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Vollgas für die Sicherheit: Mr. Safety-Car erklärt seine Welt

Hinter den Kulissen von Bernd Mayländer: Wie sein Dienstauto zum ersten Safety-Car wurde, wie er bei Dramen ruhig bleibt und welche Streiche ihm Whiting & Co. spielen

(Motorsport-Total.com) - Er sammelt seit mehr als einem Jahrzehnt in der Formel 1 mächtig Führungskilometer, und dennoch ist dies meist kein Grund zur Freude. Er fährt sich die Seele aus dem Leib, die Anerkennung für seine sportlichen Leistungen hält sich aber in Grenzen - genauso wie die Perspektive, Podestplätze, Siege oder WM-Titel einzufahren. Und dennoch war er über einige Jahre der Mercedes-Pilot, der die meisten Runden an der Spitze des Feldes absolvierte. Die Rede ist von Mr. Safety-Car Bernd Mayländer - ein Mann im Schatten der Topstars, der aber aus der Formel 1 längst nicht mehr wegzudenken ist.

Bernd Mayländer

Jubiläum: Bernd Mayländer geht 2014 in sein 15. Jahr als Safety-Car-Fahrer Zoom

Wie verantwortungsvoll sein Job ist, hat das letzte große Unglückswochenende der Formel 1 - der Grand Prix von Imola 1994 - gezeigt: Als Ayrton Senna im Williams in der berüchtigten Tamburello-Kurve ums Leben kam, war das Feld in den Runden davor hinter dem Schrittmacher-Fahrzeug aufgefädelt. Damals waren derartige Einsätze eher selten, und neben dem Bruch der Williams-Lenksäule und dem Aufsetzen des Unterbodens galt auch die zu niedrige Geschwindigkeit des Safety-Cars lange als mögliche Unfallursache, weil die Reifentemperatur der Formel-1-Boliden dadurch in den Keller fiel.

Mayländer war schon damals in Imola vor Ort - allerdings nicht am Steuer des Safety-Cars, sondern als Rennfahrer im Porsche-Supercup. Und ohne zu wissen, dass er fünf Jahre später zum offiziellen Safety-Car-Fahrer auserkoren werden würde, empfahl er sich bereits für diese Aufgabe. Der damals erst 22-jährige Baden-Württemberger bekam den schrecklichen Crash von Rubens Barrichello am Freitag von der gegenüberliegenden Tribüne mit eigenen Augen mit, die tödlichen Unfälle von Roland Ratzenberger und Senna am Samstag und am Sonntag sah er live auf dem Bildschirm.

Imola 1994: Der Versuch, den Wahnsinn auszublenden

Safety-Car, Imola, 1994

Nach Sennas Unglück 1994 galt auch das Safety-Car als mögliche Ursache Zoom

"Schon ein Wahnsinn, mit welcher Geschwindigkeit der Barrichello da oben in den Zaun geflogen ist", spielt sich der Crash im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com' noch einmal vor Mayländers innerem Auge ab. "Und dann am nächsten Tag Ratzenberger. Und man fährt dann eine halbe Stunde, Stunde später im Qualifying daran vorbei und versucht, das alles auszublenden." Genau das ist eine von Mayländers Qualitäten, die für den Job des Safety-Car-Fahrers notwendig sind. "Ich habe es damals in Imola für eine Runde hinbekommen und fuhr Pole-Position, am Sonntag wurde ich Zweiter."

Als er danach das Rennen in der Porsche-Hospitality verfolgte und das Unheil seinen Lauf nahm, konnte er nicht mehr zusehen. "Als Senna mit dem Hubschrauber weggeflogen wurde, habe ich zu meiner damaligen Freundin gesagt, jetzt gehen wir bitte ganz ganz schnell", erinnert er sich. Die Erlebnisse gingen Mayländer durch Mark und Bein. Noch heute weiß er genau, wo er endgültig von Sennas Tod erfuhr. "Das war im St.-Gotthard-Tunnel - in den offiziellen Nachrichten, das muss so zirka 18.30 gewesen sein. Ich erinnere mich, als wäre es heute passiert."

