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Zwölf Millionen Euro: FIA erhöht Druck auf Motorenhersteller

FIA-Präsident Todt will mit einem Alternativantrieb ernst machen, wenn Mercedes & Co. nicht billiger werden - Kundenteams laut Wolff schon jetzt ein Verlustgeschäft

(Motorsport-Total.com) - FIA-Präsident Jean Todt scheint fest entschlossen zu sein, auf dem Formel-1-Motorenmarkt eine kostengünstigere Alternative zu den aktuellen V6-Hybridantrieben von Ferrari, Honda, Mercedes und Renault einzuführen. Konkret schwebt Todt in etwa eine Halbierung der aktuellen Leasingkosten von geschätzten 25 Millionen Euro pro Jahr vor.

Toto Wolff, Jean Todt

Mercedes-Sportchef Toto Wolff im Gespräch mit FIA-Präsident Jean Todt Zoom

Seine Idee: Wenn sich die Motorenhersteller schon nicht freiwillig dazu bereiterklären, ihren Preis zu halbieren (Ferrari hat eine Kostenobergrenze kürzlich mittels Veto verhindert), dann soll für finanziell strauchelnde Teams wie Force India, Sauber oder Manor-Marussia zumindest eine kostengünstige Alternative geschaffen werden. Für 2017 könnte die FIA beispielsweise einen 2,2-Liter-V6-Biturbo ausschreiben, den dann ein unabhängiger Hersteller wie Cosworth um sechs bis sieben Millionen Euro anbieten würde.

"Ich war früher bei Williams. Wenn sich damals so eine Gelegenheit geboten hätte, hätte ich natürlich zugeschlagen", gesteht Mercedes-Sportchef Toto Wolff, der noch am Freitag das Ferrari-Veto gegen eine Kostenobergrenze verteidigt hat. Für Todt steht indes fest, dass die Preise, die die Hersteller momentan verlangen, viel zu hoch sind: "Zwölf Millionen sind immer noch ziemlich viel Geld, aber das wäre meiner Meinung nach eine akzeptable Summe", sagt er.

Wolff: Mercedes zahlt jetzt schon drauf

"Ich habe das Gefühl, dass dieser von uns vorgeschlagene Maximalpreis so ist, dass die Hersteller damit kein Geld verlieren würden", erklärt Todt. "Es wäre meiner Meinung nach unfair, sie darum zu bitten, mit ihrem Service Geld zu verlieren. Sechs oder acht Millionen wären unfair gewesen. Bei zwölf haben sie noch eine Marge." Und er unterstreicht vehement: "Kein Motorenhersteller wird Geld verlieren, wenn er seine Motoren um zwölf Millionen verkauft."

"Wir verlieren jetzt schon Geld. Die Frage ist, wie viel mehr wir verlieren würden." Toto Wolff

Das sieht man bei Mercedes freilich anders: "Natürlich würden wir damit Geld verlieren", widerspricht Wolff dem FIA-Präsidenten. "Wir verlieren jetzt schon Geld. Die Frage ist, wie viel mehr wir verlieren würden, wenn wir die Motoren für unsere Partner noch stärker subventionieren müssten. Aber es ist jetzt schon ein Verlustgeschäft." Und er stellt klar: "Man kann von keiner beteiligten Partei in diesem Sport Wohltätigkeit erwarten."

Wolff drückt sich aber diplomatisch aus: "Jeans Position ist legitim. Die FIA möchte den kleinen Teams in einem schwierigen finanziellen Umfeld helfen. Andererseits verstehen sie unsere Position, dass wir nämlich einen Businessplan hatten, als wir in diese Motorenformel eingestiegen sind. Und dieser Businessplan basiert auf einem bestimmten Einkommen." Zumal etwa das Mercedes-Team sogar im Weltmeister-Jahr 2014 über 100 Millionen Euro Verlust geschrieben hat.

FIA erhöht den politischen Druck

Aber wenn selbst der amtierende Weltmeister Mercedes, der den starken Daimler-Konzern im Rücken hat, Verluste schreibt, wie sollen sich dann erst Privatiers wie Vijay Mallya oder Peter Sauber finanzieren? "Zwölf Millionen sind okay", gibt Todt zu Protokoll und droht den Herstellern: "Wenn wir das nicht durchbekommen, dann müssen wir eine andere Lösung finden, sonst riskieren wir, dass zehn Teams bankrott gehen."

