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Monaco-Grand-Prix 1996: Panis erlebt sein "blaues Wunder"

Zum 20. Jahrestag der Panis-Sternstunde: ein millionenteurer Schrottplatz, "Schumacher" im McLaren und ein Rennen, das den Führenden kein Glück brachte

(Motorsport-Total.com) - Wer Mitte Mai nach Monaco fliegt, sollte seine Sonnenbrille nicht nicht vergessen. Dieses Utensil hatte Olivier Panis 1996 im Gepäck, doch zumindest an einem verregneten Sonntag nützte sie ihm wenig. Lieber hätte sich der Franzose einen Smoking in seinen Koffer gesteckt - doch weder ist feiner Zwirn seine Sache, noch ahnte er vor dem Trip an die Cote d'Azur, dass er ihn brauchen würde. Panis blühte das Rennen seines Lebens, der Formel 1 ein Grand Prix für die Ewigkeit.

Olivier Panis

Olivier Panis siegt im Fürstentum: Frankreich feiert einen Chaos-Grand-Prix Zoom

Doch der Reihe nach: Als der Zirkus für Saisonstation Nummer sechs im (sonnigen) Fürstentum ankommt, dreht sich alles um die Fragen, ob Damon Hill seine komfortable Führung im Williams-Teamduell mit Jacques Villeneuve um den WM-Titel ausbauen kann. Und ob Michael Schumacher in seinem ersten Jahr bei Ferrari nach der Sensation von Barcelona der nächste Coup gelingt. Im Qualifying deutet es sich an: Der Deutsche fährt per Wunderrunde auf Pole-Position und verweist Hill sowie Jean Alesi im Benetton auf die Plätze.

Wie gut der Schumacher-Auftritt war, erkennt Erzrivale Hill neidlos an und lobt den amtierenden Champion als "wahnsinnig guten Fahrer". Ferrari-Rennleiter Jean Todt huldigt dem "wahren Meister der Strecke" und stellt seinen Schützling über Ayrton Senna. Eine Behinderung Gerhard Bergers (Benetton) bleibt für Schumacher folgenlos, obwohl er dem fuchsteufelswilden Österreicher nach Abschluss seiner schnellen Runde - bereits den Fans winkend - gefährlich im Weg gestanden hat. Er entschuldigt sich ("Ich habe mich so gefreut" und "Ich hätte auch lieber dich neben mir in der ersten Reihe als Hill"). Villeneuve als Zehnter hinter seinen Möglichkeiten zurück.

Erstes Regenopfer: Mika Häkkinen bezahlt seine "Eier" teuer

Das gilt auch für die Ligier-Autos: Obwohl Panis und Pedro Diniz in den Freien Trainings durch gute Leistungen aufgefallen sind, machen den beiden im Qualifying Probleme mit der Zündung zu schaffen. Die Zuverlässigkeit ist eine Dauerbaustelle des Mugen-Honda-Motors im Ligier - ein Grund, weshalb der für Konstanz, aber auch für Unscheinbarkeit bekannte Panis trotz vielversprechender Auftritte mit nur einem WM-Punkt im Gepäck nach Monaco angereist ist. Für den 29-Jährigen bleibt nur Rang 14, was im Leitplankendschungel Monacos einer Katastrophe gleichkommt.

Michael Schumacher

Im Qualifying nicht zu schlagen: Michael Schumacher gelingt eine Wunderrunde Zoom

Den Muntermacher gibt es für Panis aber schon am Sonntagmorgen im Warmup: Ehe die dunklen Wolken über dem Fürstentum aufziehen, fährt er überraschend die Bestzeit. Doch viele Experten haben Villeneuve auf der Rechnung: Er testet eine Regenabstimmung, weil die Meteorologen für das Rennen heftige Niederschläge vorhergesagt haben. Die Franzosen jubeln trotzdem und fangen an zu träumen. Nach dem Rücktritt Alain Prosts spielen sie seit drei Jahren kaum noch eine Rolle.

