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  • 20.06.2005 · 06:28

  • von Inga Stracke

Sauber: "Schämen uns gegenüber den Zuschauern"

Im Interview teilte Peter Sauber mit, wie das Rennen in Indianapolis mit einer Schikane ganz einfach hätte durchgeführt werden können

(Motorsport-Total.com) - Normalerweise raucht Teamchef Peter Sauber nur eine Zigarre, wenn einer seiner beiden Piloten in die Punkte gefahren ist. Gestern in Indianapolis griff der Schweizer aber einmal zu Tabak und Feuerzeug, um seine aufgebrachten Nerven zu beruhigen: Im Interview in der Boxengasse erklärte er, weshalb es für die Michelin-Teams unverantwortlich gewesen wäre, am Rennen teilzunehmen, und wie man den Grand Prix der USA mit einer improvisierten Schikane in der Steilkurve ganz einfach hätte retten können.

Peter Sauber

Peter Sauber zog gestern in den USA eher aus Verzweiflung an seiner Zigarre...

Frage: "Herr Sauber, normalerweise rauchen Sie nur nach einem erfolgreichen Rennen eine Zigarre. Warum auch heute?"
Peter Sauber: "So eine Zigarre hat den Vorteil, dass sie belohnt, wenn es gut gegangen ist, und beruhigt, wenn es schlecht gegangen ist. Heute müsste ich eigentlich mehr als eine rauchen. Es ist eine Katastrophe, was wir da abliefern. Wir schämen uns gegenüber den Zuschauern und gegenüber dem Veranstalter. Das geht uns allen so. Es ist vor allem sehr schlimm, dass man einen Grand Prix nicht fahren kann, wenn es einfach gewesen wäre, ihn durchzuführen."#w1#

"Man kann die Situation mit Brasilien 2000 vergleichen"

"Michelin hat einen Pneu gebracht, der einen Fehler hat. Der Fehler war sehr schwer herauszufinden, aber er war nicht zu beheben. Ob es ein Konstruktionsfehler ist oder ein Fabrikationsfehler, kann ich nicht beurteilen. Auf jeden Fall hat er einen Fehler. Man kann die Situation mit Brasilien 2000 vergleichen, als wir beide Autos zurückziehen mussten, weil wir Flügelbrüche hatten. Genau wie diesmal mit den Reifen nach dem Unfall von Ralf Schumacher konnten wir damals vor Ort das Problem nicht beheben. Die Michelins haben diesmal einen Fehler, also müssen wir die Autos zurückziehen. Das Unangenehme ist, dass es nicht ein Team betrifft, sondern gleich sieben."

"Wir haben gemeinsam mit Michelin an einem Vorschlag gearbeitet und haben uns darauf geeinigt, vor Kurve 13 eine Schikane einzubauen. Das ist die Steilwandkurve nach dem Infield und vor der langen Gerade. Die Schikane hätte die Geschwindigkeit verringert, denn auf der Gerade erreicht man mehr als 300 km/h, und speziell die Steilwandkurve selbst, wo der linke Hinterreifen extrem belastet wird, wäre langsamer gewesen. Die Schikane hätte man problemlos anbringen können, daher waren die sieben Michelin-Teams dafür."

"Heute Morgen waren dann auch Jordan und Minardi für diese Lösung, aber die FIA hat das abgelehnt. Die Gründe dafür kenne ich nicht. Da muss man mit Max Mosley reden. Uns ist dann gar nichts anderes übrig geblieben, als nicht am Rennen teilzunehmen, denn wenn Michelin das nicht erlaubt, wäre kein Team dazu bereit gewesen, ein solches Risiko einzugehen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir in Amerika sind. Es wäre auf jeder anderen Strecke genauso gewesen."

Boxengasse und Speed-Limit hätten keinen Sinn gemacht

Frage: "Neben der Schikane gab es auch noch den Vorschlag, jede Runde durch die Boxengasse zu fahren..."
Sauber: "Es hat zwei Vorschläge gegeben. Ich weiß nicht, ob die von der FIA gekommen sind, aber sicher nicht aus unseren Reihen. Wir haben jedenfalls beide sorgfältig geprüft. Eine wäre gewesen, durch die Boxengasse zu fahren. Wenn man das tut, verliert man einen Großteil des Rennens, denn man darf in der Boxengasse nicht schneller als 100 km/h fahren. Da hätten wir am Ende einen so großen Rückstand gehabt, dass wir uns nicht einmal klassiert hätten. Das wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen und hätte keinen Sinn gemacht."

"Der andere Vorschlag war, dass wir die Steilkurve mit einem Speed-Limit ähnlich dem in der Boxengasse durchfahren. Mir ist unerklärlich, wie man auf so eine Idee kommen kann, denn die Kurve ist schon so unheimlich heikel. Ich möchte nicht wissen, was passiert, wenn man dieses Speed-Limit beispielsweise auf 150 km/h einstellt. Erstens sind diese Autos nicht dafür ausgelegt, über den Speed-Limiter von solchen Geschwindigkeiten heruntergedrosselt zu werden, und zweitens: Was passiert, wenn die Autos im Pulk fahren und der Knopf unterschiedlich gedrückt wird? Einer drückt früher, einer drückt später. Und was ist, wenn hinter dem Pulk die Minardis oder Ferraris mit vollem Speed ankommen? So eine Idee ist unverantwortlich. Das wäre derart gefährlich, und es ist auch aus Sicht der Zuschauer eine stupide Angelegenheit."

