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  • 05.10.2016 · 08:27

  • von Gary Anderson (Haymarket)

Warum sollte Mercedes Lewis Hamilton übel mitspielen?

Formel-1-Experte Gary Anderson über die wütenden Äußerungen von Lewis Hamilton nach dem Sepang-Motorschaden: Nicht den Hersteller anklagen

(Motorsport-Total.com) - Lewis Hamilton hat mit seinen Äußerungen unter dem Eindruck des Motorschadens im vergangenen Grand Prix von Malaysia für einige hochgezogene Augenbrauen gesorgt. Aber solch ein Pech hat sicher viel komplexere Ursachen als eine banale Hinterlist. Allerdings ist es für Hamilton leicht, einfach mal Spekulationen anzuheizen. Genau das - und nichts anderes - hat er nach dem Grand Prix in Sepang gemacht.

Lewis Hamilton

Hamilton sah in Malaysia wie der sichere Sieger aus, bis sein Motor den Geist aufgab Zoom

Es war eigentlich ein fantastisches Wochenende für ihn. Seinen Teamkollegen und WM-Rivalen Nico Rosberg hatte er im Griff, er war auf dem besten Wege, die Führung in der Gesamtwertung wieder zu übernehmen. Aber dann lief in Runde 41 plötzlich alles schief. Ich weiß: Motorschäden sieht man heutzutage wirklich nicht mehr oft. Aber manchmal passieren sie eben.

Diese Antriebe generieren bis zu 900 PS. Das alles kommt aus einem kleinen 1,6-Liter-V6-Turbo in Kombination mit dem Hybrid. Das allein ist schon beeindruckend. Aber wenn man sich vor Augen hält, unter welchen Einschränkungen beim Benzinverbrauch dies geschieht, dann grenzt es regelrecht an ein Wunder. Die Hersteller sollten dafür gelobt werden und nicht öffentlich kritisiert, wenn mal etwas schiefgeht.

Hamiltons letzter Komplettausfall liegt weit zurück

In einem solchen Fall sogar Verschwörungstheorien anzuheizen, ist gegenüber einem Hersteller wie Mercedes arg respektlos. Da spielt es gar keine Rolle, wie enttäuscht man aufgrund eines verlorenen, durchaus verdienten Sieges ist. Sie zahlen Hamilton viele Millionen für seine Dienste. Warum sollte ihm dann jemand schaden wollen? Dann sogar teils noch Ingenieure und Mechaniker zu beschuldigen, die alles für ihn tun, schlägt dem Fass den Boden aus.

Ja, ich weiß, dass Hamilton in diesem Jahr schon Probleme in China und in den Straßen von Baku hatte. Er hat auch unter einer Strafe gelitten, als bei ihm in Belgien neue Teile installiert wurden. Aber sein letzter Komplettausfall aufgrund eines Defekts lag immerhin schon mehr als ein Jahr zurück.


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Rosberg hatte in diesem Jahr weniger solcher Probleme. Wenn überhaupt, dann würde ich mir erst dann wirklich Sorgen machen, wenn die Defekte exakt gleich verteilt wären. Es liegt in der Natur der Sache, dass es zwischen den Teamkollegen nicht immer abwechselnd passiert. Rosberg hat es in den Jahren zuvor nie an Pech gemangelt. Er war derjenige, der im WM-Finale 2014 in Abu Dhabi seine Probleme mit dem ERS hatte. Solche Dinge passieren nun mal.

Gegen einen Motordefekt ist jeder Fahrer machtlos

Der Mercedes-Antrieb war oft so stabil wie bei einem Panzer. Aber in diesem Jahr sehen wir, dass alle noch immer weiter an die Grenzen gehen. Es hätte Lewis angesichts der Tatsache, dass man mehr Power herauskitzeln musste, noch viel öfter treffen können. Ich denke, im aktuellen Fall war es ein einfaches Fehlerchen bei einer Charge. Diese Antriebe bestehen aus Hunderten von Teilen. Wenn eines nicht richtig funktioniert, dann hat das oft katastrophale Folgen.


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In meiner langen Karriere habe ich oft Piloten gesehen, die mehr Defekte ertragen mussten als der jeweilige Teamkollege. Man kann es sich leicht machen und sagen, dass er halt heftiger mit dem Auto umspringt. Das gibt es wirklich, wenn es um das Nutzen von Randsteinen oder das Schonen von Bremsen und Reifen geht.

Solange es sich aber um Antrieb oder Getriebe dreht, dann ist der Pilot eigentlich nur ein Passagier. Er gibt den Systemen mit seinen Mitteln einige Signale. Es liegt dann aber an der Elektronik, diese Dinge dann entsprechend umzusetzen. Als Fahrer hast du nur minimal Einfluss darauf. Es ist also unwahrscheinlich, dass Hamiltons Probleme daher kommen.

