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Leute mit Biz: Toto Wolff, der neue "Mr. Williams"?

Williams-Teilhaber Toto Wolff aus Österreich im Porträt: Vom unbedeutenden Formel-Ford-Fahrer zum großen Player im internationalen Motorsport

(Motorsport-Total.com) - "Die Formel 1 ist alle zwei Wochen für zwei Stunden Sport, aber dazwischen knallhartes Business", hat der große Frank Williams einmal gesagt. Für 'Motorsport-Total.com' Grund genug, eine Artikelserie ins Leben zu rufen, die sich mit dem Businessaspekt des Motorsports beschäftigt. In unregelmäßigen Abständen stellen wir eine Persönlichkeit vor, die sich im Motorsportbusiness durchgesetzt hat und mit Biss an ihre Sache herangeht - "Leute mit Biz" eben. Heute in der 24. Edition: Ex-Rennfahrer, HWA- und Williams-Teilhaber Christian "Toto" Wolff.

Toto Wolff

38 Jahre jung, aber schon Partner des großen Frank Williams: Toto Wolff

Als Williams-Geschäftsführer Adam Parr Ende Juni 2009 beim DTM-Rennen auf dem Norisring zu Gast war, hatten die Gerüchteköche der Formel 1 alle Hände voll zu tun. Williams war zu jenem Zeitpunkt auf "Brautschau", hatte bei Toyota um eine vorzeitige Auflösung des Motorenvertrags gebeten - im Nachhinein goldrichtig, schließlich ist der japanische Automobilhersteller Ende 2009 aus der Königsklasse ausgestiegen. Doch Parr war nicht zum Flirten mit Mercedes-Sportchef Norbert Haug in Nürnberg, wie damals alle vermuteten, sondern vielmehr auf Wolffs Einladung hin.#w1#

Denn was viele nicht wussten: Wolff verhandelte hinter den Kulissen über einen Einstieg als Anteilseigner beim britischen Team. "Zu dem Zeitpunkt war der Deal eigentlich schon ziemlich weit", erinnert sich der Österreicher. "Es war eine Freundschaftseinladung meinerseits, aber es ging auch darum, wieder eine positive Stimmung zwischen Norbert Haug und Adam Parr zu erzeugen, die sich damals im Rahmen dieser FOTA-Abspaltungsgeschichten in die Haare geraten sind. Das wollte ich mit diesem Freundschaftsbesuch wieder glätten."

Ein halbes Jahr lang verhandelt

Seine Gespräche mit Williams hatten bereits im April 2009 begonnen und wurden sieben Monate später, am 19. November, offiziell kommuniziert. Es ist für Formel-1-Verhältnisse hochgradig ungewöhnlich, dass die Verhandlungen über einen so langen Zeitraum ohne mediales Brimborium abgewickelt werden konnten. Doch die Williams-Granden, Wolff und Vermittler Colin Kolles bewahrten ihr Stillschweigen, sodass die Pressemitteilung zum Teilverkauf tatsächlich eine der wenigen war, von denen im Vorfeld nur ganz wenige Personen außerhalb des betroffenen Kreises etwas wussten.

"Ich kannte Frank Williams davor nur von einem Mittagessen, mehr nicht. Er hätte sich daran wahrscheinlich gar nicht erinnern können", so Wolff. Irgendwann habe dann aber Colin Kolles Kontakt zu ihm aufgenommen "und hat mir gesagt: 'Schau dir doch mal die Firma an. Die haben ein Generationsthema und Adam Parr ist ein Tüchtiger, der den Laden gut managt. Sponsortechnisch sind sie gut aufgestellt. Das müsste dich interessieren, oder?'"

"Eigentlich hat es mich nicht interessiert, weil ich nicht an das Businessmodell Formel 1 geglaubt habe. Ich habe gesagt: 'Wenn, dann machen wir das an einem Tag, an dem ich sowieso in London zu tun habe, und dann nehme ich mir halt einen Halbtag frei.' Gesagt, getan - irgendwann haben wir einen Termin gefunden und ich bin hingefahren, nach dem Motto, einen halben Tag Spaß zu haben und mir eine Formel-1-Fabrik anzuschauen", sagt der 38-Jährige, immer noch Motorsportler aus Leidenschaft.

