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Das war 2008: Ferrari

Die Analyse: Warum Felipe Massa kein verdienter Weltmeister gewesen wäre und was sich bei Ferrari unter Stefano Domenicali geändert hat

(Motorsport-Total.com) - Viele trauern den "goldenen Jahren" der Formel 1 nach, dabei war die Saison 2008 so spannend wie kaum eine andere zuvor. Speziell das packende Herzschlagfinale in Brasilien ging in die Grand-Prix-Geschichte ein. 'Motorsport-Total.com' rollt die zurückliegenden Ereignisse in Form einer Artikelserie noch einmal auf. Den Anfang machen die elf Teams, dann folgen die fünf Deutschen und zum Abschluss am 1. Januar Weltmeister Lewis Hamilton. Heute: Ferrari.

Felipe Massa

Der tragische Held von São Paulo: Massa gewinnt das Rennen und verliert die WM

Der Ferrari F2008 war das erfolgreichste Formel-1-Auto seines Jahrgangs: die meisten Siege, die meisten Podestplätze, die meisten Pole-Positions, die meisten schnellsten Rennrunden, Gewinn der Konstrukteurs-WM. Trotzdem wurden am Ende nicht Titelverteidiger Kimi Räikkönen oder Felipe Massa Weltmeister, sondern Hamilton im McLaren-Mercedes. Zuletzt hatte es eine solche Konstellation 1999 gegeben, als Ferrari bei den Konstrukteuren Weltmeister wurde und Mika Häkkinen bei den Fahrern.#w1#

Nicht mehr als ein Trostpreis

Stefano Domenicali mit dem Konstrukteurspokal

Nicht mehr als ein Trostpreis: Stefano Domenicali mit dem Konstrukteurspokal Zoom

Doch so wichtig der Konstrukteurs-WM-Titel für das Prestige und für das Marketing auch sein mag, in Wahrheit handelt es sich dabei bestenfalls um einen Trostpreis: "Ich sehe mich selbst als Motorsportinteressierten, aber die Konstrukteurstitel sind völlig uninteressant", erklärt 'Motorsport-Total.com'-Experte Sven Heidfeld. "Als Teamchef würde ich das natürlich anders sehen, aber in der breiten Öffentlichkeit interessiert sich für den Konstrukteursweltmeister niemand."

Wie Massa den WM-Titel beim Finale in seiner brasilianischen Heimat verloren hat, ist schon heute Formel-1-Geschichte: Als er die Ziellinie überquerte, war der Ferrari-Pilot für ungefähr 20 Sekunden Weltmeister, ehe Hamilton vor der letzten Kurve noch an Timo Glock vorbeiging und damit den entscheidenden fünften Platz einnahm. Schlussendlich entschied ein Punkt die Weltmeisterschaft, denn bei Punktegleichheit hätte Massa wegen der höheren Anzahl an Siegen die Nase vorne gehabt.

Dass es überhaupt noch einmal so knapp werden würde, hätte am Saisonbeginn kaum jemand geglaubt, denn nach dem WM-Titel von Räikkönen 2007 startete Massa als gefühlte Nummer zwei ins neue Jahr - und das noch dazu mit zwei Nullnummern in Australien und Malaysia. Damit sprach die Statistik bereits gegen ihn, denn in den vergangenen 20 Jahren wurde nur zweimal ein Fahrer Weltmeister, der keines der ersten beiden Rennen gewonnen hatte.

Peinliche Doppelnull am Saisonbeginn

Felipe Massa

Peinlich: Felipe Massa wirft in Malaysia seinen F2008 entnervt ins Kiesbett Zoom

Trotzdem kündigte er damals optimistisch an: "Es sind noch 160 Punkte zu vergeben. Meine Saison beginn in Bahrain!" Zuvor galt es aber die doppelte Nullrunde zu verkraften, die noch dazu äußerst bitter zustande gekommen war: In Australien begann die Saison gleich in der ersten Kurve mit einem peinlichen Dreher - offenbar war dem 27-Jährigen das Verbot der Traktionskontrolle entfallen - und in Malaysia rutschte er nach einem ähnlichen Fahrfehler ins Kiesbett.

