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  • 24.07.2015 08:05

  • von Rencken, Zimmermann & Nimmervoll

Jules Bianchis Tod rüttelt wach: "Darf nie wieder passieren!"

Welche Konsequenzen zieht die Formel 1 aus dem Unfalltod von Jules Bianchi? Den Piloten ist vor allem wichtig, dass sich das Szenario aus Suzuka niemals wiederholt

(Motorsport-Total.com) - 21 Jahre lang hatte die Formel 1 keinen Todesfall mehr zu beklagen. Nachdem Ayrton Senna 1994 in Imola sein Leben verlor, wurde die Königsklasse immer sicherer. Dabei gab es auch in den folgenden Jahren zahlreiche schlimme Unfälle. Formel-1-Fans dürften beispielsweise noch immer die Bilder der Abflüge von Alexander Wurz (Kanada 1998), Robert Kubica (Kanada 2007) oder Mark Webber (Valencia 2010) im Kopf haben. Den Piloten passierte nie etwas.

Titel-Bild zur News: Jules Bianchi

Welche Konsequenzen hat der Tod von Jules Bianchi für die Formel 1? Zoom

Die Formel-1-Autos schienen den Piloten die maximale Sicherheit zu bieten. Der Unfall von Jules Bianchi im Oktober 2014 zeigte, das dem nicht so ist. In der vergangenen Woche verstarb der Franzose an den Folgen des Unfalls. Plötzlich ist jedem wieder bewusst geworden, dass der Tod auch in der modernen Formel 1 noch immer mitfährt. Nun gilt es für die Königsklasse, aus Bianchis Tod zu lernen.

"Offenbar brauchen wir solche Unfälle leider", stellt Williams-Pilot Felipe Massa fest und erklärt: "Die wichtigste Sache ist nun, dass so etwas nicht noch einmal passiert." Manor-Marussia-Pilot Will Stevens erklärt: "Wir werden es niemals schaffen, dass es zu 100 Prozent sicher ist. Aber mit den Fortschritten, die wir in den vergangenen Jahren gemacht haben, ist es mittlerweile unglaublich sicher."

Kommt das geschlossene Cockpit?

"Der verbliebene Faktor, den es in einem offenen Cockpit immer geben wird, ist natürlich der Kopf. Das ist eine Sache, die wir uns ansehen müssen", so Stevens. Neu ist diese Erkenntnis nicht. In den offenen Cockpits der Formel-1-Boliden ist der Kopf das Körperteil, das am wenigsten geschützt ist. Eine Erfahrung, die auch Massa machte, als er in Ungarn 2009 von einer Feder getroffen wurde, die ein vor ihm fahrendes Auto verloren hatte.

"2009 fuhr ich hier in der GP2, als Felipe Massa seinen Unfall hatte", erinnert sich Romain Grosjean gegenüber 'Formula1.com' zurück und bezeichnet es als "Wunder", dass der Brasilianer diesen Vorfall nicht nur überlebte, sondern einige Monate später sogar wieder ins Cockpit zurückkehren konnte. Nach Bianchis Tod entbrennt nun erneut eine Diskussion, die es auch damals schon gab: Es geht um geschlossene Cockpits.

"Ich persönlich denke, dass es auch dabei ein gefährliches Element gibt, wenn du schnell raus musst. Damit erschafft man andere Probleme, es gibt also Vor- und Nachteile", warnt Stevens allerdings vor einem Schnellschuss. Massa selbst ist zwar "nicht komplett dagegen", allerdings warnt er davor, dass man den Charakter der Formel 1 durch so eine tiefgreifende Änderung nicht gefährden dürfe.


Fotostrecke: Die Karriere von Jules Bianchi

"Ich habe Fotos gesehen. Es sieht cool aus", findet Weltmeister Lewis Hamilton derweil. "Ob es funktioniert oder nicht, kann ich nicht beurteilen. Aber ich bin nie dagegen, etwas zu ändern, solange es die Sicherheit verbessert und das Racing nicht darunter leidet. Und der Spaß darf nicht verloren gehen. Wenn es eines Tages ein Couch-Rennen wird, dann kann ich auch gleich zu Hause bleiben."