Toto Wolff

Ehrfürchtig: Toto Wolff in der Fabrik des Williams-Teams im britischen Grove Zoom

Doch zu seinem eigenen Erstaunen nahm die Angelegenheit durch das Treffen tatsächlich Fahrt auf: "Ich war mit Adam Parr sofort auf einer Wellenlänge. Wir haben das Resource-Restriction-Agreement besprochen und welchen Impact das auf die Teams hat. Ich habe mir die gesamte Managementstruktur angeschaut und hatte Gelegenheit, mit allen zu sprechen. Die hatten das glaube ich schon im Sinn, in diese Richtung zu gehen - ich habe es viel weniger ernst gemeint eigentlich..."

"Ich habe es in den Verhandlungen immer so gesehen: 'Will ich das machen? Ich weiß nicht. Wenn ich es nicht mache, geht die Welt auch nicht unter'", so Wolff. Nicht auf einen Deal angewiesen zu sein, ist für Verhandlungen immer eine gute Voraussetzung. Zudem darf man annehmen, dass Wolff einen guten Deal für sich ausgehandelt hat, denn als er Ende 2007 Gelegenheit hatte, mit HWA, einer Daimler-Tochter, die auf Motorsport spezialisiert ist, Toro Rosso zu übernehmen, schlug er diese aus.

"Es stimmt, HWA war vor zwei, drei Jahren mit Toro Rosso im Gespräch", bestätigt der am Bodensee lebende Wahlschweizer. "Wir haben genau analysiert, ob wir das machen wollen, aber wir sind zum Schluss gekommen, dass wir es nicht wollen, weil das Umfeld komplett sinnlos ist. Ich kann nicht mit einem privaten Team anstinken gegen Konzerne, die 300 Millionen Euro Budget haben - und das jedes Jahr aufs Neue. Das als Kostenstelle in der Bilanz zu verbuchen, bringt überhaupt nichts. Für das Ego machen wir es nicht, also haben wir es verworfen."

Wolff verbringt heute eigenen Angaben nach "50 bis 60 Prozent" seiner Zeit mit den nicht-operativen Tätigkeiten bei Williams und HWA. "Es geht bei beiden zu viel Zeit drauf", seufzt er. Bei Williams sieht er sich als "nicht-operativen Direktor. Ich bin aber jetzt operativer, als ich es mir am Anfang gewünscht hätte." Genau wie Frank Williams und Patrick Head gehört er dem siebenköpfigen Vorstand an, über den seit März Adam Parr den Vorsitz hat.

Kein Interesse am Posten als Teamchef

"Ich möchte das operative Tagesgeschäft nicht machen. Das ist die Rolle des Adam Parr", stellt Wolff klar. "Deswegen habe ich das Investment gemacht - weil ich glaube, dass er das gut kann. Die Weichenstellungen, wenn mir etwas nicht gefällt, passieren nicht an den Rennwochenenden, sondern unter der Woche in England und bei den Boardmeetings. Deswegen kann ich vor Ort an der Strecke nicht viel mehr machen, als Zuschauer zu sein, wenn nicht irgendwelche Meetings anstehen. Die Zeit verbringe ich lieber mit meinen Kindern und schaue es mir im Fernsehen an."

Dass die Rolle des Beobachters hilfreich sein kann, um Schwächen von außen aufzudecken, sei nur bedingt zutreffend: "Die Beobachterrolle ist nur eine, wenn man beobachten kann, ohne selbst beobachtet zu werden", findet Wolff. "Dadurch, dass ich selten zu den Grands Prix komme, kann ich mir nicht den Freiraum schaffen, um mir alles anzuschauen. Wenn ich in die Box hineinmarschiere, dann schauen alle auf mich. Dadurch habe ich auch keinen guten Überblick. Andererseits könnte ich auch gar nicht beurteilen, ob der Ablauf stimmt oder nicht."

Persönlich vor Ort war er in diesem Jahr bei den Grands Prix in Bahrain, Spanien und Großbritannien, zudem sind Besuche in Deutschland und bei "ein bis zwei weiteren Rennen" geplant oder möglich. Doch Wolff, der von Frank Williams als "sehr smarter junger Mann, sehr intelligent" beschrieben wird, weiß genau, dass er sich keinen Gefallen damit tun würde, sich selbst ins Rampenlicht zu rücken. Stattdessen hält er sich im Hintergrund, macht sich von allem ein Bild - um dann im richtigen Moment die richtigen Schritte setzen zu können.

