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Die Inside-Story zum geheimen Deal zwischen FIA und Ferrari

Kolumne von Chefredakteur Christian Nimmervoll: Wie Whistleblower Ferrari in die Bredouille gebracht haben und die Affäre noch viele Millionen kosten könnte

Mattia Binotto, Sebastian Vettel

Jetzt wird klar, warum Ferrari 2020 zu wenig Motorleistung argumentieren muss Zoom

Liebe Leser,

es war 15:30 Uhr, als Mattia Binotto am Freitagnachmittag in Barcelona vor die Presse trat. Ein eigentlich harmloser Medientermin. Er wiederholte vieles, was er schon einmal gesagt hatte. Dass andere schneller seien als Ferrari, dass er nicht davon ausgehe, in Melbourne siegfähig zu sein. Und nein, das sei kein Bluff, kein Tiefstapeln. Sondern die Wahrheit.

Keine drei Stunden später (die E-Mail der FIA landete um punkt 17:49 Uhr MEZ in unserer Inbox) wurde Ferrari von einem Erdbeben erfasst. Eines mit einem ganz harmlos klingenden Titel: "FIA beendet Analyse der Formel-1-Power-Unit der Scuderia Ferrari", steht in der Betreffzeile des hochexplosiven Dokuments (am Ende dieser Kolumne im Original-Wortlaut).

Max Verstappen hat in Bezug auf den Ferrari-Motor schon im November 2019 das böse Wort "betrügen" in den Mund genommen. Hochoffiziell, im Rahmen einer FIA-Pressekonferenz. Und er wurde dafür gerügt. Er sei "unreif" und "nicht professionell", feuerte Sebastian Vettel, stellvertretend für das Ferrari-Camp, eine Verbalsalve in Richtung Verstappen.

Jetzt ist der 22-Jährige rehabilitiert.

FIA-Aussendung: Was zwischen den Zeilen steht

Für die FIA-Mitteilung von Freitagabend gibt es unter Experten nur eine Lesart: Der Ferrari-Motor hat 2019 nicht dem Reglement entsprochen - genau so, wie das viele ohnehin vermutet haben. Ferrari hat sich immerhin aus freien Stücken auf einen Deal mit der FIA eingelassen, der Ferrari nach außen hin in einem schiefen Licht dastehen lässt. Wenn auch ohne ganz konkreten Schuldspruch.

Wir leiten daraus ab: Ferrari hätte eine solche Optik nie und nimmer akzeptiert, wenn man sich keiner Schuld bewusst wäre. Und man fragt sich jetzt: Warum wird Ferrari nicht bestraft? Und was wird unter dem Deckmantel eines "Settlements" unter den Teppich gekehrt?


Der Autor am Wort: Christian Nimmervoll über den Ferrari-Skandal

Dass die FIA-Aussendung ausgerechnet zehn Minuten vor Ende des letzten Testtags veröffentlicht wurde, ist kein Zufall. Zu dem Zeitpunkt waren die Journalisten damit beschäftigt, unter Hochdruck ihre reichweitenstarken Berichte vom wichtigsten Testtag des Winters zu formulieren und verbreiten. Und die meisten Teamchefs waren längst aus dem Paddock abgereist.

Vermutlich haben die Verantwortlichen gehofft, dass so kein Medienvertreter mehr mit einem Teamchef sprechen würde, bis sich die kleine Formel-1-Gemeinde Mitte März in Melbourne trifft. Und dass die Nachricht in der schlagzeilenbestimmenden Berichterstattung über das Coronavirus und mögliche Grand-Prix-Absagen untergeht.

Wir haben spät am Freitagabend mehrere Teamchefs auf ihren Handys kontaktiert. Drei haben tatsächlich zurückgerufen - und waren durchaus gesprächsbereit. Offiziell äußern wollte sich keiner. Verständlich bei einem so brisanten Thema. Aber das, was hinter vorgehaltener Hand erzählt wird, steht vom Krimi-Potenzial her der "Crashgate"-Affäre um wenig nach.

2019: So hat alles angefangen ...

