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Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat

Chefredakteur Christian Nimmervoll gratuliert: Warum man Lewis Hamilton nicht mögen, aber seine außer Zweifel stehenden sportlichen Leistungen würdigen muss

Linda Hamilton, Lewis Hamilton und Nicole Scherzinger

Jubel über den WM-Titel: Stiefmutter Linda, Lewis Hamilton und Freundin Nicole Zoom

Liebe Leser,

unsere Montags-Kolumne kennen Sie ja schon. Einen Verlierer des Wochenendes "küren" wir damit normalerweise, der letzte Nacht (natürlich rein metaphorisch gemeint) am schlechtesten geschlafen hat. Aber am Tag nach der WM-Entscheidung erscheint mir das unangemessen. Viel lieber würdigen wir stattdessen heute den neuen Formel-1-Weltmeister Lewis Hamilton. Im positiven Sinn.

Der Beruf des Formel-1-Journalisten ist quasi ein wahr gewordener Kindheitstraum, hat jedoch einen großen Haken: Man darf keine Meinung haben. Beim Schreiben von Kolumnen aber darf man das schon. Und da muss ich zugeben: Ich hätte mich mit Nico Rosberg ein bisschen mehr gefreut. Ich habe Nico bei einem Test in Jerez 2006 kennengelernt, und mir hat damals imponiert, wie er, statt auf PR-Dame und festgelegten Termin zu warten, einfach aus dem Williams-Zelt kam und mir zurief: "Warum kommst du nicht rein und isst mit uns? Machen wir es doch gleich hier."

Bei der breiten Öffentlichkeit kommt Nico nicht so gut an wie Nationalheld Michael Schumacher oder auch Sebastian Vettel. Was auch daran liegt, dass der durchschnittliche Fan in der Regel nicht mitbekommt, wie sich die Formel-1-Stars verhalten, wenn die Kameras ausgeschaltet sind. Denn Nico ist ein intelligenter Bursche, ein Sprachtalent; einer der wenigen Fahrer, die in Medienrunden noch offen sprechen, solange er dem Gegenüber vertraut, dass nicht alles geschrieben wird.

Was vor und was hinter den Kameras passiert

Gut erinnere ich mich noch an einen sogenannten "Round Table" in Monaco, vor vielen Jahren, bei dem er ganz offen über "sein Monaco" sprach und aus dem Nähkästchen plauderte, wie viel Miete er für sein damaliges Appartement bezahlte. Das ist selten bei den großen Formel-1-Stars, aber es wird von den Journalisten geschätzt. Zumindest ist mir das alles charakterlich wesentlich näher als das Goldketten-Hip-Hop-Gehabe von Möchtegern-Hollywood-Star Hamilton.

Aber WM-Titel werden nicht für sympathisches Auftreten vergeben, und das ist gut so.


Fotostrecke: WM-Jubel: Hamiltons "Magic Moments"

Nüchtern (im wahrsten Sinne des Wortes, denn der neue Champion hatte in seiner Weltmeister-Nacht nur einen einzigen Drink) betrachtet gilt es festzuhalten: Hamilton war in den Rennen (und nur darauf kommt es an) letztendlich der Schnellere. Elf zu fünf Siege belegen das. Es ist nicht so, dass er Nico gnadenlos um die Ohren gefahren wäre - nein, das Ganze spielte sich auf sehr hohem Niveau ab. Aber wenn es drauf ankam, konnte Hamilton meistens ein bisschen schneller. Das weiß Nico auch selbst.

Ich war immer schon der Meinung, dass Lewis Hamilton rein vom Speed her einer der besten Formel-1-Fahrer aller Zeiten sein muss - auf Augenhöhe mit Legenden wie Ayrton Senna oder Jim Clark. Aber 2014 hat er den Beweis erbracht, dass er nicht nur Virtuose darin ist, einen Grand-Prix-Boliden ohne Rücksicht auf Verluste durch die schwierigsten Kurven dieser Welt zu prügeln, sondern dass er auch gelernt hat, ein Auto für das Rennen abzustimmen, Reifen zu schonen und Benzin zu sparen - und das alles, ohne etwas von seinem natürlichen Speed einzubüßen.

