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  • 08.03.2008 · 13:24

  • von Nimmervoll/Wittemeier

Formel-1-Countdown 2008: Williams

Unsere Experten analysieren: Warum Williams im Jubiläumsjahr, das eigentlich keines ist, den großen Werksteams den Kampf ansagen wird

(Motorsport-Total.com) - Am 16. März beginnt mit dem Grand Prix von Australien in Melbourne die neue Formel-1-Saison. 'Motorsport-Total.com' veröffentlicht aus diesem Anlass jeden Tag einen Artikel aus der Countdown-Reihe - zu den fünf deutschen Stammfahrern und den elf Teams. Heute: Williams.

Nico Rosberg

Nirgendwo sonst in der Formel 1 hat Racing so viel Tradition wie bei Williams

Der Traditionsrennstall mit Sitz im britischen Grove ist neben Super Aguri effektiv das letzte Privatteam in der Königsklasse, denn selbst hinter herstellerfremden Organisationen wie Red Bull, Toro Rosso und Force India stehen milliardenschwere Konzerne. Frank Williams ist sozusagen der letzte Dinosaurier der Formel 1 - und ein bewundernswerter noch dazu: Seit einem schweren Autounfall im Jahr 1986 ist er an den Rollstuhl gefesselt.#w1#

Die letzten Dinosaurier der Formel 1

Patrick Head und Frank Williams

Patrick Head und Frank Williams 1978: Präsentation des ersten eigenen Autos Zoom

Der 65-Jährige gründete schon in den 1960er-Jahren sein eigenes Motorsportteam, aber dieses musste er mangels Kleingeld an den austro-kanadischen Ölmagnaten Walter Wolf verkaufen. Williams trat aus der Organisation aus, nahm Patrick Head mit und gründete gemeinsam mit seinem Landsmann 1977 die Firma Williams Grand Prix Engineering. Bis heute gehören Williams 70 und Head die restlichen 30 Prozent.

Aber trotz der Gründung vor 31 Jahren feierte Williams im Winter mit sechs verschiedenen Speziallackierungen bei den Tests das 30-jährige Jubiläum. Head, ganz wie man ihn kennt: "Die ganze Jubiläumsgeschichte ist ein Produkt unserer Marketing- und Medienabteilung. Es ist nämlich gar nicht das Jubiläum von Williams, denn wir sind schon 1977 in der Formel 1 an den Start gegangen." Allerdings erst 1978 mit einem eigenen Chassis, dem FW06.

Der letzte WM-Titel des einstigen Erfolgsteams ist ebenfalls ein Weilchen her - 1997 durch Jacques Villeneuve. Juan Pablo Montoya hat 2004 in Brasilien letztmals einen Grand Prix für Williams gewonnen. Nach der Trennung von BMW und der katastrophalen Saison 2006 konnte die Abwärtsspirale im Vorjahr jedoch endlich umgedreht werden, denn mit einem soliden und zuverlässigen Auto holten Nico Rosberg und Alexander Wurz 33 Punkte und den vierten WM-Platz.

Ziel für 2008: Ein Team mehr schlagen

Nico Rosberg

Nico Rosberg möchte 2008 endlich seinen ersten Podestplatz einfahren Zoom

Eben diesen will die 520 Mann starke Truppe auch 2008 wieder erreichen, was jedoch ungleich schwieriger wird, weil man mit McLaren-Mercedes einen Gegner mehr schlagen muss: "Das erste Podium wäre schön, aber das ist schon ein hohes Ziel. Ansonsten wollen wir noch ein Team mehr schlagen als 2007, BMW oder Renault. Dann wären wir Vierter in der Konstrukteurs-WM und ich ein wenig höher in der Fahrer-WM. Das ist das Ziel", so Rosberg gegenüber 'Motorsport-Total.com'.

Bei den bisherigen Wintertests wiederholte sich das Bild des Vorjahres: Der neue FW30 - übrigens mit einem Toyota-V8-Motor im Heck - scheint zuverlässig und einigermaßen schnell zu sein, kommt aber viel weniger verschnörkelt daher als viele seiner Gegner. Daraus schließen fachkundige Beobachter, dass die Basis vielleicht stimmen mag, aber möglicherweise für den weiteren Saisonverlauf weniger Entwicklungsspielraum vorhanden sein könnte.

'Motorsport-Total.com'-Experte Marc Surer teilt diese Befürchtung: "Das hängt ganz einfach damit zusammen, dass sie nicht die Ressourcen haben. Williams ist im Verhältnis zu den Werksteams, die 900 bis 1.000 Leute haben, verhältnismäßig klein", so der Schweizer. Dabei hat Alexander Wurz einmal gesagt: "Ich habe bei McLaren in der Fabrik nichts gesehen, was Williams nicht auch hat." Aber die Summe der Einzelteile und deren Qualität wirkt sich dann eben doch aus.

Williams muss effizienter arbeiten als die Gegner

Williams-Fabrik

Diese Fabrik dient dem einzigen Zweck, jedes Jahr zwei Formel-1-Autos zu bauen Zoom

"Sie können nicht zwei Konzepte parallel entwickeln, sondern sie müssen sich für ein Konzept entscheiden", nennt Surer ein konkretes Beispiel für Limitierungen durch die fehlenden Ressourcen. "Das haben sie offensichtlich gemacht. Aber die Größe des Teams ist beschränkt, also haben sie jetzt ein Auto, mit dem sie nun klarkommen müssen. Die anderen Teams können im Gegensatz dazu viel intensiver weiterentwickeln und weitertesten."

