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McLaren-Honda zwischen Durchhalteparolen und Galgenhumor

McLaren-Honda bekommt auch in Interlagos wieder einmal keinen Fuß auf die Erde und wird zur Lachnummer des Internets - Fahrer betonen trotzdem erneut Zuversicht

(Motorsport-Total.com) - Wenn man sich Interviews mit Fahrern oder Offiziellen von McLaren-Honda anhört, dann kann man als Formel-1-Zuschauer momentan durchaus das Gefühl bekommen, in einer Zeitschleife festzustecken. Bereits seit dem Saisonauftakt in Australien hört man von Jenson Button, Fernando Alonso und Co. die gleichen Durchhalteparolen. Man habe Vertrauen in das Projekt, man habe die Motivation nicht verloren, man werde ganz sicher bald Fortschritte machen und so weiter und so fort.

Fernando Alonso

Das Bild des Wochenendes: Fernando Alonso schaut beim Qualifying nur zu Zoom

Doch ganz egal, ob man den mittlerweile altbekannten Worten der Piloten noch Glauben schenkt oder nicht: Fakt ist, dass der Große Preis von Brasilien wieder einmal ein Rückschlag für McLaren-Honda war. Zwar kamen beide Autos ins Ziel, was bei dem Team in diesem Jahr absolut keine Selbstverständlichkeit ist, doch die Plätze 14 und 15 sind nicht einmal ansatzweise das, was sich Rennleiter Eric Boullier und Co. vorstellen.

Und so ist es für die McLaren-Saison 2015 bezeichnend, dass Fernando Alonso wieder einmal abseits der Rennstrecke für die größten Schlagzeilen an diesem Wochenende sorgte. Nachdem sein Bolide im Qualifying erneut schlapp machte, schnappte sich der Spanier kurzerhand einen Stuhl und schaute sich das weitere Geschehen von einem sonnigen Aussichtspunkt aus an.

Prompt war ein neues Internetphänomen geboren. Unter dem Hashtag #PlacesAlonsoWouldRatherBe bastelten fleißige Twitter-User den Spanier per Photoshop in alle möglichen Hintergründe - an Orte eben, an denen Alonso aktuell lieber wäre als bei McLaren-Honda. So lustig die Aktion für die Außenstehenden ist, so bitter dürfte der kleine Spaß für die Offiziellen des Traditionsteams sein.

Vom Traditionsteam zur Lachnummer

Denn diese Aktion zeigt eindeutig: McLaren-Honda taugt anno 2015 bestenfalls noch zur Lachnummer für die Internet-Community. Zwar dürfte Alonso nicht bewusst gewesen sein, welche Welle er mit seinem kleinen Sonnenbad lostritt, ganz unbewusst dürfte seine Showeinlage aber auch nicht gekommen sein. Bereits in Suzuka sorgte der Spanier mit einem Funkausraster für Schlagzeilen, als er den Honda-Antrieb als GP2-Motor bezeichnete.


Fotostrecke: #PlacesAlonsoWouldRatherBe

Und so war es in Brasilien nicht das erste Mal, dass Alonsos Aktionen in einem krassen Gegensatz zu seinen Aussagen standen. "Ich habe keine Angst davor, dass das Auto im nächsten Jahr nicht auf einem Top-Level sein wird", gibt sich der Spanier wieder einmal optimistisch und betont sogar, dass er im Zweifelsfall sogar dazu bereit sei, 2016 ein weiteres Übergangjahr durchzumachen.

"Man kann Mercedes nur schlagen, wenn man ein starkes Projekt und eine andere Philosophie hat." Fernando Alonso

"Es ist in meinem Fall jetzt bereits seit einigen Jahren schwierig", erklärt Alonso und verrät im Hinblick auf seine Jahre bei Ferrari: "Ich bemerkte bereits nach ein paar Rennen, dass ich nicht gewinnen kann. Wir wussten, dass der Red Bull eine Sekunde schneller war als alle anderen Autos. Im vergangenen Jahr war dann Mercedes eine Sekunde schneller als alle anderen."

Honda betont Zusammenhalt

"Man kann Mercedes in den kommenden Jahren nur schlagen, wenn man ein starkes Projekt und eine andere Philosophie hat", erklärt der Spanier, der damit durchaus nicht falsch liegt. Wie groß sein Vertrauen in das Projekt aber wirklich noch ist, das wird nur der zweimalige Weltmeister selbst wissen. Denn Bestmarken setzen er und sein Team aktuell nur bei den Gridstrafen: Insgesamt kassierte Alonso 2015 bereits 180 Strafplätze.