¿pbvin|512|210||0|1pb¿Dass er seinen Minderheitsanteil an Williams eines Tages ausbauen könnte, ist keineswegs ausgeschlossen. Derzeit hält er eigenen Angaben nach "zwischen zwei und 40 Prozent". Außerdem ist bekannt, dass Frank Williams und Patrick Head beide proportional zu ihrem 70:30-Verhältnis an Wolff verkauft haben und dass Williams immer noch "weit mehr als 50 Prozent" kontrolliert. Das bedeutet rechnerisch, dass Wolffs Anteil maximal bei knapp 28,5 Prozent liegen kann. Branchenkenner schätzen ihn auf derzeit acht bis 14 Prozent.

Die Betonung liegt dabei auf "derzeit", denn: "Ich würde zur allgemeinen Verwirrung beitragen, wenn ich heute sage, ich halte zehn Prozent, morgen sind es dann schon 20 und übermorgen vielleicht 40. Also haben wir gesagt, wir lassen zwei Jahre ins Land ziehen. Dann werden wir sagen, wie ich plane, diese Beteiligung auszuweiten. Aber es ist eine klare Minderheitsbeteiligung." Für die es freilich im Vertrag festgelegte Optionen zur Erweiterung gibt, sofern alle Beteiligten dies wollen.

Nicht ausgeschlossen also, dass Wolff der neue "Mr. Williams" wird, denn Williams ist inzwischen 68, Head 64 Jahre alt. Über seinen Sohn Jonathan sagt Williams selbst, dass er für die Formel 1 nicht hart genug ist, während Tochter Claire die Presseabteilung leitet. Eine familieninterne Nachfolgeregelung kommt also eher nicht in Frage. So gesehen könnte Wolffs Einstieg bei Williams in einigen Jahren noch viel signifikantere Konsequenzen haben, als dies derzeit abzusehen ist.

"Die beiden sind sehr intelligent in ihrem strategischen Denken", lobt er seine britischen Geschäftspartner. "Sie wollten die Kontrolle damals nicht an BMW abgeben, weil sie noch voll im Saft und in ihrem Element waren. Aber die Jahre vergehen. Jetzt sind sie an einem Punkt angelangt, wo sie im Sinne der Firma und aus Verantwortung den Mitarbeitern gegenüber das weitere Bestehen des Unternehmens sichern müssen."

Nachfolgeregelung bei Williams eingeleitet

"Diese Schritte haben sie eingeleitet. Sie werden sich das Ruder nicht so schnell aus der Hand nehmen lassen, aber wir haben ohnehin ein sehr freundschaftliches und ausgeglichenes Verhältnis. So funktioniert das reibungslos", berichtet Wolff. "Es ist geplant, dass ich meine Beteiligung ausbaue, wenn ich das möchte. Wenn sich das Thema wirtschaftlich so entwickelt, wie ich mir das erhoffe, werde ich das machen. Wenn nicht, dann werde ich es nicht machen."

Die logische Konstellation für die Zukunft von Williams wäre: Toto Wolff als Haupteigentümer, Adam Parr als Leiter des Tagesgeschäfts plus ein neuer Mann als Teamchef am Kommandostand. Theoretisch denkbar? "Ja", entgegnet Wolff. "Wenn wir zehn Jahre im Voraus denken, könnte so etwas passieren." Allerdings müsse man mit solchen Prognosen vorsichtig sein, schließlich könne sich in einigen Jahren eine Menge ändern, gerade im schnelllebigen Formel-1-Business.

Wolff hat zwar einen motorsportlichen Hintergrund, sieht sich aber heute in erster Linie als Finanzinvestor, der nach den Regeln der Vernunft handelt: "Mir ist nur wichtig, dass ich mich nicht zu sehr von der Emotionalität treiben lasse und dann vielleicht unvernünftige Dinge mache", antwortet er auf die Frage, ob sein Herz mehr an Williams hängt als an seinen anderen Investments. Doch Williams und Head sind bekannt dafür, dass sie reinen "Finanzgeiern" skeptisch gegenüberstehen.

