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Barcelona oder Bahrain? Teams streiten über Wintertests 2017

Mercedes und Red Bull stehen wieder einmal auf Kriegsfuß: Wollen sich die Silberpfeile mit einem Test in Bahrain lediglich einen eigenen Vorteil verschaffen?

(Motorsport-Total.com) - Es gibt wieder einmal Zoff in der Formel 1, und im Mittelpunkt stehen erneut Mercedes und Red Bull, die beiden Lieblingsfeinde der Königsklasse. Dieses Mal streiten sich die beiden Teams - wie so häufig vertreten durch Niki Lauda und Helmut Marko - über die kommenden Wintertestfahrten. Hintergrund: Reifenhersteller Pirelli würde gerne in Bahrain testen, geplant sind allerdings zwei Testtermine in Barcelona. Mercedes triebt nun eine Planänderung voran, während Red Bull sich klar dagegen positioniert.

Helmut Marko, Niki Lauda

Helmut Marko und Niki Lauda sind sich wieder einmal nicht einig... Zoom

"Für mich ist es vollkommen klar, dass man im Februar in Bahrain bessere Wetterbedingungen und wärmere Temperaturen - denn darum geht es Pirelli - vorfindet als in Barcelona. Da brauchen wir gar nicht zu diskutieren", stellt Lauda im Gespräch mit 'Auto motor und sport' klar und ergänzt: "Sie sind unser Reifenhersteller, und wir müssen ihnen die Möglichkeit geben."

Tatsächlich bezeichnet Pirellis Formel-1-Manager Mario Isola Bahrain als "viel besser" geeignet. Barcelona sei hingegen "nicht wirklich repräsentativ", um die neue Reifen für 2017 auf Herz und Nieren zu prüfen. Pirelli möchte die Pneus unter möglichst warmen Bedingungen testen, um zum Beispiel besser zu verstehen, wie schnell die Reifen abbauen und wann sie überhitzen.

Verfolgt Mercedes eigene Interessen?

Doch warum macht sich ausgerechnet Lauda für einen Test in Bahrain stark? Marko hat eine Vermutung und erklärt gegenüber 'Auto Bild motorsport': "Mercedes hat thermische Probleme mit dem neuen Auto. Sie glauben, dass sie die nur in Bahrain aussortieren können. Da machen wir aber nicht mit." Der Österreicher glaubt, dass Mercedes die Wünsche von Pirelli nur vorschiebt, hinter den Kulissen aber eine eigene Agenda verfolgt.


Fotos: Großer Preis von Japan


"Alle elf Teams haben einstimmig den Barcelona-Tests zugestimmt. Das ist, was für uns zählt. Wer bezahlt denn den Teams den Test in Bahrain, der wesentlich teurer kommen würde als der in Barcelona? Und wer bezahlt die Privatjets, die man einsetzen muss, falls einem die Teile ausgehen und man neue braucht?", so Marko. Pat Symonds von Williams verrät, dass ein Test in Bahrain jedes Team "bis zu 500.000 Pfund" kosten würde.

"Die Kosten für einen Test außerhalb Europas sind enorm", erklärt Symonds und ergänzt: "Ich bin mir sicher, dass ein Team wie Mercedes ein Budget für solche unvorhergesehenen Fälle zur Verfügung stellen kann. Ein Team wie Williams kann das aber nicht." Und genau aus diesem Grund dürften vor allem die kleineren Teams kein sonderlich großes Interesse daran haben, die Testfahrten nach Bahrain zu verlegen.

Parallele Testfahrten nicht erlaubt

Doch wie geht es nun weiter? Aktuell sind für den Winter 2017 zwei Testtermine in Barcelona angesetzt. Der erste Test soll vom 27. Februar bis zum 2. März dauern und der zweite vom 7. bis zum 10. März. "Pirelli hat bei der FIA angefragt, ob sie einen Test in Bahrain - außerhalb von Europa - unterstützen würden. Die Regeln schreiben einen gewissen Prozess vor, der durchlaufen werden muss", erklärt Mercedes-Technikchef Paddy Lowe.

"Meines Wissens nach unterstützt die Mehrheit der Teams diese Anfrage", so Lowe. Die einfachste Lösung wäre es daher theoretisch, einige Teams in Bahrain testen zu lassen und die anderen in Barcelona. "Die Regeln erleben parallele Testfahrten nicht. Es geht also nicht, dass einige in und andere außerhalb von Europa testen", erklärt Symonds allerdings. Folglich werden sich alle Beteiligten auf einen Ort einigen müssen.

"Ich finde, wir sollten in Europa bleiben. 65 bis 70 Prozent der Teams haben finanzielle Schwierigkeiten", stellt Red-Bull-Teamchef Christian Horner klar. Es sei "finanziell unverantwortlich", die kleinen Teams nur für einige Testtage nach Bahrain reisen zu lassen. Mit einem Lachen erklärt er: "Vielleicht will ja Mercedes die Frachtkosten für alle bezahlen, damit wir nach Bahrain gehen."

Indianapolis 2005 als warnendes Beispiel?

Lauda findet solche Äußerungen allerdings gar nicht lustig und kontert: "Wenn der Horner dort testen will (in Barcelona; Anm. d. Red.), dann soll er testen gehen. Warum regt er sich auf, wenn die anderen nach Bahrain gehen wollen? Ich finde, wir sind es Pirelli schuldig, ihnen unter den besten Bedingungen - wo immer die auch sind - die Möglichkeit zu geben, ihre Reifen 14 Tage vor Melbourne unter den richtigen Bedingungen auszuprobieren."


