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  • 10.09.2014 · 08:08

  • von Dieter Rencken

Der Masterplan bei Haas: "Geld kann man auftreiben, Zeit nicht"

Teambesitzer Gene Haas, Teamchef Günther Steiner und Joe Custer, Vizepräsident von Stewart/Haas Racing, im Interview über das Formel-1-Projekt aus den USA

(Motorsport-Total.com) - Beim Grand Prix von Australien 2016 soll es soweit sein, dass erstmals seit dem Grand Prix von Australien 1986 ein US-amerikanisches Team bei einem Formel-1-Rennen antritt. Knapp 30 Jahre nach dem Rückzug des Lola-Teams von Carl Haas bereitet sich der nicht ihm verwandte Gene Haas zusammen mit Günther Steiner und Co. auf das Debüt des Haas-F1-Teams vor.

Gene Haas

Gene Haas nutzt die Formel 1, um sein Unternehmen Haas Automation zu promoten Zoom

Im Interview mit 'Motorsport-Total.com' geben Teambesitzer Gene Haas, Teamchef Günther Steiner und Joe Custer, Vizepräsident das NASCAR-Teams Stewart/Haas Racing, Auskunft über den aktuellen Stand der Dinge beim Formel-1-Projekt aus Kannapolis, North Carolina. Sie erläutern die Standortfrage ebenso wie die Themen Personal, Logistik, Zeitplan und mehr.

Frage: "Gene, zuerst einmal möchte ich euch gratulieren, den Motorendeal mit Ferrari abgeschlossen zu haben."
Gene Haas: "Wir haben Monate damit verbracht und sind in Details immer vor und wieder zurück gegangen. Zu einem solchen Vertrag gehören viele Dinge dazu, aber so ist die Formel 1. Man braucht viele Genehmigungen, um Rennen fahren zu können."

Frage: "Ist das zu komplex?"
Haas: "Keine Ahnung, ich kümmere mich nicht um die Details. Man muss die anderen fragen."

Günther Steiner: "Wenn es für alle gleich ist, dann ist das ein Zeichen für guten Fortschritt. Es ist komplex, aber es steht viel auf dem Spiel und es ist sehr professionell. Wenn alle das Gleiche machen müssen, dann ist es langfristig gesehen richtig."

Joe Custer: "Sie wollen herausfinden, ob du seriös bist. Ich denke, dass es in einem Sport wie diesem sehr wichtig ist, dass man durch ein paar Probleme untersuchen kann, ob du es ernst meinst. Solange sie die nächste Person ebenso behandeln, ist es kein Problem."

Formel-1-Gebäude in Kannapolis fast fertig

Haas: "Irgendwann haben sie viele Leute hereingelassen und dann für lange Zeit gar keinen mehr..."

Frage: "Welche Fortschritte habt ihr gemacht, seit wir in Kanada das letzte Mal gesprochen haben?"
Haas: "Abgesehen von der Unterschrift mit Ferrari haben wir unser Gebäude in Kannapolis fast fertiggestellt. Das sieht schon sehr gut aus. Jetzt schauen wir nach einer Location in Großbritannien."

Günther Steiner, Joe Custer

Günther Steiner und Joe Custer ziehen gemeinsam mit Gene Haas die Fäden Zoom

Frage: "Ihr habt euch also für eine europäische Basis in England entschieden?"
Haas: "Ich denke schon. England scheint von einem juristischen, steuerlichen und logistischen Standpunkt aus am besten zu sein."

Frage: "Euer Rennteam wird dann von dort aus gesteuert?"
Haas: "Das ist richtig."

Frage: "Das Auto wird aber in den USA designt und gebaut?"
Haas: "Ganz genau."

Frage: "Das Auto wird also komplett 'Made in USA' sein - bis auf den Motor. Habt ihr bereits irgendwelche Vorentwicklungen in Großbritannien oder sonst wo?"
Haas: "Das ist nicht geplant."

Warum die Wahl für die europäische Basis auf Großbritannien fiel

Frage: "Wie viele Leute werdet ihr dann in Großbritannien haben?"
Steiner: "Um die 50 Leute. Sagen wir zwischen 40 und 60. Dazu gehören auch zehn bis 15 Leute, die von Ferrari kommen."

Frage: "Gibt es einen Grund, warum ihr nicht nach Belgien gegangen seid?"
Haas: "Wir hatten das in Erwägung gezogen, aber allein vom logistischen Standpunkt her, was Zulieferer und all die andere kleinen Dinge angeht, ist Großbritannien einfach besser. Hinzu kommt, dass es dort für ein Geschäft ein wenig teurer ist. Viele Leute haben das analysiert. Zudem brauchen wir mit unseren Sachen ein wenig mehr Platz."