Dass Ferrari salopp gesagt "beschissen" hat, das ahnte man schon 2019, als Ferrari über Nacht plötzlich den besten Motor im Feld hatte. Die Konkurrenzteams ballerten die FIA mit technischen Anfragen zu, basierend auf ihren Verdachtsmomenten. Und die FIA veröffentlichte als Reaktion darauf eine ganze Reihe technischer Richtlinien. Zunächst ohne Auswirkungen.

Erst im Herbst, der Formel-1-Zirkus befand sich gerade in Amerika, landeten die "Schrotflinten" von Red Bull, Mercedes & Co. einen ersten Volltreffer. Die FIA eliminierte einen Regel-Graubereich in Sachen Benzindurchfluss. Wie genau das funktioniert haben könnte, darauf sind wir bereits in unserem großen Video-Jahresrückblick eingegangen.

Spätestens in Abu Dhabi war die Geduld von Red Bull und Mercedes am Ende. Es kam zu einem geheimen Treffen. Am Sonntag vor dem Rennen stimmte die Benzinmenge auf dem von Ferrari an die FIA übermittelten Datenblatt nicht mit der tatsächlichen Benzinmenge im Tank von Charles Leclerc überein. Die FIA ließ Ferrari mit 50.000 Euro Geldstrafe davonkommen.

Über den Winter wurde es in der Angelegenheit nur oberflächlich betrachtet ruhiger. Hinter den Kulissen aber stieg der Druck auf die FIA, etwas zu unternehmen. Die Optik, wenn sich die Verdachtsmomente gegen ein Team erhärten, es aber keine Konsequenzen gibt, ist zwangsläufig schief. Besonders dann, wenn der FIA-Präsident Jean Todt heißt und das Team Ferrari.

Helmut Marko stellte bereits Ende 2019 gegenüber 'Motorsport-Total.com' unmissverständlich klar: "Ich gehe davon aus, dass solche Ferrari-Eskapaden im nächsten Jahr nicht mehr stattfinden." Sollte die FIA nicht handeln, werde Red Bull aktiv, kündigte er an: "Wenn wir 2020 wieder den Verdacht haben, dass es Unregelmäßigkeiten gibt, werden wir definitiv Protest einlegen."

Whistleblower bringen den Stein ins Rollen

In den darauffolgenden Wochen passierten in der Geschichte zwei entscheidende Dinge. Erstens: Whistleblower aus dem Ferrari-Lager, möglicherweise solche, die von Binottos Führungsstil nicht angetan waren oder mit betrügerischen Aktivitäten einfach nichts zu tun haben wollten, lieferten den Ermittlern entscheidende Hinweise, die Ferrari belasteten. Behauptet zumindest einer unserer Informanten.

Parallel dazu sickerten immer mehr Informationen aus FIA-Kreisen an einige Teams durch. Offiziell hat die FIA die anderen neun Teams vor Freitagabend gar nicht über den Stand der Ermittlungen gegen Ferrari und die geplante Aussendung informiert. Inoffiziell wussten einige Teamchefs schon im Dezember, manche auch erst im Januar: Der Strick um Ferrari zieht sich immer weiter zu.


Der große Jahresrückblick: 10 gewagte Thesen zur Formel-1-Saison 2019

Die FIA, so erzählen es Personen, die es eigentlich wissen müssen (und auf ihre Anonymität allergrößten Wert legen), zeigte kein großes Interesse daran, Ferrari öffentlichkeitswirksam des Betrugs zu beschuldigen. Im besten Fall, weil man Angst hatte, man könne die Vorwürfe nicht ausreichend belegen, wenn es in ein knallhartes Berufungsverfahren gehen sollte.

Im schlechtesten Fall, weil mächtige, einflussreiche Männer in der FIA verhindern wollten, dass Ferrari beschädigt wird. Und das noch dazu in einer sportpolitisch hochsensiblen Phase, in der gerade ein neues Concorde-Agreement verhandelt wird. Ein verschnupftes Ferrari-Team, das mit Ausstieg aus dem Grand-Prix-Zirkus droht, wäre für den Börsenkurs der Formel 1 und Rechteinhaber Liberty Media eine Katastrophe.