"Ich habe Fotos gesehen. Es sieht cool aus." Lewis Hamilton

Die Folgen eines "einzigartigen" Unfalls

"Im Laufe der Zeit vergisst man solche Dinge. Außerdem hat sich der Sport entwickelt, und alles ist sicherer geworden", ergänzt Daniel Ricciardo und erklärt: "Deshalb und wegen des Zeitraums rückt das in den Hintergrund. Wir sprechen zwar in den GPDA-Treffen nach wie vor viel über die Sicherheit, und die älteren Fahrer machen immer wieder Anmerkungen, wenn sie etwas auf der Strecke sehen, was nicht passt."

"Als junger Fahrer denkt man dann, dass ohnehin nichts passieren wird und dass wir endlich Rennfahren sollten. Ich finde es wirklich gut, dass Alex Wurz jetzt unser Vorsitzender ist. Er hat viel Erfahrung, und seine Reife hilft uns sehr", so der Australier. "Es ist wirklich traurig, dass wir jetzt wieder mit den Gefahren konfrontiert wurden. Nun ist es meiner Generation passiert, was natürlich nicht schön ist, aber wir müssen alles dafür tun, dass so etwas nicht mehr passiert."

"Es war einerseits ein einzigartiger Unfall. Wenn da nur ein Reifenstapel gestanden hätte, dann wäre er jetzt wahrscheinlich in Ordnung. Andererseits hatten wir hier einen so dummen Unfall mit so schlimmen Konsequenzen. Es ist immer einfach zu sagen, dass das hätte verhindert werden können, was die Geschehnisse auf der Strecke und das Wetter anbelangt, aber es ist passiert."


Fotostrecke: Tödliche Unfälle in Formel-1-WM-Rennen

"Zumindest wissen wir jetzt, dass es so eine Situation nie mehr geben wird, dass ein Rennen bei solchen Bedingungen weiterläuft, wenn ein Traktor auf der Strecke ist", so Ricciardo. Doch welche Auswirkungen hat Bianchis Tod auf der Psyche der Piloten? Für allem für die jungen Fahrer ist der Verlust eines Kollegen ein völlig unbekanntes Gefühl, das sie bisher noch nicht einmal aus dem Fernsehen kannten.

"Als junger Fahrer denkt man dann, dass ohnehin nichts passieren wird." Daniel Ricciardo

Ein fast schon vergessenes Gefühl

"Einige Piloten waren noch gar nicht geboren, als Ayrton gestorben ist", erinnert Grosjean und nennt Beispiele: "Schaut euch nur Max Verstappen (17 Jahre; Anm. d. Red.) oder Carlos Sainz (20) an. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, ich war acht Jahre alt. Wir hatten sehr viel Glück, dass seit 21 Jahren nichts passiert war, obwohl wir hart gegeneinander fahren."

"Was die Einschätzung der Risiken angeht, ändert sich nichts", vermutet Teamchefin Monisha Kaltenborn allerdings. Bei Sauber hat sie mit Marcus Ericsson und Felipe Nasr ebenfalls zwei junge Piloten unter Vertrag. "Die Formel 1 ist eben ein Sport, der mit gewissen Risiken behaftet ist. Es ist sehr tragisch, wenn ein junger Fahrer auf diese Weise sein Leben verliert. Das sollte aber eher den Leuten zu denken geben, die meinen, wir sollten den Sport riskanter machen", mahnt sie.


Fotos: Großer Preis von Ungarn


"Bei der Formel 1 geht es nicht um Risiko. Die Herausforderung ist auf der Strecke ohnehin enorm groß. Ich glaube, dieser tragische Unfall und Tod eines so jungen und talentierten Fahrers sollte dazu führen, dass Diskussionen, den Sport riskanter zu machen, völlig fehl am Platz sind. Denn so ziehen wir auch die jungen Leute nicht an. Diese Zeiten sind lange vorbei", erklärt Kaltenborn.

