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  • 03.12.2014 · 16:30

  • von Ruben Zimmermann & Roman Wittemeier

Vasselon: Toyota hätte noch ein bisschen mehr Zeit gebraucht

Toyotas Formel-1-Ausstieg kam Ende des Jahres 2009 für viele Personen innerhalb und außerhalb des Teams überraschend - Pascal Vasselon erinnert sich zurück

(Motorsport-Total.com) - Etwas mehr als fünf Jahre liegt es mittlerweile zurück, dass Toyota sein Engagement in der Königsklasse beendet hat. Zum Zeitpunkt des für viele Mitarbeiter überraschenden Formel-1-Ausstiegs 2009 war Pascal Vasselon Technikchef des japanischen Teams mit Sitz in Köln. Der Franzose erinnert sich an die Jahre in der Königsklasse zurück und erklärt, warum sich damals nie der gewünschte Erfolg eingestellt hat.

Pascal Vasselon

Pascal Vasselon war zum Zeitpunkt des Formel-1-Ausstiegs Toyota-Technikchef Zoom

"Im Motorsport kann man Erfolge nicht kaufen und auch nicht fest einplanen. Unser Formel-1-Engagement war schwierig, weil wir in allen Belangen ganz von vorn - also mit einem weißen Blatt Papier - anfangen mussten", erinnert sich Vasselon im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' zurück. Im Jahr 1999 gab Toyota die Pläne bekannt, in die Formel 1 einsteigen zu wollen. Das Debüt folgte schließlich 2002 beim Saisonauftakt in Australien.

"Wir haben damals kein existierendes Team übernommen. Wir haben alles selbst bauen müssen: Chassis, Motor und alles weitere. Das war sehr ambitioniert und entsprechend sehr schwierig", erklärt Vasselon die Erfolglosigkeit der ersten Jahre. Bis Ende 2004 sammelte Toyota in den ersten drei Jahren insgesamt lediglich 27 Punkte. Fairerweise sei allerdings erwähnt, dass 2002 lediglich die ersten sechs Fahrer eines Rennens, ab 2003 dann die ersten acht Piloten Punkte bekamen.

Viel Geld, wenig Erfolg

Ralf Schumacher

Für viel Geld wurden Leute wie Pilot Ralf Schumacher (2005-2007) verpflichtet Zoom

Ein zehnter und zwei achte Plätze in der Konstrukteurs-Weltmeisterschaft in diesem Zeitraum lassen das Team allerdings trotzdem nicht gerade in einem guten Licht dastehen. Die Debütsaison 2002 beendete man sogar hinter dem chronischen Hinterherfahrer-Team Minardi. Kritik kam damals vor allem deshalb auf, da Toyota - im Vergleich zu eben solchen Teams - deutlich mehr Geld investierte. Böse Zungen würden wohl sogar von verbrennen sprechen.

Ein Beispiel dafür ist beispielsweise die Verpflichtung des Konstrukteurs Gustav Brunner, der in seiner langjährigen Karriere zuvor unter anderem auch schon zweimal für Ferrari gearbeitet hatte. 2001 sicherte sich das Team mit Sitz in Köln die Dienste des Österreichers, der bis 2005 als Technischer Direktor arbeitete und in dieser Zeit offenbar ein kleines Vermögen machte. Denn angeblich merkte Brunner erst kurz vor der Unterschrift, dass sein Gehalt sich nicht auf die komplette Vertragslaufzeit bezog, sondern jährlich gezahlt werden sollte.


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Trotz aller Investitionen zeigte der Trend bei Toyota erst 2005, also sechs Jahre nach der Ankündigung eines eigenen Teams, erstmals klar nach oben. Mit 88 Punkten und immerhin fünf Podiumsplätzen beendete das Team die WM auf Rang vier - bis zum Ende des Formel-1-Engagements 2009 die beste Endplatzierung. "Solch ein Projekt braucht zehn Jahre", rechtfertigt Vasselon: "So viel Zeit hätten wir einfach gebraucht. Das Team lieferte 2009 erstmals wirklich gute Ergebnisse."

"Die Zeit, die man uns gegeben hat, war einfach nicht ausreichend." Pascal Vasselon

"Leider waren wir in jenem Jahr am Ende des Entscheidungszyklus bei Toyota angekommen", berichtet der Franzose. Denn genau zehn Jahre, nachdem die Japaner den Formel-1-Einstieg bekanntgegeben hatten, zogen sie auch schon wieder den Stecker. "Was ist also in unserer Formel-1-Zeit schiefgelaufen? Die Zeit, die man uns gegeben hat, war einfach nicht ausreichend - jedenfalls auf Grundlage der Herangehensweise, für die man sich bewusst entschieden hatte", ärgert sich Vasselon.

Kaum einer ahnte etwas...

Kurios waren damals auch die Umstände des Ausscheidens aus der Formel 1. Noch im Oktober, also rund einen Monat vor Bekanntgabe, hatten diverse hochrangige Mitarbeiter des Teams keine Ahnung davon, dass der Konzern sich hinter verschlossenen Türen wohl bereits lange mit einem Abschied beschäftigt hatte. "Da würde ich Anzeichen wahrnehmen. Im Moment gibt es aber überhaupt nicht die leisesten Anzeichen dafür, dass das der Fall sein wird", hatte beispielsweise Teampräsident John Howett damals erklärt. Ein fataler Irrtum.

