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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Warum Maurizio Arrivabene der große Verlierer des ersten Rennwochenendes der Formel-1-Saison 2016 ist und welche Kandidaten es sonst noch gegeben hätte

Maurizio Arrivabene

Maurizio Arrivabene hat seine Lockerheit im Jahr 2015 liegen gelassen Zoom

Liebe Leser,

auch dieses Jahr wollen wir wieder jeden Montagmorgen nach einem Formel-1-Rennen eine Person aus der Königsklasse "schlecht schlafen" lassen, rein metaphorisch natürlich. Es geht uns mit dieser Kolumne darum, das altbackene Konzept "Man of the Race" etwas moderner auszulegen und stattdessen einen Verlierer des Wochenendes zu küren. Und das muss per Definition nicht zwangsläufig ein Fahrer sein.

Kandidaten für eine unruhige Nacht gibt es nach dem Melbourne-Wochenende viele (siehe weiter unten). Aber einer ragt aus der Menge dann doch hervor, zumindest in meiner subjektiven Wahrnehmung: Ferrari-Teamchef Maurizio Arrivabene. Nicht einmal so sehr wegen der sportlichen Vorstellung der Scuderia. Okay, die Wahl der falschen Strategie hat Sebastian Vettel jede Chance auf den Sieg geraubt, und sei sie gegen die vom Speed her einfach schnelleren Silberpfeile ohnehin noch so klein gewesen.

Und dass Kimi Räikkönens erster Grand Prix 2016 schon nach 21 Runden vorbei war, ist auch nicht besonders hilfreich, wenn man den "Iceman" für das bevorstehende Jahr neu motivieren möchte. Ausgerechnet ein Motorschaden war's, obwohl Arrivabene noch beim Barcelona-Test beharrlich dementiert hat, wenn ein Journalist mutmaßte, es könne Probleme mit dem Ferrari-Motor geben. Ein Ferrari-Motor macht keine Probleme. Das ist in Maranello offenbar wieder Religion, seit dort wieder die Italiener regieren.


Fotostrecke: GP Australien, Highlights 2016

Aber viel schlimmer ist, dass Arrivabene seine Lockerheit verloren hat. Als er vor einem Jahr als dauerlächelnder "Marlboro-Man" in den Paddock tänzelte, sich bei den Wintertests mal einfach so zu den Fans auf die Tribüne setzte und bei der ersten Medienrunde lässig darum bat, man möge ihn doch bitte "Maurizio" nennen und nicht "Mister Arrivabene", da hatte man das Gefühl, dass gerade ein frischer Wind weht, den die Formel 1 bitter nötig hat. Aber von diesem frischen Wind ist heute nichts mehr zu spüren.

"Maurizio" wirkt permanent angespannt - die politischen Mühlen, der Druck der Formel 1, der Druck von Ferrari: Das alles hat offenbar Spuren hinterlassen. "Wenigstens ist er nicht nur bei uns so unfreundlich", meinte zum Beispiel Sky-Experte Marc Surer am vergangenen Wochenende, als Arrivabene Ted Kravitz vom britischen Schwesternsender ein ähnlich knurriges Interview gab wie zuvor schon der deutschen Sky-Reporterin Tanja Bauer.

Obendrein gehört Arrivabene zu jenen Männern, die das neue Qualifying-Format verbrochen haben, schließlich hat er dafür in Strategiegruppe und Formel-1-Kommission selbst mitgestimmt. Übrigens gegen die Kritik seines Chefs Sergio Marchionne, der das neue Format von Anfang an in der Luft zerrissen hat. Was darauf hindeutet: Bei Ferrari weiß die eine Hand nicht, was die andere tut. Oder (und das ist die wahrscheinlichere Variante) Arrivabene leistet sich unter dem immensen Druck, der auf ihm lastet, kleine Kommunikationsfehler.

Apropos Qualifying-Format, das nur am Rande: Am Tag, als eben dieses beschlossen wurde, telefonierte ich mit dem Chef eines Formel-1-Teams. "Eines müssen Sie mir jetzt mal erklären: Warum haben Sie ausgerechnet eine der wenigen Sachen geändert, die gut funktionieren?" Und als Antwort kam nur: "Weil die Promoters etwas Neues wollten. Also haben wir es halt gemacht." So richtig dafür war schon damals keiner. Ein Paradebeispiel dafür, wie amateurhaft die Formel 1 organisiert ist.

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Fernando Alonso: Den Horrorcrash nach selbstverschuldeter Kollision mit Esteban Gutierrez zwar überlebt, aber wieder ein Rennwochenende zum Vergessen hinter sich gebracht. Schon jetzt ist klar: Mit dem dritten WM-Titel, das wird auch 2016 nichts.

Charlie Whiting: Der FIA-Rennleiter hat noch am Freitag in einem langen Medienbriefing neue Regeln wie das Qualifying-Format und vor allem das Funkverbot erklärt und verteidigt. Beides ist nach nur einem Grand Prix Schnee von gestern (beziehungsweise, im Fall des Funkverbots, stark gelockert).

Max Verstappen: Glaubt offenbar, dass ihm die Welt gehört, wenn er funkt, es sei "ein Witz", dass er nicht am Teamkollegen vorbeigewunken wird. Ja, der 18-Jährige hat mit den furiosen Runden im Finish bewiesen, wie schnell er Autofahren kann. Aber nicht nur Martin Brundle sagt: "Wenn er den nächsten Schritt machen will, muss er ruhiger bleiben."

Franz Tost: Dass Toro Rosso das Möchtegern-Gehabe des kleinen Verstappen auch noch unterstützt und Carlos Sainz mit einem Positionstausch droht, sollte dieser nicht schneller fahren, ist kein guter Führungsstil. Ja, Verstappen ist vermutlich die heißere Aktie. Aber Sainz auf diese Weise zu demoralisieren, ist unklug. Auch der Spanier ist ein potenzieller Grand-Prix-Sieger von morgen.

Kimi Räikkönen: Neues Jahr, neues Glück - oder doch nicht? Kimi Räikkönens 2016 geht so weiter, wie 2015 aufgehört hat. Während der Ferrari in Vettels Händen wie ein Schweizer Uhrwerk läuft, wird der "Iceman" immer wieder vom Defektteufel gebremst. Dabei war seine fahrerische Leistung in Melbourne top.

Monisha Kaltenborn: Wer finanziell gesehen dermaßen mit dem Rücken zur Wand steht, kann eigentlich überhaupt keine Nacht mehr gut schlafen. Und dass die sportliche Performance 2016 keine neuen Großsponsoren anlocken wird, ist nach dem ersten Rennen auch klar. Sauber versinkt in der Bedeutungslosigkeit.

Ihr

Christian Nimmervoll

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