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Warum Rallye-Piloten in der Formel 1 nicht bestehen können

Gegensätze ziehen sich an? Von wegen! Wieso der Umstieg vom Rallyesport in die Formel 1 noch schwieriger ist als umgekehrt und welche Stars es probiert haben...

(Motorsport-Total.com) - Sie gelten als die wahren Akrobaten hinter dem Lenkrad. Doch bisher hat es kein Rallyefahrer geschafft, sich in der sogenannten Königsklasse des Motorsports, der Formel 1, durchzusetzen. Warum ist es für Rallyefahrer so schwierig, diese Hürde zu nehmen? Einer, der es wissen könnte, ist Jost Capito. Der ehemalige Volkswagen-Motorsportchef, der das WRC-Engagement leitete, fungiert nun bei McLaren als Geschäftsführer.

Der Deutsche sieht nicht das Talent, sondern das Alter als Ursache. "Ich denke, dass sie die Fähigkeiten mitbringen. Die Top-Piloten ihrer Klasse können in jeder anderen Motorsportserie spitze sein, weil es einfach darum geht, Autos zu fahren, ob auf einer Rallye-Sonderprüfung oder auf einer Rennstrecke. Sie sind aber tendenziell zu alt", erklärt er gegenüber 'WRC.com'

Das liege daran, dass die Zeiten der Allround-Piloten längst vorbei sind und Rennfahrer heute schon in jungen Jahren eine Entscheidung treffen, welchen Weg sie einschlagen. "Das muss man sehr früh in der Karriere entscheiden, vor allem im Rallyesport", meint Capito. "Dort braucht man lange, um Erfahrung zu sammeln. Und wenn man dann einmal wirklich gut ist, dann ist man zu alt, um in die Formel 1 einzusteigen."

Loeb scheiterte nur an der FIA-Lizenz

Sebastien Loeb war im Red Bull RB4 bei den Barcelona-Tests 2008 nur um 1,7 Sekunden hinter der Bestzeit. Nur die fehlende FIA-Lizenz vereitelte den Sprung ins Toro-Rosso-Cockpit beim Saisonfinale. Doch Loeb war bei weitem nicht der einzige Rallye-Star, der sich um Formel-1-Boliden versucht hat.

"Im Rallyesport braucht man lange, um Erfahrung zu sammeln. Und wenn man dann einmal wirklich gut ist, dann ist man zu alt für die Formel 1." Jost Capito

Doch der Franzose ist bei weitem nicht der einzige Rallyepilot, der sich im Formel-1-Boliden versuchte: Ex-Rallye-Superstar Colin McRae saß 1996 in Silverstone in einem Jordan, Champion Tommi Mäkinen probierte 1998 in Barcelona den Williams-Boliden aus, Petter Solberg saß in Michael Schumachers Ferrari aus dem Jahr 2005 und Mikko Hirvonen gab im 2007er-Williams Gas.

Die Versuche der Formel-1-Piloten im Rallyesport haben mehr Aufsehen erregt als die ihrer Kollegen: Vor allem Robert Kubica und Kimi Räikkönen belebten in den vergangenen Jahren die Rallye-WM. Beide waren teilweise atemberaubend schnell, verzeichneten aber auch zahlreiche haarsträubende Unfälle. Experten führten das auch darauf zurück, dass sich Formel-1-Piloten durch die mangelnden Auslaufzonen erst an die neuen Limits gewöhnen müssen: Fehler werden im Rallyesport gnadenlos bestraft.

Ex-Volkswagen-Rallye-Chef Capito: Räikkönen schlug sich gut

Doch wie schätzt Capito Räikkönens Rallye-Ausflug ein? "Viele Leute haben bei Kimi gesagt, dass seine Leistungen in der Rallye-WM nicht beeindruckend waren, aber ich bin anderer Meinung", spricht er dem Formel-1-Weltmeister ein Kompliment aus. "Er war nicht daran gewöhnt, auf einen Copiloten zu hören, außerdem hat er sich nicht durch die kleineren Serien nach oben gearbeitet, sondern ist gleich ganz oben eingestiegen", sieht er bei Räikkönens Rallye-Ausflug erschwerende Umstände. "Und dennoch war er konkurrenzfähig."


Loebs Red-Bull-Test in Silverstone 2008

Doch auch davor probierten sich schon Formel-1-Stars auf unbefestigtem Untergrund: Während Sebastian Vettel stets den Traum hegte, einmal Rallye zu fahren, aber wegen der Gefahren nicht zum Zug kam, bewies sich der zweimalige Weltmeister Mika Häkkinen bereits vier Mal in einem Mitsubishi bei der Arctic Rallye in seiner Heimat auf Schnee und Eis. 2015 trat auch ein weiterer Ex-McLaren-Pilot am Polarkreis an: Grand-Prix-Sieger Heikki Kovalainen.

Kimi Räikkönen

Jost Capito stellt Kimi Räikkönen ein gutes Rallye-Zeugnis aus Zoom

Und dann wäre da noch Marc Surer, der nach Ende seiner Formel-1-Karriere erfolgreich in den Rallyesport wechselte, aber 1986 nach einem schweren Unfall bei der Hessen-Rallye, der seinen Copiloten das Leben kostete, die Karriere beendete.

Kurioses Detail am Rande: So schwierig es Rallye-Piloten im Formel-1-Cockpit haben, so gut scheint eine aktive Karriere im Rallyesport für einen Job im Teammanagement der Königsklasse geeignet zu sein: Jean Todt, der in den 1970er- und 1980er-Jahren einer der besten Rallye-Copiloten war, führte Ferrari später gemeinsam mit Michael Schumacher von Titel zu Titel. Heute macht es ihm Toto Wolff nach, der ebenfalls Rallyepilot war und 2006 in Österreich Vizemeister wurde.

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