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  • 02.04.2006 · 20:04

Marko: "Es wurde kein offizieller Protest eingelegt"

Red-Bull-Sportchef Helmut Marko über den Clinch seiner beiden Teams, die schlechte Bilanz der ersten Rennen und die Perspektiven für die Europasaison

(Motorsport-Total.com) - Während sich im fernen Melbourne die beiden Red-Bull-Teams Red Bull Racing und Scuderia Toro Rosso ein so erbittertes Duell lieferten, dass David Coulthard nur durch die von ihm angestoßene Strafe für Scott Speed wegen Überholens unter gelben Flaggen einen Punkt erbte, saß der Sportchef der Österreicher, Helmut Marko, nicht etwa am Kommandostand, sondern zu Hause in Graz vor dem Fernseher.

Helmut Marko

Marko berät Red Bull in der Formel 1 und leitet das Juniorenprogramm

Marko beobachtete von dort aus mit Internet-Zeitenmonitor und regulärem TV-Signal den Grand Prix von Australien, weil es für ihn "ohnehin nicht notwendig" sei, direkt vor Ort anwesend zu sein: "Für die operativen Aufgaben gibt es andere Leute. Gerhard Berger ist ja auch nicht immer dabei", winkte er ab. Außerdem sei ihm die Technik sowieso "viel zu kompliziert", weshalb er sich innerhalb der Red-Bull-Familie nur als Berater in die längerfristigen Entscheidungsprozesse einbringt.#w1#

Marko analysierte das Rennen im 'ORF'-Studio

Im Interview mit der TV-Sendung 'Sport am Sonntag', welches dank der freundlichen Genehmigung des 'ORF' auf 'F1Total.com' in voller Länge nachgelesen werden kann, relativierte der ehemalige Formel-1-Pilot den Clinch der beiden Red-Bull-Teams. Außerdem sprach er über die weiteren Zwischenfälle des heutigen Rennens, die Bilanz der drei Überseerennen und die geplanten Modifikationen für die in drei Wochen beginnende Europasaison.

Christian Klien

Christian Klien löste mit seinem Unfall eine der vier Safety-Car-Phasen aus Zoom

Frage: "Herr Marko, ist die Ursache für den Unfall von Christian Klien inzwischen geklärt?"
Helmut Marko: "Ja. Es war eine Folge des Gerangels am Start. Teile des Unterbodens, die für den Abtrieb verantwortlich sind, wurden dabei beschädigt. Im Laufe der ersten Runden flogen mehr und mehr Teile ab, so dass Christian nicht mehr den notwendigen Anpressdruck hatte. Zusammen mit den kalten Reifen hatte das den Effekt, dass die Räder hinten blockierten."

Frage: "Sein Abflug sah ziemlich spektakulär aus. Mit welcher Geschwindigkeit passierte der Aufprall?"
Marko: "Gute 200 km/h waren das, aber heutzutage haben die Fahrzeuge ein Monocoque aus Kohlefaser. Es gibt so viele Sicherheitsfeatures. Solange kein direkter Frontalaufprall erfolgt, ist das relativ harmlos."

Frage: "Kann man Christian Klien nach dem jetzigen Wissenstand völlig aus der Schuld nehmen?"
Marko: "Für diesen Unfall kann er nichts. Was den Startunfall in der ersten Kurve angeht, ist das eine andere Sache. Er hatte vielleicht nicht den besten Start, denn Massa kam von Startplatz 15 und Rosberg war auch hinter ihm, aber sie waren trotzdem zu dritt in der Kurve - und zu dritt geht es halt nicht."

Frage: "Scott Speed wurde heute nachträglich mit einer Zeitstrafe belegt, weil ihn David Coulthard bei der Rennleitung angezeigt hat. Stimmt das?"
Marko: "Nein. Das muss man korrigieren: Weder Red Bull Racing noch Coulthard haben Anzeige erstattet. Coulthard hat dem Team in der Situation nur via Funk gemeldet, dass er vom Gas gegangen ist, als er die gelbe Flagge gesehen hat, und Scott ist da an ihm vorbeigegangen. Der Boxenfunk wird abgehört. Aufgrund der vielen Vorfälle - es gab ja heute insgesamt sechs oder acht Untersuchungen - kam das erst später heraus. Dann nahm die Sache einen normalen Verlauf. Weder von Red-Bull-Seite noch von Coulthard wurden irgendein offizieller Antrag oder Protest gemacht. Es war einfach der Lauf der Dinge, weil die Rennleitung den Boxenfunk mithören kann."

Red Bull Racing hätte keinen Protest eingelegt

David Coulthard und Scott Speed

Das Duell zwischen David Coulthard und Scott Speed sorgte für Wirbel Zoom

Frage: "Hätte Red Bull Racing selbst reagiert?"
Marko: "Nein. Beide Teams gehören zu Red Bull. Wir sind wegen des Sports da, machen das nicht am grünen Tisch. Auf der anderen Seite gibt es nun mal Regeln. Der junge Scott hat einen Fehler gemacht. Wenn er sich gleich zurückfallen hätte lassen, wäre es vielleicht korrigierbar gewesen und er hätte nicht die 25-Sekunden-Strafe bekommen."