Wie Mayländers Dienstwagen zum Safety-Car wurde

Mayländers Safety-Car-Karriere sollte erst fünf Jahre später - kurioserweise ebenfalls in Imola - beginnen. Dennoch wirkt es beinahe so, als gäbe es eine schicksalhafte Verbindung zwischen ihm und dieser Aufgabe. Denn schon das erste Mercedes-Safety-Car, das 1996 in der Formel 1 eingesetzt wurde, war kurioserweise sein Auto.

Die Vorgeschichte: In Monaco 1996 war die FIA mit dem beauftragten Hersteller unzufrieden, kündigte den Vertrag, und die Stuttgarter erhielten den Zuschlag. Mercedes benötigte also rasch ein geeignetes Auto. "Das sportlichste Auto im Stall war damals ein AMG C36", erinnert sich Mayländer, der damals für die "Silberpfeile" in der DTM an den Start ging. "Alle DTM-Fahrer kriegten so ein Auto damals als Dienstwagen, und meiner ist mir gleich wieder abgenommen worden, weil sie schnell einen brauchten. Im Nachhinein habe ich dann mitbekommen, meiner war das erste Safety-Car in der ersten Formel-1-Saison. Ich habe übergangsweise ein anderes Auto gekriegt."

Immer wieder Imola...

Bernd Mayländer

Renn-Gen: Der junge Mayländer musste sich als Safety-Car-Fahrer umgewöhnen Zoom

Nach einigen Jahren bei Mercedes in DTM, ITC und FIA-GT-Serie legte Mayländer 1999 einen Neustart im Porsche-Supercup hin. Es war eine schwierige Phase in seiner Karriere, ehe am Imola-Wochenende der Knoten platzten sollte: Nach dem Saisonstart im blütenweißen Porsche hatte endlich ein Sponsor angedockt, das Setup passte perfekt, und die Pole-Position war die Folge.

Doch dann wurde er von der FIA angerufen und ins Formel-1-Fahrerlager zitiert: "Ich habe erst gedacht, dass vielleicht irgendwas vorgefallen ist, was nicht ganz okay war, und ich war gespannt, was die mich fragen wollten", rechnete Mayländer ursprünglich mit einer Maßregelung durch die Regelhüter. Schließlich kam es aber völlig anders: Herbie Blash, Charlie Whiting und Gerald Debart von Allsport Management baten den Deutschen, noch an diesem Wochenende als Safety-Car-Fahrer beim Formel-3000-Saisonstart einzuspringen, weil der eigentliche Pilot Oliver Gavin selbst am Rennen teilnahm.

Wieso die FIA Mayländer auswählte

"Ich war zur richtigen Zeit am richtigen Ort und habe dann prompt ja gesagt, dass ich das nebenher machen kann", reibt sich Mayländer heute die Hände. Warum die Wahl ausgerechnet auf ihn traf? "Sie suchten nach einem Fahrer, der das Auto ein bisschen kennt und vielleicht auch einen ganz anständigen Eindruck macht", beschreibt er das Anforderungsprofil. "Das Produkt Mercedes kannte ich, weil ich zuvor vier Jahre Mercedes gefahren bin etwa in der DTM. Das Safety-Car war in der Formel 3000, wie damals auch in der Formel 1, ein CLK 55, den kannte ich auch."

Und schnell war er ebenfalls, wie er noch am Sonntag in Imola trotz der Doppelbelastung mit dem Sieg im Porsche-Supercup unter Beweis stellte. Im Nachhinein sieht er Imola 1999 als eines seiner "erfolgreichsten Rennwochenenden" in seiner Karriere. "Zuerst der Sponsor, dann die Pole-Position und das Safety-Car-Engagement. Und nach dem Sieg im Rennen habe ich von Porsche noch die Anfrage bekommen, ob ich nicht Le Mans fahren möchte für ein Porsche-Team." Den 24-Stunden-Klassiker beendete er übrigens als starker Zweiter in seiner Klasse.

