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Wolffs und Laudas Mercedes-Erfolge: Nur Glück gehabt?

Der ehemalige Formel-1-Teamchef Colin Kolles glaubt, dass das Fundament der heutigen Mercedes-Erfolge noch von Ross Brawn und Norbert Haug gebaut wurde

(Motorsport-Total.com) - Der Einstieg von Toto Wolff und Niki Lauda mit 30 beziehungsweise zehn Prozent beim Mercedes-Team liest sich wie eine einzigartige Erfolgsgeschichte. Schon im ersten Jahr, 2013, konnten die Punkte aus der Saison 2012 mehr als verdoppelt werden und es gelang der Sprung vom fünften auf den zweiten Platz in der Konstrukteurs-WM. Der Rest ist Geschichte: 2014 und 2015 war Mercedes das dominante Team der Formel 1, mit der prozentual höchsten Punktequote, die je ein Rennstall errungen hat.

Niki Lauda, Toto Wolff

Niki Lauda und Toto Wolff beim Saisonfinale der Formel 1 in Abu Dhabi Zoom

"Das ist das erfolgreichste Team in der Geschichte der Formel-1-WM seit 1950. Niemand hat mehr gewonnen. Das muss man einfach attestieren, davor muss man den Hut ziehen", sagt der ehemalige Mercedes-Sportchef Norbert Haug bei 'ServusTV'. "Das zu managen ist keine leichte Aufgabe. Das hat die Teamleitung mit Toto und Niki hervorragend gemacht, das kann man nicht besser machen."

Doch nicht überall ist die Anerkennung für die Leistungen des Management-Duos Wolff/Lauda so groß wie bei Haug. Der ehemalige Formel-1-Teamchef Colin Kolles zum Beispiel glaubt, dass die beiden Österreicher vor allem eine Saat ernten, die nicht von ihnen selbst angebaut wurde: "Es sind andere Leute, die dafür verantwortlich sind. So sehe ich das. Dazu zählen auch ein Norbert Haug und ein Ross Brawn. Dass die Herrschaften jetzt diese Ernte einsacken, das ist gut für sie."

Ende 2012: Mercedes stellt die Weichen neu

Worauf Kolles anspielt: Ende 2012, nach drei mäßig erfolgreichen Jahren mit nur einem Sieg, entschied man sich im Daimler-Konzern für einen Kurswechsel. Stand bis dahin im Vordergrund, angesichts der frisch verdauten Wirtschaftskrise ein möglichst kosteneffizientes Formel-1-Programm zu führen, so wurde Ende 2012 die richtungsweisende Entscheidung getroffen, mehr Geld in die Hand zu nehmen, um wieder Erfolg zu haben.

Colin Kolles

Colin Kolles findet, dass Ross Brawn der Vater der heutigen Mercedes-Erfolge ist Zoom

Der Zeitpunkt war günstig: Für 2014 war das neue Motorenreglement angekündigt, in das Mercedes ein Jahr lang viel Zeit und Geld investieren konnte. Das geschah unter neuer Führung: Im Dezember 2012 verließ der damalige Sportchef Haug das Team und übergab den Stab an Wolff/Lauda, die gemeinsam auch 40 Prozent der Teamanteile übernahmen. Erst im November 2013 trat Teamchef Ross Brawn zurück, dessen Anteil an den heutigen Erfolgen besonders hoch eingeschätzt wird.

Brawn holte den genialen Technik-Mastermind Paddy Lowe nach Brackley, steuerte maßgeblich die Entwicklung des so erfolgreichen 2014er-Fahrzeugs und war nicht zuletzt auch einer der Hauptbeweggründe für Lewis Hamilton, von McLaren zu Mercedes zu wechseln. Mit Wolff und Lauda wollte Brawn jedoch nicht weitermachen, sodass er sich stillschweigend in die Frührente verabschiedete, aus der er bis heute nicht zurückgekehrt ist.

