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Formel-1-Saison 2011 im Rückspiegel: Marussia-Virgin

Wieder null Punkte, wieder WM-Letzter: Timo Glocks Team Marussia-Virgin ist in der vergangenen Saison nicht der erhoffte Schritt nach vorne gelungen

(Motorsport-Total.com) - Während die Teams hinter den Kulissen längst ihren neuen Autos den letzten Feinschliff verpassen, nimmt die Redaktion von 'Motorsport-Total.com' den Jahreswechsel zum Anlass, die Formel-1-Saison 2011 noch einmal unter die Lupe zu nehmen. Unsere Experten Marc Surer und Pit Lane geben ihre Einschätzungen ab und analysieren, was falsch oder richtig gemacht wurde. Heute: Marussia-Virgin.

Timo Glock

Timo Glock erlebte 2011 eine zweite schwarze Saison in der Formel 1

Das vom Chef des britischen Nachwuchs-Rennstalls Manor, John Booth, aus der Taufe gehobene Team ist eine der großen Enttäuschungen der vergangenen beiden Jahre. Mit Fahrer Timo Glock und Sponsor Richard Branson (Virgin) schienen zwei wichtige Grundzutaten vorhanden zu sein, zudem setzte der im Sportwagen-Bereich erfolgreiche Designer Nick Wirth auf eine revolutionäre Herangehensweise: kein Windkanal mehr, stattdessen volles Vertrauen in CFD-Analysetechnologien.

Wirth Anfang Juni entlassen

Nachdem sich jedoch auch Wirths zweites Auto als glatter Flop entpuppte, zogen die Verantwortlichen die Konsequenzen und erklärten das CFD-Experiment für beendet. Der britische Techniker wurde rausgeschmissen, stattdessen der ehemalige Renault-Chefingenieur Pat Symonds vom Berater zum Technischen Koordinator befördert. Symonds krempelte die Strukturen um und organisierte neue Leute. Außerdem ging das Team genau wie Force India eine technische Partnerschaft mit McLaren ein.

"Ihr größtes Problem haben sie gelöst", analysiert Marc Surer. "Nick Wirth hat es mit seinen Computeranalysen nicht auf die Reihe gekriegt. Das zeigt, dass es in der Formel 1 halt doch einen Windkanal braucht. Das haben sie begriffen - leider ein bisschen spät, denn so haben sie noch einmal ein Jahr verloren und sind weiter hinterhergefahren. Mir haben die Fahrer leid getan, die sich mit einem relativ schlechten Auto herumplagen mussten und eigentlich kein Licht gesehen haben."

¿pbvin|512|4295||0|1pb¿Glocks bestes Ergebnis war ein 15. Platz, D'Ambrosio schaffte immerhin Rang 14 - meilenweit von den Punkterängen entfernt. HRT hatte Marussia-Virgin zumindest in den Qualifyings häufig im Griff, aber der Abstand zu Lotus ist eher sogar noch größer geworden als 2010. Der einzige Bereich, in dem man sich gesteigert hat, ist die Zuverlässigkeit. Also musste sich etwas ändern: "Die Entscheidung, mit McLaren zusammenzuspannen, ist sicher die beste Entscheidung, die das Team treffen konnte. Aber das hätten sie letztes Jahr schon merken müssen", kritisiert Surer.

Ebenso wie die Tatsache, dass die CFD-Technologie für die Formel 1 möglicherweise nicht geeignet ist. Wirths missglücktes Experiment ist der aktuellste Beweis dafür, dass CFD zwar als Ergänzung zum Windkanal perfekt funktioniert und theoretisch auch billiger und schneller funktioniert, aber ganz ohne Praxistests gelingt es anscheinend noch keinem Computer, die Geheimnisse der Wissenschaft Aerodynamik zu entschlüsseln. "Ich glaube", sagt Surer, "das wird irgendwann schon funktionieren, wenn diese Systeme besser und genauer werden."

Von Theorie und Praxis

Aber: "Beim heutigen Stand der Technik gibt es sogar aus dem Windkanal immer noch Teile, die auf der Strecke nicht funktionieren. Wieso sollte eine Computeranimation jedes Mal stimmen, wenn sogar Teile aus dem Windkanal manchmal nicht passen? Praxis und Theorie klaffen noch zu weit auseinander. Ich glaube schon, dass es eines Tages funktionieren wird - in der Luftfahrtindustrie funktioniert es ja schon. Aber am Boden ist es halt doch ein bisschen anders."

Noch dazu, wenn dem Team nicht einmal annähernd 100 Millionen Euro Budget zur Verfügung stehen - trotz Virgin. Aber was viele nicht wissen: Milliardär Branson hat lediglich Minimalbeträge zur Verfügung gestellt - man munkelt von zehn Millionen Euro pro Saison. "Branson hat eigentlich nichts mehr mit dem Team zu tun", weiß Surer, "aber sie wollen ihn wegen seines Namens, weil er viele Türen öffnet, was Sponsorship angeht. Aber eigentlich ist er mehr ein Aushängeschild."