Timo Glock

Timo Glock schaffte es 2009 im Toyota in Singapur auf Rang zwei Zoom

Howett und viele anderen gingen damals angesichts der Wirtschaftskrise lediglich davon aus, dass die Japaner dass Budget deutlich kürzen würden. Der komplette Ausstieg kam für sie dann allerdings total überraschend. Ähnliches war nur wenige Monate zuvor auch bei BMW passiert. Als die Münchener im Juli 2009 ihren Ausstieg aus der Königsklasse verkündeten, wurden auch dort viele Personen ziemlich kalt erwischt.

"Wenn man bei Null beginnt, dann braucht es seine Zeit. Ein Orchester von 1.000 Fachleuten spielt nicht innerhalb weniger Jahre perfekt zusammen. Das geht nicht", erklärt Vasselon rückblickend und ergänzt: "Von 2008 auf 2009 hat man eindeutig sehen können, dass das Team immer besser wurde. Ich mag aber gar nicht mehr so gern zurückblicken."

"Ich habe schon gedacht, dass das irgendwie weitergeht." Marc Surer im November 2009

Auch viele Experten im Formel-1-Umfeld hatten anno 2009 nicht mit dieser Entscheidung des Konzerns gerechnet. Marc Surer zeigte sich damals beispielsweise "ein bisschen überrascht". "Ich habe schon gedacht, dass das irgendwie weitergeht. Da habe ich natürlich John Howett geglaubt, der sich ziemlich sicher gefühlt hat", erklärte der Schweizer damals: "Die Hinweise, dass es vielleicht intern doch nicht so klar war, wie es nach außen getragen wurde, waren lediglich, dass man die Verträge mit den Piloten nicht verlängert hat."

Leidtragender der Geschichte war damals unter anderem auch Timo Glock, der 2009 zwei Podiumsplätze für Toyota holte. Ausgerechnet bei Toyotas Heimrennen in Japan verletzte sich der Deutsche allerdings bei einem Unfall im Qualifying und verpasste anschließend den Rest der Saison. Gerüchteweise hätte Glock beim Saisonfinale in Abu Dhabi zwar wieder fahren können, allerdings setzte das Team stattdessen Kamui Kobayashi ein. Möglicherweise sollte der Einsatz eines japanischen Fahrers den Konzern noch einmal milde stimmen.

Wäre 2010 der erste Sieg möglich gewesen?

Geholfen hat es im Endeffekt nicht. Toyota verabschiedete sich aus der Formel 1 und Glock wechselte 2010 - wohl auch mangels Alternativen - zum Neuling Virgin. Ob Toyota 2010 den nächsten Schritt hätte machen und endlich ein Rennen hätte gewinnen können, diese Frage wird für immer unbeantwortet bleiben. Fakt ist allerdings, dass der TF110 in seiner Entwicklung bereits ziemlich fortgeschritten war.

Toyota TF110

Ausstellungsstück: Der Toyota TF110 kam nie zu einem Renneinsatz Zoom

"Als wir die Entwicklung gestoppt haben, hatten wir zwischen 20 und 30 Punkten mehr Abtrieb als mit der letzten Version des Vorgängermodells", hatte Vasselon im Sommer 2010 verraten und ergänzt: "Viele unserer Aerodynamikleute sind in andere Topteams gewechselt und von denen wissen wir, dass unsere Abtriebswerte ziemlich hoch waren, um ehrlich zu sein sogar so hoch, dass unser Auto einen Vorsprung hatte."

Ein Rennen haben die Autos allerdings nie bestritten. Zwar hatte damals unter anderem das neue HRT-Team Interesse daran, die Fahrzeuge zu kaufen. Dazu kam es allerdings nicht und so bleibt im Endeffekt alles graue Theorie. Interessant ist allerdings die Tatsache, dass es nur ein Jahr zuvor einen ähnlichen Fall gegeben hatte. Ende 2008 hatte Toyota-Rivale Honda sich aus der Formel 1 zurückgezogen. Ross Brawn kaufte die Überreste des Teams - inklusive Autos - auf und sicherte sich 2009 Fahrer- und Konstrukteurs-Weltmeisterschaft.

"Unser Auto hatte einen Vorsprung." Pascal Vasselon über den TF110

Nur ein Jahr später wurde das Team dann Wiederrum von Mercedes übernommen. Vergleiche zwischen dem neuen Weltmeister und Toyota wären damit ungerecht, da die Silberpfeile vor fünf Jahren bereits ein vollständiges Teams übernommen haben, während Toyota 1999 in jeglicher Hinsicht komplett von vorne anfangen musste.

Völlig umsonst hat Toyota die Formel-1-Millionen allerdings nicht verpulvert. "Auf Grundlage der Erfahrungen, die wir damals gemacht haben, können wir heute in der WEC erfolgreich sein. Die Effizienz steht bei uns nun eindeutig im Vordergrund", erklärt Vasselon, der heute noch immer als Technikchef für Toyota aktiv ist und unter anderem in diesem Jahr mit den Japanern die Herstellerwertung in der WEC gewann.

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