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Bernd Mayländer: Anekdoten aus Russland

Die Kolumne des Safety-Car-Fahrers vor Sotschi: Wie er die Premiere 2014 samt Putin-Mania erlebt hat und was große Formel-1-Champions ausmacht

Bernd Mayländer

Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer beim Track-Run in Sotschi 2014 Zoom

Hallo, liebe Leser,

wie schnell die Zeit vergeht: Kaum ist Monza vorbei, sind wir schon mittendrin im letzten Drittel der Formel-1-Saison 2015. Singapur ist eine pulsierende Metropole mit strahlendem (Flutlicht-)Glanz, Suzuka ein weniger pulsierendes Städtchen mit einer umso spektakuläreren Rennstrecke. Jetzt also Sotschi. Klingt auf den ersten Blick nicht ganz so prickelnd, aber ich gehöre nicht zu denen, die gegenüber Russland schon Vorurteile hatten, noch bevor wir zum ersten Mal dort hingekommen sind.

Ich finde im Gegenteil, Sotschi ist ein sehr angenehmer Grand Prix. Ich fliege gern nach Russland. Vieles empfinde ich dort einfacher als in anderen Ländern. Zum Beispiel An- und Abreise. Ich hatte es mir ganz anders vorgestellt, aber ich habe vergangenes Jahr am Flughafen einfach meinen Pass hingelegt und wurde durchgewunken. Das läuft bei weitem nicht überall so unbürokratisch ab.

Ich freue mich drauf und reise einen Tag früher an als gewohnt, weil ich heute über Istanbul nach Sotschi fliege. So kann ich mich am Mittwochnachmittag in Ruhe akklimatisieren und mich vom russischen Flair inspirieren lassen. Wenn es zeitlich möglich ist, möchte ich heute noch die zwei Stunden nach Krasna ja Poljana in den Kaukasus hochfahren, wo die Olympischen Skibewerbe stattgefunden haben.

Zwischen Skigebiet und Palmenstrand

Im Übrigen finde ich diesen Kontrast sehr beeindruckend: Man setzt sich kurz ins Auto und ist mitten in einem Skigebiet, aber in Sotschi selbst kann man unter Palmen am Meer Abendessen. Und nebenbei wird noch Formel 1 gefahren. Am Angebot mangelt's definitiv nicht - auch wenn das Abendprogramm in Sotschi beziehungsweise Adler jahreszeitenabhängig ist. Dort ist nur vier Wochen lang richtig was los, wenn die wohlhabenden Russen dort Ferien machen.

Start-Ziel-Gerade, Sotschi

Traumhafte Atmosphäre vor der Kulisse des Schwarzen Meeres Zoom

Die Strecke selbst, gebaut von Hermann Tilke, ist klasse und hat mit dem 180-Grad-Linksbogen rund um die Medals-Plaza ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Im Safety-Car ist sie wahrscheinlich schwieriger als im Formel 1. Für die Jungs geht sie voll, für mich nicht. Dafür sind bei mir die Fliehkräfte nicht so hoch. Nach dem Rennen 2014 haben mir jedenfalls einige Fahrer erzählt, dass das eine wirklich schwierige Passage ist. Solche langgezogenen Kurven hat man nur selten im Kalender.

Das Autodrom wurde mitten ins Olympiagelände reingebaut. 2018 werden im Olympiastadion auch Spiele der Fußball-WM ausgetragen, vor 48.000 Zuschauern. Die Wege sind kurz, wenn man in der Olympiastadt wohnt, was ich sehr angenehm finde, und man hat viele Möglichkeiten, sich sportlich zu betätigen. Zum Beispiel am Schwarzen Meer zu joggen. Ich hoffe auf schönes Wetter, um vielleicht eine Runde um die Strecke zu laufen - wie im vergangenen Jahr mit Chefredakteur Christian Nimmervoll.

Überschaubarer Paddock, kurze Wege

Die Anlage ist im Vergleich zu anderen neuen Formel-1-Ländern auf sympathische Weise überschaubar. Man trifft durch die kurzen Wege viele Menschen im Fahrerlager. Auch im Paddock-Club kann man engen Kontakt zu den Fans haben. Das macht das Arbeiten einfacher und lässt angenehmes Flair aufkommen.