¿pbvin|512|4293||0|1pb¿"Er hat kein Geld ausgegeben", nimmt er den Virgin-Gründer ins Gericht. "Wenn man hört, was für Summen er ausgegeben hat, dann ist das lächerlich. Das ist ein Zehntel von dem, was sie brauchen. Dafür hat er den Namen bekommen - schon heftig. Er hat wohl so kalkuliert: So und so oft komme ich ins Fernsehen, das kostet mich so und so viel. Echtes Interesse an der Formel 1 hatte er nicht, behaupte ich jetzt einfach mal."

Einer der großen Leidtragenden war Glock, der zwar das Qualifying-Stallduell gegen D'Ambrosio klar mit 15:4 gewonnen hat, sich aber aufgrund des unterlegenen Materials nie richtig in Szene setzen konnte. Als die besten Cockpits für 2012 vergeben wurden, tauchte sein Name daher nur selten auf. So blieb ihm nichts anderes übrig, als beim russischen Team zu bleiben. Beispiele wie Giancarlo Fisichella oder Jarno Trulli zeigen aber, dass schlechte Autos selbst vielversprechenden Talenten den Zahn ziehen können.

Fortschritte für Glock extrem wichtig

"Die Gefahr besteht schon", befürchtet Surer, der sich jedoch vorstellen kann, dass Glock kein Fisichella- oder Trulli-Schicksal blüht, denn: "Wenn jetzt was vorwärts geht, ist die Motivation gleich wieder eine ganz andere. Wenn das Team einen Schritt vorwärts macht, liegen Punkte in Reichweite - und dann ist die Motivation gleich wieder da. Viel schlimmer ist es, wenn ein Team zurückfällt, aber wenn die Hoffnung besteht, dass es vorwärts geht, dann ist das weniger die Gefahr."

Timo Glock

Meistens war Timo Glock schneller als sein belgischer Teamkollege Zoom

"Für Timo heißt es auch: To be or not to be in der Formel 1 - ihm bleibt gar keine andere Wahl. Und mit den Änderungen für nächstes Jahr wird es sicherlich einen kleinen Schritt vorwärts gehen", erklärt der Schweizer. Nachsatz: "Bei den anderen Teams allerdings auch." Denn klar ist: Trotz diverser Umstrukturierungen hat das Team einen so großen Rückstand aufzuholen, dass man sich von Symonds, McLaren und Co. 2012 noch keine Wunderdinge erwarten kann.

Schwer einzuschätzen ist auch, wie gut Glock im Vergleich zu den derzeit besten Fahrern der Formel 1 aussehen könnte. D'Ambrosio war für seine Performance wohl ebenso wenig ein Maßstab, wie es Charles Pic im nächsten Jahr sein wird. Aber: "Für mich hat Timo bei Toyota schon gezeigt, dass er extrem schnell sein kann, wenn es passt, und dass er ein Fighter ist, hat er auch immer wieder bewiesen", lobt Surer.

Die ganz große Zukunft sieht der ehemalige Grand-Prix-Pilot für den Deutschen aber nicht mehr: "Ich glaube nicht, dass er Weltmeister wird. Wenn du Weltmeister werden willst, musst du in die Formel 1 kommen und dann muss es immer aufwärts gehen. Bei Timo ist es leider abwärts gegangen, seit Toyota ausgestiegen ist, aber ich denke, dass er ein guter Formel-1-Fahrer sein wird. Er hat absolut seine Berechtigung, in der Formel 1 zu fahren."

Pit Lane

Daumen runter: Marussia-Virgin konnte Pit Lane 2011 nicht überzeugen Zoom

Pit Lane über Marussia-Virgin:

Saisonstatistik:

Link: Marussia-Virgin in der großen Formel-1-Datenbank

Team:

Konstrukteurswertung: 12. (0 Punkte)
Siege: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Podestplätze: 0
Ausfallsrate: 21,6 Prozent (8.)
Durchschnittlicher Startplatz: 21,3 (11.)

Qualifyingduelle:

Glock vs. D'Ambrosio: 14:5

Timo Glock (Startnummer 24):

Fahrerwertung: 25. (0 Punkte)
Gefahrene Rennen: 19/19
Siege: 0
Podestplätze: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Durchschnittlicher Startplatz: 20,7 (24.)
Bester Startplatz: 19.
Bestes Rennergebnis: 15.
Ausfallsrate: 27,8 Prozent (23.)

Jerome D'Ambrosio (Startnummer 25):

Fahrerwertung: 24. (0 Punkte)
Gefahrene Rennen: 19/19
Siege: 0
Podestplätze: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Durchschnittlicher Startplatz: 21,9 (25.)
Bester Startplatz: 20.
Bestes Rennergebnis: 14.
Ausfallsrate: 15,8 Prozent (9.)

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