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Formel-1-Countdown 2008: Renault

Bei Renault ist das Erfolgsteam von 2005/06 wieder vereint, aber auch mit Fernando Alonso bedeutet die Trendwende eine große Herausforderung

(Motorsport-Total.com) - Am 16. März beginnt mit dem Grand Prix von Australien in Melbourne die neue Formel-1-Saison. 'Motorsport-Total.com' veröffentlicht aus diesem Anlass jeden Tag einen Artikel aus der Countdown-Reihe - zu den fünf deutschen Stammfahrern und den elf Teams. Heute: Renault.

Fernando Alonso

Fernando Alonso zählt in diesem Jahr nicht zu den Favoriten auf den WM-Titel

"Die Rückkehr des verlorenen Sohnes": Unter dieses Motto könnte man die Saison 2008 aus Sicht des Weltmeisterteams von 2005 und 2006 stellen. Denn nach einer kurzen Auszeit bei McLaren-Mercedes, die zwar sportlich recht erfolgreich, aber menschlich ein totaler Flop war, fährt Fernando Alonso nun wieder für den Rennstall seines Formel-1-Ziehvaters Flavio Briatore - und alle sind gespannt, ob diese Allianz genauso erfolgreich sein wird wie früher.#w1#

Der verlorene Sohn ist zurückgekehrt

Flavio Briatore und Fernando Alonso

Der verlorene Sohn ist wieder zurück: Flavio Briatore und Fernando Alonso Zoom

"Mit Alonso ist der verlorene Sohn zurückgekommen. Das ist ganz wichtig", analysiert 'Motorsport-Total.com'-Experte Sven Heidfeld. "Er hat immerhin zwei Titel geholt und ist im Team beliebt. Briatore liebt ihn und er wird wieder neuen Schwung bringen. Das ist für das Team wichtig und für ihn selbst auch. Ich fand es beeindruckend, welche Leistung er bei McLaren zuletzt noch gebracht hat, denn Topsportler müssen sich eigentlich rundum wohl fühlen, um Topleistungen zu bringen."

Während Alonso und Ron Dennis nie richtig warm wurden, was sich auch auf das öffentliche Auftreten des Spaniers auswirkte, versteht er sich mit Briatore umso besser. Das erkennt man zum Beispiel an optischen Signalen: Vor seinem Arbeitsantritt bei den Silberpfeilen ließ sich der 26-Jährige, der mit einer Rockmusikerin liiert ist, die Haare militärisch kurz schneiden, um ins disziplinierte Image des Teams zu passen. Bei Renault ist seine Mähne wieder lang.

Alonso, mit 104 Grand-Prix-Starts seit 2001 inzwischen schon einer der Routiniers im Feld, hat über den Winter das Lachen wieder gelernt. Vergessen sind Spionageaffäre, das gestörte Verhältnis zu Dennis und der "Krieg der Sterne" - und das ist goldwichtig, denn der temperamentvolle Südländer braucht es wie kein Zweiter, dass sein Ego manchmal gestreichelt wird. Er muss sich als Nummer eins fühlen - und Briatore kann ihm dieses Gefühl vermitteln.

Wieder ein Rookie an Alonsos Seite

Renault R28

Ansicht von oben: Renault setzt große Hoffnungen in den neuen R28 Zoom

Dabei ist die Ausgangslage ähnlich wie vor einem Jahr, als er mit Lewis Hamilton ebenfalls einen viel versprechenden Rookie an seiner Seite hatte. Aber während die Silberpfeile wegen ihrer langjährigen Beziehung zu Hamilton voll hinter dem Youngster standen, ist es diesmal Alonso, der die Mannschaft besser kennt und dort aufgewachsen ist. Nelson Piquet Jr. gilt zwar als schneller Mann und soll auch nicht benachteiligt werden, aber unterm Strich ist er die Nummer zwei.

Das sieht auch unser zweiter Formel-1-Experte, der ehemalige Grand-Prix-Pilot Marc Surer, so: "Ich denke, Piquet will sicher zeigen, was er kann, aber an Alonso wird er sich die Zähne ausbeißen. Davon bin ich überzeugt. Ich halte Piquet nicht für einen zweiten Hamilton", sagt der Schweizer. "Alonso wiederum wird sicherlich das herausholen, was möglich ist. Wenn das Auto gut genug ist für den dritten Platz, dann wird er Dritter. So kennen wir Alonso."

"Ich halte viel von Piquet", fügt Heidfeld an. "Er hat es mit viel Fleiß in die Formel 1 gebracht. Natürlich hatte er auch das Geld seines Vaters und den Namen, aber er hat in der Formel 3 und in der GP2 hart gearbeitet. Man sollte ihn nicht unterschätzen. Er ist wahrscheinlich aber nicht ganz so gut vorbereitet wie Hamilton, als der in die Formel 1 kam. Hamilton ist viel im Simulator von McLaren gesessen, und der soll ja der Hammer sein. Hamilton war deswegen schon kompletter."

"Nelsinho" Piquet: In den Fußstapfen des Vaters?

Nelson Piquet Sr. und Jr.

Der Vater ist schon Weltmeister, der Sohn will es werden: Nelson Piquet Sr. und Jr. Zoom

Ungeachtet dessen gilt Piquet als recht selbstbewusster Zeitgenosse, genau wie früher sein Vater Nelson Sr., Formel-1-Weltmeister von 1981, 1983 und 1987. Insofern ist es schwer vorstellbar, dass sich die brasilianische Fraktion von Briatore als Nummer zwei abspeisen lassen wird. Und klar ist auch: Piquet muss einigermaßen mit Alonso mithalten, so wie es Hamilton 2007 geschafft hat, sonst ist seine Karriere ganz schnell wieder entzaubert. Keine einfache Aufgabe.

