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Formel-1-Saison 2011 im Rückspiegel: Toro Rosso

Wie die Experten den Rausschmiss von Sebastien Buemi und Jaime Alguersuari bewerten und was Toro Rosso in der Saison 2011 sonst erreicht hat

(Motorsport-Total.com) - Während die Teams hinter den Kulissen längst ihren neuen Autos den letzten Feinschliff verpassen, nimmt die Redaktion von 'Motorsport-Total.com' den Jahreswechsel zum Anlass, die Formel-1-Saison 2011 noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Unsere Experten Marc Surer und Pit Lane geben ihre Einschätzungen ab und analysieren, was falsch oder richtig gemacht wurde. Heute: Toro Rosso.

Jaime Alguersuari, Sebastien Buemi

Beide Toro-Rosso-Junioren wurden von Helmut Marko einfach rausgeschmissen

Mit einem achten Platz beim Grand Prix von Australien erwischte Sebastien Buemi einen ordentlichen Saisonauftakt, der übrigens nicht einmal überraschend kam. Toro Rosso hatte schon bei den Wintertests mit dem "doppelten Unterboden" und starken Rundenzeiten überrascht. Der doppelte Unterboden war nichts anderes als ein extrem stark unterschnittener Seitenkasten, um eine bessere Anströmung des Hecks zu gewährleisten - ein Bereich, der später in der Saison unter den Schlagworten "auspuffangeströmter Diffusor" entscheidenden Einfluss auf das Kräfteverhältnis nehmen sollte.

Positiver Auftakt, Rückfall im Frühjahr

Doch nach dem positiven Start sammelte Buemi aus den nächsten vier Rennen gerade mal zwei Punkte, während Jaime Alguersuari immer leer ausging. Toro Rosso schaffte es mit dem STR6, dem ersten komplett ohne Red Bull designten Auto, nicht, das Entwicklungstempo der anderen Teams mitzugehen. Gegen Saisonmitte musste die Truppe von Franz Tost froh sein, dass Williams mit dem FW33 noch schlechter dran war, sonst hätte man das Schlusslicht des etablierten Feldes dargestellt.

Der einzige Lichtblick war zu jenem Zeitpunkt, dass Buemi bessere und stabilere Leistungen ablieferte als 2010. Der Schweizer, 2007 hinter einem gewissen Romain Grosjean (aber vor Nico Hülkenberg und Kamui Kobayashi) Vizemeister in der Formel-3-Euroserie und 2008 GP2-Sechster, galt im Red-Bull-Kader jahrelang als größtes Talent seit Sebastian Vettel, wurde diesen Vorschusslorbeeren in der Formel 1 aber nicht ganz gerecht. 2011, das wusste er genau, sollte das Jahr seiner letzten Chance werden.

"Buemi hat sich gut vorbereitet", erinnert sich Experte Surer, ein Landsmann des 23-jährigen Schweizers. "Er hat einen eigenen Trainer engagiert, der ihm offensichtlich auch psychologisch dabei helfen konnte, nicht so zu verkrampfen. Das war bei ihm immer das Problem, denn er ist ja bekannt schnell, aber 2010 konnte er das oft nicht umsetzen. 2011 ist ihm das zumindest am Saisonbeginn gelungen - da war er klar der Bessere."

¿pbvin|512|4295||0|1pb¿Weil es sportlich zunächst nicht sonderlich gut lief und Toro Rosso zumindest anfangs weit hinter Sauber und Force India lag, entwickelte sich schnell zur Kernfrage, welcher der beiden Fahrer (spätestens) am Saisonende gehen würde müssen. Doch dann passierte alles viel schneller als geplant: Nach Alguersuaris Ausfall in Monte Carlo handelte Red-Bull-Motorsportkonsulent Helmut Marko mit Colin Kolles aus, dass der junge Spanier ab Silverstone anstelle von Narain Karthikeyan im HRT sitzen soll. Aber mit zwei tollen achten Plätzen in Montreal und Valencia zog Alguersuari seinen Kopf in letzter Sekunde aus der Schlinge.

"Ich denke, wenn Alguersuari in Valencia nicht so ein gutes Rennen gehabt hätte, wäre er da schon rausgeflogen. Aber mit dem guten Resultat hat er den Verantwortlichen einen Strich durch die Rechnung gemacht", vermutet Surer. "Jetzt waren sie in der Zwickmühle, denn plötzlich hat Alguersuari aufgetrumpft - vor allem im Rennen. Er war kampfstark, war auch der glücklichere Kämpfer. An Buemi klebte irgendwie das Pech, denn von den Ausfällen gehen nur die wenigsten auf seine Kappe."