Schon kurz nach dem Warmup öffnet der Himmel seine Pforten: Das Porsche-Supercup-Rennen muss abgesagt werden und gemäß dem damaligen Formel-1-Reglement wird eine zusätzliche 15-Minuten-Session angesetzt, weil ein Regenrennen droht: Mika Häkkinen (McLaren), der bei seiner Probefahrt ans Limit geht, bezahlt seine tapfere - mache würden sagen dumme - Herangehensweise teuer. Er crasht seinen Auto und muss später ins Ersatzauto, Andrea Monterminis Wrack ist für Forti gar nicht mehr zu reparieren. Die Schrottteile häufen sich an und das "Demolition Derby" beginnt.

Zwei Schumachers in der Startaufstellung, einer crasht

David Coulthard mit Schumacher-Helm

Der "Pseudo-Schumacher" Coulthard: Er muss sich einen Helm leihen Zoom

In der Startaufstellung wird fleißig gepokert: Bis auf Jos Verstappen (Footwork) setzen aber alle auf Regenreifen. Dazu hoffen einige, mit vollem Tank bei wenig Spritverbrauch auf nasser Bahn ohne Boxenstopp durchfahren zu können. Und alle reiben sich verwundert die Augen: Nicht nur auf der Pole-Position, auch auf Platz fünf steht Michael Schumacher! Im McLaren! Simple Erklärung: Weil sein eigener Helm bei hoher Luftfeuchtigkeit ständig beschlägt, hat sich David Coulthard einen Kopfschutz bei seinem Kollegen ausgeliehen.

Als die Ampeln auf Grün springen, übernimmt Hill die Führung, dahinter fliegt das Kleinholz. Chefpokerspieler Verstappen zerstört sein Auto bei einem völlig übermütigen Überholversuch, die zwei Minardi von Pedro Lamy und Giancarlo Fisichella räumen sich gegenseitig von der Bahn. "Das Dümmste, was ich in zwölf Jahren Formel 1 gesehen habe", poltert Teamchef Giancarlo Minardi. Rubens Barichello wirft seinen Jordan weg und nach einer Runde sind sechs von 22 gemeldeten Wagen gar nicht mehr mit von der Partie. Sechs? Ja, sechs, denn auch ein Ferrari fehlt.

Nachdem Hill weggezogen ist, will Schumacher auf Rang zwei zügig Boden gutmachen, fährt die namenlose Rechtskurve nach der Loews-Haarnadel zu weit innen an, kommt auf den nassen Randstein, kracht in die Leitplanke und schlittert den Berg zur Portier-Kurve runter. Kurios: Genau an dieser Stelle den Randstein zu schneiden und ein steileres Stück mit mehr Grip zu nutzen hatte Schumacher nach dem Qualifying als eines der Erfolgsgeheimnisse seiner Superrunde ausgelobt.


Fotostrecke: Der verrückte Monaco-Grand-Prix 1996

So wird aus dem Helden des Samstags der Depp des Sonntags, der bekennt: "Mein Fehler. Ich bin stinksauer." Anschließend setzt sich Schumacher auf sein Motorrad und braust nach Hause - er wohnt damals noch in Monaco und hat es nicht weit. Ähnlich geht es vielen anderen: Bis Runde 30 scheiden fünf weitere Piloten aus, vier bei Unfällen. Die Benetton Alesis und Bergers sind zunächst auf Podiumskurs, doch dem Österreicher macht das Getriebe einen Strich durch die Rechnung.

Hill und Alesi verlieren sichere Siege, Irvines Gegner die Nerven

In Runde 40 von 75 löst sich Hills sicher geglaubter Sieg in Luft auf. Mit 25 Sekunden Vorsprung und dem zu diesem Zeitpunkt über sechs Sekunden pro Runde schnellerem Slickreifen - denn die Strecke ist abgetrocknet - auf den Achsen fährt er seinem ersten Monaco-Erfolg entgegen. Doch mit dem Aufleuchten einer Warnleuchte im Cockpit nimmt das Schicksal seinen Lauf: Am Ende des Tunnels geht der Renault-Motor aufgrund einer defekten Ölmpumpe mit Flammen und einer dichten weißen Rauchwolke hoch, das Rennen ist für den Briten beendet.