Lehrjahr in der Formel 3000

Zunächst erwies sich die Aufgabe, bei allen Formel-3000-Rennen 1999 das Safety-Car zu steuern, für Mayländer als ziemliche Herausforderung. Das lag daran, dass der Pilot des Schrittmacher-Fahrzeugs Multitasking-fähig sein muss, weil er neben dem Fahren auch die Funk-Kommunikationsanlage bedient.

"Da ist es schon ganz gut, wenn man da ein bisschen eingelernt wird, dass man einfach die richtigen Abläufe kennt", erinnert er sich. "Das war an meinem ersten Wochenende ganz sicherlich nicht der Fall. Glücklicherweise ist da aber auch nichts passiert, also habe ich mich da wirklich Schritt für Schritt rein arbeiten können. Das war eine wichtige Zeit, auch für die Formel 1 später."


Fotostrecke: Safety-Car im Wandel der Zeit

Im Jahr danach gelang Mayländer dann der letzte Schritt zu seinem heutigen Beruf: Weil Gavin in die USA wechselte um dort Rennen zu fahren, nahm er seinen Platz auch in der Formel 1 ein. Bis 2004 bestritt Mayländer nebenbei durchaus erfolgreich den Porsche-Supercup und später die DTM. Eine Doppelbelastung, die eine völlig gegensätzliche Herangehensweise erforderte.

Safety-Car-Job als Horizont-Erweiterung

"Als Rennfahrer möchte ich Rennen gewinnen, als Safety-Car-Fahrer gewinnt man kein Rennen und tritt am liebsten gar nicht in Erscheinung, dann ist alles gut gegangen", beschreibt er den extremen Gegensatz. Für den 42-Jährigen ist aber genau diese völlig unterschiedliche Perspektive interessant, weil er sich stets für die größeren Zusammenhänge im Motorsport interessiert hat.

Sven Haidinger, Bernd Mayländer, Christian Nimmervoll

Bernd Mayländer mit MST-Chefredakteur Nimmervoll und -Reporter Haidinger Zoom

"Mir macht es einfach Spaß, vielfältig zu sein", bestätigt er. "Also nicht nur der eine Rennfahrer zu sein, der im Rennen kämpft, sondern es gibt auch noch andere Wochenenden, an denen du noch andere Aufgaben übernehmen kannst. Das hat mich immer gereizt, einfach breit aufgestellt zu sein und über den Tellerrand hinauszublicken. Was sich auch in der Formel 1 und drum herum abspielt - und auch in der FIA -, das ist schon ganz interessant: Wo wird nach sicheren Materialien für die Zukunft geforscht?."

Daher sieht er sich nicht bloß als Pilot des Safety-Cars, sondern nimmt den Job als Berufung wahr, lebt den Sicherheitsgedanken im Motorsport. Er beschreibt dies anhand eines Beispiels: "Wenn ich Rennfahrer bin, und mein Auto ist perfekt abgestimmt und geht supergut über die Randsteine, während die anderen Probleme haben, dann wünsche ich mir keine Änderungen, schließlich arbeite ich hart für den Erfolg. Wenn man dann alle möglichen Aussagen von Fahrern und Teams hört, dann gibt einem das schon eine breitere Sichtweise. Wir - also die FIA - müssen aber überhaupt für alle denken, nicht nur für die Formel 1, sondern auch für Tourenwagen, Sportwagen und so weiter."

Mayländer längst fixer Bestandteil der FIA- und Mercedes-Familie

Mayländer denkt diesbezüglich ganzheitlich und zieht, wenn es um die Sicherheit geht, keine Grenze zwischen Rennstrecke und Straßenverkehr: Er ist Botschafter der FIA-Kampagne "Action for Road Safety" (Aktion für Verkehrssicherheit - hier geht's zur Webseite), die sich die weltweite Verbesserung der Sicherheit im Straßenverkehr zum Ziel setzt und sich um einen bewussteren Umgang der Protagonisten bemüht.

