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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Genervt: Wie sehr die Kollision von Spielberg an Nico Rosbergs Contenance nagt und warum die Schuldfrage eindeutiger ist, als er das wahrhaben will

Liebe Leser,

eins vorweg: Nach der zweiten teaminternen Kollision in der Formel-1-Saison 2016 wird bei Mercedes wohl kaum jemand besonders gut geschlafen haben. Nicht Sportchef Toto Wolff, der sich am liebsten einen Eimer Eiswasser über den Kopf schütten würde, um sich nach der "Hirnlosigkeit" beim Grand Prix von Österreich abzukühlen; auch nicht Niki Lauda; und noch nicht einmal Lewis Hamilton, denn der Last-Lap-Sieger wurde auf dem Podium von tausenden Fans gnadenlos ausgebuht. Das kann an einem, dem die Liebe seiner Fans besonders wichtig ist, nicht ganz spurlos vorbeigehen. Auch wenn er das, ganz der coole Hipster, gern behauptet.

Aber am allerschlechtesten geschlafen hat meinem Gefühl nach mit Sicherheit Nico Rosberg. Vielleicht nicht einmal so sehr deshalb, weil er statt 31 jetzt nur elf Punkte Vorsprung auf Hamilton hat. Aber dass ihn das, was gestern in der letzten Runde des Rennens auf dem Red-Bull-Ring in Spielberg passiert ist, emotional zerrissen und innerlich toben lassen hat, konnte er bei der vom Mercedes-Team organisierten Presserunde in der Hospitality nicht einmal ansatzweise verbergen.

Auf meine Frage, ob Spielberg 2016 seine Gegenreaktion auf Suzuka und Austin 2015 sowie Montreal 2016 gewesen sei (wo ihm vorgeworden wurde, er halte gegen Hamilton in Rad-an-Rad-Situationen nicht genug dagegen), reagierte er schnippisch: "Warum sagst du, dass ich keinen Platz gelassen habe? Es ist eine Tatsache, dass er Platz hatte. Du kannst dir die Onboard anschauen." Und auch in anderen Situationen war klar zu erkennen, dass seine Nerven blank liegen.

Nico Rosberg

Ohne Frontflügel nur Vierter: Nico Rosberg gewann erstmals nicht in Österreich Zoom

Ein anderer Journalist formulierte seine Frage einleitend mit "Auf der positiven Seite...". Doch er kam gar nicht dazu, den Satz zu beenden, als Rosberg genervt dazwischen grätschte: "Gibt es keine." Ein anderer wollte nur eine Frage zu den Ultrasofts stellen, und leitete seine Frage mit "Gestern hast du noch augenzwinkernd gemeint, der Ultrasoft sei eine Katastrophe..." ein. Auch da fuhr Rosberg sofort todernst rein: "Jetzt mache ich keine Witze mehr."

Leider konnte die extrem angespannte Stimmung im Raum nur schriftlich eingefangen werden, weil Lewis Hamilton (der vor Rosberg dran war, zu den Medien zu sprechen) darum gebeten hatte, die TV-Kameras abzuschalten. Als Rosberg dann etwas später im Flieger Richtung Heimat via Facebook vor die (Smartphone-)Kamera trat (unter seinen eigenen Spielregeln und ohne kritische Fragen), bemühte er sich naturgemäß um ein Mindestmaß an Fassung.

Für die Boulevard-Journaille ist die Bewertung der Kollision nicht einfach. Einerseits hatte sie nach Suzuka, Austin und Montreal laut aufgeschrien, dass Hamilton einfach kompromissloser sei, Rosberg keinen Killerinstinkt habe. Jetzt hat Rosberg einmal Hardball gespielt und seine Krallen ausgefahren, und wieder ist er am Ende der Dumme und Hamilton der Sieger. Ich glaube: Weil Hamiltons Killerinstinkt in solchen Situationen instinktiv ist und Rosberg darüber nachdenken muss.

Rosberg selbst wird natürlich sagen, dass diese Einschätzung totaler Unsinn ist. Er möge uns eines Besseren belehren und in der nächsten vergleichbaren Situation wieder entschlossen dagegenhalten, dann aber auch das bessere Ende für sich haben. "Ich habe das Recht, mich zu verteidigen. Ich hatte Lewis auf der Außenbahn. Und da wollte ich ihn auch halten", analysiert er. Gut so, Nico! Weltmeister wird nämlich sicher nicht der, der im Duell die Hosen voll hat.