Frage: "Scott Speed muss auch 5.000 Dollar (gut 4.100 Euro; Anm. d. Red.) Geldstrafe bezahlen, weil er seine Zunge nicht zügeln konnte. Wissen Sie darüber schon mehr?"
Marko: "Ja. Er war in seiner Wortwahl nicht diplomatisch. Scott ist ein sehr emotionaler Mensch. Diese 5.000 Dollar schaden ihm gar nicht! Das soll zu seiner Erziehung beitragen. Aber noch einmal: Dieser ganze Vorfall passierte einfach von Amts wegen, weil diese ganze Funkkommunikation mitgehört wird."

Frage: "Und was war mit Vitantonio Liuzzi?"
Marko: "Da gab es eine Berührung mit Villeneuve und nachher noch eine lange Diskussion, aber aufgrund der Daten konnte man nicht einwandfrei feststellen, was passiert ist. Klar ist jedoch, dass ihn Villeneuve abgedrängt hat."

Frage: "Es gibt zwei Red-Bull-Teams. Gibt es die Priorität, Red Bull Racing mehr zu pushen als die Scuderia Toro Rosso?"
Marko: "Red Bull Racing ist das Team, das im Moment von der kompletten Struktur, von der Manpower und von den technischen Möglichkeiten her einfach noch wesentlich weiter ist als Toro Rosso. Toro Rosso ist das Juniorteam, wo man natürlich genauso Sport betreibt, die ganze Sache aber vielleicht etwas frecher angeht. Mangelndes Know-how und mangelnde Routine werden dort mit anderem Einsatz wettgemacht. Generell sind es zwei Teams, die unter der Oberhoheit von Red Bull stehen, aber natürlich sportlich gegeneinander antreten."

Interner Konflikt wird von den Medien aufgeschaukelt

Scott Speed, Vitantonio Liuzzi und Christian Klien

Waschechte Red-Bull-Junioren: Scott Speed, Vitantonio Liuzzi, Christian Klien Zoom

"Dass die Sache jetzt ein bisschen hochgeschaukelt wird, das sind gerade die Emotionen, aber wenn man das aus der Distanz sieht, dann weiß man, dass sich das wieder beruhigen wird. Das Positive ist, dass sich in diesem Rennen gezeigt hat, dass unser Red-Bull-Juniorenprogramm, das insgesamt 19 Fahrer umfasst, voll zieht. Es sind insgesamt vier Leute aus diesem Juniorenprogramm in der Formel 1. Ich glaube, dass wir auch in Zukunft ungefähr einen Fahrer pro Jahr nachschießen werden. Das ist das Tollste: dass diese Vision von Mateschitz, die mit einem All-American-Team begonnen hat, so tolle Früchte trägt."

Frage: "Nach den Überseerennen geht es nun in Europa weiter. Können Sie zum jetzigen Zeitpunkt schon sagen, dass Sie vollends zufrieden sind?"
Marko: "Nein, das sind wir keineswegs. Man muss das so sehen: Renault und Mercedes sind die zwei führenden Teams. Dann kommen - je nach Form - Honda und Ferrari, und dann gibt es ein ganz starkes Mittelfeld mit Toyota, Williams, BMW und Red Bull. Da muss alles passen. Wir sind durch gewisse Testschwierigkeiten nicht ganz auf dem Stand. Es sind auch die Qualifyings nicht optimal gelaufen - und wenn man mal zwei, drei Zehntel langsamer ist, sind das zwei, drei Plätze in der Startaufstellung."

"Meines Erachtens hätten unsere beiden Fahrer in Melbourne in den Top 10 sein können. Wenn sie weiter vorne stehen, ist auch die Crashgefahr automatisch geringer. Es muss noch einiges kommen. Motorenseitig wird Ferrari hoffentlich bis Imola so weit sein, dass die Motoren standfest und vielleicht auch noch ein bisschen leistungsstärker werden, und die Abstimmung bei Red Bull muss auch schneller erfolgen, damit das Potenzial voll ausgeschöpft werden kann, wenn es auf den Punkt geht."

Frage: "Stardesigner Adrian Newey wurde im Winter an Bord geholt. Während der Europasaison werden seine ersten Teile auf das Auto wandern. Was erwarten Sie sich davon? Sind Sie im Zeitplan?"
Marko: "Newey brachte schon bei unseren Überhitzungsproblemen sein gewaltiges Know-how ein. Er hat das relativ schnell gelöst. Zwischenzeitlich wird auch unser zweiter Windkanal in Betrieb gehen. Wir werden Schritt für Schritt - nicht wie im Vorjahr nur zwei- oder dreimal pro Saison - Verbesserungen bekommen. Es wird eine kontinuierliche Entwicklung geben. Das ist auch notwendig, damit wir mit den Werksteams konkurrieren können. Wir sind ja praktisch neben Williams das einzige unabhängige Team."

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