Doch das ist nicht Mayländers einzige Botschafter-Tätigkeit: Durch seine früheren Rennaktivitäten für die Marke mit dem Stern schloss sich mit dem Mercedes-Safety-Car der Kreis - 2008 wurde er auch zum Markenbotschafter des Stuttgarter Premiumherstellers ernannt. Gerade in Zeiten der Wirtschaftskrise, wo sogar viele Ex-Formel-1-Piloten derzeit ohne Job sind, hat sich Mayländer damit eine gesunde finanzielle Basis mit Zukunftsperspektiven geschaffen.

"Ich war schon immer ein bisschen darauf aus, auch langfristig etwas zu machen", gibt er zu, dass er früh erkannte, dass sich aus dem Safety-Car-Fahrer-Job Perspektiven ergeben können. "Und bei dem Job habe ich gedacht, okay, da kannst du viele, viele Jahre fahren, das ist kein Thema. Rennen brauchst du nicht zu gewinnen im Safety-Car, möchtest du auch gar nicht, denn du hast eine andere Aufgabenstellung, daher fühlt man sich auch wohl."

Auch Safety-Car-Piloten erleben Schrecksekunden

Eine Aufgabenstellung, die von vielen Formel-1-Fans unterschätzt wird. Wenn das Rennen wegen eines Unfalls neutralisiert wird und Mayländer im Safety-Car ausrückt, dann wirkt das Tempo im Vergleich zur Renngeschwindigkeit wie Zeitlupe. Dabei gibt der Rennfahrer, der mit einer Spanierin liiert ist, im Cockpit des von AMG getunten Mercedes SLS GT "Flügeltürers" Vollgas, fährt oft an der Rutschgrenze durch die Kurven.

Safety-Car, Bernd Mayländer, Sebastian Vettel

Vettel war Zeuge, als Mayländer in Schanghai beinahe die Kontrolle verlor Zoom

Oder sogar über der Rutschgrenze - so geschehen in Schanghai 2010, als Mayländer das Feld mit Leader Sebastian Vettel anführte und beim Anbremsen der schwer einsehbaren Zielkurve eine Schrecksekunde erlebte. "Ich hab gewusst, dass in dem Bereich, wo ich bremsen muss, ein bisschen Wasser steht", erinnert er sich an die aufregenden Momente. "Ich hab gebremst und gleich gemerkt, da ist noch mehr Wasser als angenommen. In dem Fall ist es noch einmal gut gegangen, ich habe richtig reagiert und das Auto abgefangen."

Nach dem Rennen sprach ihn Vettel auf den "Big Moment" an: "Seb meinte, da hätte ich aber Glück gehabt. Ich habe gesagt, das war wirklich Glück. Aber ein bisschen Glück gehört auch in 14 Jahren dazu, damit immer alles wirklich perfekt läuft." Eine Kollision mit einem Rennauto, wie es in anderen Rennserien wie der WTCC bereits vorgekommen ist, verzeichnete Mayländer noch nie.

Mayländer wünscht sich Druck durch Formel-1-Piloten

Nur einmal befürchtete er, dass es zu einem Auffahrunfall gekommen sein könnte - im Tunnel von Monaco 2004, als der überrundete Williams-Pilot Juan Pablo Montoya Leader Michael Schumacher ins Heck fuhr. "Das war der einzige Moment, wo ich dachte, die könnten auf mich drauf gefahren sein, aber sind sie logischerweise nicht", sagt Mayländer. "Denn als ich aus dem Tunnel draußen war, wurde mir klar, dass da hinter mir was passiert sein muss."

Er bevorzugt es, wenn die Formel-1-Piloten in einer Safety-Car-Phase dicht auffahren und keinen zu großen Abstand halten, wie es laut Reglement auch vorgeschrieben ist. "Sie sollen mir Druck machen, denn dann kann ich meinen Rhythmus fahren", erklärt er. "Das ist besser."