Susie Stoddart und Toto Wolff

Mit DTM-Pilotin Susie Stoddart ist Toto Wolff seit einigen Wochen verlobt Zoom

Wolff wird von Williams als ideale Mischung aus "Petrolhead" und Geschäftsmann gesehen: "Denen ist natürlich wichtig, dass ich als Shareholder eine engagierte Rolle übernehme. Da bin ich gerade in einer Selbstfindungsphase, ob ich das möchte - und wenn ja wie. Es könnte gehen von einem vollen operativen Involvement bis hin zu einer reinen Finanzbeteiligung, wo ich mich mit dem Management sehr wohl fühle und nur einmal im Monat zu einem Boardmeeting nach England fliege. Das weiß ich aber noch nicht. Das ergibt sich auch aus der Beteiligungshöhe, die ich in den nächsten Jahren eingehen werde."

"Mein Glück war, dass ich die Komponente des Finanzinvestors mit einbringen kann, auf der anderen Seite aber einen profunden Motorsport-Background habe und mich auskenne, ohne mich einzumischen", erläutert er. "Ich bin kein Fernandes oder wie sie alle heißen, die alle ein Formel-1-Team leiten wollen. Mein Geschäft ist Private Equity. Das hat sie einfach angesprochen. Andere wollten entweder die Mehrheit am Team oder waren russische Oligarchen, die sich aus undefinierbaren Gründen einkaufen wollten."

Dass BMW in Grove abgeblitzt ist, ein junger Österreicher aber nicht einmal fünf Jahre später mit offenen Armen empfangen wird, spricht Bände. Aber Wolff will diese Tatsache nicht nur als Kompliment an seine Kompetenz verstanden wissen, sondern sagt bescheiden: "Ich glaube, dass der Zeitpunkt einfach gestimmt hat, von ihrem Alter her, dass sie gesagt haben: 'Jetzt sind wir reif für solche Gespräche.'"

Noch bemerkenswerter ist der Umstand, dass Williams/Head den Deal anscheinend mehr wollten als Wolff selbst, der seinen eigenen Schilderungen nach eher ins Team "hineingestolpert" ist, als ein solches Engagement konkret anvisiert zu haben. Philosophisch sagt er: "Ich glaube, dass man im Leben sowieso in die Dinge hineinstolpert und sie sich nicht ergeben, weil man darauf abzielt. Das ist eine Variante, die bei mir nie so stattgefunden hat. Ich bin auch in HWA reingestolpert, genau wie in Williams."

Im Konzert der Großen

Und so kommt es, dass er plötzlich von Frank Williams um seine Meinung gebeten wird und bei Formel-1-Geschäftsführer Bernie Ecclestone am Mittagstisch sitzt. Für einen, der 1990 als mäßig begabter Formel-Ford-Fahrer begonnen hat, ist das eine "irgendwie skurrile" Entwicklung: "Ich muss mich in verschiedenen Situationen immer wieder zwicken, ob das jetzt real ist oder nicht, weil ich natürlich Ecclestone, Williams und wie sie alle heißen immer bewundert habe", lächelt Wolff.

"Plötzlich hörst du die komischen Schmähs beim Mittagessen oder es wird bei Meetings nach meiner Meinung gefragt. Das sind die Momente, wo ich mir sage, das muss ich bewusst genießen", fährt er fort. "Aber dann muss ich mich auch wieder auf den Boden der Tatsachen bringen, denn ich war immer schon Motorsportfan, aber wir sprechen bei der Formel 1 von der größten Motorsportbrand der Welt."

"Andererseits sind die Teams und Firmen, die dort agieren, nicht viel mehr als mittlere Mittelständler, die halt zufällig in der Formel 1 tätig sind. Es gibt in Österreich 1.000 Unternehmen, die größer sind, professioneller organisiert und viel höhere Gewinne abliefern als die ganz tollen Namen McLaren, Williams und wie sie alle heißen. Die Realität ist so, dass es zwar scheint und glitzert, aber das wird eben zum Glitzern gebracht vom Promoter - und nicht weil alle handelnden Personen Top of the Edge sind", sagt der Familienvater.

