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Bernd Mayländer: Anekdoten aus der Hitze der Nacht

Die Kolumne von Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer: Warum er sich in Singapur wie ein Rockstar fühlt, von "Urwaldlikör" die Finger und keinen Papierschnipsel fallen lässt

Hallo, liebe Leser! Oder doch besser: Gute Nacht?!

Lewis Hamilton

In Singapur sind Safety-Car-Einsätze fast vorprogrammiert Zoom

Kaum bin von der DTM aus Oschersleben zurück, sitze ich wieder auf gepackten Koffern! Von der Magdeburger Börde zur Formel 1 nach Singapur zu reisen ist schon ein harter Kontrast. Aber beides dreht sich um Motorsport - um schönen Motorsport, und so gesehen passt es wieder gut zusammen. Zwischendurch bleiben mir zwei Tage zu Hause und der Kühlschrank ist nicht einmal leer: Ich habe das große Glück, dass meine Freundin dafür sorgt, dass immer ein bisschen was drin liegt.

Wenn ich nur einen kurzen Zwischenstopp einlege, gehen wir aber ohnehin lieber Essen. Da lässt es sich in Ruhe reden und man kommt nicht in die Versuchung, nebenher im Arbeitszimmer dies und das zu erledigen. Ich nehme mir die Zeit, um zwei, drei Stunden mit meiner Freundin im Restaurant zu sitzen und ein bisschen was zu knabbern. Auf Reisen vermisse ich ohnehin manchmal die Ruhe. Zum Beispiel, nach dem Aufstehen langsam auf Betriebstemperatur zu kommen und eine Tasse Kaffee zu trinken.

Es ist etwas ganz anderes, wenn ich zu Hause an meine eigene Kaffeemaschine in der Küche gehen und dabei nach meinen zwei Stubentigern sehen kann - ich habe zwei Katzen. Das vermisse ich, am meisten aber natürlich meine Freundin. Gut ist, dass die Reisen planbar sind und es absehbar ist, dass wieder ruhigere Zeiten kommen. Aber natürlich freut man sich auch darauf, denn Singapur ist ein absolutes Highlight.

Red Bull verleiht Safety-Car-Fahrern keine Flügel

Mein Anreisetag ist immer extrem lang. Ich lande früh am Morgen und eigentlich sollte man sich dann kurz aufs Ohr hauen. Das funktioniert bei mir nicht, weil ich den ganzen Flug über schlafe. Von Mittwoch auf Donnerstag versuche ich aber, lange wach zu bleiben - nicht so lange wie die Fahrer. Bis elf Uhr oder Mitternacht. Schließlich will man trotz Zeitverschiebung so gut es geht im europäischen Tagesrhythmus bleiben. Im Laufe des Wochenendes könnte ich bis maximal 14 oder 15 Uhr schlafen. Also gehe ich zum Mittagessen immer einen Kaffee trinken.

Alan van der Merwe, Bernd Mayländer

Alan van der Merwe und Bernd Mayländer müssen sich wach halten Zoom

Wollte ich es so wie die Fahrer machen, die häufig erst um vier Uhr morgens einschlafen, ginge mir die Kondition aus. Ich wache auf, sobald die Sonne aufgeht und werde abends müde. Kaffee, Red Bull oder ein Liter kaltes Wasser - die Tricks kenne ich natürlich. Aber wenn ich im Auto sitze, geht das nicht. Irgendwann müsste ich die ganze Flüssigkeit wieder loswerden! Ich kann auch aus dem Safety-Car nicht einfach aussteigen und eine Runde um das Auto rennen, wie vielleicht nachts auf der Autobahn-Raststätte.

Ich muss einfach wach bleiben, was mir beim Arbeiten nicht schwerfällt. Im Safety-Car bleibt das Adrenalin ohnehin oben. Wenn aber irgendwann in der Hospitality das Jetlag zuschlägt, kann es mühsam werden. Deshalb gehe ich nachts gerne eine Runde joggen. Es ist zwar ungewohnt, macht aber richtig Spaß. Die meisten gehen in einen Fitnessraum, weil die Luftfeuchte hoch ist und man wirklich enorm schwitzt. Dann packe ich mir eben noch eine Flasche Wasser ein!

Kühles Bier statt "Urwaldlikör" und Schlangenbraten

Nachts nutze ich die Zeit auch, um mit meinen Kollegen Essen zu gehen und danach vielleicht noch ein Bierchen an der Bar zu nehmen. Die Stadt stellt sich vollkommen auf den Formel-1-Grand-Prix ein und kaum ein Laden schließt. Es gibt in Singapur tolle Locations - zum Beispiel, um Bekannte zu treffen, die auf Reisen sind. Singapur ist häufig der Flughafen für einen Zwischenstopp, wenn es nach Osten geht. Am Formel-1-Wochenende kommt dort die ganze Welt zusammen. Man sieht unglaublich schrille Gestalten, auch was die Mode angeht. Viele Weltenbummler kommen nur für die Partys.


Bernd Mayländer auf Fangios Spuren

Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer fährt den W196 von Juan Manuel Fangio und ist beeindruckt. Weitere Formel-1-Videos

Ich treffe in diesem Jahr wieder Freunde und wir werden uns ein gemütliches Restaurant suchen. Ich mag das asiatische Essen sehr. Daran halte ich mich auch. Bei allem, wo ich mir nicht sicher bin, frage ich nach. Schlangen und Insekten sind nicht meine Abteilung. Drinks wie den "Urwaldlikör" aus dem vergangenen Jahr lasse ich weg und meide offene Getränke. Wenn, will ich mein geschlossenes, kühles Bier. Singapur ist ansonsten eine sehr, sehr saubere Stadt. Einen Kaugummi auf die Straße spucken sollte man nirgendwo, das ist unappetitlich - aber ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn ich etwas direkt vor einem Polizisten auf den Boden und nicht in den Papierkorb werfe...