Fotostrecke: Track-Run in Sotschi

Sotschi hat 2014 einen guten Grand Prix bei guter Atmosphäre gezeigt. Die russische Mentalität hat super gepasst und wir hatten eine schöne Veranstaltung. Ich finde es ganz wichtig, dass die Formel 1 in Sotschi vertreten ist, denn in Russland liegt das Motorsport-Potenzial noch brach. Es gibt viele russische Rennfahrer in anderen Serien, die gute Chancen haben, einmal in höhere Kategorien aufzusteigen.

Putin-Mania: Präsident auf dem Podium

Was 2014 abseits der Rennstrecke ein heißes Diskussionsthema war, war der umstrittene Auftritt von Präsident Wladimir Putin. Wir hatten davor schon lange nicht mehr die Situation, dass ein global so einflussreiches Staatsoberhaupt zu einem Grand Prix kommt. Plötzlich standen da Scharfschützen auf den Hochhäusern, um das Areal zu sichern. Es war imposant, wie das gehandhabt wurde, aber ich finde es auch nachvollziehbar - und glaube, dass es nicht anders wäre, wenn Barack Obama nach Austin kommen würde.

Bernie Ecclestone, Wladimir Putin

Wladimir Putin hat sich bei der Premiere in Sotschi 2014 groß inszeniert Zoom

Generell wurde viel Wert auf Sicherheitsmaßnahmen gelegt, was teilweise nervende Wartezeiten mit sich brachte. Im ersten Jahr mussten solche Dinge abgetastet werden. Die Sicherheitschecks vor dem Fahrerlager waren die strengsten, die wir je erlebt haben, aber durch die politische Situation fand ich das nachvollziehbar. Und vor allem: Zu viel Sicherheit kann's nie geben. Für uns Europäer ist das ungewohnt, weil wir solche Gefahrenpotenziale nicht kennen. Was sehr schön ist und wofür wir dankbar sein sollten.

Für mich persönlich wird in Sotschi der Tagesablauf anders sein als zuletzt in Singapur und Suzuka, weil GP2 und GP3 wieder im Rahmenprogramm der Formel 1 fahren - übrigens zum vorerst letzten Mal bis zum Saisonfinale in Abu Dhabi. Im Safety-Car erwartet mich also ein dicht gefüllter Zeitplan. Zwar bin ich auch ohne GP2, GP3 und Porsche-Supercup bei Rahmenrennen im Einsatz, aber trotzdem sind das aufs Wochenende gerechnet ein paar Stunden weniger Arbeit. Da bleibt dann etwas mehr Zeit, mal in Ruhe einen Cappuccino zu trinken.

Mercedes nicht mehr unschlagbar

Und darüber zu plaudern, was sportlich eigentlich los ist. Man hat in den letzten Rennen gesehen, dass auch Mercedes ins Schwanken kommen kann und dass die anderen sofort zur Stelle sind, wenn es nicht hundertprozentig läuft. Ich sehe in Sotschi keine absolute Mercedes-Dominanz. Es gibt einige Passagen, die sind ähnlich wie in Singapur - und dort ist Sebastian Vettel im Ferrari regelrecht explodiert. Ferrari sollte man nicht unterschätzen.


Lewis Hamiltons Sotschi-Vorschau

Der Mercedes-Pilot vor dem Grand Prix von Russland Weitere Formel-1-Videos

Aus zwei Gründen: Am Schwarzen Meer kann es um diese Jahreszeit richtig heiß werden, und dass Ferrari das entgegenkommt, haben wir zum ersten Mal in Malaysia und zuletzt in Singapur gesehen. Und in Sotschi bietet Pirelli wie in Singapur die Gummimischungen Supersoft und Soft an. Das ist für Ferrari tendenziell besser als für Mercedes. Trotzdem sehe ich Sebastian 2015 nicht mehr als ernsthaften WM-Kandidaten.

