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Kolumne: Die Formel E - ein voller Erfolg(?)

Redakteur Norman Fischer zieht nach der ersten Formel-E-Saison Bilanz und ist überrascht, wie positiv sich die Serie gezeigt hat - Gefahr durch Entwicklung?

Loic Duval, Stephane Sarrazin

Enges, packendes Racing - das war die Formel E in der Saison 2014/2015 Zoom

Werte Freunde des (neuen) Motorsports,

die erste Formel-E-Saison hat aufgehört, wie sie begonnen hat: mit einem Kracher! Nick Heidfeld sorgte beim Saisonauftakt in Peking vor acht Monaten mit seinem spektakulären Unfall in der Zielkurve für Schlagzeilen, doch mindestens genauso spektakulär war das Saisonfinale in London, bei dem Nelson Piquet jun. den Titel mit nur einem Punkt Vorsprung vor Sebastien Buemi gewinnen konnte.

Und sind wir doch mal ehrlich: So sehr die Formel E im Vorfeld belächelt wurde, umso spannender war der Sport, den die Serie den Fans in dieser Saison geboten hat. Bis zum letzten Saisonwochenende waren sechs Piloten aus fünf Teams noch mit Titelchancen ausgestattet, im letzten Rennen am Sonntag kämpften immerhin noch drei Fahrer aus drei Teams um die Krone - und die Ausgangslage wechselte beinahe von Runde zu Runde. Ganz ehrlich: Da kann der teaminterne Titelkampf der Mercedes-Jungs in der Formel 1 nicht mithalten!

Die Skepsis war groß, die Namen auch

Okay, ich muss zugeben: Auch ich war skeptisch, als Alejandro Agag vor gut drei Jahren den Startschuss der Formel E einläutete. "Das wird doch bestimmt eh wieder verworfen", dachte ich, denn die Umsetzung sollte erst über zwei Jahre später über die Bühne gehen. Ankündigungen haben wir in der Motorsportwelt schon viele gesehen, oder wo sind beispielsweise der versprochene Grand Prix vor den Toren von New York oder das amerikanische Formel-1-Team USF1?

Alejandro Agag, Michael Andretti

Alejandro Agag hat mit seiner Serie die Erwartungen übertroffen Zoom

Als die Rennserie konkreter wurde, habe ich ihr schließlich Chancen eingeräumt. So a la Superleague Formula oder A1GP kann man schon einmal ein paar Jahre hinbekommen, bevor man auf dem Rennserien-Friedhof landet, dachte ich. Doch was Alejandro Agag mit der Formel E geschafft hat, das haben viele in dieser Form nicht so erwartet. Die erste Saison war ein voller Erfolg - trotz kleiner Schwächen, die auch der spannende Sport nicht kaschieren kann.

Es fängt schon bei den Namen an: Nick Heidfeld, Lucas di Grassi, Jarno Trulli, Sebastien Buemi, dazu die berühmten Namen Senna, Piquet und Prost. Spötter würden sagen, dass fast alle gescheiterte Existenzen in der Formel 1 waren, doch Motorsport-Kenner wissen: Dieses Feld hat Klasse! Sam Bird sagte mir im Rahmen des ePrix von Berlin: "Wir haben von der Spitze bis ans Ende vermutlich das beste Fahrerfeld der Welt." Zwar tauchten zwischenzeitlich immer wieder Namen wie Sakon Yamamoto oder Michela Cerruti auf, die im Auto doch überfordert wirkten, das Stammfeld konnte sich aber im Großen und Ganzen sehen lassen.

Kulturschock in Peking

Überhaupt konnte die Formel E bereits von Anfang an mit großen Namen punkten. Bekannte Motorsportgrößen wie Alain Prost, Williams, McLaren, Michelin, Renault, Abt oder Andretti bekannten sich schon frühzeitig zu dem neuen Projekt und verliehen ihm so unheimliche Glaubwürdigkeit, die auch noch weitere Größen anzog - ein positiver Teufelskreis sozusagen.

