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Fernandes: "Die Flitterwochen sind vorbei"

Der Lotus-Teamchef im Interview: Tony Fernandes zieht nach einem Jahr Bilanz und spricht über seine Pläne für die Zukunft der traditionsreichen Formel-1-Marke

(Motorsport-Total.com) - Er ist sozusagen der Gegenpol zu Ron Dennis: Zeigte sich der frühere McLaren-Teamchef am liebsten im feinen Anzug und mussten Besucher seines Privatjets sogar die Schuhe ausziehen, um an Bord zu kommen - von strengster Verhaltensetikette ganz zu schweigen -, so geht es bei Tony Fernandes viel lockerer zu. Der Lotus-Teamchef ist sozusagen der Inbegriff des Kumpeltyps.

Tony Fernandes

Tony Fernandes liegt im Head-to-Head mit Richard Branson derzeit in Führung

Legere Lotus-Kappe, grüne Teamkleidung, immer ein Lächeln im Gesicht - der Malaysier wirkt ein bisschen so, als hätte sich ein leidenschaftlicher Fan durch das streng gesicherte Paddock-Drehkreuz ins Fahrerlager verirrt. Doch der Schein trügt: Fernandes ist keineswegs nur der naive Freund von nebenan, für den man ihn auf den ersten Blick halten könnte, sondern mit seiner Airline AirAsia ein überaus erfolgreicher Geschäftsmann und nicht zuletzt auch jener Teamchef der drei neuen Rennställe, der seinen Job bisher offensichtlich am besten gemacht hat.#w1#

Beim nächsten Grand Prix in Singapur wird für Lotus ein neues Zeitalter anbrechen, wie Fernandes im Interview mit 'Motorsport-Total.com' durchblicken lässt. Denn erstens soll dort bekannt gegeben werden, dass sich seine Mannschaft ab 2011 wieder wie zu Colin Chapmans Zeiten "Team Lotus" nennen darf (bisher "Lotus F1 Racing"), und zweitens könnte der bereits beschlossene Wechsel von Cosworth zu Renault endgültig finalisiert werden...

Erster Geburtstag in Monza

Frage: "Tony, es ist ziemlich genau ein Jahr her, dass das Lotus-Projekt begonnen hat. Wie lautet deine Zwischenbilanz?"
Tony Fernandes: "Unglaublich, wirklich! In Monza saß ich in meinem Büro und las auf Twitter, dass wir schon ein Jahr alt sind. Das ist schon etwas Besonderes. Ich finde, dass wir mehr erreicht haben, als wir jemals zu träumen gewagt hätten."

"Auch hinsichtlich der Marke Lotus haben wir gute Arbeit geleistet, denn die Fans freuen sich darüber, dass Lotus wieder da ist. Wenn ein Qualifying wie in Monza so gut läuft, macht mir das fast Angst, denn das bedeutet, dass du mit einem schlechten Start alles wegwerfen kannst! Aber im Ernst: Das Gefühl ist gut, weil wir alles erreicht haben, was wir uns vorgenommen hatten. Ich glaube, wir haben viele überrascht."

Heikki Kovalainen

Mit der doppelten Zielankunft in Bahrain hätte wohl kaum jemand gerechnet Zoom

Frage: "Wird die Arbeitslast langsam geringer oder bist du unverändert im Stress?"
Fernandes: "Der Druck wächst sogar eher noch, denn die Flitterwochen sind vorbei und die Leute erwarten von uns, dass wir uns nächstes Jahr nach vorne bewegen. Der Druck nimmt also nicht ab - zumindest mental nicht. Auf der körperlichen Seite wird es eher besser, weil die Strukturen jetzt stehen. Wir haben das Team aufgebaut, haben ein Motorhome, viele Mitarbeiter, einen Windkanal und so weiter. Das gab es am Anfang alles noch nicht. Da waren wir ja nur zu dritt oder zu viert!"

Frage: "Was war für dich der einprägsamste Moment dieses ersten Jahres?"
Fernandes: "Mit beiden Autos in Bahrain ins Ziel zu kommen, gar keine Frage. Das war vielleicht mein emotionaler Höhepunkt. Silverstone war auch sehr schön, denn dort hat alles angefangen - und auch dort hatten wir beide Autos im Ziel. Außerdem war Hazel Chapman da. Ich muss aber auch sagen, dass das Qualifying in Monza sehr gut war - da haben wir wirklich wie ein professionelles Team ausgesehen. Man hat mich im TV gesehen, wie ich auf und ab gesprungen bin. Das war ein großer Schritt in die richtige Richtung."

Frage: "Gab es auch einen Tiefpunkt? Ich erinnere mich an ein Interview mit dir, da warst du gesundheitlich ein bisschen angeschlagen..."
Fernandes: "Das stimmt, aber es gab eigentlich keinen echten Tiefpunkt. Der Tiefpunkt sind in der Formel 1 manchmal die Leute, die sich auf negative Dinge konzentrieren anstatt an einem Strang zu ziehen, um etwas besser zu machen. Ich finde es altmodisch, immer nur das Negative zu sehen. Aber nein, insgesamt betrachtet gab es kaum Negatives."