Der richtige Weltmeister 2014

Rosberg der bessere Qualifyer, Hamilton der bessere Racer: Wer mir das vor der Saison so prophezeit hätte, dem hätte ich wahrscheinlich jede fachliche Kompetenz abgesprochen! Aber Hamilton ist 2014 von einem unglaublich schnellen zu einem sehr kompletten Rennfahrer gereift, der sich den zweiten Titel mehr als verdient. Es sind schon Fahrer mit weniger Talent öfter Weltmeister geworden. Aber mit 29 hat er ja noch ein paar Jahre Zeit, um die historischen Kräfteverhältnisse richtigzustellen.

Lewis Hamilton, Niki Lauda

Niki Lauda hat Lewis Hamilton dazu überredet, zu Mercedes zu kommen Zoom

Lewis Hamilton ist der Weltmeister, den sich alle gewünscht haben. Bernie Ecclestone, was mich immer noch staunen lässt: Wie kann der Chefpromoter eines Sports öffentlich solche Präferenzen äußern? Niki Lauda, was mich wenig überrascht: Der Österreicher hat Hamilton zu Mercedes geholt und festigt so seine Position im Team. Ein Weltmeister Rosberg hätte ihm (auch wenn er es öffentlich nie zugeben würde) weniger Freude bereitet. Die Mehrheit der Fans, denn davon hat Hamilton weltweit gesehen mehr als Rosberg. Und natürlich die Fachmedien, denn die sind sich einig: Zehn Rennen gewinnen und trotzdem nicht Weltmeister werden, das hätte einen fahlen Beigeschmack gehabt.

Schön, dass die Weltmeisterschaft letztendlich nicht durch die doppelten Punkte verzerrt wurde. Ganz egal, welches Punktesystem man anwendet, Hamilton hätte immer die Nase vorne gehabt: mit 384:317 nach aktueller Rechnung, mit 359:317 nach konventioneller ohne doppelte Punkte, mit 146:135 nach dem 2003er- und mit 136:113 nach 1991er-Wertungssystem. In Wahrheit konnte es 2014 schon seit Wochen nur noch einen Champion geben.

Persönlichkeit seit 2007 stark

Der einzige Wermutstropfen ist, wie so oft im Leben, die Erinnerung. Nämlich an jenen sympathischen Jungen, der 2007 völlig unbekümmert Fernando Alonso zur Verzweiflung brachte, fast schüchtern in den Pressekonferenzen saß und in jeder ruhigen Minute brav Autogramme kritzelte, weil er sich noch gut daran erinnern konnte (oder von seinem bodenständigen Vater Anthony daran erinnert wurde), wie es war, als er selbst auf der anderen Seite des Zauns stand. Aus diesem Jungen ist ein Weltstar geworden, der meint, Fotos von seinem Privatjet via Twitter posten zu müssen, um Anerkennung für sein tolles Leben zu erhaschen. Ein Million-Dollar-Baby.

Ich mag keine Goldketten, ich mag keine übergroßen Kappen und ich hasse die Musik von Pharrell Williams. Aber Lewis Hamilton ist zweifellos ein verdienter Weltmeister. Und dazu gratuliere ich ihm von ganzem Herzen!

Ihr

Christian Nimmervoll

PS: "Wer letzte Nacht am besten geschlafen hat" ist heute wohl nicht der passende Titel für diese Kolumne. Viel geschlafen hat Hamilton nicht, sondern die Nacht in Abu Dhabi in der von Mercedes gemieteten Amber Lounge zum Tag gemacht. Aber weil er sich dabei (im Gegensatz zu seinem leicht verkaterten Sportchef Toto Wolff) nur einen Drink genehmigte, gehe ich davon aus, dass sein kurzer Powernap bis zur Weltmeister-Pressekonferenz um 9:00 Uhr morgens im Westin-Hotel äußerst gut war...

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