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Formel-1-Countdown 2008: Honda

Honda hat sich für die Zukunft enorm verstärkt, aber 2008 erwarten unsere Experten für die Japaner ein weiteres Lehr- und Übergangsjahr

(Motorsport-Total.com) - Am 16. März beginnt mit dem Grand Prix von Australien in Melbourne die neue Formel-1-Saison. 'Motorsport-Total.com' veröffentlicht aus diesem Anlass jeden Tag einen Artikel aus der Countdown-Reihe - zu den fünf deutschen Stammfahrern und den elf Teams. Heute: Honda.

Alexander Wurz

2008 wird für Honda wahrscheinlich ein weiteres Lehr- und Übergangsjahr

In den 1980er- und 1990er-Jahren gab es eine Faustregel: Alles, was Honda in der Formel 1 anfasst, wird zu Gold - man denke nur an die legendäre Saison als Motorenpartner von McLaren 1988, als Ayrton Senna und Alain Prost 15 von 16 Rennen gewinnen konnten. Nach dem letzten Sieg durch Gerhard Berger im Jahr 1992 zogen sich die Japaner aber vorübergehend aus der Königsklasse zurück, ehe sie 2000 zunächst als Motorenpartner von BAR zurückkehrten.#w1#

Honda hat seit 2006 das alleinige Sagen

Jenson Button

Historischer Moment: Hondas bisher letzter Sieg im Regen von Ungarn 2006 Zoom

Das erste Podium gelang Jacques Villeneuve schon 2001 beim Spanien-Grand-Prix, aber der erhoffte Durchbruch blieb aus. Nachdem David Richards dann beim Team aus Brackley ausgemistet hatte, übernahm Honda beginnend mit der Saison 2006 die volle Kontrolle - und schaffte beim Regenrennen in Ungarn prompt den ersten Grand-Prix-Sieg. 2007 folgte jedoch der Absturz in die Bedeutungslosigkeit.

Alarmiert durch diese Abwärtsbewegung schickte Teamchef Nick Fry in den vergangenen Monaten seine Headhunter aus, verpflichtete mehrere neue Ingenieure - allen voran Loïc Bigois von Williams und Jörg Zander vom BMW Sauber F1 Team - und holte zu guter Letzt auch noch Ex-Ferrari-Mastermind Ross Brawn in die Formel 1 zurück. Fry selbst wird sich künftig mehr um die kommerziellen Belange kümmern, Brawn hat als Teamchef sportlich das Sagen.

Mit dieser Umstrukturierung hat Honda indirekt zugegeben, dass es im Nachhinein betrachtet wohl doch ein Fehler war, Geoff Willis zu entlassen und stattdessen Shuhei Nakamoto als Technischen Direktor zu nominieren, denn auf Willis' 2006er-Topauto folgte 2007 der Nakamoto-Flop. Nakamoto wurde intern zwar nicht entmachtet, arbeitet nun aber weniger am RA108 selbst als vielmehr an der Vernetzung der technischen Ressourcen beim Team in Brackley und beim Honda-Konzern in Japan.

2008 wohl nur ein Lehr- und Übergangsjahr

Alexander Wurz

Alex Wurz soll sich mit seiner Erfahrung als Testfahrer helfend einbringen Zoom

Doch so viel versprechend diese Änderungen auch klingen mögen, so wurde der RA108 doch weitgehend von den gleichen Leuten gebaut wie der krankhaft erfolglose RA107. Daher fragt sich unser Formel-1-Experte Marc Surer: "Wieso sollte es jetzt besser werden? Ross Brawn hat da eine große Aufgabe vor sich. Es sind aber ein paar neue Leute da: Jörg Zander halte ich für sehr wichtig und Alex Wurz wird auch die Wahrheit sagen, denn der weiß, wie sich ein gutes Auto anfühlt."