Dass die Kollision Rosbergs Schuld war, ist unter den Experten im Formel-1-Paddock Konsens. Die FIA-Rennkommissare haben ihn dafür mit zehn Sekunden Strafe belegt. Ein kluges Urteil mit einer Sanktion ohne Auswirkungen, denn er blieb in der Wertung trotzdem Vierter. Alle Kameraperspektiven zeigen klar und deutlich: Brake-by-Wire-Ausfall hin oder her, Rosberg hat in Kurve zwei nicht einmal versucht, zum normalen Zeitpunkt einzulenken.

Sondern er ist (mutmaßlich ganz bewusst) geradeaus gefahren, um Hamilton links verhungern zu lassen. Hätte ihm der nicht bei der Berührung den Frontflügel abrasiert, wäre das auch gut gegangen. Toto Wolff hat eine Privatmeinung dazu, wer schuld war, will diese aber nicht öffentlich äußern. Nur: Als Johnny Herbert vor laufender Kamera argumentierte, warum der Crash klipp und klar auf Rosbergs Kappe geht, ließ der Mercedes-Sportchef dies ohne Widerspruch so stehen.

Die Argumentation, dass er die Kurve wegen des Bremsdefekts nicht normal erwischt hat, nimmt sich Rosberg nämlich selbst weg, wenn er sagt: "Ich hatte das Auto zu jedem Zeitpunkt zu 100 Prozent unter Kontrolle." Explizit Hamilton den Schwarzen Peter zuschieben will er aber auch nicht: "Das habe ich nicht gesagt", winkt er ab. "Ich kann nur sagen, dass ich niemandem reingefahren bin. Dass er reingezogen ist, hat mich total überrascht." Aber irgendwann musste Hamilton eben einlenken.

"Er hat in einem TV-Interview gesagt, dass ich in seinem toten Winkel war. Vielleicht ist das eine mögliche Erklärung", so Rosberg in seiner Medienrunde, mit einem sarkastischen bis genervten Unterton. Als er den Satz etwas später für seine Facebook-Fans wiederholt, ist von diesem Unterton nichts mehr wahrzunehmen. Was zeigt: Ein bisschen beruhigt hatte er sich da schon. Vielleicht wurde es dann ja doch noch ein einigermaßen friedlicher Schlaf...

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Sebastian Vettel: Am Samstagabend genoss der Ferrari-Star noch einen entspannten Abend vor seinem 29. Geburtstag. Gemeinsam mit Freundin Hanna und seinen mitgereisten Eltern fieberte er im oberen Stock des Ferrari-Motorhomes beim Euro-Elferkrimi Deutschland gegen Italien mit. Als das 1:0 für die DFB-Auswahl fiel, lief er runter zum Team, hielt seinen Kollegen hämisch eine Tröte ins Gesicht und feierte so die Führung. Tags darauf war die gute Laune nach dem Pirelli-Reifenschaden weg. Vettel ließ TV-Reporterin Tanja Bauer schnippisch stehen und reiste ab, ohne zu seinem Medientermin mit den schreibenden Journalisten zu erscheinen.

Nico Hülkenberg: Die hochverdiente erste Startreihe hatte der Force-India-Pilot bitter nötig, um den Eindruck abzuschütteln, dass er der schlechtere Rennfahrer als Teamkollege Sergio Perez ist. Aber am Sonntag lief dann vom Start weg alles gegen Hülkenberg. Wieder einmal. Am Abend zuvor hatte ich ihm noch zum tollen Qualifying gratuliert und gefragt, ob ihn denn nicht das frei werdende Porsche-LMP1-Cockpit für Le Mans und die WEC reize. Vielleicht denkt er darüber schon bald etwas intensiver nach. Denn dass Teamchefs von Topteams momentan auf seinem Handy Sturm läuten, halte ich für unwahrscheinlich.

Monisha Kaltenborn: Eigentlich hätte es so eine schöne Woche sein können: Endlich ausstehende Gehälter gezahlt, irgendwo ist Geld aufgetaucht, von einem Silberstreif am Horizont ist die Rede. Wer der neue Investor ist, das weiß noch keiner so genau - und die Sauber-Teamchefin verrät es auch nicht. Aber selbst wenn die Budgetlage sich dank neuer Gelder etwas entspannen sollte: Seit Pascal Wehrleins sensationellem Punkt ist Sauber das einzige Team mit einem leeren WM-Konto. Das kann am Jahresende viele Millionen kosten. Wie gewonnen, so zerronnen.

Ihr

Christian Nimmervoll

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