Am Sonntagabend findet in Singapur die große Amber-Lounge-Party statt - ein absolutes Highlight. Darauf bereitet man sich natürlich auch als Safety-Car-Fahrer vor! ;) Vor ein oder zwei Uhr nachts ist dort in der Regel noch nichts los. Dann geben wir nochmal alles. Aber Vorsicht: Schon am darauffolgenden Wochenende findet das Rennen in Japan statt, wo wieder nach Ortszeit gearbeitet und das Rennen am Nachtmittag gefahren wird. Dieser zweiwöchige Trip ist schlaftechnisch ganz schön anstrengend. Spätestens ab Dienstag ist dann auch Singapur wieder eine "normale" Metropole.

Auch noch nach sieben Jahren: "Wow"-Effekt" in Singapur

Wenn die Fahrer sagen, die Strecke würde sich wie bei Tageslicht fahren, stimme ich ihnen zu. Das Licht an meinem Safety-Car könnte ich ausgeschaltet lassen und würde den Weg trotzdem finden. Aber im Ernst: Es ist anstrengender für die Augen, in Kombination mit den hohen Temperaturen und der Luftfeuchtigkeit auch für den Kopf und die Konzentrationsfähigkeit. Gleichzeitig ist es spektakulärer: Alles wirkt schneller, weil sich nur die Strecke und nicht das ganze Drumherum wahrnehmen lässt.

Der Stadtkurs in Singapur

Der Eindruck von Singapur nutzt sich auch nach all den Jahren nicht ab Zoom

Bis heute erlebe ich bei den Reisen nach Singapur den "Wow"-Effekt. Die Skyline ist so speziell und ich bin gespannt, wie hoch der Wolkenkratzer geworden ist, der noch im vergangenen Jahr neben unserem Hotel gebaut wurde. Toll sind auch die Konzerte und ich muss noch nicht einmal hingehen: Wir wohnen direkt an der Kurve, in der die Bühne aufgebaut ist. Leider sehe ich nichts, weil das Hotel hinter der Bühne ist, aber so schaue ich wie ein Rockstar in die Menschenmenge!

Unangenehm ist nur, wenn morgens Soundchecks gemacht werden und der Schall gegen das Hotel donnert. Das hört sich an, als hätte nachts jemand vergessen, die Stereoanlage auszuschalten. In diesem Jahr kommen Bon Jovi, Maroon 5, Pharell Williams, Spandau Ballet und Jimmy Cliff. Ich würde mich freuen, wenn mal U2 dabei wäre. Wenn ich auf Konzert gehe, sollte es rockig sein und fetzen.

Lewis Hamilton nicht zu stoppen: "Vorentscheidung" im Titelduell?

Safety-Car-Phasen sind auf dem Stadtkurs in Singapur sehr häufig: Ich bin natürlich immer froh, wenn ich nicht fahren muss, dann ist auch nichts Schlimmes passiert. Aber natürlich zeigt man sich gerne ein bisschen und es ist - Entschuldigung für den Ausdruck - einfach geil, bei Nacht um diese Strecke zu fahren! Dafür bleibt mir bei den Rahmenrennen und bei unserem Test am Donnerstag genügend Zeit. Cool, wenn ich dann auch noch von Fotografen Bilder meines Safety-Cars mit glühenden Bremsscheiben bekomme.

Eine Safety-Car-Phase in Singapur war natürlich eine Besondere: Als es 2008 den "Crashgate"-Vorfall gab. Das Gerücht, der Unfall von Nelson Piquet jun. sei absichtlich herbeigeführt worden, kam an der Strecke zügig auf. Daran denke ich logischerweise, wenn ich Flavio Briatore sehe - zum Beispiel vor zwei Wochen in Monza, als er wieder im Paddock war. Solche Dinge sollte es in unserem Sport nicht geben. Für alle war es eine große Warnung, auch dank der Presse, die diese Geschichten aufarbeitet. Mit solchen Tricks kommt man nicht weit!

Und sportlich? Ich glaube, dass psychologisch im Hause Mercedes eine Vorentscheidung gefallen ist. Ja, ich weiß, das Wort "Vorentscheidung" gibt es nicht, aber Lewis Hamilton scheint einen Lauf zu haben. Für Nico Rosberg wird es immer schwieriger, wobei ich mir sicher bin, dass er nicht zurückstecken und seine Chance immer suchen wird. Es bleiben sieben Rennen und theoretisch ist noch alles offen. Nur: Wenn sich nicht schnell etwas ändert, wird es für Nico ganz, ganz schwierig.

Für McLaren und Honda sind die Zeiten sehr hart. Das Auto scheint in Verbindung mit dem Antrieb Probleme zu haben, aber es wird Lösungen für die Zukunft geben. Sie wissen selbst, wo man ansetzen muss. Ferrari hatte seine Tiefpunkte, Williams hatte seine Tiefpunkte und bei Red Bull läuft es momentan auch nicht rund. Sicher findet McLaren aus seiner Krise heraus. An den Fahrer kann es nicht liegen und ich glaube an eine Trendwende. Ich würde es ihnen wünschen.

Euer

Bernd Mayländer

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