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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Es trifft einen, den es nicht treffen sollte, aber Safety-Car-Start, Funkverbot und Track-Limits machen die Formel 1 kaputt und müssen kritisiert werden

Charlie Whiting

Charlie Whiting hat den vielleicht schwierigsten Job in der Formel 1 Zoom

Liebe Leser,

es tut mir aufrichtig im Herzen weh, aber es muss sein. Bereits in Monaco haben wir Charlie Whiting für unsere traditionelle Montags-Kolumne am schlechtesten schlafen lassen, und nach dem Grand Prix von Großbritannien in Silverstone 2016 kommt er nochmal dran. Schon wieder.

Das ist insofern eigentlich ungerecht, weil Whiting einer der reflektiertesten und smartesten Zeitgenossen im Formel-1-Paddock ist. Einer, der großen Sachverstand hat. Einer, der sich seine Entscheidungen nicht leicht macht. Einer, der Probleme lieber unauffällig im Hintergrund löst als mit großen Schlagzeilen. Kurzum: Einer, dessen Herangehensweise an seinen extrem schwierigen Job mir persönlich sehr sympathisch ist.

Aber wenn man eine Kolumne über den umstrittenen Safety-Car-Start, das umstrittene Funkverbot und die umstrittenen Track-Limits machen möchte, und wenn das Format dieser Kolumne ein personalisiertes ist, dann gibt es für diese Themen nur einen Mann, an der man das alles festmachen kann. Und das ist nun mal Whiting.

Aber der Reihe nach.

Wetterumschwung kurz vor dem Start

Fangen wir beim Start hinter dem Safety-Car an. Als die Entscheidung dazu getroffen wurde, knapp 15 Minuten bevor es losging, schien diese völlig richtig zu sein. Es schüttete wie aus Kübeln, und Bild-Reporter Lennart Wermke twitterte um 12:45 Uhr (Ortszeit) sogar: "Also so, wie es jetzt schüttet, kann man nicht mal hinter dem Safety-Car starten. Ausgeschlossen." 15 Minuten später sah das allerdings ganz anders aus: "Wieder strahlender Sonnenschein, aber wir starten hinter dem Safety-Car. Das muss man nicht verstehen."

Der Aufschrei vieler Fans in den sozialen Netzwerken suggeriert, dass man tatsächlich den Mut hätte haben sollen, die bereits getroffene Safety-Car-Entscheidung kurzfristig zurückzunehmen. Lewis Hamilton stellte von der ersten Runde an via Funk die Möglichkeit in den Raum, auf Intermediates zu wechseln. Dann kann es ja wohl unmöglich so unfahrbar gewesen sein, dass man hinter Bernd Mayländer starten musste.

Kollege Matthias Brunner von Speedweek.de twitterte: "Wozu brauchen wir eigentlich noch Regenreifen, wenn wir ohnehin nie auf einer richtig nassen Strecke ein freigegebenes Rennen haben?" Tatsächlich kam sofort nach der Rennfreigabe am Ende der fünften Runde das halbe Feld an die Box, um direkt auf Intermediates zu wechseln. Nach zwei weiteren Runden hatten ausnahmslos alle umgesteckt.

Reichen die Auslaufzonen nicht aus?

Da stellt sich die Frage: Waren die Bedingungen wirklich so gefährlich, dass man den 140.000 Fans in Silverstone das spannendste Element des Grand Prix, nämlich die Startphase auf nasser Strecke, wegnehmen musste? Sind Strecken wie Silverstone mit ihren gefühlt kilometerlangen Auslaufzonen nicht sicher genug, dass sie einen stehenden Start bei Regen aushalten? Wenn es schon kracht, sind halt ein paar Autos weg. Das würde jedem Rennen gut tun.

Ich möchte aber nicht in Whitings Haut stecken. Seine Aufgabe ist es nicht, die Lust der Fans auf spannendes Racing zu stillen, oder den Wunsch der FOM, möglichst viel Spektakel für das TV zu erzeugen. Er ist einzig und allein dafür da, ein sicheres Rennen zu gewährleisten.