Jean Alesi

Bitter enttäuscht: Jean Alesi hätte mit dem Benetton fast gewonnen Zoom

Der Ort, an dem sein Vater fünfmal triumphierte, bleibt für ihn ein verfluchtes Pflaster (und zwar bis ans Karriereende). Auf Interviews hat der sonst so charmante und umgängliche Hill keine Lust. Er läuft abwinkend durch die Boxengasse. Profiteur ist Alesi, der plötzlich vor einem Mann führt, von dem bis dato kaum jemand Notiz genommen hat: Olivier Panis im Ligier.

Jetzt segele Alesi einem sicheren Sieg entgegen, glauben viele. Doch das Unheil bricht über den Franzosen herein, als er in die Box kommt und die Benetton-Mechaniker skeptische Blicke auf die Hinterradaufhängung werfen. Das Teil ist für seine Defektanfälligkeit von den Testfahrten bekannt und trotz des vergeblichen Versuchs, das Problem zu ignorieren und unbeirrt schnell zu fahren, gibt es sechs Runden später kein Vertun mehr: Alesi gibt 15 Umläufe vor Schluss auf. Frust pur.

Dass Panis plötzlich führt, ist einer Portion Glück, aber auch Talent geschuldet. Denn wie kommt der Ligier von Startplatz 14 so weit nach vorne? Eddie Irvine, im zweiten Ferrari auf Position vier liegend, hat zuvor viele Piloten aufgehalten und für einen Stau gesorgt. Die britischen Journalisten sprechen von einem "holländischen Wohnwagen". Alle Konkurrenten verlieren Zeit, Heinz-Harald Frentzen (Sauber) das letzte bisschen Geduld.


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Der Deutsche zerstört sich bei einem missglückten Überholversuch seinen Frontflügel, hält seinen Wagemut aber anschließend für "richtig" - obwohl er mit der Aktion eine mögliche Siegchance vergibt. Genau wie "Pseudo-Schumi" Coulthard, dem McLaren mit einer dilettantischen Strategie das Rennen scheinbar ruiniert, ehe sich die Vorzeichen zum wiederholten Male drehen.

Rote Straßensperre geknackt: Geniestreiche spülen Panis nach vorne

Panis hat zum Zeitpunkt, an dem er erstmals Platz eins belegt, schon eine ganze Reihe brillanter Schachzüge vollführt. Er ist mit vollem Tank losgefahren, hat mit Martin Brundle (Jordan), Mika Häkkinen und Johnny Herbert (Sauber) drei Könner alt aussehen lassen. Ligier holt ihn zweimal genau zum richtigen Zeitpunkt an die Box, um neue Reifen aufzuziehen, schüttet aber nur einmal einige Liter Sprit nach, um sorgenfrei über die Distanz zu kommen. Auf Slickreifen brennt er ein Feuerwerk ab und schafft es als einziger vorbei an Irvine.

Eddie Irvine, Heinz-Harald Frentzen

Eddie Irvine ist für Heinz-Harald Frentzen unüberwindbar, für Olivier Panis nicht Zoom

Mit einem waghalsigen Manöver in der Loews-Kurve ist die rote Straßensperre durchbrochen. Kurios: Irvine rutscht infolge der Szene in die Leitplanke und schnallt sich ab, um zurück zur Box zu trotten. Doch mit Hilfe der Streckenposten und dem Gefälle gelingt es, das abgewürgte Auto wieder zu starten. Eine Aktion, die zwei Piloten noch verteufeln sollten. Zunächst verliert der Nordire weitere Zeit: Er will an der Box die Gute festgezogen haben, die italienischen Mechaniker missverstehen ihn und wechseln die Nase.

Dazu vergessen sie das Tanken, was einen weiteren Halt eine Runde später notwendig macht. Irvine räumt sich später selbst aus dem Weg - und nimmt zwei Opfer mit: Nach einem Dreher kommt er ohne Rücksicht auf Verluste zurück auf die Strecke. Mika Salo (Tyrrell) und Häkkinen krachen in sein Heck.