Toto Wolff

Gelegentlich setzt sich Toto Wolff noch zu Testzwecken in DTM-Autos Zoom

Was viele nicht wissen: Lange bevor der gebürtige Wiener im Private-Equity-Bereich Millionen verdiente sowie Miss Austria Patricia Kaiser und DTM-Beauty Susie Stoddart schöne Augen machen konnte, versuchte er sich selbst als Rennfahrer. Zwischen 1991 und 1994 fuhr er in der Österreichischen, Deutschen und Neuseeländischen Formel-Ford-Meisterschaft. Damals begegnete er Kollegen wie Alexander Wurz, der ihm immer einen Schritt voraus war, und Nick Heidfeld, der gerade anfing und eine Klasse unter ihm fuhr.

Heidfeld sei "schon damals als einziger Formel-Ford-1.600-Fahrer" in der Lage gewesen, "mit den großen 1.800ern mitzufahren, wenn es geregnet hat", erinnert sich Wolff, der seine Formelkarriere im Mai 1994 an den Nagel hängte - allerdings nicht wegen des tödlichen Unfalls von Ayrton Senna in Imola, wie man vermuten könnte, sondern "weil mein Hauptsponsor (Alu König Stahl; Anm. d. Red.) gleichzeitig der Hauptsponsor von Karl Wendlinger war. Nach dem Unfall von Karl in Monaco hat sich dieser Sponsor komplett zurückgezogen."

"Sie haben damals einen Jungen und einen Arrivierten gesponsert, also mich und Karl. Der Eigentümer hat gesagt, er macht meine Saison zu Ende, aber er hört dann auf, weil er das nicht mehr möchte", so der 38-Jährige. "Für mich wäre die Formel 3 der nächste größere Schritt gewesen, auch geldtechnisch. Da war mir klar, dass es absolut keinen Sinn macht, weiterzufahren. Im Juni 1994 habe ich dann die Entscheidung getroffen, ganz aufzuhören - erstens aus dem finanziellen Grund, zweitens weil ich gesehen habe, dass ich es wahrscheinlich sowieso nicht ganz hinauf schaffen würde."

"Das wesentliche Schlüsselerlebnis war Alex Wurz, den ich damals gut kennengelernt habe und der in weiterer Folge auch ein Freund geworden ist. Er hatte alles: Er war um zwei Jahre jünger, was in dem Alter ein wesentlicher Unterschied ist, und er hatte den wesentlich besseren Unterbau, einen wesentlich besseren finanziellen Background in seinem Netzwerk. Das hätte ich alles noch verkraften können, aber er ist schlichtweg besser Auto gefahren. Meine besten Leistungen haben gereicht, im Feld der Besten mitzufahren und vielleicht auch mal vorne dabei zu sein, aber nie um irgendwas wirklich zu dominieren", gibt Wolff offen zu.

Geld regiert die Welt...

Die Saison 1995 hätte nur mit einem Aufstieg in die Formel 3 Sinn gemacht, doch dafür hätte er 350.000 D-Mark locker machen müssen. Zum Vergleich: Eine Saison in der Österreichischen Formel Ford kostete 400.000 Schilling (knapp 60.000 D-Mark), eine Formel-Ford-Saison in Deutschland ungefähr das Doppelte. Da das ohne Sponsor nicht mehr zu bezahlen war, wechselte Wolff lieber ins Berufsleben.

"Bei uns hat es überhaupt keine finanziellen Möglichkeiten gegeben. Mein Vater ist relativ früh gestorben, als ich 15 war. Meine Mutter ist Ärztin, mittlerweile pensioniert. Das hat nicht für große Sprünge gereicht, geschweige denn für einen Sport wie den Motorsport", gewährt er Einblicke in seine Kindheit und Jugend. Seine Schulbildung war ohnehin solide: Matura (Abitur) an der Französischen Schule in Wien, anschließend studierte er an der Wirtschaftsuniversität Wien.

Doch statt das Studium abzuschließen, stürzte er sich ins richtige Leben: "Es kam das Ende im Motorsport und auch die Entscheidung, dass ich gleich arbeiten wollte, weil ich einfach kein Geld hatte. Also habe ich als Assistent eines Verkaufsleiters in einem stahlverarbeitenden Unternehmen in Wien (Koloman Handler; Anm. d. Red.) gearbeitet." Von da an ging es beruflich steil bergauf, bis zur Gründung der Investmentfirmen Marchfifteen und später Marchsixteen. Letztere ist heute so etwas wie die Vorzeigegesellschaft des Wolff-Portfolios.