Von vielen unterschätzte Aufgabe

Es ist eine der größten Herausforderungen für einen Safety-Car-Fahrer, ständig die Übersicht zu bewahren. Der Routinier bestätigt: "Ich schaue viel in den Rückspiegel. Das ist mitunter das Schwierigste, dass man nicht immer auf sich selber hundertprozentig konzentriert sein kann, sondern für viele andere noch mitdenken muss."


Fotos: Das Formel-1-Safety-Car


Und wenn das Wetter verrückt spielt oder ein schwerer Unfall passiert, dann kann es schon mal passieren, dass Mayländer auf eine stattliche Kilometeranzahl kommt. In Montreal stellte er 2011 mit 30 Safety-Car-Runden einen Rekord auf. "Das waren knapp 47 Prozent der kompletten Renndistanz", wirft er ein - und seufzt: "Da ist man auch wirklich froh, wenn es dann mal vorbei ist, man sagt: Jetzt reicht's eigentlich, denn die Jungs hinter mir sollen auch mal richtig arbeiten."

Die Entscheidung, wann das Rennen freigegeben wird, liegt nicht in seinen Händen, sondern in denen der Rennleitung - Mayländer hat im Safety-Car einen Fernseh-Bildschirm, über den er die Ereignisse mitverfolgen kann, zudem ist er mit dem stellvertretenden Renndirektor Herbie Blash via Funk verbunden. Daher ist er hinterm Steuer stets im Bilde, wenn ein schlimmer Unfall passiert, was die mentale Aufgabe nicht immer erleichtert.

Wie Mayländer mit schweren Unfällen umgeht

Robert Kubica

Bei Kubicas Unfall 2007 in Kanada hielt auch Mayländer den Atem an Zoom

In solchen Fällen muss sich Mayländer voll auf seinen Job konzentrieren, darf sich von den Ereignissen bei der Bergung nicht ablenken lassen. Auf eine derartige Situation angesprochen, fällt ihm sofort der Horrorunfall von Robert Kubica 2007 in Montreal ein, als der BMW-Sauber des Polen mit enormer Geschwindigkeit in eine Mauer einschlug, sich mehrmals überschlug und dann völlig zerstört am Streckenrand liegen blieb.

"Ich hab den Unfall im Fahrzeug auf dem Monitor gesehen - ich dachte mir im ersten Moment, das kann jetzt nicht hier passiert sein", erinnert sich Mayländer. Im nächsten Moment erhielt er den Befehl, auf die Strecke zu gehen: "Du kriegst den Funkspruch, machst deinen Job und weißt genau, wofür du jetzt arbeiten musst, dass du eine Lücke suchen musst, um an den ganzen Wrackteilen so gut wie möglich vorbeizufahren."

Bangen um Kubica

"Ich habe daran gedacht, dass er hoffentlich am Leben ist, als ich erstmals an Kubicas Unfallstelle vorbeigefahren bin." Bernd Mayländer

Seine Sorgen um Kubica konnte Mayländer nicht komplett ausblenden: "Ich würde jetzt lügen, wenn ich sage, dass ich nicht daran gedacht hätte, dass er hoffentlich am Leben ist, als ich erstmals an der Unfallstelle vorbeigefahren bin. So einen Unfall hatte ich davor noch nicht gesehen." Er ist der Ansicht, dass es oft einfacher wäre, wie die Formel-1-Piloten keine konkreten Bilder und Informationen zu erhalten. "Aber gut, das ist mein Job, damit muss ich leben und fertig werden, und das funktioniert ja auch ganz gut. Zum Glück passieren auch extrem selten schwierige Unfälle."

Und wenn doch, dann gehen sie meistens glimpflich aus - wie auch damals bei Kubica. "Der schönste Moment war für mich sicher, als ich erfuhr, der Junge ist gut drauf, es ist nicht mal irgendwas gebrochen. Da dachte ich schon: Toll, dass es so etwas gibt." Es sind andere Glücksgefühle, die Mayländer in seinem Beruf verspürt - wenn alles gut gegangen ist und er so eine Herausforderung wie damals gemeistert hat, dann fühlt sich das an wie ein Sieg.

