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Bernd Mayländer: Anekdoten aus Ungarn

Gedämpfter Ton vor dem Grand Prix von Ungarn auf dem Hungaroring: Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer schreibt über das Vermächtnis von Jules Bianchi

Bernd Mayländer

Auch Bernd Mayländer ist im Gedanken noch bei Jules Bianchi Zoom

Liebe Leser,

es fällt mir diesmal besonders schwer, meine Kolumne vor dem Grand Prix von Ungarn zu schreiben. Ja, die Formel 1 und mein Job als Safety-Car-Fahrer sind aufregend und großartig, aber wenn jemand stirbt, rückt alles andere ganz schnell in den Hintergrund. Und Jules Bianchi ist leider gestorben.

Jules hat einen langen und harten Kampf gekämpft - so lang, dass viele das in den vergangenen Monaten ein bisschen verdrängt haben. Aber mit der Nachricht seines Todes wurden wir am vergangenen Wochenende auf brutale Weise daran erinnert, wie gefährlich der Motorsport sein kann - selbst wenn ich der festen Überzeugung bin, dass es keine sicherere Rennserie als die Formel 1 gibt. Das hilft den Trauernden jetzt auch nicht weiter. Ich bin in Gedanken bei Jules' Familie und Freunden und wünsche ihnen in diesen schwierigen Stunden viel Kraft, um das durchzustehen.

Erinnerungen an Jules Bianchi

Zu sagen, ich hätte Jules Bianchi besonders gut gekannt, wäre anmaßend. Ich habe ihn bei Fahrerbesprechungen getroffen, manchmal im Paddock, habe dann und wann auf dem Grid mit ihm geplaudert. Kurz vor seinem Unfall, in Suzuka, übrigens auch noch. Ich habe ihn gefragt, wie er die Wetterbedingungen einschätzt (mehr darüber könnt ihr in meiner Kolumne nachlesen, die ich nach dem Rennen in Suzuka geschrieben habe). Weil er zwar im schlechtesten Auto saß, aber auf dem Weg dazu war, einer der besten Fahrer zu werden. Seine Meinung war mir wichtig.


Fotostrecke: Triumphe & Tragödien in Ungarn

Normalerweise verfolgt man die Fahrer eines so kleinen Teams nicht so intensiv, aber bei Jules war das anders. Ob Formel 3 oder GP2, bei ihm hat man immer gemerkt, dass der Weg nach oben führt. Und wenn er nicht in Monaco sensationell in die Punkteränge gefahren wäre, dann würde es das Manor-Marussia-Team heute wahrscheinlich gar nicht mehr geben. Jules Bianchi war ein sehr anständiger, hochdisziplinierter Rennfahrer mit einer großen Zukunft. Ein fabelhafter Mensch ist von uns gegangen.

Der Tod eines so jungen Mannes ist immer sinnlos. Aber Jules Bianchis Vermächtnis kann sein, dass die Sicherheit in der Formel 1 weiter verbessert wird und niemand mehr auf diese Weise verunglücken kann. So wie es damals auch bei Ayrton Senna und Roland Ratzenberger war. Nach Suzuka wurde sehr schnell mit dem virtuellen Safety-Car reagiert, um ein Beispiel zu nennen. Motorsport kann nie hundertprozentig sicher sein, das liegt in der Natur der Sache. Aber wir dürfen nie damit aufhören, zu versuchen, ihn so sicher wie möglich zu machen.

Der Weg zurück in den Alltag fällt schwer

Jetzt den Bogen zur aktuellen Situation in der Formel 1 zu schlagen, fällt mir unheimlich schwer, dennoch ein paar Anmerkungen dazu, wenn auch kürzer als üblich. Normalerweise wären wir nach Silverstone nicht in Ungarn, sondern in Deutschland gefahren. Schade, dass das Rennen dieses Jahr nicht stattgefunden hat. So hatten die Teams drei Wochen Zeit, sich intensiv auf den letzten Grand Prix vor der Sommerpause vorzubereiten. Und das ist (fast schon traditionellerweise) Ungarn.

Budapest

Budapest ist eines der attraktivsten Ziele im Formel-1-Kalender Zoom

Zum Hungaroring - sehr kurvenreich, oft als "Monaco an der Donau" beschrieben - muss man gar nicht viel sagen; der sollte ohnehin fast jedem bekannt sein. Die Asphalttemperaturen sind meistens glühend heiß, Überholen ist schwierig, die Strategie eine Herausforderung. Ein paar Mal habe ich mit dem Safety-Car auch schon eine entscheidende Rolle gespielt, zum Beispiel 2014, als Nico Rosberg souverän in Führung lag, aber eingebremst wurde und das Rennen am Ende an Daniel Ricciardo verloren hat. Oder als Sebastian Vettel 2010 als Führender zu weit vom Safety-Car abreißen ließ und deswegen eine Durchfahrtsstrafe kassierte.

Budapest ist eine der charmanten Metropolen Europas. Wenn man abends der Donau entlangschlendert, findet man unzählige tolle Restaurants und Klubs mit wunderschönem Ausblick. Wenn die Straßenlaternen im Wasser glitzern, die tollen Bauwerke und Brücken beleuchtet sind, dann ist Budapest von der Atmosphäre her kaum noch zu toppen. Und den Rest bringt das ungarische Blut, die ungarische Mentalität mit sich.

Die wilden Party-Zeiten sind vorbei

Seit das Autobahnnetz außerhalb Budapests ausgebaut wurde, ist auch der Verkehr kein Problem mehr. Früher wurden wir immer mit Polizeieskorte zum Flughafen gebracht, aber inzwischen geht's auch ohne ganz entspannt. Das war das Rennen nach dem Rennen, und auch wenn die Jungs manchmal recht flott unterwegs waren, gab es nie einen Unfall. Polizeieskorte, das können sie, die Ungarn. Der Flughafen ist optimal an die Rennstrecke angebunden. Ich fliege morgen um 6:50 Uhr weg, bin um 10:00 Uhr an der Rennstrecke. Am Sonntagabend geht's direkt wieder nach Hause.

Früher habe ich in Budapest manchmal noch eine Nacht drangehängt und die Vorzüge der Stadt genossen. Das war die Zeit, als der Name eines großen McLaren-Sponsors nicht so wirklich zum ehemaligen Ostblock passte und die beiden Fahrer, deren Name mir soeben entfallen ist, echte Partylöwen waren, wenn sie denn mal Zeit hatten. Da haben wir dann am Sonntagabend entweder auf den Erfolg angestoßen oder den Frust ertränkt, je nachdem. Go East! ;-)

Inzwischen bleibt dafür gar keine Zeit mehr, denn gerade in Budapest bin ich bei mehreren Terminen eingespannt, von meinem Job als Safety-Car-Fahrer mal ganz abgesehen. Am Samstag kommt meine Freundin nach - das heißt, dass ich dann das Fernglas zur Seite legen muss, mit dem ich sonst die Bikinifigur der ungarischen Mädels im Wasserpark neben der Strecke "prüfe"... ;-) Spaß beiseite. In den Wasserpark habe ich es übrigens in all den Jahren noch nie geschafft. Schade eigentlich.

#RIPJules

Euer

Bernd Mayländer

PS: Schaut doch mal auf meiner offiziellen Website vorbei oder klickt euch auf meine Facebook-Page!

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