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  • 22.07.2014 · 15:52

  • von Dieter Rencken & Dominik Sharaf

Im Westen viel Neues: Haas nähert sich mit Riesenschritten

Das Projekt um Gene Haas und Günther Steiner setzt auf US-amerikanisches Knowhow, aber auch auf eine britische Außenstelle: "Resonanz ist gut"

(Motorsport-Total.com) - Wer an Traumtänzerei glaubte, als Gene Haas und Günther Steiner ihr US-amerikanisches Formel-1-Projekt auf den Weg brachten und mit einer Lizenz ausstatteten, der muss sich nach derzeitigem Stand der Dinge auf eine gewaltige Überraschung einstellen. Das Unternehmen rollt, die Bagger am geplanten Hauptsitz in Kannapolis bald nicht mehr. Im Laufe der Woche werden die Grundmauern der Teamzentrale fertiggestellt - ein Bild mit Symbolcharakter für die Fortschritte der Neueinsteiger aus North Carolina.

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50 Meter neben dem Stewart-Haas-Gebäude, wo die NASCAR-Fahrzeuge vorbereitet werden, soll ab November auf den Einstieg in die Königsklasse in der Saison 2016 hingearbeitet werden. Die allen voran aus Großbritannien stammende Kritik, der Standort sei für eine Formel-1-Mannschaft ungeeignet - weil nicht in Europa - kann Steiner nicht nachvollziehen. Schließlich gilt die Region um die 1,3-Millionen-Metropole Charlotte als Mekka der nordamerikanischen Motorsport-Industrie und verfügt über hohe Kompetenzdichte.

Sie kann es mit der Gegend um Silverstone in Mittelengland aufnehmen, findet Steiner im Gespräch mit 'Motorsport-Total.com': "Das Formel-1-Valley ist zwar groß, aber auch viel verstreuter", so der Südtiroler. Probleme, Personal anzuwerben, hat es offenbar nicht gegeben: "Die Resonanz in den USA ist eigentlich gut", erklärt Steiner. Trotzdem ist eine Einsatzbasis in Großbritannien geplant, um im Rennbetrieb aufwendige Reisen zu meiden. Trotzdem: "Entwicklung, Design und Verwaltung bleiben in den USA."

Bigger is better: Eigener Windkanal wird vorbereitet

Aktuell ist Haas Formula auf der Suche nach einem Standort auf der Insel und hat bereits einen Mitarbeiter dafür auf die Gehaltsliste gesetzt. Brüssel, Europasitz der Autoteile-Mutterfirma, kam nicht infrage. "Wir müssen in den USA bauen, wo wir schon komplett neu anfangen, wo es noch keine Kultur gibt", erinnert Steiner, der es sich ersparen will, Personal nach Belgien zu locken. "Ich habe das immer zu Gene gesagt: 'Du wirst dich wundern, wie viele Leute positiv den USA gegenüber sind, weil es Europa im Moment nicht gut geht.'"


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Nicht jeder, der für einen Job bei Haas Formula die richtige Vita besitzt, muss sich dafür Visum und Greencard besorgen. Steiner rechnet mit US-Amerikanern in Management-Führungspositionen, aber auch im technischen Bereich. Das Knowhow der NASCAR- und der IndyCar-Szene will sich der frühere Ford-Rallye- und Jaguar-Technikchef nicht entgehen lassen: "Nur haben sie keine Formel-1-Erfahrung. Aber da holst du dir die Expertise. Ingenieur ist Ingenieur. Wenn er nicht das Sachverständnis für die Formel 1 hat, dann muss er lernen."

Budget auf Mittelfeld-Niveau angesetzt

Gearbeitet wird bei Haas aller Voraussicht nach mit einem Antriebsstrang von Ferrari, dazu will die Mannschaft so viele Teile wie möglich bei einem künftigen Technikpartner erwerben. Es bleibt das das Monocoque, das nach dem Reglement Eigenentwicklung sein muss. Die passende Aerodynamik wird im hauseigenen Windkanal entstehen, der bei Größe und Fortschrittlichkeit mit Europa mithält - wenn nicht sogar im Vorteil ist. Zum Vergleich: Die Kammer in Kannapolis ist 16,7 Quadratmeter groß, die bei Toyota in Köln nur 15.

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Das heißt nicht, dass Haas Formula die finanziellen Anstrengungen des japanischen Weltkonzerns, der sich vor einigen Jahren in der Königsklasse versuchte und scheiterte, überflügelt. Die genaue Höhe des kalkulierten Budgets will Steiner fast selbstredend nicht preisgeben, aber weder an der Spitze noch am Ende der Geldrangliste firmieren: "Nicht bei den 350 Millionen und auch nicht bei 80 Millionen. In der Mitte. Wir wollen es am Anfang klein halten, um zu wissen wo wir das Geld ausgeben."

Auf der Einnahmenseite bleibt das Geld aus den Formel-1-Töpfen die große Unbekannte. Zunächst geht Haas als Neueinsteiger ohne eine Platzierung in der Konstrukteurs-WM leer aus, anschließend rufen Zampano Bernie Ecclestone und der Verhandlungstisch. "Worst-Case-Szenario ist, dass wir gar kein Geld bekommen. Aber wir können durchhalten", verspricht Steiner und bestätigt, dass Reserven und Geschäftsmodell für mehr als ein Jahr reichen. Dann - so hofft man in North Carolina - hat auch der letzte Skeptiker die weiße Fahne gehisst.

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