Bei jedem Rennen "ständig unter Strom"

Safety-Car, Bernd Mayländer

Innenansicht: So sieht das Cockpit des Formel-1-Safety-Cars aus Zoom

"Man ist happy, wenn alles so funktioniert hat, wie man sich das vorgestellt hat oder wie man sich darauf eingestellt hat", erklärt er. Zumal der Job so unberechenbar wie kaum ein anderer ist. "Jede Situation im Safety-Car ist eine neue Situation", bestätigt er. "Oft sagen mir Journalisten vor dem Start, dass es heute sicher schwierig wird und der Regen kommt, und man sieht sich schon rundenlang auf der Strecke herumfahren, und dann haben wir schlagartig blauen Himmel und nichts passiert."

Aus diesem Grund steht Mayländer ab dem Moment, wo er im Safety-Car sitzt, laut eigenen Angaben "ständig unter Strom". Denn: "Sobald man einschläft, ist dann doch was los, und man muss raus." Das bringe eine ständige Grundnervosität mit sich: "Die großen Momente hat man ja immer vor Augen, sie kommen vielleicht ganz unverhofft oder nie, was ja auch ganz gut ist."

Von wegen warten: Mayländer fährt 50 Renndistanzen pro Jahr

Und selbst wenn Mayländer ein Wochenende ohne Zwischenfälle erlebt, dann heißt das noch lange nicht, dass er die Zeit im Safety-Car mit Warten verbringt. Bereits am Donnerstag schießt er sich auf die jeweilige Strecke ein, auch zwischen den Trainingssitzungen der Formel 1 und des Rahmenprogramms trainiert er wie ein Vollprofi auf dem Grand-Prix-Kurs.

Bernd Mayländer, AMG-Techniker

Gutes Team: Mayländer und die zwei von AMG gestellten Safety-Car-Techniker Zoom

"Da kommen schon ganz schön Kilometer zusammen", lacht er nicht ohne Stolz. Außerdem haben wir in den ersten zwei Februar-Wochen jedes Jahres einen großen Test. Insgesamt fahre ich im Jahr im Safety-Car 15.000 Kilometer." Das sind ganze 50 Grand-Prix-Distanzen. Weil dies Wartungsarbeiten erfordert, setzt Mercedes pro Saison je drei völlig identische Safety- und Medical-Cars (Mercedes C63 AMG Performance) ein. Zwei Autos befinden sich stets an der Rennstrecke, während ein drittes Backup-Fahrzeug bei AMG in Affalterbach für Notfälle bereitsteht - "sollte der LKW mit allen vier Autos an Bord einen Unfall haben und diese kaputt gehen oder es nicht mehr zur Rennstrecke schaffen.", erklärt Mayländer den Grund. Pro Wochenende wird ein Satz Pirelli-Reifen verbraucht, für Notfälle liegen vier Sätze bereit.

Neben dem Piloten umfasst die Safety-Car- und Medical-Car-Crew auch einen Pool von vier bis fünf spezialisierten AMG-Technikern, von denen jeweils zwei bei den Rennen vor Ort sind. "Eigentlich sind die Fahrzeuge in Hinblick auf Bremsanlage, Motor und Getriebe Standard", erklärt Mayländer, "aber es sind noch viele zusätzliche Kommunikationsmittel, GPS-, Fernseher- und Telemetriesysteme verbaut. Dadurch haben natürlich auch die Fahrzeuge leicht abgeänderte Kabelbäume", wodurch man auf "speziell geschulte AMG-Mitarbeiter zurückgreift, damit man da alle Probleme, die man an der Rennstrecke haben könnte, auch beheben kann."

Als Safety-Car-Fahrer zur Doping-Kontrolle...