Fotostrecke: F1 Backstage Sao Paulo

Hondas Motorenchef Yasuhisa Arai betont derweil, dass sich der neue Motor für 2016 bereits in der Entwicklung befindet. Auch die Ressourcen habe man noch einmal erhöht. Im Hinblick auf Alonso erklärt er: "Es ist klar, dass Fernando in einer frustrierenden Situation ist. Ich denke, dass wir alle frustriert sind. Aber beide Piloten zeigen den Humor, der allen im Team hilft. Ich habe eine Menge Respekt vor der Mentalität und der Professionalität, die sie an den Tag legen."

"Ich habe eine Menge Respekt vor der Mentalität und der Professionalität, die sie an den Tag legen." Yasuhisa Arai über Alonso und Button

Klar ist aber auch, dass die Japaner bei der ganzen Posse die größten Verlierer sind. Gerade in einer Kultur, in der das Ansehen eine extrem große Rolle spielt, dürften diverse Twitter-Bildchen fast noch mehr schmerzen als der eigentliche sportliche Misserfolg. Button und Alonso dürften die ganze Sache deutlich entspannter sehen. Die beiden haben sich ihren Platz in den Geschichtsbüchern der Formel 1 bereits durch ihre WM-Titel gesichert. Zudem lassen sie sich ihre Dienste fürstlich entlohnen.

Vorbild Ferrari

"Ich weiß nicht, ob wir im nächsten Jahr Rennen gewinnen werden. Niemand weiß, wer im nächsten Jahr gewinnen wird. Ich glaube aber daran, dass wir einen großen Schritt nach vorne machen werden", sagt Button derweil und verrät: "Es passieren Dinge mit dem Auto und mit dem Antrieb. Solche Dinge kannst du allerdings während der Saison nicht verändern."


Fotostrecke: GP Brasilien, Highlights 2015

Der Brite erwartet einen "harten Winter" und nennt dabei ausgerechnet Alonsos Ex-Team Ferrari als Vorbild. "Ich habe gehört, dass sie im Winter 100 PS gefunden haben", so Button. Die Scuderia kann nach einer völlig verkorksten Saison 2014 in diesem Jahr wieder regelmäßig um Podiumsplatzierungen und sogar Siege kämpfen. "Unsere Schritte müssen natürlich noch größer sein", weiß Button allerdings.

"Ich weiß nicht, ob wir im nächsten Jahr Rennen gewinnen werden." Jenson Button

Und genau das wird im Winter das große Fragezeichen sein. Es zweifelt wohl niemand daran, dass McLaren und Honda gemeinsam die Ressourcen haben, um im Winter weitere Schritte nach vorne zu machen. Klar ist aber auch, dass der Rückstand auf Mercedes gewaltig ist. In Brasilien wurden beide Piloten wieder einmal überrundet. Ist so ein Rückstand in nur einem Winter überhaupt aufzuholen?

Erfolg braucht Zeit

Honda befindet sich hier in einer Zwickmühle. Bereits in dieser Saison ging man mit dem Antrieb ein zu großes Risiko ein. Der Schuss, den kompaktesten Antrieb der Formel 1 zu bauen, ging komplett nach hinten los. Daher stellt sich nun die Frage: Entwickelt man in Zukunft eher etwas konservativer, um ein weiteres Debakel zu vermeiden, oder spielt man weiter auf Risiko und läuft damit Gefahr, auch 2016 wieder zur Lachnummer der Königsklasse zu werden?


Fotos: McLaren, Großer Preis von Brasilien


Klar ist eigentlich nur, dass man von heute auf morgen keine Wunder erwarten sollte. "Als ich in meiner Karriere zu McLaren kam, hat es viele Jahre gedauert, bevor ich mit ihnen einen Grand Prix gewinnen konnte", erinnert sich Mika Häkkinen. Der Finne wechselte 1993 zu McLaren und holte erst 1997 seinen ersten Sieg. 1998 und 1999 wurde er anschließend zweimal Weltmeister.

"Wenn man in die Geschichte zurückblickt, dann kehrt das Siegen immer wieder zurück. Sie werden also wieder Rennen gewinnen", ist sich der Finne sicher. Allerdings zeigt die Geschichte auch, dass solche Fortschritte Zeit brauchen. Selbst der heute überlegene Mercedes-Rennstall holte in seinen ersten drei Jahren nach der Rückkehr als Werksteam nur einen einzigen Sieg. McLaren-Honda könnte also ein weiteres schwieriges Jahr bevorstehen.