Haug nimmt seine Nachfolger in Schutz

Trotzdem findet Haug nicht, dass sich seine Nachfolger nur ins gemachte Nest setzen mussten: "Niemand hat etwas geschenkt bekommen", nimmt er Wolff und Lauda ausdrücklich in Schutz. "Man hat sich kontinuierlich weiter verbessert. Für mich geht das vollkommen in Ordnung. Das ist alles hart erarbeitet. Ich erinnere mich auch an die Anfänge des ganzen Spiels. Das kommt alles nicht von ungefähr."


Fotostrecke: F1 Backstage: Abu Dhabi

"Ich bin hier nicht der Fürsprecher für Mercedes, aber ich bin glaube ich qualifiziert zu wissen, was da in die Wege geleitet worden ist, wie wunderbar das weiter ausgebaut und erarbeitet wurde. Ich war schon immer ein Sportsmann und sage: Ehre, wem Ehre gebührt", so Haug. "Das ist alles erarbeitet - nicht durch das größte Budget, sondern durch das beste Know-how und durch ganz, ganz viel harte Arbeit von allen Beteiligten."

Kolles: Trotz der Erfolge Millionenverluste

An dieser Stelle der 'ServusTV'-Diskussion grätscht Kolles noch einmal dazwischen: "Das sehe ich ein bisschen anders, muss ich ehrlich sagen. Wenn ein Team über 300 Millionen ausgibt und über 100 Millionen Verlust macht", bezieht er sich auf die vom britischen Handelsregister veröffentlichte Geschäftsbilanz, "und dann stolz ist Weltmeister zu sein, dann frage ich mich schon, was das mit einem vernünftigen Wirtschaften zu tun haben soll."

Norbert Haug

Norbert Haug verteidigt seine Nachfolger an der Spitze des Mercedes-Teams Zoom

Haug bezweifelt die für jedermann einsehbaren Zahlen: "Das kann ich mir nicht vorstellen." Und er ergänzt: "Ich kenne die Zahlen aus der Zeit, wo das Ganze aufgesetzt wurde. Ich weiß, was von der FOM bezahlt wird, was von den Sponsoren bezahlt wird. Ich weiß, dass es keinen preisgünstigeren Einsatz im Motorsport gibt, wenn man sich international so in Szene setzen will in der höchsten Automobil-Spielklasse."

Kolles räumt ein, dass Mercedes in den Haug-Jahren, also von 2010 bis 2012, ein sehr effizientes Werksteam betrieben habe. Aber: "Das ist eine andere Geschichte. Es geht um die Zeit jetzt. Die Anfänge waren gut gemacht, Herr Haug, da stimme ich Ihnen zu. Da waren Sie teilweise mitverantwortlich. Aber es geht um heute und nicht um das, was vor zwei, drei Jahren war."

Daimler steuert über 80 Millionen bei

Tatsache ist: Mercedes operierte 2014 mit einem Budget von über 300 Millionen Euro. Davon kamen umgerechnet rund 120 Millionen Euro von Bernie Ecclestones FOM, wie von Haug richtigerweise angesprochen. Über 80 Millionen Euro musste der Daimler-Konzern aber zuschießen. Wolff sieht darin kein Problem: "Aus Daimler-Sicht ist ein weltweiter Werbegegenwert in der Höhe von drei Milliarden Euro für diesen Beitrag nicht schlecht."


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Haug räumt ein, dass noch unter Brawn und ihm "sicherlich ein Fundament gebaut" wurde, "das wird auch attestiert von allen Beteiligten." Aber er ergänzt: "Ich werde lieber nach den Erfolgen von heute gefragt. Wenn ich nach Misserfolgen gefragt werden würde, wäre das Ganze vielleicht nicht die beste Idee gewesen. Gleichzeitig: Ehre, wem Ehre gebührt. Die haben das wirklich gut gemacht. Ich singe hier nicht das Loblied, sondern ich sage das aus voller Überzeugung, weil es genauso ist."

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