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Bernd Mayländer: Anekdoten aus dem Land des Lächelns

Kolumne von Safety-Car-Fahrer Bernd Mayländer: Rückblick auf den tragischen Unfall von Jules Bianchi und Vorschau auf den Grand Prix in Suzuka 2015

Bernd Mayländer

Bernd Mayländer hat Bon Jovi verpasst, den Singapur-Flitzer dafür aber gesehen Zoom

Liebe Formel-1-Fans,

wir haben wieder ein spannendes Rennwochenende hinter uns. In Singapur gab es alles: Einen deutschen Sieger in Rot, einen Flitzer auf der Piste und jede Menge Action in der nächtlichen City. Wenn man vor dem Renntag aus dem Hotelfenster schaute, musste man wirklich Sorge haben, dass die Sichtweiten unter 100 Meter liegen. Durch Waldbrände und Abholzungen lag ein unfassbarer Rauch in der Stadt. Ich fühlte mich wie mitten in Peking. Im Rennen war es okay, aber am Montag ging das Drama wieder los. Gut, dass ich dem Smog jetzt entkommen bin.

Ich möchte aber noch einmal kurz auf den Grand Prix eingehen, bei dem ich mit meinem Safety-Car gleich zweimal im Einsatz war. Vor allem bei einer Szene muss ich jetzt immer noch den Kopf schütteln, wenn ich daran zurückdenke: Flitzer auf der Fahrbahn. Ich weiß nicht, ob der Kerl ein Video auf der Strecke drehen wollte, oder was er sonst vorhatte. Ich sage nur: Es war extremst gefährlich! Davon rate ich jedem dringend ab. Eigentlich überflüssig zu sagen - aber tut so etwas nicht!

Hätte gerne gesehen, was der Flitzer für ein Typ war

Ich habe versucht, mir den Typen anzuschauen, aber da stehen so viele Menschen am Streckenrand, daher kann man das nicht so wirklich wahrnehmen. Ich schätze mal, zu dem Zeitpunkt hatte der schon die Handschellen um. Ich hätte wirklich gern gesehen, was für ein Typ das war. Es gibt alle möglichen Spekulationen von alkoholisiert bis komplett durch den Wind. Ich glaube, die Gardinen, die er sich jetzt von innen anschaut, sind dennoch komfortabler als ein eventueller Sarg.

Bei meinem anderen Einsatz gab es zunächst eine Virtual-Safety-Car-Phase. Da überall doch sehr kleine Karbon-Trümmerteile herumlagen, war die logische Schlussfolgerung, dass das reale Safety-Car ebenfalls auf die Strecke musste. Als ich dann auf die Strecke kam, habe ich mich so positioniert, dass ich Sebastian Vettel als Führenden einfangen konnte. Dabei musste ich aber direkt vor der Unfallstelle warten. Ich hatte dabei das Gefühl, die Helfer würden mir mit den Besen das Auto schrubben. Sah wahrscheinlich ganz lustig aus an den Bildschirmen, aber so einfach wegfegen lasse ich mich nicht...

Singapur rockt, und es war ein tolles Wochenende mit einem ebenfalls richtig rockenden Bon Jovi in der Sonntagnacht. Ich konnte mir das Konzert leider nicht anschauen, da wir zu spät von der Rennstrecke kamen, da es nach dem Rennen noch einiges zu diskutieren gab. Also hatte ich einfach im Hotel die Skyline des nächtlichen Singapur genossen und noch einen Drink mit ein paar Kollegen zu mir genommen.

Lehren aus dem Bianchi-Unfall: Mehr Sicherheit

Ich bin bestimmt nicht der Einzige, der sagt, dass der Weg nach Suzuka in diesem Jahr sehr schwer fällt, da unwillkürlich wieder die Erinnerungen an das vergangene Jahr hochkommen. Wir alle vermissen Jules Bianchi sehr, der sein Leben nach dem Unfall und einem monatelangen Kampf im Krankenhaus auf tragische Weise verloren hat. Man ist damals aus Suzuka abgereist und wusste nicht, was letztendlich mit Jules passieren wird, da man nicht genau wusste, wie schlimm es eigentlich um ihn stand.