"Er hat sich in der ersten Kurve wie ein Anfänger ohne Fremdeinwirkung gedreht. Da hat er einfach vergessen, dass er keine Traktionskontrolle mehr hat. Im zweiten Rennen ist es ihm noch einmal passiert", erinnert sich unser zweiter Experte, der ehemalige Grand-Prix-Pilot Marc Surer, heute als TV-Kommentator für die Kollegen von 'Premiere' tätig. "Aber dann konnte er sich steigern und den Level auch halten."

Massa machte sein Versprechen wahr, gewann drei der nächsten sechs Grands Prix (Bahrain, Türkei und Frankreich) und stand nur einmal (Kanada) nicht auf dem Podium. Nach acht Rennen führte der Brasilianer die Weltmeisterschaft an - gefolgt von Robert Kubica, aber stattliche zehn Punkte vor Hamilton. Von diesem Turnaround ist auch Surer beeindruckt: "Mich hat überrascht, wie er diese Saison hinter sich gebracht hat", so der Schweizer.

Steht das F in FIA doch für Ferrari?

Lewis Hamilton vor Felipe Massa

Kollision der beiden WM-Gegner: Felipe Massa vs. Lewis Hamilton in Fuji Zoom

"Er war viel perfekter als erwartet, denn Anfang des Jahres habe ich noch gesagt, er ist nicht konstant genug, um Weltmeister zu werden. Er war konstant genug", meint Surer selbstkritisch. "Andererseits hat ihm die FIA auch Punkte geschenkt: durch die Strafe gegen Hamilton in Spa-Francorchamps und durch die Entscheidung in Fuji nach der Kollision mit Bourdais. Dass man Massa da nicht bestraft hat, ist ein Wunder, denn er hat Bourdais gerammt. Da war er wieder der Chaot, wie man ihn früher gekannt hat, aber dank der FIA hat sich alles zum Positiven gewendet."

Chaotisch war auch Ferraris Auftritt beim Boxenstopp in Singapur, als Massa wie einst Christijan Albers den Tankrüssel mitnahm und am Ende der Boxengasse stehen blieb. Mit Platz zwei hinter Hamilton in China hielt er die Entscheidung zwar bis zum WM-Finale in Brasilien offen, doch bei sieben Punkten Rückstand standen die Chancen denkbar schlecht. Wie es dann am 2. November gekommen ist, ist längst Geschichte.

Nach der vielleicht härtesten Niederlage seiner ganzen Karriere - noch dazu vor eigenem Publikum - bewies Massa Klasse, als er auf dem Podium die Hand auf die Brust legte, weinte und sich mit einer respektvollen Verbeugung bei den Fans bedankte. Doch bei aller ans Herz gehenden Emotionalität dieser Szenen ist der inzwischen elffache Grand-Prix-Sieger für unsere Experten nicht der moralische Formel-1-Weltmeister 2008.

Massa hat sich etabliert

Felipe Massa, Kimi Räikkönen und Stefano Domenicali

Felipe Massas Sieg in Brasilien war mit Sicherheit der traurigste seit langem Zoom

"Es gewinnt der mit den meisten Punkten", meint Heidfeld nüchtern. "Massa hatte ein gutes Auto und er hat am Saisonbeginn Fehler gemacht. Andererseits hat er sich entwickelt, was ich sehr wichtig finde, auch wenn er den Titel nicht eingefahren hat. Er kann jetzt um Siege und WM-Titel mitfahren und zählt für nächstes Jahr zu den Favoriten. Verdient hätte er den WM-Titel aber nicht mehr als Hamilton, der in seinem zweiten Formel-1-Jahr weniger Fehler gemacht hat als Massa."