"Bei der Formel 1 geht es nicht um Risiko." Monisha Kaltenborn

Die Gefahr gehört dazu

Grosjean ergänzt jedoch: "Ich denke, dass es zu unserer Karriere dazugehört, dass wir Risiken eingehen. Ganz besonders, wenn du in einem Formel-1-Auto so schnell um die Kurven fährst, musst du mit deinen Gedanken zu 100 Prozent im Auto sein. Du darfst nicht darüber nachdenken, was passieren könnte. Du gibst einfach dein Bestes. Wir wissen, dass es ein gefährlicher Sport ist."

Auch Massa glaubt nicht, dass die Piloten im Auto nun plötzlich Zweifel bekommen werden. "Du willst der Beste sein und das Rennen als Erster beenden. Du möchtest dein Bestes geben und ich denke nicht, dass sich die Überholmanöver oder die Fahrweisen jetzt ändern werden. Als ich hier meinen Unfall hatte, da erinnerte ich mich schon gar nicht mehr daran, als ich das nächste Mal wieder hier fuhr", erklärt der Brasilianer.

"Man denkt nicht darüber nach. Wenn du aus dem Auto aussteigst, denn denkst du vielleicht an Jules oder andere Sachen. Aber wenn ich fahre, dann denke ich nicht an meinen Unfall. Ich denke nicht einmal darüber nach, dass ich eine Mutter, einen Vater, einen Sohn und eine Frau habe. Du denkst nur an deinen Job, und ich glaube nicht, dass sich das ändern wird", so Massa.


Fotostrecke: Unfall von Jules Bianchi

Le-Mans-Sieger Nico Hülkenberg sieht es ähnlich und erklärt: "Es führt uns wieder vor Augen, dass das, was wir tun, noch immer riskant ist. Ich denke, dessen muss man sich bewusst sein. Manchmal trifft man im Auto selbst die Entscheidung, wie groß das Risiko ist, das man eingehen möchte. Für mich persönlich wird sich nicht viel ändern."

"Für mich persönlich wird sich nicht viel ändern." Nico Hülkenberg

"Es kann an jedem Tag passieren"

Force-India-Teamkollege Sergio Perez ergänzt: "Wenn so etwas passiert, dann wird dir wieder bewusst, dass das Risiko sehr hoch ist. Aber wir lieben, was wir tun. Wenn einem Kollegen so etwas passiert, dann wissen wir, dass wir das auch selbst sein könnten. Aber es verändert eigentlich nichts. In der Vergangenheit hatte ich ebenfalls Unfälle und du weißt, dass das Risiko da ist. Es kann an jedem Tag passieren. Sobald du einmal im Auto sitzt, ist das Risiko sehr hoch. Es ändert sich aber nichts."

"Das virtuelle Safety-Car ist schon einmal eine gute Sache, um solche Situationen wie die mit Jules zu verhindern", findet Sauber-Pilot Felipe Nasr, "aber wir Piloten müssen diese Situationen auch erkennen. Bei schwierigen Bedingungen müssen wir selbst wissen, was das Beste und das Sicherste für uns ist. Aber wenn wir fahren, dann denken wir nicht darüber nach."

Manor-Marussias Roberto Merhi berichtet von einem Vorfall vor wenigen Wochen: "Ich fuhr hier (in Ungarn) mit der World Series und ein Auto crashte Ausgangs der schnellsten Kurve. Da kam ein Traktor, um das Auto zu bergen. Als ich diese Situation und die Gelbe Flagge gesehen habe, da bin ich sofort deutlich langsamer gefahren. In der Vergangenheit wäre ich vielleicht nicht so langsam gefahren."


Fotostrecke: Das Wochenende des Jules Bianchi

"Du hast mehr Angst, dass etwas passieren könnte. Ehrlich gesagt fühlte ich mich in dieser Situation nicht gerade wohl", gibt der Spanier zu. Die Formel 1 erlebte am 17. Juli 2015 ihren ersten Todesfall seit mehr als 21 Jahren. Es war der längste Zeitraum in der Geschichte der Königsklasse, in dem kein Pilot bei einem Grand Prix tödlich verunglückte. Welche Lehren die Formel 1 aus dem Tod von Jules Bianchi ziehen wird, bleibt allerdings zunächst abzuwarten.

"Du weißt, dass das Risiko da ist." Sergio Perez