Fotos: Großer Preis von Japan


Das reißt uns jetzt natürlich alle wieder so richtig runter. Solche Situationen im Motorsport mit sehr schweren Unfällen kann es immer noch jederzeit geben. Von daher ist das für alle Beteiligten kein leichter Moment, wieder nach Suzuka zu gehen und dort seinen Job zu tun. Es wird sicher ein schwieriges Wochenende für alle, die damals vor Ort waren und es gesehen haben. Jeder muss es auf seine Art und Weise verarbeiten.

Seit dem Unfall von Jules hat sich wieder einiges geändert, was die Sicherheit betrifft, um noch sicherer zu werden. So wird nun auch das virtuelle Safety-Car in bestimmten Situationen eingesetzt und ist sicherlich ein zusätzlicher Schritt zu noch mehr Sicherheit in der Formel 1.

Karaoke und Pobacken zusammenkneifen: So ist Japan

Für mich hat sich durch dessen Einführung absolut nichts geändert. Am Anfang stand zwar ein wenig die Frage, ob das reale Safety-Car überhaupt noch benötigt wird, aber man hat dieses Jahr in einigen Situationen gesehen, dass es unabdingbar ist, auch das reale Safety-Car auf die Strecke zu schicken. Selbst wenn das virtuelle Safety-Car aktiv ist, bleibt es nicht aus, zusätzlich das reale einzusetzen, weil man dadurch auf der Strecke einfach neue Situationen erkennt, was durch den virtuellen Einsatz einfach nicht möglich ist. Dieses Stück Sicherheit ist sehr viel wert, um nicht zu sagen teilweise unabdingbar.

Natürlich hoffe, ich dass wir keinerlei solcher Maßnahmen am kommenden Wochenende ergreifen müssen, denn dann wäre es ein sauberer Grand Prix ohne größere Zwischenfälle. Suzuka ist für mich eigentlich immer recht komfortabel, denn es gibt das Hotel direkt an der Strecke. Auch die Verlockungen sind gering, denn die legendäre Karakoe-Bar existiert nur noch als Bar, nicht mehr zum Singen. Schade, denn dort haben wir so manche lustige Party gefeiert.


Fotostrecke: Triumphe & Tragödien in Japan

Es sind wirklich tolle Sachen dort abgelaufen. In einer Karaoke-Kabine, wo normalerweise fünf Leute drinsitzen, standen dann 20 bis 25 Leute drin und haben irgendwelche Lieder gesungen. Von Nenas "99 Luftballons" bis hin zu "Highway to Hell", das Norbert Haug manchmal geschmettert hat. Eigentlich war jeder mal an der Reihe. Ab einer gewissen Uhrzeit haben alle dann nur noch gegrölt. Dieser Hintergrundchor war wichtig, damit man nicht als "Supertalent" erkannt wurde. Wobei ich sagen muss, dass es Fahrer gibt, die es richtig können. Felipe Massa ist da immer ein wenig herausgestochen.

Über die Strecke von Suzuka muss ich nicht viel sagen. Sie ist bei jedem beliebt, weil man dort noch in Old-School-Manier die Pobacken zusammenkneifen muss. Sportlich erwarte ich zwar, dass die Mercedes-Kollegen wieder erheblich besser aussehen werden, aber ich bin sicher, dass die Stärke von Ferrari und Red Bull kein Zufall war. Die haben sicherlich aufgeholt. Hut ab vor der Leistung von Sebastian in Singapur. In Suzuka haben wir aber andere Reifenmischungen und andere Temperaturen. Alles wird wieder normaler aussehen. Aber: Was ist in der Formel 1 eigentlich schon "normal"?

Ich wünsche uns allen ein richtiges schönes Rennwochenende. Bis bald, euer

Bernd Mayländer

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