Schikane: "Es wäre genau das Gleiche herausgekommen"

"Ich verstehe nicht, warum man nicht einfach die einfachste aller Möglichkeiten umgesetzt hat, nämlich die Schikane. Weil die Bridgestone-Teams dadurch einen Nachteil gehabt hätten, haben wir Michelin-Teams zusätzlich angeboten, dass uns alle Punkte gestrichen werden sollen. Wir hätten also trotzdem ein tolles Rennen gesehen, zwei Ferraris auf dem Podest gehabt. Es wäre genau das Gleiche herausgekommen, aber wenigstens hätten die Zuschauer, die zum Teil einen Haufen Geld bezahlen mussten und aus dem Ausland angereist sind, ein Rennen gesehen. Und es geht schließlich auch um die Zuschauer zu Hause vor den Fernsehgeräten."

Frage: "Hat Ihnen das Herz geblutet, als Sie die Autos nach der Aufwärmrunde an die Box holen mussten?"
Sauber: "Es ist für uns gar nichts anderes in Frage gekommen. Selbst wenn einer so wagemutig gewesen wäre und das Risiko in Kauf genommen hätte: Wenn Michelin sagt, man darf nicht fahren, dann darf keiner das Risiko eingehen."

Frage: "Spielte dabei auch eine Rolle, dass in den USA relativ strikte Regeln punkto Sicherheit und Haftpflicht gelten?"
Sauber: "Nein, wir hätten in jedem andern Land gleich reagiert. Die Sicherheit der Fahrer kommt an erster Stelle. Das gilt für alle Teams."

"Haben einen Partner, der uns hervorragend bedient"

Frage: "Wird das jetzt für Michelin Konsequenzen haben?"
Sauber: "Das kann ich mir nicht vorstellen. Wir haben einen Partner, der uns hervorragend mit Reifen bedient. Wenn es in der Fabrikation oder in der Konstruktion mal einen Fehler gibt, dann kann das passieren. Ich verweise auf unser Problem mit den Heckflügeln in Brasilien vor einigen Jahren. Michelin ist ein Fehler passiert, aber Michelin ist ein fantastischer Partner. Es gehört schließlich auch sehr viel Mut dazu, dass sich jemand hinstellt und sagt: 'Ihr dürft mit unseren Reifen nicht fahren!'"

Frage: "Wie Schätzen Sie die Folgen für das Image der Formel 1 in den USA ein?"
Sauber: "Ich weiß nicht, was hier in den USA kaputt gemacht wurde. Mir tut Tony George, der Organisator dieses Rennens, unendlich leid. Er ist der Vater dieser Veranstaltung, er hat zusammen mit Bernie Ecclestone die Formel 1 hierher geholt und stellt uns hier eine fantastische Infrastruktur zur Verfügung. Für ihn ist das ein Schlag ins Gesicht. Letztendlich hat er dafür gerade zu stehen, dass die Zuschauer hohe Eintrittspreise bezahlen mussten, um dann eine Art Bridgestone-Reifentest miterleben zu dürfen. Was das für Konsequenzen hat in den USA oder speziell in Indianapolis, kann ich nicht beurteilen."

"Formel 1 ist eine starke, globale Sportart"

Frage: "Und außerhalb der USA?"
Sauber: "Ich glaube nicht, dass das in Europa und in den andern Kontinenten einen negativen Eindruck hinterlässt, zumindest keinen nachhaltigen. Die Formel 1 ist eine derart starke, globale Sportart, die auch so einen Schandfleck verdauen wird."

Frage: "Können Sie nachvollziehen, dass die Bridgestone-Teams trotzdem gefahren sind?"
Sauber: "Dazu möchte ich mich nicht äußern."

Frage: "Wie lautet Ihre Message an die Fans nach diesem schwarzen Tag für die Formel 1?"
Sauber: "Besonders schlimm ist es für die Fans vor Ort, die hierher gekommen sind und dafür einen Haufen Geld bezahlt haben. Für die Fans daheim in der Schweiz ist es nicht so schlimm, denn die konnten den Fernseher abdrehen und etwas anderes gucken. Natürlich ist man enttäuscht, das sind wir auch, aber wir haben ja schon in zwei Wochen das Rennen in Magny-Cours. Ich glaube nicht, dass das der Formel 1 Abbruch tut. Wo es natürlich ganz schwere Spuren und tiefe Wunden hinterlässt, ist in Amerika. Es ist nicht einfach für die Formel 1, sich in Amerika zu etablieren, und wenn man solchen Unfug macht, wird das das Klima sicher nicht verbessern."

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