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  • 22.10.2014 · 18:21

  • von Dieter Rencken & Dominik Sharaf

Williams-Investor sieht Formel 1 in den USA "explodieren"

Brad Hollinger glaubt, dass ein US-Team, ein zweiter Grand Prix und der Einstieg der Giganten aus dem Silicon Valley der Szene zu spätem Erfolg verhelfen werden

(Motorsport-Total.com) - Um kaum einen Markt kämpfen die Formel 1 und insbesondere ihr Zampano Bernie Ecclestone so lange und so verbissen wie um den US-amerikanischen. Es zeichnen sich Erfolge ab, nicht nur wegen steigender TV-Einschaltquoten (die verglichen mit denen in Europa aber noch immer, um es im Landesjargon auszudrücken, "Peantus" sind). Auch die nordamerikanische Geschäftswelt findet Interesse an der Königsklasse. Zum Beispiel in Person von Brad Hollinger, Fünf-Prozent-Teilhaber bei Williams.

USA-Flagge

Schöne Aussichten für die Formel 1 in den USA? Hollinger glaubt daran Zoom

Der Betreiber von Krankenhäusern im gesamten Land verzeichnet mit seiner Unternehmensgruppe jährliche Umsätze von einer knappen Milliarde Euro und mehr. Sein Herz schlägt für Motorsport, auch deshalb kaufte er Mercedes-Motorsportchef Toto Wolff ein Stück seiner Beteiligung am Traditionsteam ab. Vertraglich ließ sich der 60-Jährige die Chance einräumen, sein Investment zu erhöhen: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass ich in den kommenden Monaten eine dieser Optionen ziehen werde", sagt Hollinger.

Für den studierten Finanzökonomen waren nicht nur sportliche Vorlieben, sondern auch die Zahlen entscheidend: "Es ist an der Zeit. Williams ist im Moment stark im Aufwind", sagt er mit Blick auf die sportliche und auf die wirtschaftliche Situation eines Teams, das sich abseits der Strecke als Zulieferer für Teile von Hybridantrieben in einem Nischenmarkt etabliert hat. "Mit mehr Weitblick ist die Formel 1 insgesamt in einer starken Position. Die Rennen in diesem Jahr sind toll", so Hollinger weiter.

Soziale Medien: NFL zum Vorbild nehmen

Er findet: "Gut aufgestellt, um in den USA Fuß zu fassen. Ich halte das Rennen in Austin für ein Pfund, mit dem man wuchern kann. Die Leute mögen die Strecke und sie zieht sie auch an." Bei einem spektakulären Kurs soll es langfristig nicht bleiben. Ein Team mit Stars and Stripes wäre nach dem Geschmack Hollingers, der seine Jetons auf die aus der NASCAR-Szene bekannte Truppe setzt, die in der Saison 2016 die Königsklasse entern will: "Gene Haas bringt alles mit, was es braucht, um erfolgreich zu sein."


Fotostrecke: F1 Backstage: Austin

Der 60-Jährige fordert wie viele, die mit dem Zirkus Geld verdienen, neue Marketingansätze zu wagen. Ecclestone ist alles andere als ein Verfechter der Möglichkeiten des Internets, solange es ihm kein Geld druckt. "Die Formel 1 hat das Potenzial das zu schaffen, was die NFL (höchste Football-Liga, die ihre Spiele im Internet und auf diversen Videoplattformen ausstrahlt; Anm. d. Red.) in den USA bewerkstelligt hat - und zwar, die sozialen Medien und diverse Vertriebswege zu nutzen", erläutert Hollinger.

NASCAR kein Sport für Einwanderer

Kyle Busch

Außerhalb der USA hat die NASCAR-Serie nicht die Popularität wie in den Südstaaten Zoom

Es entspricht ganz seinem uramerikanischen Gründergeist, wenn er das Business florieren sieht: "Sie stehen auf der Schwelle und können für die Fans Pakete schnüren, die es zuvor nicht gab. Ich glaube sogar, dass wir kurz davor sind, dass die Formel 1 eine Explosion erlebt." Aktuell sei das kommerzielle Interesse in den USA nicht überragend. Weil die in einer Dauerkrise befindliche lokale Autoindustrie nicht die Möglichkeiten und die strategische Position besitzt, um zu investieren, sieht Hollinger die Giganten der IT-Branche als logische Partner.

Der leidenschaftliche Sammler historischer Boliden betont, dass Facebook, Apple und Co. den Motorsport weltweit noch nicht für sich entdeckt hätten. "Sie könnten ihre Produkte sehr effektiv auf dem ganzen Globus vermarkten, in 19 oder 20 Ländern jedes Jahr." Hollinger vergleicht die Entwicklung mit der des Fußballs in den USA: Migrationsströme haben dazu beigetragen, dass der über Jahrzehnte als Schulmädchensport verkannte Weltmarktführer stark an Popularität gewonnen hat.

Rückendeckung für New-Jersey-Pläne

"Weil sie aus anderen Teilen des Erdballs kommen, sind sie eher an die Formel 1 gewöhnt als an die NASCAR-Serie. Ihre Vorliebe fließen aber in den Mainstream ein", erklärt der Williams-Teilhaber und schielt dabei auf die immer wichtiger werdenden "Hispanics", die spanischsprachigen US-Amerikaner. Sie grenzen sich sozioökonomisch vom klassischen NASCAR-Publikum ab. Er glaubt, dass die Entwicklung US-amerikanischen Piloten helfen könnte, im internationalen Motorsport eine gewichtigere Rolle zu spielen.

David Coulthard

Ecclestones Vision: Der Traum von der New Yorker Skyline und der Formel 1 Zoom

Schließlich wird selbst die heimische IndyCar-Szene mittlerweile von Ausländern geprägt. Auch ein weiteres Rennen schwebt ihm vor. Derzeit macht das Zockermekka Las Vegas nach dem Einschlafen der Pläne in Long Beach mit Plänen auf sich aufmerksam, Hollinger gefällt eher das in Finanznöte geratene Projekt in New Jersey. "Es gibt die Möglichkeit, ein weiteres Rennen in den USA zu veranstalten - entweder im Nordosten oder an der Westküste, um den Großraum Los Angeles herum, einem echten Ballungsgebiet."

Er schwärmt aber für das Rennen vor der Skyline einer Metropole: "Das Konzept direkt vor den Toren New Yorks war brillant und sinnvoll. Es ist so viel Bevölkerung im Einzugsgebiet, dass die halben USA hinfahren und sich das Rennen live ansehen könnten."