Wurz ist ein gutes Stichwort: Der Österreicher wurde nach seinem Rücktritt als Rennfahrer per SMS von Fry kontaktiert und ließ sich auf einen langfristigen Testfahrervertrag ein. Mit seinem versierten Feedback konnte er schon bei den ersten Wintertests überzeugen und wertvollen Input auf Elektronikseite liefern - und was man bei Honda besonders schätzt: Der 34-Jährige hat keine Grand-Prix-Ambitionen mehr und kann sich daher voll auf seinen Entwicklerjob konzentrieren.

Mängel werden zu wenig direkt angesprochen

Jenson Button

Noch ist bei Honda nicht alles perfekt: Defekt bei Jenson Button im Winter Zoom

Diesbezüglich gibt es genug zu tun: "Ich höre, dass das Auto auf der Bremse schon ein bisschen besser liegt und so weiter. Aber da muss ich sagen: Hey, ihr müsst nicht auf der Bremse ein bisschen besser werden, sondern einen Riesenschritt machen! Das müssen die einfach offen ansprechen", so Surer, der sich ein wenig darüber wundert, dass Honda die zweifellos katastrophalen Wintertests offiziell immer wieder schöngeredet hat.

Auch 'Motorsport-Total.com'-Experte Sven Heidfeld sieht Honda weiterhin in der Krise: "Honda scheint genau an der Stelle stehen geblieben zu sein, wo sie im vergangenen Jahr aufgehört haben. Ich habe keine Erklärung dafür. Ob es jetzt ein falscher Windkanal ist oder sie falsche Wege einschlagen oder falsches Personal einsetzen - ich weiß es nicht." Und: "Man wird mit Leuten wie Brawn oder Wurz auf die Dauer nach vorne kommen, aber nicht kurzfristig. Das dauert generell zwei bis drei Jahre."

"Es zeigt sich auch immer wieder, dass heute ein Mann alleine nicht mehr reicht. Siehe das Beispiel Adrian Newey bei Red Bull. Es ist immer ein Konstrukt von vielen guten Leuten. Um es in der Fußballersprache zu sagen: Ein neuer Stürmer reicht nicht, du musst eigentlich eine ganze Mannschaft kaufen. Ich traue das Ross Brawn aber zu", analysiert der Bruder von Nick Heidfeld und ehemalige Formel-3000- und Formel-3-Pilot.

Experten erwarten stetige Fortschritte

Ross Brawn und Rubens Barrichello

Der große Hoffnungsträger Ross Brawn im Gespräch mit Rubens Barrichello Zoom

Auch Surer nickt zustimmend, sieht Honda nicht dauerhaft im hinteren Drittel des Feldes: "Honda wird Schritt für Schritt nach vorne kommen, das glaube ich schon. Brawn wird man spüren, auch Zander und Wurz sind für mich sehr wichtige Steine dabei. Die Frage ist: Wie schlecht ist das Auto? Kann man es mit Änderungen zum Laufen bekommen oder ist es so ein Flop wie im Vorjahr, dass man machen kann, was man will, es aber trotzdem nichts bringt?"

Die bisherigen Testzeiten deuten jedenfalls darauf hin: Der RA108 ist nach Auswertung aller absolvierten Streckentage dieses Winters das langsamste aller 2008er-Autos - sogar noch hinter Force India und Co. Natürlich sind derartige Statistiken immer mit Vorsicht zu genießen, aber klar ist auch: So übergewichtig, dass Honda beim Saisonauftakt in Australien vorne mitmischen wird, kann das Team gar nicht gefahren sein...

Somit steht für die Fahrer Jenson Button und Rubens Barrichello, die beide schon Grands Prix gewonnen haben, wohl ein weiteres schwieriges Jahr ins Haus. Das birgt natürlich die Gefahr in sich, dass sie ihren Biss verlieren könnten, schließlich sind es beide nicht gewöhnt, der Konkurrenz hinterherzufahren. Gerade bei Barrichello kommt dazu, dass er sich am Ende seiner Karriere befindet und in diesem Jahr sogar Riccardo Patreses Rekord für die meisten Rennteilnahmen übertreffen wird.