Toto Wolff

Volle Konzentration im Cockpit für die Österreichische Rallye-Meisterschaft Zoom

"Der Name Marchsixteen ist einfach eine überlagernde Brand von einer Firmenstruktur, die irgendwann diesen Namen angenommen hat", erläutert der erfolgreiche Geschäftsmann. "Wir haben im Jahr 1998 mit Technologieinvestments begonnen. Ich habe das viele Jahre lang gemacht. Das war reines Private Equity, also tatsächlich Finanzinvestment mit einem Branchenfokus auf Technologie."

"Ich habe aber irgendwann wieder begonnen, zum Spaß Motorsport zu machen, bin dann in der FIA-GT gefahren", berichtet er. "Das war aber für einen Gentleman-Driver so lächerlich, dass ich irgendwann begonnen habe, Fahrermanagement zu machen. Ich habe versucht, mir die Besten herauszupicken und ihnen finanziell zu helfen. Darüber habe ich einen Vertrag gestülpt, der gelautet hat: 'Wenn du mal Geld verdienst damit, dann kann ich in Form einer Kommission mitprofitieren.'"

"So kam Bruno Spengler. Dann gab es einen Franzosen, Eric Salignon. Er war wahrscheinlich das größte Talent, das es damals gab, aber er ist am Kopf gescheitert. Dann kam Alex Prémat dazu, dem ich bis heute helfe. Valtteri Bottas ist eher ein Ausrutscher, denn ich habe eigentlich beschlossen, dass ich Fahrermanagement nicht mehr machen möchte, weil es vom Business-Case her ein absolut brotloser Beruf ist und nur Geld kostet", so Wolff.

Bottas ist ein 20-jähriger Finne, der 2008 die Formel Renault nach Belieben dominiert und 2009 und 2010 das Formel-3-Masters gewonnen hat. In der Formel-3-Euroserie liegt er derzeit hinter Eduardo Mortara und Marco Wittmann auf dem dritten Gesamtrang. Dass Bottas seit dieser Saison Williams-Testfahrer ist, ist angesichts der Wolff-Connection wohl kein Zufall, allerdings scheint er das Team auch mit seinem Talent überzeugt zu haben.

Projekt Bottas: Hartnäckigkeit setzt sich durch

Wolff erinnert sich: "Eines Tages stand der junge Valtteri an einem Herbsttag bei mir vor der Tür und wollte wissen, ob ich dafür in Frage komme, sein Manager zu werden. Da kam ein 17-Jähriger daher, der ein professionelles Assessment gemacht hat. Da habe ich mir gedacht, okay, das ist jetzt mal was anderes, aber ich möchte es selbst nicht machen. Also habe ich ihn an Mika Häkkinen und Didier Coton verwiesen."

Denn er selbst hatte zu jenem Zeitpunkt mit dem Kapitel Fahrermanagement eigentlich schon abgeschlossen: "Ich wollte es nicht machen, weil es einfach unbefriedigend war - einerseits vom Geld, aber andererseits erinnern sich Rennfahrer später oft nicht mehr daran, wer ihnen am Anfang geholfen hat." Doch dann fragte Timo Rumpfkeil von der Motopark-Academy beim DTM-Saisonauftakt in Hockenheim bei Wolff nach, ob er den Saisonauftakt der Formel Renault gesehen habe.

Bottas hatte die beiden Rennen mit 27 beziehungsweise 23 Sekunden Vorsprung gewonnen - "und das in Oschersleben", erinnert sich Wolff und fügt an: "Da habe ich Häkkinen angerufen und gefragt, ob sie den Burschen schon unter Vertrag haben." Denn nach seiner ersten Begegnung mit dem finnischen Nachwuchstalent hatte er diesem empfohlen, den ehemaligen Formel-1-Weltmeister und Coton aufzusuchen, die im Bereich Fahrermanagement professionell tätig sind. Von denen hörte Wolff aber nur, dass sie mit Bottas nicht weiterkommen.

