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Kolumne: Mercedes sucht den Superstar...

... und alle bewerben sich: Wir analysieren, welche Kandidaten ernsthaft in Frage kommen und wer sich sonst so gemeldet hat (etwa Button, Maldonado, Petrow)

Toto Wolff, Sebastien Ogier und Nico Rosberg

Sebastian Ogier bewirbt sich bei Mercedes-Sportchef Toto Wolff Zoom

Liebe Leser,

wir haben uns inzwischen ein wenig erholt vom Schock des Nico-Rosberg-Rücktritts, sodass wir uns nun mit den Implikationen dieser Riesenüberraschung am Jahresende auseinandersetzen können. Und da gibt's einige Fragen zu klären: Welche Fahrer haben sich schon bei Mercedes-Sportchef Toto Wolff um das Cockpit im Silberpfeil beworben? Wer hat die besten Chancen darauf, den Zuschlag zu erhalten? Und wer sind die Verlierer des Rücktritts? Alles Punkte, denen ich in dieser Kolumne nachgehen möchte.

Wer hat sich schon bei Mercedes beworben? Die Frage müsste eigentlich eher umgekehrt lauten: Wer hat noch nicht? Die Liste der Kandidaten, die Wolff schon am Freitag angerufen haben, umfasst auch Namen, die einem als geschulter Beobachter spontan nicht sofort einfallen würden.

Pastor Maldonado zum Beispiel ließ wissen, dass er verfügbar ist, oder auch Witali Petrow. Beide kennen Wolff - der eine von Williams, der andere aus der DTM.

Und aus dem Anruf von Jenson Buttons Manager Richard Goddard kann man nur schließen: Das dringende Bedürfnis nach einer Pause von der Formel 1 scheint nur für ein weiteres Jahr bei McLaren zu gelten, aber nicht für die Chance auf einen Mercedes.

Briatore probiert alles für Alonso

Fernando Alonso bemüht sich nicht zum ersten Mal um ein Mercedes-Cockpit. Als am Freitagabend die FIA-Gala lief und Rosberg gerade den Weltmeister-Pokal in Empfang nahm, probierte es Alonso-Manager Flavio Briatore bereits zum dritten Mal bei Wolff.

Zu dem Sensationswechsel wird es trotzdem nicht kommen. Daimler-Vorstandschef Dieter Zetsche hat noch nicht verziehen, dass Alonso es 2007 war, der McLaren-Mercedes in den Rücken gefallen ist und somit maßgeblich zur 100-Millionen-Dollar-Strafe in der Spionageaffäre beigetragen hat. Und ohne Zetsches Segen wird es keine Fahrerentscheidung geben.

Toto Wolff und Christian Nimmervoll

Toto Wolff mit Chefredakteur Christian Nimmervoll bei der FIA-Gala in Wien Zoom

Aus Wolffs Aussage, es habe jeder, der seine Handynummer hat, inzwischen angerufen oder eine SMS geschrieben, schließen wir: Auch Sebastian Vettel hat sich mal unverbindlich nach dem Befinden nach dem Rosberg-Rücktritt erkundigt (oder wurde von Mercedes-Seite kontaktiert).

Auch das wird nicht passieren: Vettel ist mit seinem Lebensziel, auf Ferrari Weltmeister zu werden, noch nicht fertig, und Mercedes hat bereits klargestellt, dass man sich nicht auf mühsame Vertragsstreitereien einlassen möchte.

Ob die zwingend nötig wären? Es heißt, Vettel habe eine Ausstiegsklausel in seinem Ferrari-Vertrag stehen, die es ihm ermöglicht, das Team zu verlassen, wenn er nicht mindestens WM-Dritter wurde. 2016 belegte er aber nur Rang vier der Fahrerwertung.

Außenseiter Lorenzo? Erstaunlich schnell beim Test...

Rallye-Weltmeister Sebastien Ogier hob am Freitag in Wien als Erster die Hand, als Wolff kurz nach der Rücktrittserklärung meinte, er müsse nun einen Fahrer suchen. Als im Wiener Haas-Haus bei Do & Co bis tief in die Nacht hinein gefeiert wurde, war Ogier genauso dabei wie Tourenwagen-Weltmeister Jose Maria Lopez. Beide würden wohl gern, kommen aber natürlich nicht ernsthaft in Frage.

Ebenso wenig wie Jorge Lorenzo, der in der MotoGP bei Ducati gerade ein neues Projekt beginnt. Dabei hat sich Lorenzo bei dem Formel-1-Test in Silverstone brillant geschlagen, wie man hört.