Meetings: Warum wurde Binotto plötzlich handzahm?

Manche ahnten schon Ende 2019, dass sich dunkle Wolken über Ferrari zusammenbrauen. Binotto war in diversen Meetings bis in den Herbst hinein stets recht selbstbewusst aufgetreten. Danach wurde er plötzlich kleinlaut. Die Wesensveränderung fällt ungefähr in jene Zeit, in der Ferrari seine Bedenken gegen die neuen Regeln 2021 plötzlich aufgab und die Drohung eines Vetos zurückzog.

Und als Ferrari in Austin, als die erste technische Richtlinie getroffen hatte, plötzlich auf den Geraden hinterherfuhr, redete Binotto auf einmal von einer Taktik-Änderung. Man habe beim Set-up bisher stets auf wenig Luftwiderstand gesetzt. Nun probiere man es mal mit steileren Flügeln. Damit, dass der Motor durch eine FIA-Richtlinie geschwächt sei, habe der geringere Topspeed nichts zu tun.

Sebastian Vettel, Lando Norris

Beim Grand Prix der USA fuhr Ferrari auf einmal hinterher - wirklich nur Zufall? Zoom

Böse Zungen unterstellen heute: Binotto wusste zu dem Zeitpunkt schon, dass Ferrari die Motorentricks von 2019 nicht ins Jahr 2020 übertragen kann. Und bereitete mit solchen Aussagen Ferraris "Alibi" vor.

Am Freitagnachmittag, keine drei Stunden vor dem Platzen der FIA-Bombe, sagte er: "Was die Gesamtperformance und die Spitzenleistung des Motors betrifft, sind wir nicht mehr so stark wie vergangenes Jahr." Die Ergänzung, das liege daran, dass man sich vor allem auf die Zuverlässigkeit konzentriert habe, nimmt ihm jetzt wohl keiner mehr ab.

Dass Ferrari auf den Geraden plötzlich ungewöhnlich viel Zeit verliert, hatte die Konkurrenz bereits in der ersten Barcelona-Testwoche festgestellt. Da unterstellte Mercedes noch, Ferrari fahre mit gedrosselter Leistung. Im Nachhinein glaubt man Binotto, wenn er sagt: "Wir verstecken nichts. Das ist unsere wahre Performance." Vertuscht wird nur, warum die Power plötzlich weg ist!

Mercedes-Pressetext: Teil einer Gesamtstrategie?

Natürlich kann man sich im Nachhinein fragen, ob jener Mercedes-Text, in dem Ferrari unterstellt wurde, man fahre mit gedrosselter Leistung, nicht ein gefinkelter Versuch war, Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Spätestens in Melbourne, wenn Ferrari auch im Rennen nicht an Leistung zulegen kann, würde die Welt aufwachen und erahnen, dass 2019 nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein kann.


Fotostrecke: Die zehn wichtigsten Neuerungen am Ferrari SF1000

Das spielt im größeren Kontext dieser Story aber überhaupt keine Rolle. Und die Strategie einiger Beteiligter, die FIA im Fall Ferrari so unter Druck zu setzen, dass es sich Präsident Todt gar nicht mehr erlauben kann, nichts zu unternehmen, war zumindest teilweise erfolgreich. Auch wenn sich die offizielle Aussendung harmlos liest: In der Branche versteht jeder, was das wirklich bedeutet.

Bei der FIA scheint man der Meinung zu sein, dass Ferrari auch ohne offizielle Strafe hart genug sanktioniert ist. Wasser auf den Mühlen derer, die immer schon der Meinung waren, das F in FIA stehe nicht für Federation, sondern für Ferrari.

Doch bei genauerer Betrachtung kommt Ferrari gar nicht so ungeschoren davon, wie es zunächst den Anschein hat.

Ferrari: "Kuhhandel" mit FIA kostet Millionen

Auch wenn der SF1000 im Chassisbereich ein Fortschritt ist: Ferrari hat den Vorteil seiner überlegenen (mutmaßlich illegalen) Motorentechnologie verloren und wurde in diesem Bereich um ein Jahr Entwicklung zurückgeworfen. Das wirkt sich bei den Topspeed-Messungen aus. Mit dem aktuellen Motor ist Ferrari 2020 aus eigener Kraft nicht WM-fähig.