Vettel: Nur noch eine rechnerische WM-Chance

"Der Vorsprung von Lewis Hamilton ist schon zu groß." Bernd Mayländer

Seine und Ferraris Leistungen sind auf dem aufsteigenden Ast, aber der Vorsprung von Lewis Hamilton ist - zumindest unter normalen Umständen - schon zu groß. Trotzdem muss Sebastian dran glauben, dass noch was geht - auch wenn die Chance, Weltmeister 2015 zu werden, realistisch betrachtet sehr klein ist. Aber die Schere läuft derzeit zusammen und geht nicht auseinander. Das ist aus seiner Sicht auf jeden Fall positiv. Wenn nicht für 2015, dann für 2016.

Ich glaube, dass Lewis das Ding nach Hause fahren wird. Er ist in den Rennen meistens fehlerfrei - vor allem bei den Starts, die in diesem Jahr oftmals entscheidend sind, macht er viel richtig. Das umstrittene Manöver gegen Nico Rosberg in Suzuka habe ich live gar nicht gesehen. Wir standen auf Stand-by hinter einer Leitplanke und hatten dort keinen TV-Empfang, sondern waren nur auf Funk angewiesen.

Hamilton gegen Rosberg in Suzuka: Grenzwertig

Im Nachhinein betrachtet muss ich sagen: Es war grenzwertig, ja, aber es sind genau diese kleinen Situationen, die derzeit den Unterschied zwischen Lewis und Nico ausmachen. Wenn die Luft so dünn ist, dann entscheiden eben solche Kleinigkeiten. Natürlich ist es aus Nicos Sicht nicht einfach, darauf richtig zu reagieren. Einfach reinzuhalten, um ein Zeichen zu setzen, wäre auch ein Fehler, denn dann kracht's.

"Zu gewinnen, wenn man nach der ersten Kurve nicht in Führung liegt, ist 2015 sicher nicht leichter geworden." Bernd Mayländer

Der beste Rat, den man ihm geben kann, ist: Sieh zu, dass du nach der ersten Kurve vorn liegst! Das fängt schon in den Qualifyings an, die er nicht mehr so gut im Griff hat wie 2014, und geht bei den Starts weiter. Das hat schon ein paar Mal nicht hundertprozentig funktioniert. Und ein Rennen zu gewinnen, wenn man nach der ersten Kurve nicht in Führung liegt, ist 2015 sicher nicht leichter geworden.

Ein weiterer Diskussionspunkt in Suzuka waren die fast schon beleidigenden Funksprüche von Fernando Alonso gegenüber Honda. Eine typische Alonso-Aktion, unabhängig von seinen fahrerischen Qualitäten. Und seine Botschaft ist bei Honda angekommen. Ob das jetzt schneller zum Erfolg führt, wage ich nicht zu beurteilen. Was man jedenfalls auch mal sehen muss: Er wurde Elfter - so schlecht, wie es manchmal gemacht wird, ist das nicht.

Große Champions sind meistens große Egoisten

Aber ob es nun Lewis mit seinem knallharten Fahrweise in der zweiten Kurve ist oder Alonso mit seinen Funksprüchen: Die ganz großen Champions sind meistens Egoisten, die auf relativ wenig Rücksicht nehmen. Der eine macht das smarter als der andere, aber solche Typen hat es immer schon gegeben. Ayrton Senna fällt einem da spontan ein, aber auch Sebastian Vettel hat schon mal schärfere Worte gefunden, wenn er es für notwendig gehalten hat.


Das Formel-1-Safety-Car 2015

Vielleicht haben Alonso und Hamilton genau deswegen im gleichen Team nicht funktioniert, weil da eben zwei Alphatiere aufeinandergeprallt sind. Wahrscheinlich haben deswegen Prost und Senna nicht funktioniert. Bei Mika Häkkinen und David Coulthard war das anders. Aber bei allem Respekt vor David, den ich persönlich sehr schätze: Er hat nie eine WM gewonnen - und gehört so gesehen nicht zu den ganz großen Champions (und Alphatieren) der Formel-1-Geschichte.

Euer

Bernd Mayländer

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