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Zur Erinnerung: Genau das ist allerdings - wie von Symonds erklärt - per Reglement gar nicht ohne Weiteres möglich. Daher rührt Lowe weiterhin kräftig die Werbetrommel für Bahrain und erklärt, dass die Formel 1 vor der "größten Veränderung bei den Reifen seit vielleicht ein oder zwei Jahrzehnten" stehe. Es sei daher eine "echte Gefahr für die Show", wenn man die Pneus vorher nicht unter extremen Bedingungen testen würde.

"Wir haben zum Beispiel 2005 in Indianapolis gesehen, was dann passieren kann", zieht der Brite ein Extrembeispiel heran. Horner winkt allerdings ab und erinnert daran, dass die Reifen für die ersten Rennen sowieso bereits nach den letzten Testfahrten 2016 in Abu Dhabi produziert werden. "Dort entscheidet sich bereits, welche Reifen wir in den ersten Rennen verwenden. Ich erkenne also die Logik dahinter nicht", so Horner.

Will Mercedes die Teams "zwingen"?

Der Red-Bull-Teamchef geht sogar noch einen Schritt weiter und deutet an, Mercedes wolle einige Teams "in diesen Test zwingen." Denn es erscheint unwahrscheinlich, dass sich die Mercedes-Kundenteams im Zweifelsfall gegen die Silberpfeile stellen würden. "Es geht hauptsächlich um die Kosten. Es hat schon einige Vorteile, in einer wärmeren Klimazone zu fahren", gibt sich Robert Fernley von Mercedes-Kunde Force India daher gemäßigt.


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Umso überraschender ist es, dass sich Symonds und Williams so klar gegen Bahrain aussprechen. Der Brite bezeichnet den Plan als "falsch" und erklärt: "Als Team sind wir gegen diese Idee." Auch für Renaults Bob Bell wäre eine Planänderung "unnötig". Symonds mahnt außerdem: "Wenn wir es machen, dann müssen wir darüber nachdenken, wo wir es machen, denn in der Formel 1 verhalten wir uns oft wie Schafe."

"Wir sagen dann: 'na ja, wir haben schon einmal in Bahrain getestet, also gehen wir wieder dorthin.' Ich persönlich denke aber nicht, dass Bahrain eine gute Teststrecke ist", so Symonds, der an die Sandstürme erinnert, die Testfahrten in Sachir bereits in der Vergangenheit schwierig machten. Er könnte sich daher eher noch Abu Dhabi oder Malaysia als Ausweichort vorstellen.

Warum Pirelli nach Bahrain will

Laut Mario Isola ist die Entscheidung aktuell übrigens noch komplett offen. Allerdings erklärt er, dass Bahrain - zumindest für Pirelli - die beste Option wäre, weil die Strecke dort für fast alle Mischungen geeignet sei. In Abu Dhabi sei hingegen bereits der Medium-Reifen zu hart, weshalb man dort nur die weicheren Mischungen testen könnte. In Malaysia sei währenddessen das Regenrisiko zu hoch.


Fotos: Pirelli-Reifentest in Fiorano


"Die Hälfte (der Teams) will in Bahrain testen und die andere Hälfte in Barcelona", fasst er seine Eindrücke zusammen. Logistisch wäre es für Pirelli übrigens kein Problem, parallel an beiden Orten zu testen. "Mein Gefühl ist allerdings, dass das nicht die Lösung sein wird, auf die es hinausläuft", so Isola, der ganz genau weiß, dass das Reglement in dieser Frage eine große Hürde darstellt.

Eine letzte Alternative wäre es daher, die normalen Testfahren in Barcelona auszutragen und in Bahrain mit den umgebauten Vorjahresautos zu fahren, die bereits aktuell genutzt werden, um die Pneus für 2017 zu testen."Es wäre besser als nichts", grübelt Isola, für den diese Option allerdings auch keinesfalls ideal wäre, weil die umgebauten Autos "nicht komplett repräsentativ" für die 2017er-Boliden sind.

Lauda kritisiert "deppertes Reglement"

Lauda regt sich währenddessen über das "depperte Reglement" auf, und erklärt, dass es "verrückt" sei, Pirelli bei den Testfahrten solche Steine in den Weg zu legen. Laut Horner ist allerdings ohnehin alles halb so wild, weil die Temperaturen in Barcelona Anfang März sowieso schon wieder steigen würden. Er glaubt daher, dass Pirelli auch dort gute Informationen sammeln könnte. "Wir sind ein Team, das es sich leisten könnte, nach Bahrain zu gehen. Aber ich denke, dass es besser wäre, in Barcelona zu testen", stellt er klar.


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Bei den Fahrern ist das alles aktuell übrigens kein großes Thema. "Es wurde nur kurz angerissen", berichtet Daniil Kwjat nach dem Fahrermeeting am Freitag in Suzuka. Er spricht sich - wie viele seiner Kollegen - generell für mehr Testtage aus. Doch daraus wird ganz sicher nichts werden, denn abgesehen von den Kosten ist auch der Zeitplan im kommenden Winter viel zu eng.

"Wir sollten das tun, was Pirelli möchte", fordert sein Toro-Rosso-Teamkollege Carlos Sainz währenddessen und erklärt: "Hoffentlich testen wir alle am gleichen Ort." Denn seiner Meinung nach wäre es "komplett unfair", wenn einige Teams in Bahrain und andere in Barcelona testen würden. Es bleibt also abzuwarten, ob es in den kommenden Wochen doch noch eine - seltene - Einigkeit in der Formel 1 geben wird.

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