Die kleine Truppe bezieht bei den Rennen wie die Formel-1-Teams eine eigene Box, die Stimmung ist allerdings deutlich entspannter als bei den oft verbissenen Kollegen. Auch für kleine Scherze ist da immer wieder Platz. Dafür sorgen auch Mayländers Bosse, die Formel-1-Urgesteine Whiting und Blash. Der Ex-DTM-Pilot erinnert sich an ein Silverstone-Wochenende, wo er nach dem Rennen fluchtartig die Strecke verlassen wollte, um dem traditionellen Verkehrschaos zu entkommen.

Charlie Whiting, Bernd Mayländer

Formel-1-Sicherheitschef Charlie Whiting nahm Mayländer aufs Korn Zoom

"Alles lief nach Plan, das Rennende kam schnell näher", erzählt Mayländer. "Dann krieg ich aber einen Funkspruch, ich müsste nach dem Rennen zum Dopingtest. Da hab ich gesagt: Ich kann heut nicht zum Dopingtest, das ist totaler Schwachsinn, ich verpasse meinen Flieger. Sind wir die FIA, oder wo arbeite ich denn hier? Letztendlich ließen sie aber nicht locker, und ich musste akzeptieren, dass ich zum Dopingtest muss."

Dabei hatten sich Whiting & Co. mit Mayländer einen Spaß erlaubt: "Mir ist dann relativ schnell nach dem Rennen gesagt worden, dass das nur ein Joke war, dass ich in mein Auto springen und schauen soll, dass ich meinen Flieger noch bekomme. Das hätte mich schon geärgert, hätte ich einen Tag später fliegen müssen.", schmunzelt er. Der Scherz beruht allerdings auf Tatsachen: Da Mayländer als Safety-Car-Fahrer eine Rennlizenz benötigt, gelten die Dopingrichtlinien auch für ihn, und er könnte getestet werden. "Außer einer Weinschorle oder einem Bier würden sie aber nichts finden. Natürlich nicht während des Dienstes", sieht er die Situation gelassen.

Sogar die Polizei kennt Mr. Safety-Car

Wenn aber einer seiner Freunde mit dem Gesetz in Konflikt kommt, dann sorgt Mr. Safety-Car für Abhilfe. Das bewies Mayländer 2007 in Magny-Cours, als er gemeinsam mit seinem Kumpel Markus Winkelhock - damals Spyker-Testpilot - von der Strecke zum Flughafen eilte. "Er fuhr, und ich saß am Beifahrersitz", erzählt Mayländer. "Wir donnern Richtung Dijon, relativ schnell hat Markus festgestellt, dass das Auto auf der normalen Straße doch schnell läuft, und schon war die Gendarmerie da."

Safety-Car, Fan

Nicht mehr wegzudenken: Mayländer hat mehr Fans, als manche glauben Zoom

Die Ordnungshüter zeigten sich aber vom Rennanzug beeindruckt, den Mayländer nicht abgelegt hatte, um ja keine Zeit zu verlieren, und ließen das Duo noch einmal davonkommen. "Zuerst dachten sie, ich hätte einen Fake-Anzug an", grinst er, "bis ich gesagt habe, ich bin wirklich der Safety-Car-Fahrer. Wir haben dann einige Autogramme geschrieben, Markus und ich. Die waren auch wirklich sehr offen und freundlich und haben gesagt: In Zukunft bitte ein bisschen vorsichtiger. Ich habe dann nur gesagt, dass ich nicht gefahren bin."

Inzwischen ist Mayländer tatsächlich seit 14 Jahren offizieller Safety-Car-Fahrer und ist dadurch bei vielen Formel-1-Fans trotz seines Schattendaseins zu einer Berühmtheit geworden. Und wenn es nach ihm geht, dann ist seine Laufbahn im Dienste der Sicherheit noch nicht vorbei. "Bis jetzt habe ich noch so viel Spaß, dass ich mir über die Zukunft noch gar keine Gedanken mache", sagt er mit leuchtenden Augen. "Kommendes Jahr und auch noch ein, zwei Jahre darüber hinaus sehe ich mich auf jeden Fall noch hinterm Steuer des Safety-Cars." Eine beruhigende Nachricht für die Formel 1.

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