"Wir können von den Privatteams nicht verlangen, so viel für diesen Motor zu bezahlen." Jean Todt

"Es tut mir leid, dass wir diesen Weg einschlagen müssen, aber ich bin sehr besorgt, weil einige Teams Schwierigkeiten haben, einen Motor zu finden. Das darf nicht passieren", spielt er auf Red Bull, Toro Rosso und Lotus an. "Wir können von den Privatteams mit begrenzten Budgets und einer unfairen Einnahmenverteilung, wie wir sie momentan haben, nicht verlangen, so viel für diesen Motor zu bezahlen. Darum habe ich bei der letzten Strategiegruppe diesen Vorschlag eingebracht, der eine Mehrheit bekam und nun zur Formel-1-Kommission geht."

In der Strategiegruppe stimmten mutmaßlich Todt (sechs Stimmen) und Ecclestone (sechs Stimmen) für den Alternativantrieb ab 2017, ebenso wie Williams, Red Bull, Force India und McLaren. Die einzigen zwei Gegenstimmen kamen vermutlich von Ferrari und Mercedes. Aber sogar Wolff gibt zu: "Im Interesse der Formel 1 ist das eine Diskussion, die wir führen müssen. Man kann versuchen, anstatt die eigene Situation zu optimieren, einen Kompromiss im Interesse des Sports zu finden."

Regelstabilität über 2020 hinaus?

Mercedes und Ferrari haben ihren Standpunkt bisher entschlossen vertreten, doch vor allem Wolff zeigt sich bemüht, einen Kompromiss zu finden, der einerseits für die Privatteams tragfähig ist, andererseits aber auch nicht den Interessen der Hersteller schadet. Er signalisiert Gesprächsbereitschaft: "Wollen wir das Reglement ändern, weil wir finden, dass diese Motoren zu komplex sind? Reden wir darüber. Finden wir, dass sie lauter sein sollten? Reden wir darüber."


Fotostrecke: Brixworth damals und heute

Ein möglicher Kompromiss könnte aus FIA-Sicht sein, dass die Hersteller ihre Leasingpreise reduzieren, sie dafür aber Garantien bekommen, nicht 2020 schon wieder für viel Geld einen neuen Antrieb entwickeln zu müssen: "Stabile Regeln sind wichtig", argumentiert Todt. "Wir haben den Motorenherstellern versprochen, dass die Motorenregeln bis 2020 stabil bleiben. Wenn es die Hersteller ermutigt, den Preis für ihre Kunden zu reduzieren, dann wäre ich dazu bereit, die Stabilität des Motorenreglements zu verlängern."

Im Nachhinein sieht der Franzose auch ein, bei der Einführung des aktuellen Reglements Fehler gemacht zu haben. Zwar sei der Hybrid für Technologietransfer in die Serie und Vermarktung nach wie vor ein Erfolgsprojekt, und auch Honda wäre mit einem V8-Saugmotor wahrscheinlich nicht gekommen. Andererseits wurde es aber verabsäumt, eine Kostenbremse einzuziehen, und die Hersteller wurden auch nicht dazu verpflichtet, eine Mindestanzahl Teams zu beliefern.

Todt räumt im Nachhinein Fehler ein

Stattdessen sorgte man sich beim Verfassen des Reglements in erster Linie darum, dass kein Hersteller mehr als drei Teams beliefern darf, um eine Monopolstellung zu verhindern. Jetzt stehen Red Bull und Toro Rosso ohne Motor da, weil niemand sie beliefern will - und auch niemand dazu gezwungen werden kann. "Das Motorenreglement ist vielleicht zu weit gegangen - weiter, als ich gedacht hatte", räumt Todt ein.

Jean Todt

Pressetermin mit FIA-Präsident Jean Todt am Samstag in Mexiko-Stadt Zoom

"Ursprünglich wollten wir einen Vierzylinder-Hybridmotor für 2013, aber dagegen sind die Teams Sturm gelaufen. In letzter Minute haben wir uns darauf geeinigt, den neuen Motor um ein Jahr zu verschieben und 2014 einen Sechszylinder-Hybrid einzuführen", erinnert er sich. "Dass damals nicht stärker reglementiert wurde, war vielleicht ein Fehler. Ich glaube aber nicht, dass ein Kostendeckel akzeptiert worden wäre, denn wir haben in all den Jahren immer wieder Kostenobergrenzen vorgeschlagen. Die wurden nie akzeptiert."

"Bernie hat schon recht: Das Einzige, worauf sich die Strategiegruppe meistens einigen kann, ist das Datum für das nächste Meeting", kritisiert Todt. Letztendlich geht es aber auch Ecclestone um Macht, weil er die Hersteller nicht länger auf seiner Nase tanzen sehen will. Wolff: "Für Bernie ist es sicher interessant, einen unabhängigen Hersteller zu haben, um die Machtverhältnisse, wie Entscheidungen derzeit getroffen werden, zu verschieben. Wir wissen, dass er von Anfang kein Fan dieses Motors war, aus verschiedenen Gründen."

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