Wie motiviert sind die Fahrer noch?

Rubens Barrichello

Routinier Rubens Barrichello hat für 2009 noch keinen Vertrag in der Tasche Zoom

Aber: "Barrichello setzt große Hoffnungen in die Arbeit mit Ross Brawn. Da fühlt er sich sicherlich gut aufgehoben", gibt Surer, selbst 82-facher Grand-Prix-Starter und heute unter anderem TV-Kommentator, zu Protokoll. "Außerdem kann ich mir vorstellen, dass er seine Karriere anders beenden möchte als im Vorjahr, insofern glaube ich doch, dass er schon noch einmal motiviert ist - einfach um einen schönen Abschluss in der Formel 1 zu schaffen."

"Jenson Button", fügt Heidfeld zum gleichen Thema an, "hat ganz bestimmt noch den nötigen Biss. Bei Rubens bin ich mir da nicht ganz so sicher. Ich glaube, er lebt von seinen früheren Erfolgen mit den Rennsiegen im Ferrari und von seiner immensen Erfahrung. Außerdem ist er ja als guter Teamplayer bekannt - er hat ja bei Ferrari hinter Michel Schumacher auch nur ab und zu mal ganz leise etwas gesagt."

Britisches Interesse an Button hat abgenommen

Honda-Fabrik in Brackley

An der gut ausgestatteten Fabrik in Brackley wird Honda sicher nicht scheitern Zoom

Button hingegen punktete im Vorjahr trotz der miserablen Resultate mit internen Führungsqualitäten, ohne nach außen hin für Wirbel zu sorgen. Aber laut Heidfeld ist die Situation für ihn trotzdem schwierig - auch wegen eines ganz anderen Faktors: "Er war in England der gefeierte Star, aber jetzt ist Hamilton da der neue Liebling. Keiner spricht mehr von Button. Das sind charakterbildende Jahre für ihn", so der Heidfeld-Bruder.

Während sich Button fahrerisch wahrscheinlich in den besten Jahren seiner Karriere befindet, steht Honda am Beginn einer Aufwärtsbewegung, die Brawn bis 2010 zum Abschluss bringen möchte. 2008 hat der Brite vor, die Situation genau zu analysieren, um dann 2009 mit neuem Reglement schon die ersten Früchte der Arbeit ernten zu können - und 2010 sollten dann schon die ersten absoluten Spitzenresultate drin sein.

An den technischen Voraussetzungen wird es jedenfalls nicht scheitern, denn sowohl finanziell wie auch vom Equipment her zählt Honda zu den Topteams in der Formel 1 - seit einiger Zeit sogar mit einem zweiten Windkanal. Brawns Hauptaufgabe für die nächsten Jahre ist es, diese Ressourcen richtig einzusetzen, um auch ganz konkret auf der Strecke schneller zu werden - denn dass Geld nicht gleicht Erfolg bedeutet, sieht man an Hondas Lieblingsgegner Toyota...

Saisonstatistik 2007:

Team:

Konstrukteurswertung: 8. (6 Punkte)
Siege: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Podestplätze: 0
Ausfallsrate: 22,857 Prozent (6.)
Durchschnittlicher Startplatz: 14,057 (8.)
Bisherige Testkilometer 2008 mit neuem Auto: 6.601 (8.)

Jenson Button (Startnummer 16):

Fahrerwertung: 15. (6 Punkte)
Durchschnittlicher Startplatz: 13,882
Bestes Ergebnis Qualifying: 6.
Bestes Ergebnis Rennen: 5.
Ausfallsrate: 35,294 Prozent (17.)
Bisherige Testkilometer 2008: 2.447 (18.)

Rubens Barrichello (Startnummer 17):

Fahrerwertung: 20. (0 Punkte)
Durchschnittlicher Startplatz: 15,059
Bestes Ergebnis Qualifying: 9.
Bestes Ergebnis Rennen: 9.
Ausfallsrate: 11,765 Prozent (6.)
Bisherige Testkilometer 2008: 2.266 (20.)

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