Natürlich verpulvert Williams keine 400 Millionen Euro pro Jahr, wie das manch andere Teams tun, aber unser zweiter Motorsportexperte, Sven Heidfeld, hält fest: "Dem Team fehlt einfach Geld und natürlich Werksunterstützung. Dafür haben sie richtig gute Leute und machen unwahrscheinlich viel aus ihren Möglichkeiten." Und noch etwas kommt hinzu: Kein Konzernchef dieser Welt wird jemals das Racerherz eines Frank Williams oder Patrick Head haben.

Die beiden hatten schon oft Gelegenheit, ihr Team zu verkaufen und sich mit vielen Millionen im Koffer an den Strand zu legen, aber selbst im fortgeschrittenen Alter von 65 (Williams) beziehungsweise 61 (Head) Jahren kommt das für sie nicht in Frage. So blitzte kürzlich auch die isländische Baugur-Gruppe ab, als sie mit Anteilen einsteigen wollte. Deren Geld nahm Williams aber sehr wohl - wenn auch nur in Form mehrerer Sponsorendeals.

Motoren waren nie das Problem

Kazuki Nakajima

Toyota-Junior Kazuki Nakajima hat im Vorjahr schon das Saisonfinale bestritten Zoom

Technisch gesehen war jahrelang die Aerodynamik der große Schwachpunkt - man erinnere sich nur an die skurrile "Hammerhai"-Nase aus der Feder von Antonia Terzi im Jahr 2004 -, denn selbst 2006, am Höhepunkt der sportlichen Krise, hatte man mit dem Cosworth-V8-Motor vernünftige PS-Leistung zur Verfügung. Doch im Zuge einer eher unspektakulären Umstrukturierung ist es Technikchef Sam Michael gelungen, eine effiziente Aerodynamikabteilung auf die Beine zu stellen.

Das Resultat ist der bisher recht flott wirkende FW30. Surer: "Es scheint, dass das Auto auf langsamen Strecken hervorragend funktioniert, auf schnellen weniger. Aber es ist eine solide Basis", erläutert der 82-fache Grand-Prix-Teilnehmer. "Mir kommt der FW30 sehr unkompliziert vor. Wenn die ein zuverlässiges Auto in die ersten Rennen schicken können, dann haben sie eine große Chance, weil die anderen Teams noch nicht so weit sind."

Auch Surers Expertenkollege Heidfeld traut Williams noch einmal einen Sprung nach vorne zu: "Ich glaube, die werden sich im Verhältnis zu den vergangenen Jahren deutlich steigern. Die machen echt einen guten Job, wenn man bedenkt, dass sie nicht so viel Geld haben wie ein Werksteam. Da hat Nico Rosberg auch einen echt guten Job gemacht, der kann das Team gut motivieren. Das Auto wird gut sein, aber es wird wahrscheinlich nicht für Siege reichen", so das Urteil des Deutschen.

Rosberg & Williams in zweiter Generation

Nico und Keke Rosberg

Rosbergs haben bei Williams Tradition: Shootingstar Nico mit Vater Keke Zoom

An den Fahrern dürfte es jedenfalls nicht scheitern, denn Rosberg Jr. - Vater Keke, der ihn neuerdings nicht mehr managt, hat all seine Grand-Prix-Siege und seinen WM-Titel auf Williams errungen - gilt mit als das Beste, was die neue Generation der Formel 1 zu bieten hat, und GP2-Newcomer Kazuki Nakajima, ein Toyota-Junior, hat bei den Wintertests bewiesen, dass er zumindest vom Speed her schneller ist, als ihm viele zutrauen.

Was fehlt, ist ein Testfahrer vom Kaliber Wurz, denn der Österreicher wurde wegen seiner miserablen Qualifyingleistungen in der vergangenen Saison entlassen. Während der erfahrene Wurz nun versucht, den Honda RA108 auf Vordermann zu bringen, hat Williams den jungen Deutschen Nico Hülkenberg unter Vertrag genommen. Der Schützling von Willi Weber gilt zwar als talentiert, hat aber klarerweise noch keine Ahnung davon, wie man ein Formel-1-Auto schneller macht.

Und so liegt es an Rosberg, die Führungsrolle im Team zu übernehmen. Zuzutrauen ist ihm dies allemal, auch wenn man immer wieder vergisst, dass er vor seiner dritten Saison gerade mal 22 Jahre alt ist - und damit sogar jünger als Lewis Hamilton. Die große Frage ist also: Kann Williams den Aufwärtstrend des vergangenen Jahres fortsetzen, wonach es momentan aussieht, oder stagniert man im Vergleich zu den wesentlich besser finanzierten Werksteams?

Saisonstatistik 2007:

Team:

Konstrukteurswertung: 4. (33 Punkte)
Siege: 0
Pole-Positions: 0
Schnellste Rennrunden: 0
Podestplätze: 1
Ausfallsrate: 17,949 Prozent (5.)
Durchschnittlicher Startplatz: 11,051 (6.)
Bisherige Testkilometer 2008 mit neuem Auto: 9.728 (7.)

Nico Rosberg (Startnummer 7):

Fahrerwertung: 9. (20 Punkte)
Durchschnittlicher Startplatz: 9,882
Bestes Ergebnis Qualifying: 4.
Bestes Ergebnis Rennen: 4.
Ausfallsrate: 17,647 Prozent (10.)
Bisherige Testkilometer 2008: 5.414 (9.)

Kazuki Nakajima (Startnummer 8):

Fahrerwertung: 22. (0 Punkte)
Durchschnittlicher Startplatz: 19,000
Bestes Ergebnis Qualifying: 19.
Bestes Ergebnis Rennen: 10.
Ausfallsrate: 0 Prozent (1.)
Bisherige Testkilometer 2008: 5.801 (5.)

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