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Zwar gab es aufgrund der Wetterbedingungen keine 1:1-Referenzzeiten, die man vergleichen könnte; aber die Aussage, dass er sich besser angestellt hat als hätte man einen Nachwuchsfahrer etwa aus der Formel 4 in den Silberpfeil gesetzt, ist ein dickes Kompliment für den Spanier.

Damit kommen wir zu den jüngeren Fahrern, die Mercedes als Versprechen für die Zukunft holen könnte. Spontan fallen einem da vier Namen ein: Stoffel Vandoorne, Max Verstappen, Esteban Ocon und Pascal Wehrlein.

Erfahrung im Mercedes spricht für Wehrlein

Letzterer ist Mercedes-Junior und hat noch keinen Vertrag für 2017 - und er kennt den Silberpfeil sogar schon mit den neuen 2017er-Pirellis von diversen Testfahrten bestens. Ein Riesenvorteil für den Deutschen, der schwer geknickt war, als er das Force-India-Cockpit an Ocon verloren hat.

Vandoorne wird von vielen Experten als das größte Talent der letzten Jahre eingeschätzt. Ob ihn McLaren für Mercedes freigeben würde? Unwahrscheinlich.

Pascal Wehrlein

Pascal Wehrlein gilt als Favorit auf den zweiten Mercedes-Silberpfeil Zoom

Und Wolff müsste sich in so einem Fall sicher auch die Frage gefallen lassen, warum ein externer Junior einem internen vorgezogen wird. Also wohl doch lieber Wehrlein - oder Ocon, den man zur Not sicher aus dem Vertrag mit dem Mercedes-Kunden Force India freisprengen könnte.

Eigentlich war geplant, Ocon 2017 zu Renault zu setzen und Wehrlein zu Force India. Das scheiterte am Veto von Force India, weil es sich Wehrlein menschlich beim Team aus Silverstone verscherzt hatte.

Valtteri Bottas, bei dessen Management Wolff die Hände im Spiel hat, könnte ebenfalls ein Thema sein. Er hat mehr Erfahrung als Wehrlein und Ocon zusammen. Ob er auch über das gleiche Talent verfügt, daran scheint es Zweifel zu geben.

Verstappen: Für Marko keine Option

Verstappen würde Mercedes gut zu Gesicht stehen, man wollte ihn ja schon unmittelbar nach der Formel 3 unter Vertrag nehmen. Aber Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko wird einen Teufel tun und den Niederländer ausgerechnet für seinen Intimfeind Wolff freigeben.

Interessant übrigens, dass sich ein prominenter Fahrer bisher nicht bei Mercedes gemeldet hat, wie man hört: Kimi Räikkönen.

Dem "Iceman" scheint klar zu sein, dass er nicht erste Wahl ist - und wird sich denken: Wenn die mich wollen, dann melden sie sich ohnehin bei mir. Oder aber er ist mit dem hochdotierten Ferrari-Vertrag glücklich und möchte unter allen Umständen seine Karriere in Rot beenden.


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Stand heute ist alles offen, von A wie Alonso bis W wie Wehrlein. Mercedes kann sich bei der Entscheidung eigentlich Zeit lassen, möchte diese aber noch vor dem Wochenende zumindest intern treffen und noch vor Weihnachten offiziell bekannt geben.

Das spricht dagegen, dass man sich wochenlang mit Rechtsanwälten herumschlagen wird, um irgendwelche Ausstiegsklauseln zu prüfen - und wird derzeit von den meisten Beobachtern als Wehrleins große Chance gesehen.

Wehrleins Happy-End nach Transfer-Trauma?

Für den 22-Jährigen wäre es das traumhafte Ende nach einer traumatischen "Silly Season": Zuerst stand er nach Barcelona so knapp davor, schon 2016 den Mercedes von Lewis Hamilton zu übernehmen.

Dann deutete wochenlang alles darauf hin, dass er 2017 den Force India bekommen wird - bis dann Ocon auftauchte und ihm dieses Cockpit vor der Nase wegschnappte. Plötzlich schien Sauber das Höchste der Gefühle zu sein.


Fotos: Mercedes, FIA-Preisverleihung in Wien


Und Monisha Kaltenborn wird sich in den Hintern beißen, dass sie den Vertrag noch nicht gemacht hat, den Mercedes schon längst machen wollte. Als Rio Haryanto auftauchte und ein Sponsorenpaket mit in die Verhandlungen brachte, dachte man sich in Hinwil, man könnte die Subvention eines Wehrlein-Deals durch Mercedes vielleicht noch einmal neu verhandeln.

Jetzt kann sie für Wehrlein keinen Cent Ablösesumme mehr fordern. Dumm gelaufen.

Ihr

Christian Nimmervoll

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