Denn bei allem Lob für Massas im Vergleich zur Vergangenheit stark verbesserten Performance muss auch Kritik gestattet sein: Die Anfängerfehler in Australien und Malaysia haben ihn mindestens acht Punkte gekostet und die Dreherorgie im Regen von Großbritannien war fast schon peinlich. Dafür, dass ihm in Ungarn in Führung liegend der Motor in die Luft gegangen ist, konnte er nichts; für die überflüssigen Kollisionen mit Hamilton und Sébastien Bourdais in Fuji hingegen schon.

Der eigentliche Star des Ferrari-Teams, Räikkönen, ging 2008 nach solidem Beginn sang- und klanglos unter: Der "Iceman" hatte ähnliche Probleme mit dem Aufwärmen der Reifen wie Nick Heidfeld und verpatzte dadurch so manches Qualifying. Dass er das schnelle Autofahren nicht verlernt hat, stellte er mit zehn schnellsten Rennrunden unter Beweis - Rekord. Trotzdem gelangen ihm nur zwei Saisonsiege: in Malaysia nach hartem Duell mit Massa und in Spanien mit einer ungefährdeten Solofahrt.

Wer ist nun Ferraris Nummer eins?

Kimi Räikkönen und Felipe Massa

Wachablöse bei Ferrari? Kimi Räikkönen muss Felipe Massa überholen lassen... Zoom

Nun stellt sich die Frage, wer nach zwei völlig konträren Jahren 2007 und 2008 die wahre Nummer eins bei Ferrari ist. Für Surer ist der Fall klar: "Eines kann man mit Sicherheit sagen: Massa ist der Schnellere! Auch 2007 war er oft schneller." Heidfeld stimmt teilweise zu: "Massa hat sich entwickelt und Räikkönen ist stehen geblieben, aber meiner Meinung nach ist Räikkönen von der Grundschnelligkeit her einer der Besten. Der kann ganz schnell wieder da sein, wenn ihm das Reglement nächstes Jahr wieder besser liegt."

Tiefpunkt für Räikkönen war der Spätsommer, als er in Europa, Belgien, Italien und Singapur viermal en suite leer ausging. Dabei hatte er die Weltmeisterschaft nach den ersten vier Rennen noch mit neun Punkten Vorsprung angeführt. Schlussendlich wurde er mit 75 Zählern - um 35 weniger als 2007, als ein Grand Prix weniger gefahren wurde - WM-Dritter. Zumindest leistete er einen wertvollen Beitrag zu Ferraris Konstrukteurs-WM-Titel.

Positiv ist, dass Ferrari nach dem Zerfall des Dreamteams um Michael Schumacher, Teamchef Jean Todt, Superhirn Ross Brawn, Designguru Rory Byrne und Motorenbauer Paolo Martinelli den Übergang gemeistert hat und nach wie vor eine feste Größe ist. "Viele Experten haben Ferrari nach 2006 einen Absturz prophezeit, aber das war ja nun wirklich nicht der Fall", sagt Heidfeld voller Anerkennung für die Performance des Teams in den vergangenen beiden Jahren.

Der Domenicali-Faktor

Stefano Domenicali und Jean Todt

Teamchef Stefano Domenicali holt sich Tipps bei seinem Vorgänger Jean Todt Zoom

"Sie bringen Leistung auf gleichem Niveau. Die letzten beiden Jahre mit Jean Todt, Ross Brawn und Michael Schumacher haben sie die Weltmeisterschaft nicht gewonnen", erinnert Surer an die verlorenen WM-Kämpfe 2005/06 gegen Fernando Alonso beziehungsweise Renault. "Außerdem ist Ferrari sympathischer geworden. Ich glaube schon, dass das an den Personen liegt. Jetzt hat man den gebührenden Respekt vor dem Gegner und auch die Größe, auf den anderen zuzugehen."