Das war schon in Monaco so, wo er für den Safety-Car-Start ebenfalls viel Kritik einstecken musste. Nicht auszudenken, wenn Monaco oder Silverstone normal gestartet worden wären - und dann hätte sich einer verletzt. Kommentatoren wie ich hätten vielleicht am Montag danach kritisch hinterfragt, warum die Startphase nicht sicherheitshalber mit dem Safety-Car neutralisiert wurde.

Wie man's auch macht, es ist immer falsch.

Seit Bianchi-Prozess ist Vorsicht angesagt

Die sicherheitskonservative Position der FIA in solchen Fragen kann ich nachvollziehen. Seit die Bianchi-Familie angekündigt hat, den tödlichen Unfall von Jules in Suzuka juristisch untersuchen zu lassen, lässt der Weltverband im Zweifel lieber Vorsicht walten. In Suzuka hatte Doppel-Gelb Bianchi nicht davon abgehalten, bei klitschnasser Strecke Tempo zu bolzen. Das Safety-Car nimmt den Fahrern solche Entscheidungen aus der Hand - und sorgt damit für mehr Sicherheit.

Aber wenn man schon hinter dem Safety-Car startet, dann bitte nicht gleich fünf Runden lang. Auch wenn die meisten Kommentare der Fahrer am Boxenfunk durchblicken ließen, dass sie mit dem Safety-Car-Start einverstanden sind.

Die Herren Formel-1-Stars sind offenbar nicht mehr daran gewöhnt, bei nasser Strecke ohne Begleitschutz loszufahren. Vielleicht muss man ihnen in Zukunft wieder mehr Eigenverantwortung zutrauen. Im Interesse der Fans, die das größte Kapital der Formel 1 sind.


Fotostrecke: GP Großbritannien, Highlights 2016

Etwas Positives haben die Safety-Car-Starts immerhin für Mercedes: Die Marke, die sonst aufgrund der haushohen Dominanz in den TV-Übertragungen 2016 gemessen an ihren Erfolgen unterdurchschnittlich repräsentiert ist, bekommt auf diese Weise eine werbewirksame Dreifachführung in die Wohnzimmer dieser Welt übertragen.

Ob auch solche Interessen mitspielen, wenn Whiting darüber entscheidet, wie gestartet wird? Ich, Verschwörungstheorien (zumindest in der Formel 1) ansonsten nicht abgeneigt, glaube: Nein.

Stundenlanges Warten auf das Endergebnis

Dann das Funkverbot. Dass die Fans am Tag des Euro- und Wimbledon-Finales stundenlang auf das Ergebnis des Formel-1-Rennens warten müssen (potenziell wochenlang, wegen des Mercedes-Protests), weil sich die Herren FIA-Kommissare nicht darauf einigen können, ob der Funkspruch an Nico Rosberg ("You need to shift through it!") nun legal war oder nicht, kann nicht im Interesse des Sports sein.

Auch wenn wir als Internetportal dafür herzlich danke sagen, weil der Traffic in unserem Live-Ticker noch Stunden nach der Zieldurchfahrt überdurchschnittlich hoch war. Jeder wollte wissen, ob Rosberg denn nun Zweiter oder Dritter wurde. Wer aber schon Tennis geschaut hat und nicht in unserem Live-Ticker drangeblieben ist, der ging womöglich schlafen, ohne das Endergebnis zu kennen. Ein unerträglicher Zustand.

"Kein einziger User hat sich je daran gestört, dass die Formel-1-Fahrer zu viele Instruktionen erhalten hätten."

Nur zur Klarstellung: Ich stimme zu, dass die Strafe bei strenger Regelauslegung richtig ist. Aber die Regel an sich ist Unsinn. In 18 Jahren Formel-1-Journalismus habe ich schon viele Leserbriefe erhalten, aber kein einziger von unseren Usern hat sich je daran gestört, dass die Formel-1-Fahrer zu viele Instruktionen erhalten hätten.