Bei den Wintertests sortierte sich Renault in der Mittelfeldgruppe mit Williams, Red Bull und Toyota ein. Alonso beklagte sich über den fehlenden Speed und betonte, er habe in diesem Jahr bestenfalls eine 30-prozentige Chance auf einen Grand-Prix-Sieg - bei momentan rund einer Sekunde Rückstand auf Ferrari. Seiner Meinung nach wird dies in Melbourne Startplätze in der vierten oder fünften Reihe des Grids bedeuten.

"Renault ist noch nicht da, wo ich sie erwartet habe. Die müssen natürlich aufholen. Sie haben sicherlich ein besseres Auto als im Vorjahr, aber alle anderen haben auch Fortschritte gemacht. Also muss Renault einen Riesenschritt machen, nur geht das nicht von heute auf morgen", so Surer, der herausgefunden hat, dass Renaults extremer Frontflügel für Balanceschwankungen anfällig ist. Aber: "Ich glaube, sie sind grundsätzlich gut im Zeitplan."

Ein Winter voller Höhen und Tiefen

Nelson Piquet Jr.

Nelson Piquet Jr. ist im Stallduell mit Fernando Alonso krasser Außenseiter Zoom

Heidfeld stimmt prinzipiell zu, lässt sich aber nicht auf eine Einschätzung festnageln: "Renault ist schwierig zu bewerten", meint der Bruder von Formel-1-Pilot Nick Heidfeld. "Die waren mal ganz gut und mal halbwegs schlecht. Auch die Aussagen sind so unterschiedlich. Mal schlägt Alonso Alarm, weil er das Auto zu langsam findet, aber auf der anderen Seite heißt es dann, man habe aus den Fehlern gelernt, habe den Windkanal jetzt verstanden und so weiter."

Zu ihren Glanzzeiten waren die Franzosen dafür bekannt, bei Tests und in Freien Trainings eher konservativ vorzugehen, um dann im richtigen Moment die Hosen runterzulassen. Wird das wieder passieren, Sven? "Briatore will auf jeden Fall ganz vorne mitfahren. Ich glaube, das pendelt sich ein und die liegen unter den ersten drei Teams. Kann sein, dass Alonso tiefstapelt, um beim Saisonstart dann richtig gut auszusehen", entgegnet der Deutsche.

Der R28 stellt gegenüber dem relativ erfolglosen R27 einen radikalen Konzeptsprung dar. Allerdings haben sich die Ingenieure um die Technikchefs Bob Bell (Chassis) und Rob White (Motor) keine Revolutionen einfallen lassen, sodass der neue Renault zumindest optisch im Vergleich zu den anderen Autos kein Ausreißer ist. Größte Schwachstelle: Die Bridgestone-Reifen harmonieren immer noch nicht so gut mit dem Chassis wie früher die Michelins.

CFD-Zentrum für die langfristige Zukunft

Renault-Fabrik

Die Fabrik in Enstone: Derzeit beschäftigt Renaults Formel-1-Team 540 Mitarbeiter Zoom

In der Fabrik in Enstone hat Renault aber einen hochmodernen Windkanal, in dem an diesem Problem gearbeitet werden kann. Außerdem wird gerade ein neues CFD-Zentrum für Strömungssimulationen gebaut - im Sommer soll es fertig werden. Kostenpunkt: 40 Millionen Euro. In dieses CFD-Zentrum, das sich Chefingenieur Pat Symonds schon seit Jahren gewünscht hat, kommt unter anderem einer der leistungsfähigsten 100 Supercomputer der Welt hinein.

Zunächst einmal muss aber kurzfristiger gedacht werden, denn Briatore weiß, dass er für die Rückkehr an die Spitze ein Kaliber wie Alonso im Cockpit braucht. Der könnte jedoch mit einer schlechten Saison 2008 die Lust verlieren und am Jahresende seine Ausstiegsklausel wirkend machen, falls die Leistungen des Teams nicht seinen Ansprüchen entsprechen sollten. Angeblich würde er ja gerne zu Ferrari wechseln, wo 2009 zumindest theoretisch kein Platz frei sein sollte.

Von den mittelmäßigen Testzeiten einmal abgesehen spricht einiges für Renault, denn auf Management- und Ingenieursebene hat sich seit 2005/06 abgesehen vom Abgang von Renningenieur Rod Nelson zu Williams nicht viel getan. Auf Fahrerseite ist Alonso zurückgekehrt - bleibt nur die Reifenfrage als einzig einschneidende Veränderung. Aber genau die, so hört man, könnte wie schon im Vorjahr zum Sargnagel werden...

Saisonstatistik 2007:

Team:

Konstrukteurswertung: 3. (51 Punkte)
Siege: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Podestplätze: 1
Ausfallsrate: 8,824 Prozent (2.)
Durchschnittlicher Startplatz: 10,765 (4.)
Bisherige Testkilometer 2008 mit neuem Auto: 9.876 (6.)

Fernando Alonso (Startnummer 5):

Fahrerwertung: 3. (109 Punkte)
Durchschnittlicher Startplatz: 3,177
Bestes Ergebnis Qualifying: 1.
Bestes Ergebnis Rennen: 1.
Ausfallsrate: 5,882 Prozent (2.)
Bisherige Testkilometer 2008: 5.089 (12.)

Nelson Piquet Jr. (Startnummer 6):

Fahrerwertung: -
Durchschnittlicher Startplatz: -
Bestes Ergebnis Qualifying: -
Bestes Ergebnis Rennen: -
Ausfallsrate: -
Bisherige Testkilometer 2008: 4.910 (15.)

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