Ferrari neu hat einen Namen: Stefano Domenicali. Der Italiener hat sein Handwerk zwar von Vorgänger Todt gelernt, aber in Maranello eine neue, offenere Kultur eingeführt. Dass in Hockenheim gemeinsam mit McLaren- und Mercedes-Bossen eine Grillparty gefeiert wird, wäre unter "Napoleon" Todt ebenso undenkbar gewesen wie ein Test für drei italienische Nachwuchstalente im aktuellen Formel-1-Boliden. Ferrari ist 20 Jahre nach Enzos Tod wieder italienisch geworden.

Heidfeld glaubt, dass die neue Offenheit und die neue Harmonie mit McLaren-Mercedes - wohlgemerkt nur ein Jahr nach der Spionageaffäre - vor allem am Wechsel an der Ferrari-Spitze liegt: "Wenn man sich so viele Jahre über den Weg läuft, fahren sich manche Dinge fest, die falsch verstanden wurden - und wenn man sich selbst so wichtig nimmt, wie das die Entscheider in der Formel 1 eben tun, dann wird es schwierig, da zurückzurudern."

Neue Offenheit in Maranello

Michael Schumacher

Bei Testfahrten sitzt auch Michael Schumacher gelegentlich im Ferrari Zoom

Sympathisch auch, wie anno 2008 mit heiklen Themen umgegangen wird. So hatte Domenicali nach der offensichtlichen Stallorder in China, als Massa allzu einfach an Räikkönen vorbeikam, die Courage, vor laufenden TV-Kameras zu erklären: "Jeder hat gesehen, was passiert ist." Früher hieß es in solchen Situationen immer: "Es gab plötzliche Bremsprobleme" oder "Die Reifen haben stark abgebaut". Wir erinnern uns an die legendären Worte: "Let Michael pass for the Championship!"

Doch weil man mit Sympathie eben keine Weltmeisterschaften gewinnt, muss Ferrari vorerst auf einen zweiten Fahrerchampion nach Schumacher warten. Apropos Schumacher: Der siebenfache Weltmeister steht Ferrari weiterhin als Berater und Testfahrer zur Verfügung und baute vor allem zu Massa eine sehr intensive Freundschaft auf. Dass das für das Standing des Brasilianers im Team nicht das Schlechteste sein kann, versteht sich von selbst.

Ob die Ferrari-Erfolgsära auch 2009 weitergehen wird, steht indes noch in den Sternen. Vieles spricht dagegen: Die Hybridtechnologie KERS leidet noch an Kinderkrankheiten und Konzernmutter FIAT musste im Zuge der Weltwirtschaftskrise 58.000 (!) Mitarbeiter in Zwangsurlaub schicken. Nicht ausgeschlossen also, dass der von vielen schon Ende 2006 befürchtete Einbruch des Traditionsrennstalls erst mit Verspätung eintreten wird...

Saisonstatistik:

Team:

Konstrukteurswertung: 1. (172 Punkte)
Siege: 8
Pole-Positions: 8
Schnellste Rennrunden: 13
Podestplätze: 19
Ausfallsrate: 11,1 Prozent (2.)
Durchschnittlicher Startplatz: 3,7 (1.)

Kimi Räikkönen (Startnummer 1):

Fahrerwertung: 3. (75 Punkte)
Siege: 2
Pole-Positions: 2
Schnellste Rennrunden: 10
Durchschnittlicher Startplatz: 4,4
Bestes Ergebnis Qualifying: 1.
Bestes Ergebnis Rennen: 1.
Ausfallsrate: 11,1 Prozent (3.)

Felipe Massa (Startnummer 2):

Fahrerwertung: 2. (97 Punkte)
Siege: 6
Pole-Positions: 6
Schnellste Rennrunden: 3
Durchschnittlicher Startplatz: 2,9
Bestes Ergebnis Qualifying: 1.
Bestes Ergebnis Rennen: 1.
Ausfallsrate: 11,1 Prozent (3.)

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