Und wenn man dieses Nicht-Problem schon krampfhaft lösen will, dann doch bitte den Boxenfunk gleich komplett abdrehen und für die allernötigsten Botschaften auf die gute alte Boxentafel umstellen. Das würde sicher dann und wann spannende Nebenstorys generieren. Alles andere macht nur Grauzonen auf und stiftet Verwirrung. Wie man sieht.

Track-Limits: Button-Vorschlag klingt plausibel

Und dann sind da auch noch die Track-Limits, über die sich Whiting und Kollegen Gedanken machen müssen. Macht man's radikal, wie mit den "Baguettes" in Spielberg, wird gemurrt. Macht man's easy, wie mit der nahezu randsteinbefreiten Strecke in Silverstone, passt es auch nicht.

Die guten alten Kiesbetten wiederum sind suboptimal für Rennstrecken, auf denen auch Motorräder fahren. Die Zweiradler kommen auf Kies einerseits leichter zu Sturz, werden dafür, on the bright side, aber auch besser verzögert, wenn es denn mal kracht. Und Asphalt verzögert ein strauchelndes Formel-1-Auto nun mal besser als Kies, auf dem es möglicherweise abhebt und Bodenkontakt verliert. Ich verstehe das Dilemma.

Der vielleicht sinnvollste Vorschlag kommt von Jenson Button: ein schmaler Kiesstreifen unmittelbar neben der Strecke, danach wieder Asphalt. "The best of both worlds", wie die Engländer sagen würden. Denkbar. Löst aber immer noch nicht den Interessenkonflikt für jene Veranstalter, die sowohl die Formel 1 als auch Motorradrennen beheimaten.

Es gibt viele Fragen, mit denen sich Charlie Whiting in diesem Sommer auseinandersetzen muss. Uns fällt es leicht, die Probleme aufzuzeigen. Beim Beantworten steht die FIA ganz alleine da. Das ist eine undankbare Aufgabe.

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Tony Ross: Über die Sinnhaftigkeit des Funkverbots kann (eigentlich: muss) man diskutieren. Aber die Situation ist nun mal so, wie sie ist, und dann sollte ein Mercedes-Renningenieur im Schlaf wissen, was er sagen darf und was nicht. Der erste Teil des Boxenfunks war laut unseren Informationen noch völlig okay: "Driver default 1-0-1, chassis default 0-1, chassis default 0-1. Avoid seventh gear, Nico, avoid seventh gear." Der zweite, auf Nachfrage von Rosberg, nicht mehr: "A-firm, Nico, you need to shift through it. A-firm, you need to shift through it." Ein Fehler, der dem Deutschen drei wertvolle WM-Punkte gekostet hat.

Maurizio Arrivabene: Oberboss Sergio Marchionne wird immer ungeduldiger, aber Ferrari kommt 2016 nicht in Schwung. Ganz im Gegenteil: Rein von der Performance her war Silverstone vielleicht das schlechteste Wochenende der Saison. Die schlechte Zuverlässigkeit kommt noch dazu. Und dass der Vertrag von Kimi Räikkönen jetzt schon verlängert wurde, verstehen ein paar Experten nicht. "Eine bequeme Entscheidung. Aber Ferrari ist derzeit nicht gut beraten, bequeme Entscheidungen zu treffen", findet Martin Brundle. Und Damon Hill sagt: "Ich hätte einem jüngeren Fahrer eine Chance gegeben." Carlos Sainz zum Beispiel.

Buhende Fans: In Österreich wurde Hamilton völlig zu Unrecht ausgebuht, obwohl laut FIA-Urteil eher Rosberg an der Kollision schuld war. In England gab es Pfiffe gegen den Deutschen, der auch nichts falsch gemacht hatte. Das ist unschön. Gerade die fachkundigen britischen Fans sollten es besser wissen. Wahrscheinlich haben die meisten von ihnen nicht schlecht geschlafen. Für diese Unsportlichkeit wäre es ihnen aber zu wünschen.

Ihr

Christian Nimmervoll

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