Buemi eigentlich der schnellere "Jungbulle"?

Alguersuari holte ab Montreal 26, Buemi nur acht Punkte. "Er war zwar der Schnellere, aber es stimmt schon: Aus beiden zusammen könnte man den perfekten Rennfahrer machen - der Speed von Buemi und das Rennglück von Alguersuari ergeben zusammen einen Spitzenpiloten", analysiert Surer. Gerhard Berger, für den Dietrich Mateschitz immer ein offenes Ohr hat, sieht das freilich anders und findet, dass die Paarung Buemi/Alguersuari "maximal Durchschnitt" gewesen sei. Folgerichtig habe man entschieden, Ende 2011 beide vor die Tür zu setzen.

Doch Surer teilt Bergers Meinung aus gutem Grund nicht ganz: "Das Problem, das ich sehe, ist: Nach dem Rausschmiss haben sie keinen Maßstab. Wenn Buemi geblieben wäre, hätten sie sagen können: 'Buemi muss einer schlagen, um die Chance zu bekommen, in den Red Bull zu wechseln.' Jetzt wissen sie aber wieder nicht, wo Ricciardo und Vergne stehen. Sind beide schlecht oder sind beide supergut? Wie willst du das herausfinden? Da sehe ich ein Problem und deswegen bin ich nicht ganz der Meinung, dass es die beste Entscheidung war, beide rauszuschmeißen."

¿pbvin|512|4293||0|1pb¿"Politisch war es natürlich die beste Lösung, aber ich hätte aus Gründen der Messbarkeit einen behalten - und das wäre dann auf jeden Fall Buemi gewesen", kritisiert der ehemalige Formel-1-Pilot. Denn von Ricciardo schwärmt der ehemalige HRT-Boss Kolles in den höchsten Tönen, aber wie gut der Australier im Vergleich zu Buemi, Alguersuari oder gar Mark Webber ist, kann wohl auch bei Red Bull niemand mit Sicherheit sagen. Und auch Jean-Eric Vergne muss seinen Vorschusslorbeeren erst einmal gerecht werden.

In der Konstrukteurs-WM wäre es Toro Rosso beinahe noch gelungen, das anhaltende Sommerloch von Sauber zu nutzen und Platz sieben zu erobern, doch vier Nullnummern in den letzten sechs Rennen verhinderten das Erreichen dieses Ziels. Dass der Technikerstab um Giorgio Ascanelli für das WM-Finale endlich auch den auspuffangeströmten Diffusor in den Griff bekam, kam zu spät, um etwa Force India noch ernsthaft attackieren zu können. "Sie haben sich schwerer getan als erwartet", sagt auch Surer.

"Ich dachte", fährt er fort, "dass sie den Anschluss relativ schnell finden würden, aber sie hingen doch ein bisschen durch. Erst Ende des Jahres, als sie den neuen Diffusor/Auspuff auf die Reihe bekamen, fanden sie den Anschluss wieder und sie fuhren wieder im guten Mittelfeld. Vorher waren sie mir einfach zu weit hinten. Dass sie sich mit den neuen Teams rumschlagen mussten, war schon bedenklich. Ob sie Ende des Jahres Hilfe von Red Bull hatten oder ob sie es selbst auf die Reihe bekommen haben, weiß ich nicht - auf jeden Fall haben sie den Weg gefunden."

Pit Lane

War es richtig, gleich beide "Jungbullen" vor die Tür zu setzen? Ich sage: Ja! Zoom

Pit Lane über Toro Rosso:

Saisonstatistik:

Link: Toro Rosso in der großen Formel-1-Datenbank

Team:

Konstrukteurswertung: 8. (41 Punkte)
Siege: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Podestplätze: 0
Ausfallsrate: 21,2 Prozent (7.)
Durchschnittlicher Startplatz: 14,6 (8.)

Qualifyingduelle:

Buemi vs. Alguersuari: 12:7

Sebastien Buemi (Startnummer 18):

Fahrerwertung: 15. (15 Punkte)
Gefahrene Rennen: 19/19
Siege: 0
Podestplätze: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Durchschnittlicher Startplatz: 14,6 (16.)
Bester Startplatz: 9.
Bestes Rennergebnis: 8.
Ausfallsrate: 26,3 Prozent (18.)

Jaime Alguersuari (Startnummer 19):

Fahrerwertung: 14. (26 Punkte)
Gefahrene Rennen: 19/19
Siege: 0
Podestplätze: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Durchschnittlicher Startplatz: 14,6 (18.)
Bester Startplatz: 6.
Bestes Rennergebnis: 7.
Ausfallsrate: 15,8 Prozent (9.)

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