Helmut Marko, Toto Wolff

Red Bull und Mercedes hatten Ferrari von Anfang an unter Verdacht Zoom

Außerdem ist Teil des "Settlements" zwischen FIA und Ferrari, dass Ferrari die FIA bei verschiedenen Initiativen unterstützen muss. Zum Beispiel bei der Forschung im Bereich CO2-Emissionen und nachhaltige Treibstoffe. Ferrari könnte hier Entwicklungskosten übernehmen, die sonst die FIA hätte tragen müssen. Das kommt einer Geldstrafe in Millionenhöhe gleich.

Ferner entbehrt es nicht einer gewissen Ironie, dass die FIA Ferrari dabei mithelfen lassen möchte, Regeln zu entwickeln, damit im Bereich der Power-Units in den nächsten Jahren nicht mehr getrickst werden kann. Die Betrüger wissen am besten, wie man Betrügern das Handwerk legt, lautet die bestechende Logik dahinter. Klingt einleuchtend.

Mein erster Gedanke beim Durchlesen der FIA-Aussendung lautete: Wenn die FIA offenbar sicher ist, dass Ferrari betrogen hat, Ferrari aber nicht bestraft - dann müssen in den Deal auch die anderen Teams eingeweiht gewesen sein und zugestimmt haben. Aber mitnichten: "Wir sind damit ganz sicher nicht einverstanden", stellt ein Teamchef unmissverständlich klar.

28. Februar 2020: Nicht das Ende, sondern der Anfang?

Ein anderer geht sogar noch einen Schritt weiter: Der 28. Februar 2020 sei noch lange nicht das Ende der Geschichte um die Ferrari-Betrugsaffäre - sondern der "Anfang eines sehr langwierigen Prozesses". Gut möglich, dass sich der eine oder andere überlegen wird, gegen den Kuhhandel vor Gericht zu ziehen. Denn letztendlich geht es dabei auch um viel Geld.


Warum 2020 laut G. Berger ein Schicksalsjahr für Vettel wird

Wenn Ferrari mit illegalen Mitteln Zweiter in der Konstrukteurs-WM wurde, dann könnte ein vom Formel-1-Zirkus unabhängiges Gericht durchaus zu dem Urteil kommen, dass eigentlich Red Bull das Preisgeld für den zweiten Platz zusteht, McLaren das für den dritten Platz, und so weiter und so fort.

Dabei geht es um beträchtliche Summen. Der Unterschied in der fraglichen "Column 2" zwischen P2 und P3 lag 2019 (als die Zahlen auf Basis des WM-Ergebnisses 2018 ausbezahlt wurden) bei rund zehn Millionen US-Dollar. Um die könnte sich Red Bull betrogen fühlen.

McLaren bekäme ohne Ferrari in der Wertung acht Millionen mehr. Und selbst Williams, der Letzte der Konstrukteurs-WM, hätte bei einem Ferrari-Ausschluss aus der WM um mindestens zwei Millionen mehr kassiert.

Insgesamt kämen die acht geschädigten Teams durch ein Aufrücken um je eine Position auf Mehreinnahmen in der Höhe von 40 Millionen Dollar.

Sehr viele Gründe, die Sache nicht einfach auf sich beruhen zu lassen ...

Ihr

Christian Nimmervoll

PS: Folgen Sie mir oder meinen Kollegen auf Twitter unter @MST_ChristianN!

Die FIA-Mitteilung im englischen Original-Wortlaut:

FIA concludes analysis of Scuderia Ferrari Formula 1 Power Unit

The FIA announces that, after thorough technical investigations, it has concluded its analysis of the operation of the Scuderia Ferrari Formula 1 Power Unit and reached a settlement with the team. The specifics of the agreement will remain between the parties.

The FIA and Scuderia Ferrari have agreed to a number of technical commitments that will improve the monitoring of all Formula 1 Power Units for forthcoming championship seasons as well as assist the FIA in other regulatory duties in Formula 1 and in its research activities on carbon emissions and sustainable fuels.

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