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1975: Ein Österreich-Grand-Prix für die Ewigkeit

Die Tragödie um Mark Donohue überschattet in Spielberg einen Chaossieg Vittorio Brambillas, der im Regenchaos beim Jubel nach der Ziellinie einen Unfall baut

(Motorsport-Total.com) - Obwohl er am 17. August 1975 in Spielberg gestartet wurde, endete der Österreich-Grand-Prix des gleichen Jahres erst 1985 im 6.552 Kilometer entfernten Providence in Rhode Island - und zwar vor dem Supreme Court des US-Bundesstaates. Der Unfalltod Mark Donohues sowie der Kampf der Angehörigen bei der Suche nach Verantwortlichen waren nicht der einzige Grund, warum das von Vittorio Brambilla - Spitzname "Vittorio der Schreckliche" - gewonnene Rennen Geschichte schrieb.

Vittorio Brambilla

Brambilla ist im Regen von Spielberg nicht zu stoppen - bis die Ziellinie kommt Zoom

Der traurige Teil der Story beginnt schon vor dem Startschuss. Davon ahnt aber auf dem Österreichring zunächst niemand etwas. Die Szene nimmt Notiz von Brian Henton (Lotus), der im Training eine Ölpfütze erwischt und spektakulär verunglückt, und von Wilson Fittipaldi (Copersucar), der sich bei einem weiteren Crash zwei Finger bricht. Weniger von Donohue, dem im Warmup in seinem Penske ein Goodyear-Reifen platzt - in der Vöst-Hügel-Kurve, die damals die Start-Ziel-Passage an die Westschleife anbindet.

Donohue hat keine Chance. In dem fast mit Vollgas gefahrenen Knick, der später durch die Hella-Licht-Schikane entschärft wird, um die Geschwindigkeiten zu senken, kommt er fast ungebremst von der Fahrbahn ab. Der March knallt in den Fangzaun, der sich unter dem Auto zusammenschiebt und dafür sorgt, dass das Auto über die Leitplanke und in eine Werbetafel zu katapultiert wird. Einer der ersten an der Unfallstelle ist Emerson Fittipaldi, der seinen Freund Donohue bei Bewusstsein antrifft.

Donohue versichert an der Unfallstelle: "Mir geht es gut!"

Der US-Amerikaner versichert, es ginge ihm gut. Äußerlich ist ihm kein Haar gekrümmt worden. Doch er nennt Fittipaldi nicht "Emmo", wie es die ganze Formel-1-Welt tut, sondern "Emmy". Im Krankenwagen, zu dem er gestützt von dem Brasilianer und Rolf Stommelen schwankt, beklagt Donohue Kopfschmerzen und Orientierungslosigkeit. Man fliegt ihn per Militärhubschrauber ins Krankenhaus nach Graz, wo sofort eine Notoperation eingeleitet wird: Er hat ein Blutgerinnsel im Gehirn. Ein Streckenposten, Manfred Schaller, verstirbt an seinen Verletzungen infolge des Unfalls.


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Derweil soll es mit dem Österreich-Grand-Prix unverändert losgehen, doch das Wetter schlägt am Sonntagnachmittag Kapriolen. Der Start verschiebt sich wegen heftigen Regens um 45 Minuten. Die Laune der österreichischen Fans hebt sich, als Lokalmatador Niki Lauda (Ferrari) von der Pole-Position aus in Führung geht. James Hunt (Hesketh) und Vittorio Brambilla (March), der von der achten Position aus nach vorne geschossen ist, sind in der Folge schneller und überholen den roten Renner. Denn Ferrari hat Lauda kein reinrassiges Regensetup eingestellt, was sich als grober Fehler herausstellt.

"Vittorio der Scheckliche" crasht auch noch beim Jubeln

Vittorio Brambilla

Vittorio Brambilla: Für den "Gorilla von Monza" bleibt es der einzige Sieg Zoom

Über der Steiermark schüttet es munter weiter. Die Rennleitung liebäugelt nach einigen Runden damit, die rote Flagge zu zeigen und abzubrechen. Gründe: Mario Andretti hat sich in seinem Parnelli von der Strecke gedreht, auch Hans-Joachim Stuck (March) einen Fahrfehler begangen - beide setzen sich vehement dafür ein, dem Treiben ein Ende zu setzen. Die Sicht wird zunehmend schlechter. Doch noch läuft das Rennen und Brambilla profitiert davon, dass er in der Gischt keine Gnade kennt.

Der wegen seiner auffälligen Statur als der "Gorilla von Monza" bekannte Crashpilot, der auch auf den Spitznamen "Vittorio der Schreckliche" hört, klemmt sich an Hunts Heck. Brambilla profitiert davon, dass der Ford-Motor des Briten nur noch auf sieben Zylindern läuft und geht vorbei, als der zur Überrundung anstehende Lunger Hunt den Weg versperrt - Platz eins und eine Sensation, die sich auf dem Österreichring anbahnt. Nach 29 Runden haben die Verantwortlichen genug gesehen und brechen ab.


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Brambilla ist vollkommen überrascht, als er den Zielstrich überfährt und von der Entscheidung Notiz nimmt. Er jubelt im Cockpit wie wild, lässt das Lenkrad los, dreht sich auf der Geraden weg und knallt seitlich in die Leitschiene. Seine Ehrenrunde fährt der verrückte Italiener mit einem havarierten Auto, freut sich hinter dem Lenkrad seines knallorangen March aber weiter wie ein Schneekönig. Dabei wird hinter den Kulissen noch über einen Neustart verhandelt, den es letztlich nicht geben kann - die Rennleitung ließ mit der schwarz-weiß karierten Flagge abwinken und nicht mit der roten. Für Brambilla ist es der erste und einzige Grand-Prix-Sieg seiner Karriere.

Trotz Donohues Experimenten: Goodyear zahlt Schadensersatz

Doch das Drama ist noch lange nicht beendet. Im Krankenhaus senken die Ärzte zwar den Druck in Donohues Gehirn, doch sein Zustand verschlechtert sich zusehends. Die Familie fliegt aus den USA ein und am Dienstagabend nach dem Rennen verliert der 38-Jährige in Graz den Kampf um sein Leben. Seine verzweifelten Angehören setzen ihn fort - mit der Suche nach einem Verantwortlichen für die Tragödie.

Mark Donohue und Roger Penske

Donohue (links) und Penske: Als Ingenieur hat der Fahrer beim Setup das Sagen Zoom

Donohues Familie zieht wegen des Unfalls vor Gericht. Seine Witwe Eden Rafshoon argumentiert, Goodyear sei als Reifenhersteller für den Pneuschaden - damit auch für den Crash - verantwortlich und fordert Schadensersatz von dem US-amerikanischen Unternehmen. Doch das ist nur ein Teil der Wahrheit: Donohue soll mit niedrigen Reifendrücken experimentiert haben. Als Ingenieur hat er bei Penske das Sagen beim Setup gehabt und alles getan, um den lahmenden Boliden ans Laufen zu bringen.

Rafshoon und Goodyear klagen sich durch die Instanzen, bis der Fall im April 1985 vor dem Supreme Court des Bundesstaates Rhode Island landet und vor dem Verhandlungsbeginn außergerichtlich beigelegt wird. Goodyear zahlt die Rekordsumme von 9,6 Millionen US-Dollar (damals rund 16,2 Millionen Deutsche Mark), nachdem das Unternehmen zuvor schon zu mehr als der doppelten Summe verurteilt worden ist. Und auch der Österreich-Grand-Prix 1975 findet fast zehn Jahre später endlich ein Ende.

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