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Lewis Hamilton ächtet Red-Bull-Cockpitschutz: "So schlecht!"

Was die Piloten nach der Enthüllung vom neuen Red-Bull-Cockpitschutz halten, wie der erste Test ablaufen wird und wie die Frontscheibe Regen oder Öl abweisen soll

(Motorsport-Total.com) - Zweite Runde im Kampf um einen Formel-1-Cockpitschutz: Nachdem bei den Tests in Barcelona das Halo-System zum Einsatz kam, wird Red Bull in Sotschi im ersten Freien Training bei Daniel Ricciardo seine Frontscheibe ausprobieren, die den Piloten vor heranfliegenden Objekten schützen soll. Erste Fotos von der Sitzprobe des Australiers gibt es bereits - und die erste Schelte ließ nicht lange auf sich warten.

"Das sieht ja aus wie ein Schutzschild", macht sich Lewis Hamilton lustig. "Diese Scheibe sieht so schlecht aus. Da hat man dieses coole, elegant-futuristische Formel-1-Auto, und dann verschandelt man es mit einem Schutzschild." Der dreimalige Weltmeister stößt sich daran, dass man nach einer Übergangslösung sucht, ehe die ursprünglich geplante Jet-Kanzel in der Formel 1 einsatzbereit ist.

Hamilton warnt: Keine halben Sachen!

"Wenn schon, dann sollte man das Cockpit wie bei einem Kampfflugzeug komplett schließen und keine halben Sachen machen", findet der Mercedes-Star, der schon über Halo ein vernichtendes Urteil fällte. Hamilton hält es zwar für richtig, dass die FIA den Kopf der Piloten besser schützen will, "die Ästhetik, der Stil und die Coolness der Formel 1 dürfen aber nicht verlorengehen".

Außerdem gehöre ein gewisser Grad von Gefahr zum Geschäft, meint Hamilton. "Das weiß ich, wenn ich ins Auto einsteige - und zwar, seit ich acht Jahre alt war. Ich will dieses Risiko auf mich nehmen, und das gilt auch für jeden anderen Fahrer." Das sei Teil der Faszination des Sports.

"Alle, die gerade anfangen, Formel 1 zu schauen, sagen zu mir, dass es so gefährlich ist", gibt der Brite ein Beispiel. "Deswegen werden wir so bewundert. Wenn man dieses Element wegnimmt, dann könnte fast jeder Formel 1 fahren."

Ricciardo: Wie das Red-Bull-Konzept funktioniert

Hamilton steht der Red-Bull-Vorrichtung am kritischsten gegenüber. Ricciardo, der bereits die Innenansicht kennt und am Freitag bloß eine Installationsrunde damit absolvieren wird, glaubt an die Lösung seines Arbeitgebers. "Natürlich sind es die Leute gewohnt, den Helm der Fahrer zu sehen, aber sie werden sich daran gewöhnen, wenn es von allen benutzt wird", meint er. "Es ist eine Umstellung, aber wenn es in den kommenden 20 Jahren auch nur ein Leben rettet, dann war es schon die richtige Entscheidung."

Cockpitschutz

Daniel Ricciardo klettert in Sotschi erstmals in den Red Bull mit Cockpitschutz Zoom

Nach der ersten Sitzprobe glaubt der "Aussie", dass das System funktionieren wird. "Der erste Eindruck ist in Ordnung. Die Vorrichtung schließt mit den Rückspiegeln ab, die Sicht wird dadurch also nicht zusätzlich eingeschränkt. Und auch die Frontsicht scheint gut. Es gibt zwar oben eine Verstrebung. Die befindet sich aber ohnehin außerhalb des Sichtfelds."

Ricciardo ist gespannt, wie der Eindruck bei voller Fahrt im RB12 sein wird. Vor allem bei Regenrennen oder wenn ein Auto Öl verliert, könnte die Frontscheibe gegenüber dem Halo-System im Nachteil sein. Der Red-Bull-Pilot kennt aber auch diesbezüglich Lösungen: "Bei einem Boxenstopp könnte man so ähnlich wie in der NASCAR ein Abreiß-System nutzen. Und dann gibt es Beschichtungen, die dafür sorgen, dass Flüßigkeiten und Öl rasch abrinnen."

Ricciardo absolviert bloß Installationsrunde mit Cockpitschutz

Halo-Cockpitschutz am Ferrari von Kimi Räikkönen

Das in Barcelona getestete Halo-System sorgte nur bei wenigen für Begeisterung Zoom

Warum Ricciardo nur eine Runde absolvieren wird? "Weil es so eine große Vorrichtung ist, wird es wahrscheinlich auch die Aerodynamik beeinflussen", glaubt er. "Es geht also nur darum, zu sehen, wie es funktioniert. Dann werde ich mit meinem normalen Programm beginnen."

Auch Sebastian Vettel ist bewusst, dass das Frontscheiben-Modell im Vergleich zu Halo die Gefahr birgt, bei außergewöhnlichen Bedigungen für eine schlechte Sicht zu sorgen. "Bei der Scheibe muss man natürlich die Fliegen wegkratzen", scherzt der Ferrari-Pilot, der gespannt ist, wie das System in Natura aussieht. "Dann kann man auch sagen, welche Variante einem besser gefällt. Dass beide nicht hübsch sind, kann man schon sagen - aber deshalb kommen sie ja auch nicht ans Auto."

Sicherheit für meiste Piloten wichtiger als Ästhetik

Landsmann Nico Hülkenberg, der dem Halo-System nicht viel abgewinnen konnte, findet die Red-Bull-Scheibe zumindest optisch attraktiver: "Das wäre meine bevorzugte Variante, obwohl ich es bisher nur im Internet in einer Grafik gesehen habe." Inzwischen hat sich der Force-India-Pilot damit abgefunden, dass ein Cockpitschutz kommen wird: "Das ist unvermeidbar."

Fernando Alonso und Valtteri Bottas halten die Debatte über das Aussehen der zwei Varianten für überbewertet. "Am Ende ist es egal, für welches Modell sich die FIA entscheidet, solange es die beste und angenehmste Lösung ist", sagt der McLaren-Star. Die Sicherheit solle im Vordergrund stehen.

Bottas sieht dies ähnlich: "Ob geschlossen oder offen, macht für mich persönlich keinen großen Unterschied, ich glaube nicht, dass das den Sport verändern würde." Ein Cockpitschutz sei aber zu begrüßen, "da er die Sicherheit deutlich verbessern würden und man damit Verletzungen verhindern könnte".