Große Erwartungen für 2011

Frage: "Ich nehme an, du hast das neue Auto schon gesehen. Es soll ganz anders aussehen als das alte..."
Fernandes: "Ja, das stimmt. Es ist viel besser und wir sind sehr aufgeregt darüber, aber ganz ehrlich: Ich bin kein Ingenieur. Man könnte mir einen Tankwagen zeigen und ich wäre begeistert! In sechs Monaten werde ich das aber auch besser verstehen."

Frage: "Ihr plant langfristig mit Jarno Trulli und Heikki Kovalainen. Sind beide definitiv für 2011 bestätigt?"
Fernandes: "Wir hätten gerne, dass sie bestätigt sind."

¿pbvin|512|3121||0|1pb¿Frage: "2013 sollen Turbomotoren ein Comeback in der Formel 1 geben, außerdem wird KERS zurückkehren, schon nächstes Jahr. Was hältst du davon?"
Fernandes: "Ich finde das richtig. Ich bin für nächstes Jahr gegen KERS, aber einige Teams werden es machen. Meiner Meinung nach ist es gut, den Antriebsstrang für die Motorenindustrie so relevant wie möglich zu gestalten."

"Wir müssen technologisch mehr dazu beitragen, der Motorenindustrie zu helfen. Das fängt zum Beispiel bei den richtig dimensionierten Felgen an. Bei solchen Dingen müssen wir in eine Richtung gehen, die uns näher zusammenbringt. Die Formel 1 hat die besten Gehirne, also sollten wir diese auch nutzen, um bessere Straßenautos zu bauen und die Welt zu einem besseren Ort zu machen."

Mehr Technologietransfer gewünscht

Frage: "Schade, dass diese schlauen Köpfe nicht mehr genutzt werden, nicht wahr?"
Fernandes: "Genau so ist es. Ich bin kein Autofreak. Ich liebe guten Sport und Wettbewerb, aber wenn ich die Energie sehe, die hier aufgewendet wird, um eine Hundertstelsekunde zu finden, auch das Geld, dann meine ich, dass Teile dieser Mittel bei KERS oder einer gesteigerten Benzineffizienz besser aufgehoben wären. Daher unterstütze ich Jean Todts Initiativen in diese Richtung voll und ganz."

Frage: "Renault hat kein eigenes KERS, sondern eine gemeinsame Entwicklung mit Magneti-Marelli. Wird dieses System auch Teil eures neuen Motorendeals sein?"
Fernandes: "Wir haben ja noch keinen Deal - mit dieser Frage hättest du mich jetzt aber fast erwischt (lacht; Anm. d. Red.)! Also nein, im Ernst: Unabhängig davon, wer unser Motorenlieferant sein wird, haben wir vor, nicht mit KERS zu fahren. Da komme ich wieder auf den Druck und den Stress zurück, denn die Zeit, die KERS frisst, investieren wir lieber in die Aerodynamik oder die Datenanalyse."

Colin Chapmans Kappe

Colin Chapmans legendäre Kappe hängt bei jedem Rennen am Kommandostand Zoom

Frage: "Aber man kann heutzutage ja einfach extern ein KERS zukaufen..."
Fernandes: "Schon, aber es ist eine weitere Ablenkung. Zum Beispiel kann man sich mit KERS am Rennwochenende nicht ausschließlich auf das Setup konzentrieren. Ich halte das so für den besseren Weg. Es ist meine Entscheidung, aber Mike (Gascoyne; Anm. d. Red.) sieht das genauso. Lieber langsam, aber dafür solide. Wir werden nächstes Jahr sicher nicht Weltmeister. Klar, eines Tages wollen wir das schaffen, aber jetzt kommt es darauf an, erst die richtigen Strukturen zu schaffen und dann langsam und bedacht darauf aufzubauen."

Frage: "Hast du einen Drei-, Fünf- oder Siebenjahresplan, bis wann du mit Lotus ganz oben stehen möchtest?"
Fernandes: "Nein. Wir wollen an die Spitze, das ist ganz klar, aber ich lerne noch - zum Beispiel, wo ich meine Jungs pushen kann, was die richtigen Entscheidungen sind und so weiter. Ich hoffe, dass wir nächstes Jahr im Mittelfeld sein werden, regelmäßig Punkte sammeln und darauf dann aufbauen können. Ich glaube, dass es leicht ist, zu den vier Topteams aufzuschließen, aber diese vier Topteams dann auch regelmäßig zu schlagen, ist viel schwieriger."

Frage: "Möchtest du noch irgendetwas anfügen?"
Fernandes: "Ja, in der Tat! Ich erhalte viele E-Mails aus Deutschland und möchte mich für den Support der deutschen Fans bedanken, besonders in Hockenheim. Das Rennen dort verlief für uns nicht besonders erfreulich, aber nächstes Jahr wollen wir es besser machen. Dankeschön an alle Fans für ihre Unterstützung. Wir werden weiterhin alles geben, um dem Namen Lotus Ehre zu bereiten."