Nick Heidfeld

Der Unfall von Nick Heidfeld in Peking brachte der Formel E viel Aufmerksamkeit Zoom

Der Start in Peking war dann allerdings für viele Motorsport-Puristen ein kleiner Kulturschock. Die Autos waren leise, die Boliden ziemlich langsam und die Schnarch-Einführungsrunde ein Witz. Zudem war die Strecke recht merkwürdig und das Racing gewöhnungsbedürftig. Richtige Überholmanöver gab es kaum und man fragte sich: "Wenn alle immer nur auf gleichem Level Energie sparen, kann dann überhaupt richtig überholt werden?"

Schon am Ende des Rennens wurde die Frage aber beantwortet: ja! Nick Heidfeld hatte sich bis zum Schlussspurt Energie aufgespart und so plötzlich die besten Siegaussichten gegenüber Nicolas Prost. Zwar wurde der Mönchengladbacher durch den spektakulären Unfall in der letzten Kurve am Ende nicht belohnt, doch er hat gezeigt, dass man mit klugem, taktischem Fahren einiges erreichen kann - und die Formel E hatte ihre Schlagzeile!

Spannung in London? Zufall!

In den folgenden Monaten entwickelte sich auch die Serie weiter und mit ihr das Racing. Das Konzept mit dem Fahren in den Innenstädten ist für mich voll aufgegangen. Die Serie wäre auf richtigen Rennstrecken fehl am Platz und würde den Zeitenvergleich mit Formel 1 & Co. deutlich verlieren. Auf den Stadtkursen kommt das allerdings nicht zum Tragen - und das ist auch gut so! Die Autos mögen noch langsam sein, allerdings hat das letzten Endes guten Sport nicht verhindert.

Norman Fischer

Norman Fischer hatte bei der Formel E in diesem Jahr viel Spaß Zoom

Allerdings gibt es auch bei den Strecken noch einige Stellschrauben zu drehen: Kurse wie Moskau oder Miami mögen ganz gut gewesen sein, doch andere Beispiele sollten dringend in der zweiten Saison geändert werden: Punta del Este war für mich eine Fehlkonstruktion ohne Flair und soll zum Glück nicht wiederkehren, und in Monaco sollte die erste Kurve dringend überdacht werden. Das Chaos in Runde 1 mit Bruno Senna, der über Daniel Abt flog, war eigentlich vorprogrammiert.

Ein wenig schockiert war ich über das Finale in London. Das Rennen im Battersea Park klang am Anfang ganz gut, doch die Strecke war für ein spannendes Finale total ungeeignet - da waren sich auch die Fahrer einig. Zu eng, zu überholfeindlich, zu verwinkelt war der Kurs, und dass man am allerletzten und entscheidenden Wochenende das Rennen hinter dem Safety-Car starten muss, weil die erste Kurve unmöglich zu fahren ist, ist absolut indiskutabel! Dass letzten Endes genau diese Streckencharakteristik für ein absolut packendes Finale sorgte, ist für mich reiner Zufall und den Umständen geschuldet.

Saison zwei: Chance und Gefahr

Doch die Formel E wird daran wachsen, da bin ich mir sicher. Die Serie hat gezeigt, dass sie schnell lernen kann und wird. Die Entwicklung schreitet nun zur zweiten Saison unaufhaltsam voran, die Herstellung eigener Antriebe ist Fluch und Segen zugleich. Einerseits ist der technologische Fortschritt natürlich die Berechtigungsgrundlage der Formel E, andererseits muss man höllisch aufpassen, dass man nicht in die sportliche Spannungsarmut wie die Formel 1 gerät. Sollte einem Hersteller der große Wurf beim Antrieb gelingen, dann droht eine Mercedes-ähnliche Dominanz wie in der Formel 1 - auch wenn die Serie dies per Reglemet verhindern möchte.

Ich bin auf jeden Fall gespannt und freue mich auf die zweite Saison der Formel E!

Elektrisierende Grüße


Norman Fischer

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