Frentzen hat genug vom Chaos und stellt ab

Der sonst so besonnene Finne und spätere Doppelweltmeister stapft wutentbrannt über die Strecke und hinter die Leitplanke. Sonst wird munter Schrott produziert: Villeneuve, der zuerst ebenfalls hinter Irvine hängt, wird von Luca Badoer (Forti) abgeschossen, als der Italiener sechs Runden Rückstand hat. Kurz vor Schluss fahren vier Autos, ehe mit Frentzen im letzten Umlauf noch ein Pilot die Segel streicht, weil er als aussichtsloser Vierter und Letzter keinen Crash riskieren will.

Olivier Panis

Panis fliegt: Mit perfekter Strategie fährt der Franzose wie entfesselt Zoom

Was der enttäuschte Mönchengladbacher ("Ich hätte genauso der Sieger sein können") nicht weiß: Das Zwei-Stunden-Zeitlimit ist abgelaufen und er hat die Zielflagge bereits gesehen, weil der Rennleiter das Tuch zu früh aus der Kabine hält. Leader Panis ist nämlich noch nicht über den Strich gefahren. Drei Wagen sind also noch auf der Bahn, als das Resultat offiziell wird - ein Rekord für die Ewigkeit, nie zuvor beendeten so wenige Autos einen Grand Prix - und nie wieder.

Vorne ist Panis auf dem Weg zu seinem größten Erfolg erst spät aller Sorgen ledig. Er muss Sprit sparen und wird von seinem komplett nervösen Team im Funk permanent zugetextet: "Achte auf den Verbrauch!", "Sei vorsichtig!", schallt es über den Äther. Zwar kommt Coulthard im McLaren immer näher und ist zum Schluss fast im Windschatten, der Schotte will ebenfalls mit wenig Benzin im Tank aber nur die Zielflagge sehen. Ähnlich geht es dem drittplatzierten Herbert.

Panis schnappt sich die Tricolore und leiht sich einen Smoking

Als Panis als erster Franzose in Monaco in einem französischen Auto über den Zielstrich fährt und Ligiers seit 15 Jahren währende Durststrecke beendet, kennt der Jubel keine Grenzen. Die Sensation ist perfekt. Die Auslaufrunde mit der Tricolore in der Hand wird zum prägenden Bild eines Rennens und einer gesamten Karriere. Neben der Strecke häuft sich der Schrott: In zwei Stunden Rennzeit fallen 18 von 22 Autos aus, 14 davon infolge von Unfällen und Kollisionen.

Olivier Panis, David Coulthard, Johnny Herbert

Historischer Sieg in Monaco: Panis als erster Franzose mit französischem Auto Zoom

Ausgerechnet in Monaco, sagen viele, sei Panis der Durchbruch gelungen. Doch auch wenn das Fürstentum nicht viele Kilometer von seinem Geburtsort Oullins in der Nähe von Lyon trennen und seine Eltern unweit des Kleinstaates Bergrennen bestritten, passen beide so gar nicht zusammen. Auf der einen Seite der Spielplatz für Millionäre, voller Protz und Prunk, voller Eitelkeit und Noblesse.

Auf der anderen Seite Panis. Ein zurückhaltender, bescheidener und bodenständiger Mann. Einer, der lieber stundenlang vor dem Fernseher sitzt als auf Glitzerpartys Martini zu schlürfen. Einer, der lieber seine Sonnenbrille einpackt als einen Smoking. Das bereut er und sagt, es sei ihm deshalb "fast peinlich", gewonnen zu haben. Für das traditionelle Siegerdinner beim Fürsten kann er sich aber einen feinen Zwirn leihen. Panis ist ein Mann, dem eine Prise Glück 1996 half, sein Talent auf einer der letzten "Fahrerstrecken" unabhängig vom Material unter Beweis zu stellen. Eine Eintagsfliege blieb sein Galaauftritt nicht - einmalig aber auf jeden Fall.

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