Valtteri Bottas

Valtteri Bottas gilt als eines der größten Nachwuchstalente in der Formel 3 Zoom

"Also habe ich Valtteri angerufen und gefragt: 'Wie schaut es mit einem Vertrag aus?' Er meinte: 'Ich weiß nicht, was ich machen soll. Ich habe Häkkinen und Couton, ich habe die Renault-Leute um Bruno Michel und Gravity, die mir alles bezahlen, was ich will.' Da habe ich gesagt: 'Weißt du was? Ich berate dich erstmal, völlig unabhängig, und dann überlegst du dir, was du machst.' Ich habe ihm geraten, zu Gravity zu gehen, denn die hatten unlimitiert Geld, wie es damals ausgeschaut hat", sagt Wolff über die Firma des heutigen Renault-Teilhabers Gerard López.

Wolff riet Bottas, sich eine Bankgarantie für die nächsten vier Jahre zu besorgen und unabhängig zu bleiben. Dann war es wieder wochenlang still, "bis er wieder bei mir ankam und sagte, dass er es mit mir machen möchte. Ich habe ihm gesagt: 'Das ist nicht mein Hauptgeschäft. Du wirst irgendwann darunter leiden, dass ich mich nicht ausreichend um dich kümmern und dass ich nicht zu den Rennen kommen kann.'"

Doch Bottas gab nicht auf und schlug vor, dass Wolff das Management gemeinsam mit Häkkinen und Couton übernehmen soll. Eine perfekte Kombination: Häkkinen kann den Youngster fahrerisch beraten, Couton kümmert sich um alltägliche Dinge wie die Reiseplanung, das richtige Bekleben mit Werbestickern und die täglichen Problemchen, während sich Wolff primär strategisch einbringt. Zudem ist noch ein österreichischer Industrieller namens Willi Dörflinger an Bord.

Wolff und Dörflingers Firma CWD ist über ein Joint Venture mit Häkkinens und Coutons Firma Aces Management vernetzt. Dieses Netzwerk betreut derzeit neben Bottas auch noch DTM-Pilot Alexandre Prémat und unterstützt den österreichischen Formel-3-Fahrer Klaus Bachler, der ein Dörflinger-Schützling ist. Mit Mercedes-DTM-Star Bruno Spengler und Eric Salignon gibt es keine Verträge mehr. Doch bei aller Liebe zum Nachwuchsbereich schließt Wolff kategorisch aus, dass er eines Tages in der Bottas-Box stehen und seinem Fahrer den Helm reichen wird. Die Zeit der Willi Webers ist längst vorbei...

Gelegenheitseinsätze im Rallyeauto

Neben Williams, HWA und dem Fahrermanagement ist Wolff auch an der österreichischen Baumschlager Rallye und Racing GmbH (BRR) beteiligt, ein Motorsportunternehmen, das operativ von Rallyelegende Raimund Baumschlager geführt wird. Unter anderem betreibt BRR ein Red-Bull-Team auf P-WRC-Ebene. 2008 gelang mit Fahrer Andreas Aigner sogar der Gewinn des P-WRC-WM-Titels.

Für Wolff hat das BRR-Engagement aber noch ganz andere Vorzüge: "Ich fahre immer wieder hobbymäßig mit irgendwelchen Rallyeautos durch die Gegend, bin im letzten Jahr die Admont-Rallye und die Waldviertel-Rallye mit einem ?koda Fabia S2000 gefahren, aber das schon eher zum Gaudium. Dann habe ich beschlossen, ich lasse es ganz. Wenn ich wieder fahre, dann einen Test mit einem DTM-Auto oder eine Hobbyrallye, aber nicht mehr mit dem Anspruch, irgendwie konkurrenzfähig zu sein. Dieser Anspruch ist erschloschen", schließt er mit seiner Karriere als Rennfahrer nun endgültig ab.

Dieser Entschluss ist aber erst kürzlich gewachsen, denn noch 2009 wollte Wolff den alten Streckenrekord für die Nürburgring-Nordschleife (Niki Lauda in 6:58.4 Minuten) brechen. Sensationell erreichte er in einem von Land Motorsport vorbereiteten Porsche 911 GT3 RSR eine Bestzeit von 7:03.289 Minuten, ehe er in der Fuchsröhre abflog und sich eine schwere Gehirnerschütterung zuzog. Rekordhalter Lauda hatte die Aktion schon im Vorfeld als "Himmelfahrtskommando" bezeichnet...


