfte spitzte sich alles auf ein Duell Hamilton gegen Massa zu.

Das Pendel schlug dabei einmal in die eine, dann wieder in die andere Richtung aus - keines der beiden Topteams konnte sich konstant als Nummer eins festsetzen. Der McLaren-Mercedes MP4-23 sei "an den meisten Rennwochenenden" das beste Auto gewesen, analysiert Heidfeld, aber: "Es war nicht so wie bei Ferrari zu Michael Schumachers Zeiten, als der Ferrari an jedem Rennwochenende das beste Auto war."

Rückschlag in Spa-Francorchamps

Ron Dennis und Lewis Hamilton

Ron Dennis und Lewis Hamilton jubeln über den Fahrer-WM-Titel 2008 Zoom

Hamilton schleppte auch das Handicap des am Grünen Tisches verlorenen Sieges von Belgien mit sich herum, sodass er bis zum letzten Rennen zittern musste - genau wie 2007. Doch diesmal behielt er die Nerven, holte in Brasilien die nötigen vier WM-Punkte und krönte sich damit zum Formel-1-Champion. Danach, dass der Showdown in São Paulo in den letzten Minuten die reinste Zitterpartie war, wird in zehn Jahren kein Mensch mehr fragen.

McLaren-Mercedes behauptete nach dem Rennen in São Paulo, man habe sich im Finish sofort an Timo Glock orientiert und nicht an Sebastian Vettel, der drei Runden vor Schluss an Hamilton vorbeigezogen war. Hätte der Regen auch nur eine halbe Minute später zugenommen, hätte die komplette Weltmeisterschaft ganz anders ausgehen können, weil Glock sich dann mit seinen Trockenreifen vielleicht vor Vettel und Hamilton gehalten hätte.

Massa war für etwa 20 Sekunden schon Weltmeister, ehe Hamilton Glock überholte und noch einmal 20 Sekunden später selbst als Champion über die Ziellinie fuhr. Für Teamchef Dennis muss das ein großer Moment gewesen sein: Ausgerechnet sein sportlicher Ziehsohn, der ihn als Zehnjähriger angesprochen hatte, beendete eine große Durststrecke des Teams. Brutal formuliert: Dennis hat den ersten Weltmeister aus dem Reagenzglas geformt.

Konstrukteurs-WM-Titel deutlich verpasst

Lewis Hamilton

Geschafft: Nach dem erlösenden fünften Platz im Parc Fermé in Brasilien Zoom

Bleibt ein Wehrmutstropfen, nämlich der um 21 WM-Punkte verpasste Konstrukteurstitel. Ein Sündenbock dafür ist allerdings schnell gefunden: Heikki Kovalainen. Der Finne landete in der Gesamtwertung im vielleicht besten Auto der Formel 1 nur an siebenter Position und fiel gegenüber Hamilton um 45 WM-Zähler ab. Unsere Experten sind sich darin einig, dass Kovalainen McLaren-Mercedes den totalen Triumph gekostet hat.

"Das kann man schon so sagen, obwohl Hamilton auch Fehler gemacht hat", kritisiert Heidfeld. "Natürlich hätte Hamilton den WM-Titel auch schon viel früher fixieren können, aber man muss das bei ihm in Relation sehen: Er ist immer noch sehr jung, ist in der ersten Saison um den WM-Titel mitgefahren und hat ihn in der zweiten Saison gewonnen." Und: "McLaren zu kritisieren, wäre dieses Jahr ein bisschen hart", relativiert er.

Auch Surer sieht Kovalainen in der Verantwortung: "Das kann man so sagen, denn es war sein zweites Jahr in der Formel 1. Hamilton fuhr auch sein zweites Jahr - und er fuhr 2007 um den WM-Titel mit und 2008 hat er ihn gewonnen", betont der Schweizer. "Kovalainen hat seinen Zenit erreicht. Wenn alles passt, kann er auch schnell fahren, aber er kann es nicht immer. Zwischendurch hat er schwache Rennen geliefert."

Schwerer Unfall in Barcelona

Heikki Kovalainen

In Spanien hatte Heikki Kovalainen bei einem schweren Unfall großes Glück Zoom

Kovalainen stand bei seinem zweiten Rennen im Silberpfeil in Malaysia erstmals auf dem Podium, fiel aber vom Speed her gegenüber Hamilton zumeist ab. Pech auch, dass er in Spanien einen schweren Unfall hatte, der ihn nicht nur wertvolle WM-Punkte kostete, sondern vor allem einen psychologischen Rückschlag bedeutete. Als Kompensation erbte er in Ungarn seinen ersten Grand-Prix-Sieg dank eines späten Motorschadens von Massa.

Doch nicht alles, was der 27-Jährige angepackt hat, war schlecht: In der Türkei zum Beispiel hätte er durchaus gewinnen können, hätte ihm nicht Räikkönen am Start einen Hinterreifen aufgeschlitzt, und in Großbritannien war er zumindest im Qualifying der beste Mann. Was noch fehlte, war die nötige Konstanz - und möglicherweise das Selbstvertrauen und Wohlbefinden eines Hamilton, der als Brite in einem britischen Team natürlich vergöttert wird.

Bei McLaren-Mercedes war 2008 bei weitem nicht alles perfekt, aber man kann es auch so sehen: Nach all dem Pech der vergangenen Jahre, in denen die Weltmeisterschaft teilweise sehr knapp verpasst wurde, trat dieses Jahr das Prinzip der ausgleichenden Gerechtigkeit ein. Und wenn angesichts dieser Umstände selbst ein "Kühlschrank" wie Dennis manchmal auftaut und Emotionen zeigt, kann das für den Sport nur gut sein...

Saisonstatistik:

Team:

Konstrukteurswertung: 2. (151 Punkte)
Siege: 6
Pole-Positions: 8
Schnellste Rennrunden: 3
Podestplätze: 13
Ausfallsrate: 11,1 Prozent (2.)
Durchschnittlicher Startplatz: 4,1 (2.)

Lewis Hamilton (Startnummer 22):

Fahrerwertung: 1. (98 Punkte)
Siege: 5
Pole-Positions: 7
Schnellste Rennrunden: 1
Durchschnittlicher Startplatz: 3,9
Bestes Ergebnis Qualifying: 1.
Bestes Ergebnis Rennen: 1.
Ausfallsrate: 5,6 Prozent (2.)

Heikki Kovalainen (Startnummer 23):

Fahrerwertung: 7. (53 Punkte)
Siege: 1
Pole-Positions: 1
Schnellste Rennrunden: 2
Durchschnittlicher Startplatz: 4,4
Bestes Ergebnis Qualifying: 1.
Bestes Ergebnis Rennen: 1.
Ausfallsrate: 16,7 Prozent (8.)

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