"Allein vom logistischen Standpunkt her ist Großbritannien einfach besser." Gene Haas

Frage: "Kommen wir zum Thema Autodesign: Wartet ihr auf die konkreten Regeln für 2016 oder fangt ihr bereits langsam an?"
Steiner: " Wir fangen im kommenden Jahr mit dem Design des Autos an und arbeiten dabei eng mit Ferrari zusammen. Dass wir 2016 anfangen, macht die Sache etwas schwieriger, da wir nicht wissen, wie Motor und Getriebe für 2016 aussehen werden. Unser größter Einsatz aktuell gilt der Verpflichtung von Angestellten für das erste und zweite Quartal im kommenden Jahr."

"Zudem müssen wir die Infrastruktur einrichten. Administrativ errichten wir gerade eine Plattform. Das ist eine große Aufgabe. Wir errichten ein Rennteam, aber ein amerikanisches! Wie Gene bereits gesagt hat, sind viele Berater involviert, weil es nicht einfach ist. Ein Unternehmen errichten, einen Bank-Account einrichten, dies tun, das tun - und alles richtig machen. Damit man in ein, zwei Jahren kein Problem mit irgendjemandem hat. Das läuft aber sehr gut und wir sind glücklich damit. Jetzt benötigen wir die Rennzutaten."

Ressourcen von dort nehmen, wo sie vorhanden sind

Frage: "Ihr habt aus der NASCAR ja bereits ein rennerprobtes Team, doch kann der Schalter im Kopf so einfach auf die Formel 1 umgelegt werden oder sucht ihr nach europäischen Talenten?"
Steiner: "Der Wechsel wird nicht einfach werden, aber es wird ein Job sein. Wir haben eine Website gestartet, die nur aus einer Seite besteht, aber in den ersten zwei Tagen haben wir 300 Nachrichten erhalten - und ich habe sie gesehen, weil ich hier war. Wir haben gesehen, dass es ein großes Interesse von Europäern gegeben hat, die bei uns mitmachen wollen. Es wird schwierig, aber das haben wir von Beginn an gewusst. Wir haben nie gedacht, dass es einfach sein würde. Doch ich denke, dass es möglich ist."

Marco Mattiacci, Gene Haas und Joe Custer

Haas und Custer im Gespräch mit Ferrari-Teamchef Marco Mattiacci Zoom

Frage: "Eure Intention ist aber schon, es so weit wie möglich amerikanisch zu halten, oder?"
Haas: "Wir haben die Basis in Großbritannien und werden mit ein paar Einheimischen und wenn möglich Formel-1-Mitgliedern starten. Danach werden wir auch ein paar Amerikaner integrieren, die etwas dazu beitragen können. In den Vereinigten Staaten gibt es nicht so viel Formel 1. Daher werden wir die Ressourcen von dort nehmen, wo wir können - egal ob das Italien oder Großbritannien ist. Langsam werden wir dann die US-Tätigkeiten darin integrieren."

Frage: "Ihr habt vor kurzem euren Namen in Haas F1 geändert. Viele Teams haben stattdessen Grand Prix im Namen, weil das F1-Logo geschützt ist. Hattet ihr diesbezüglich ein Problem?"
Haas: "Ich weiß nicht. Joe hat daran gearbeitet (lacht; Anm. d. Red.). Es wurde angenommen. Das war so ziemlich das Einfachste. Das Problem ist aber, dass sie nicht wollen, dass sich Formel-1-Teams Formel-1-Team nennen, bevor sie Formel-1-Teams sind."

Frage: "Ihr wolltet eine spezielle kommerzielle Bindung zu Haas Automation aufbauen. Geht das voran?"
Haas: "Wir haben eine Vereinbarung über zwei Jahre und wir müssen sehen, wie sich die Beziehung entwickelt. Wir versuchen, Haas Automation, also das Werkzeugmaschinenunternehmen, mit einer Premiummarke aus der Formel 1 zu verbinden. Das ist uns mit Ferrari gelungen."

Frage: "Funktioniert das mit der globalen Anerkennung wie gedacht?"
Haas: "Es funktioniert. Wir haben einen großen Kundenkreis mit diversen Kunden in Deutschland oder Italien. Leute wissen, was die Formel 1 ist - besonders in unserem Business mit Werkzeugmaschinen."

Keine zu frühen Verpflichtungen für das Rennteam

Frage: "Welche Angestellten habt ihr eigentlich derzeit? Wie sieht eure Gehaltsliste aus?"
Steiner: "Im Moment sind es noch wenige Leute, aber das wird sich drastisch erhöhen. Ich werde nach England fliegen, wo ich ein Meeting mit potenziellen Leuten für das kommende Jahr haben werde. Beim Rennteam will man aber vor dem Ende der kommenden Saison noch keine Leute verpflichten. Sie kosten nicht nur Geld, sondern sitzen auch ein Jahr herum. Sie sind nicht in der Hitze des Gefechts und verlieren ihren Enthusiasmus. Wenn sie dann etwas machen sollen, ist es schwierig, sie wieder aufzuwecken."