Fotos: Williams, Großer Preis von Großbritannien, Sonntag


Heute sieht Wolff den Motorsport vor allem als Plattform für seine geschäftlichen Aktivitäten: "Selbst bei hartgesottenen Investoren kommt das Kind im Mann hoch, wenn sie zur Formel 1 eingeladen werden", grinst er. "Jemand, der mir am Vortag im Büro gegenübergesessen ist, den harten Macher gespielt hat und weltweit 20.000 Mitarbeiter kontrolliert, ist wie ein kleines Kind und freut sich tierisch, dass ein Formel-1-Auto vor ihm aus der Garage fährt und Rubens Barrichello mit ihm eine Cola trinkt."

"Wenn man am Montag überlegt, wie die Relationen sind, müsste man eigentlich sagen, dass sich Rubens Barrichello alle Finger abschlecken müsste, mit so einem Mann auf dem Tisch zu sitzen. Aber wir leben in einer von den Medien gesteuerten Welt und das, was uns verkauft wird, ist, dass wir glauben, dass dort die Sonne aufgeht. In Wahrheit ist die Formel 1 eine Rennserie, die halt sehr gut vermarktet wird und in der sich jeder gerne sonnen würde. Das ist es, das ist die Formel 1", gibt er zu Protokoll.

Doch auch im speziellen Umfeld der Formel 1 schließen sich die Deals nicht von selbst: "B2B funktioniert nur, wenn es wirklich B2B ist, also wenn der eine ein Business macht und der andere auch", weiß Wolff. "Das passiert nicht, wenn man einen einlädt und der sich freut wie ein Kind, dass er am Montag etwas Unvernünftiges macht, was ihm nicht entgegenkommt. Das funktioniert so nicht. Es ist als Plattform geeignet, um Leute einzuladen und ihnen das Thema näherzubringen, aber von einem Vertragsabschluss ist man genauso weit entfernt, wie wenn man jemanden auf den Opernball einlädt."

Übrigens: Wolff heißt eigentlich Christian, doch alle nennen ihn nur "Toto" - selbst in offiziellen Unterlagen wie der Williams-Pressemappe ist er als Toto Wolff ausgewiesen. Woher kommt dieser Spitzname eigentlich? "Der wurde mir als Kleinkind verpasst, weil mein echter Vorname Torger etwas skurril nach Wikingerhäuptling klingt", klärt der Geschäftsmann abschließend auf.

Toto Wolff im Kreuzverhör:

Geburtsdatum: 12. Januar 1972

Geburtsort: Wien

Wohnhaft in: Ermatingen am Bodensee

Familienstand: Verlobt mit DTM-Pilotin Susie Stoddart

Erstes Fahrzeug: VW Käfer

Aktuelles Fahrzeug: Mercedes ML

Erlernter Beruf: Verkaufsleiter

Im Motorsport involviert seit: Als Fahrer seit 1990, beruflich seit 2002

Größter beruflicher Erfolg: Meine größten geschäftlichen Erfolge habe ich Hans-Werner Aufrecht zu verdanken, weil er mir in diesem Bereich alle Türen geöffnet hat. Ich habe meine größten geschäftlichen Erfolge dadurch erzielt, dass ich ihn kennengelernt habe.

Größtes berufliches Ziel: Mit 80 abschließen und unterm Strich sagen zu können, dass es gut war!

Lieblingsfahrer und -team in der Formel 1: Ayrton Senna und Williams

Online oder Print? Online

Business- oder Economy-Class? Billige Business-Class

Boulevard oder Feuilleton? Feuilleton

Festgeld oder Optionsschein? Festgeld

T-Shirt oder Sakko? T-Shirt

Opernball oder Oktoberfest? Keines von beiden

Arbeit oder Hobby? Hobby

Lebensmotto: Am Ende wird zusammengerechnet!

Lieblingslektüre: Der Mönch, der seinen Ferrari verkaufte

Person, die ich am meisten bewundere: Gibt es keine

Person, mit der ich mal auf ein Bier gehen möchte: Meine Freunde

Geld bedeutet für mich... abgesichert zu sein.

Motorsport fasziniert mich, weil es gefährlich ist.

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