Mercedes wird alles tun, um den Fehler zu finden

Sollte der Fahrer tatsächlich durch sein Handeln womöglich Defekte erzeugen, dann muss man das als Team analysieren und Lösungen schaffen. Das kann ein Pilot allein keinesfalls. Lewis sollte die Gewissheit haben, dass es niemanden gibt, der ihm Schaden zufügen will. Mercedes wird die Daten anschauen, das Problem erkennen und aus der Welt schaffen. Das passiert nicht über Nacht. Aber Mercedes befeuert insgesamt acht Autos. Das sollte helfen, das Problem zu finden - wenn es denn eines gibt.

Einige dieser Motoren auseinander zu nehmen, wird dabei helfen, der Wurzel des Übels näher zu kommen. Man wird auch einen Antrieb auf den Prüfstand installieren, Hamiltons Fahrt noch einmal durchspielen, um den Defekt noch einmal zu provozieren - wird dann natürlich pünktlich vor dem großen Knall abstellen. Das alles dauert Zeit, aber auf irgendeinem Weg wird man dem Grund auf die Schliche kommen.

Irreparable Schäden können unterdessen aber auf zwischenmenschlicher Ebene entstehen, wenn jemand den Mund aufmacht, ohne nachgedacht zu haben. Es braucht bei so etwas nicht viel - und schon richtet man seine Aufmerksamkeit etwas mehr auf die andere Seite der Garage...

Rosberg-Strafe in Malaysia völlig überzogen

Ich gehöre außerdem zu der Riege all jener, die die Zehn-Sekunden-Strafe für Rosberg kritisch sehen. Die Strafe war komplett überzogen. Er hat Räikkönens kurzen Schlaf genutzt. Dafür sollte er Applaus kassieren und keine Strafe. Das ist Rennsport. Wenn man genau hinschaut, dann sieht man auch, dass er beim Kontakt vorn lag. Wenn überhaupt, dann hat Räikkönen ihn erwischt und nicht umgekehrt.

Lasst diese Jungs doch Rennen fahren. Dafür sind die Jungs da, und das wollen die Fans doch sehen. Wenn die Rennleitung zu oft eingreift, dann können wir die Punkte auch am Samstagnachmittag verteilen. Lasst sie doch kämpfen.

Sebastian Vettel, Nico Rosberg, Max Verstappen

Sebastian Vettel, Nico Rosberg und Max Verstappen beim Start in Malaysia Zoom

Sebastian Vettel hat auch eine Strafe bekommen - und diese halte ich für nachvollziehbarer. Wie heißt es immer so schön: Man kann in der ersten Kurve kein Rennen gewinnen, aber es ist verdammt leicht, dort alles zu verlieren. Vettel hat das schon mehrfach gezeigt. Er war der erste Fahrer, der Anfang des Jahres Daniil Kwjat kritisiert hat. Aber wenn man sich die Statistik anschaut, dann sieht man, dass Vettel in mehr Zwischenfälle in der ersten Ecke involviert war als jeder andere Pilot.

Er ist viermaliger Champion und ich schätze ihn sehr hoch ein, aber er muss sein Problem in den Griff bekommen. Vielleicht liegt es einfach am Druck und den himmelhohen Erwartungen seitens Ferrari, die so stark auf ihm lasten?

Teamorder bei Red Bull über letzten Boxenstopp gelöst

Und dann haben wir noch das Thema Red Bull und das dortige Ausbleiben einer Teamorder. Man hätte sowieso nichts über Funk sagen dürfen. Letztlich ging es nur über das gleichzeitige Hereinrufen beider Piloten beim letzten virtuellen Safety-Car. Und genau das hat man gemacht. Ricciardo bekam neue Softs, Verstappen musste gebrauchte nehmen. Außerdem verlor er hinter Ricciardo in der Box zusätzliche Zeit.

Das alles ist doch nur passiert, weil Red Bull etwas Dampf aus dem Duell nehmen wollte. Dieser Vorgang hat die beiden ausreichend lange auf der Strecke getrennt, sodass Ricciardo seinen Reifenvorteil wirklich nutzen konnte. Nicht falsch verstehen: Er ist ein verdienter Sieger. Aber man sollte uns von Seiten des Teams doch bitteschön nicht für dumm verkaufen.


Fotos: Red Bull, Großer Preis von Malaysia


Natürlich sorgt man dafür, dass man das bestmögliche Resultat für das Team erreicht. Das müssen alle Teams in der Formel 1 so machen. Es geht immer darum, das Ergebnis zu maximieren. Wie man in Malaysia gesehen hat, gilt das für einen Kampf um den Rennsieg bei Red Bull genauso wie bei Mercedes, die garantiert niemals einen Sieg wegwerfen würden, um damit schwachsinnige Verschwörungstheorien zu erzeugen.