Haas: "Wir haben kein Equipment. Wir schauen darauf, wie wir kommen zu den Rennen kommen und wie viele Trucks wir brauchen. Auf solche Dinge schauen wir. Wir brauchen ein paar Monate Zeit, um herauszufinden, was wir genau tun wollen und wie wir es tun wollen. Wir müssen jetzt Dinge bestellen, dann braucht es sechs Monate, bis das Equipment geliefert wird, weil wir keine gebrauchten Sachen kaufen wollen. Man muss diese ganzen Timelines mit einberechnen. Das erste Rennen findet im März 2016 statt, also müssen wir im Juni 2015 wissen, wie Chassis und Motor aussehen werden, damit wir alles bauen können. All diese Punkte sind Zeitpunkte, die einbezogen werden müssen. Anhand derer bauen wir unser Team auf."


Großer Preis der USA

Frage: "Euer nächster Schritt muss sein, dass ihr auf die globale Logistik schaut. Wie groß ist die Herausforderung dabei?"
Steiner: "Es ist eine Herausforderung, aber wir haben eine gute Organisation mit der FOM. Es gibt Leute, die helfen können. Man muss nur die richtigen wählen. Es wurde bereits alles getan. Das muss nicht mehr erfunden werden. Man muss einfach die richtigen Leute wählen, sodass die Kosten stimmen. Es sollten sicherlich auch gute Leute sein, die das schon einmal gemacht haben. Wir werden niemanden anstellen, der sich als UPS-Fahrer mit Logistik auskennt. Wir werden jemanden bekommen, der diesen Job bereits jetzt in der Formel 1 macht und daher weiß, was gemacht werden muss. Die Transportunternehmen kennen sich ebenfalls aus. Es ist nicht so, dass man einfach auf die Straße gehen und sein lokales Transportunternehmen fragen kann."

Frage: "Werden Teile, die ihr beispielsweise am Mittwochabend noch schnell zum Austragungsort fliegen wollt, aus Europa kommen?"
Steiner: "Zu Beginn müssen wir ein wenig demütiger sein und sagen: Wenn wir etwas machen, dann richtig. Eines ist klar: Wenn wir einfach Teile dranschrauben, dann verstehen wir es nicht. Wir werden aber sicher keine Teile mit dem Privatjet am Samstagmorgen liefern."

USF1 und Co. als mahnende Beispiele

Frage: "Gene, du hast Haas Automation, das NASCAR-Team und bald ein Formel-1-Team. Wie viel Zeit wirst du für die Formel 1 aufwenden?"
Haas: "Ich werde mehr und mehr Zeit damit verbringen, weil es eine interessante Herausforderung ist und ich es noch nie zuvor getan habe. In der NASCAR sind wir gut, und es wird eine völlig neue Aufgabe sein, Werkzeugmaschinen und Rennsport zusammenzubringen."

Frage: "Wir werden dich also nicht bei jedem Rennen sehen?"
Haas: "Nein, nein, nein. Wir werden eine Direktverbindung einrichten, sodass ich die Rennen von einer Hospitality-Suite aus verfolgen kann."

Frage: "Vor vier Jahren sind mit Campos, USF1, Lotus und Manor vier Teams eingestiegen. Eines kam nie, eines gibt es nicht mehr und zwei haben den Besitzer gewechselt. Was könnt ihr daraus lernen?"
Haas: "Man braucht ein wenig mehr Zeit zum Planen. Wenn man in den Rennsport einsteigt und nicht genügend Zeit hat, dann jagt man seinen eigenen Schwanz. Man kann niemals nach vorne kommen und wird immer hinter den anderen liegen. Geld kann man immer auftreiben, Zeit aber nicht. Zeit ist wirklich Gold wert."

"Geld kann man immer auftreiben, Zeit aber nicht. Zeit ist wirklich Gold wert." Gene Haas

"Dass wir ein Extrajahr haben, wird uns ziemlich helfen. Wir werden zu den Rennen fahren, sehen, wie alles funktioniert, die Logistik kennenlernen. Wenn wir dann anfangen, werden wir viel besser vorbereitet sein. Ich habe auch bemerkt, dass Zuverlässigkeit ein großes Problem ist. Man kommt an die Strecke und die Autos fallen auseinander. Wir haben also zwei große Ziele: Eines ist aufzutauchen und das zweite ist sicherzustellen, dass die Autos das Ziel erreichen. Wenn uns das gelingt, dann kommt man in die Top 10. Das könnte irgendwann unser drittes Ziel sein."

Frage: "Ich weiß, dass Tony (Stewart; Anm. d. Red.) nicht involviert ist. Aber hat er schon Interesse signalisiert?
Custer: "Er ist fasziniert davon."

Haas: "Die meiste Zeit sind diese Jungs beschäftigt, aber bei uns waren schon viele in der Garage, die schauen wollen, was wir machen. Sie kennen diese Art Motorsport nicht und wollen mal schauen."

Frage: "Wie seht ihr die Strategiediskussionen in der Formel 1 von außen?"
Haas: "Wir sind Neulinge und gehen dorthin, wo sie es sagen. Wir haben ja keine Wahl. Ich denke nicht, dass uns das groß interessiert - solange alle unter den gleichen Regeln arbeiten."