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David Coulthard: "Heute gehen Fahrer vor Rennen auf Partys"

Jenson Button und David Coulthard erklären, warum Formel-1-Piloten heute nicht mehr ans Limit getrieben werden und vergleichen Gegenwart und Vergangenheit

(Motorsport-Total.com) - Was muss sich in der Formel 1 ändern, damit der Sport wieder aufregender wird? Aus Sicht der Fahrer sollte das Bewegen der Boliden im absoluten Grenzbereich wieder eine größere Herausforderung darstellen. Die Piloten klagen seit einigen Jahren, dass ihnen die Königsklasse des Motorsports vor allem körperlich nicht mehr alles abverlangt. Ursachen sind das Gewicht der Boliden, das durch das Tankverbot und die Turbo-Antriebseinheiten zugenommen hat, sowie die Pirelli-Reifen, die vorsichtig behandelt werden müssen.

David Coulthard

David Coulthard fehlt in der Formel 1 der Gegenwart die physische Herausforderung Zoom

Routinier Fernando Alonso brachte es im Vorfeld des Grand Prix von Kanada auf den Punkt und verglich die modernen Boliden mit Flugzeugen. Der Pilot müsse auch nur sicherstellen, "dass alles seinen Gang geht". Zudem werde man für zu viel Einsatz in der heutigen Formel 1 bestraft: "Wenn man fünf Runden lang eine halbe Sekunde verliert, weil man keinen Druck macht, ist das vielleicht keine schlechte Idee, weil die Reifen für die kommenden Umläufe perfekt sind - in denen man dann eine Sekunde gutmacht." Das sei "merkwürdig".

Alonso meinte auch, dass ihn die Formel 1 seit rund zehn Jahren nicht mehr körperlich herausfordere. Nun stimmt auch sein Teamkollege Jenson Button in diesen Tenor ein. Für den Routinier, der seit dem Jahr 2000 Formel 1 fährt, hat sich der Sport selbst in den vergangenen vier Jahren zum schlechteren gewendet.

Button vergleicht Fahrverhalten

"Heute braucht man weniger Eier, es ist viel zärtlicher", sorgt er mit einem Vergleich bei den Reportern für Unterhaltung. Der Brite verweist auf eine Erfahrung, die er im Vorjahr in Silverstone in Copse Corner, also der früheren ersten Kurve nach der alten Start-Ziel-Gerade, machte. Dabei handelt es sich um eine schnelle Rechtskurve, die im sechsten Gang bei rund 270 km/h durchfahren wird.

"Ich hatte die ganze Kurve hindurch Übersteuern", wundert er sich. "So hatte ich das nicht in Erinnerung. Früher bremste ich, stieg dann sofort aufs Gas, und durch das Anblasen durch den Auspuff hatte ich heftiges Untersteuern. Und das habe ich geliebt. Heute ist es so, dass man jedes Mal, wenn man das Gas berührt, durch das Drehmoment viel Übersteuern bekommt."

Sein Fazit: "Es handelt sich nach wie vor um die Formel 1, und es gibt dir einen Kick, aber das Gefühl ist ganz anders als vor erst vier Jahren." Button sieht als Ursache, dass die Boliden abgesehen vom hohen Drehmoment viel mehr Leistung als Grip haben - die Boliden reagieren dadurch viel sensibler auf Gasstöße. Zudem müsse man die im Vergleich zur Vergangenheit dieser Tage härteren Reifen auf Temperatur bringen.

Coulthard: Kreislauf war früher am Limit

Kimi Räikkönen, Valtteri Bottas, Daniel Ricciardo

Die Piloten sind dieser Tage nach dem Rennen immer noch fit Zoom

Genau das kann aber auch zur Herausforderung werden, wie Toro-Rosso-Rookie Carlos Sainz einwirft: "In diesem Jahr ist es sehr schwierig, die Reifen auf Temperatur zu bringen. Aber so ist die Situation im Augenblick eben, und ich bringe Verständnis dafür auf. Max (Verstappen; Anm. d. Red.) und mir passieren eben manchmal Patzer."

Die Toro-Rosso-Piloten sind ein gutes Beispiel dafür, dass heute auch Teenager ohne große Vorbereitung in der Formel 1 an den Start gehen können - und zwar durchaus erfolgreich. Der erst 17-jährige Niederländer Max Verstappen zeigte beim Red-Bull-B-Team überhaupt keine Anpassungsschwierigkeiten - auch körperlich ist er der Herausforderung absolut gewachsen.

Ex-Formel-1-Pilot und Red-Bull-Repräsentant David Coulthard erkennt große Unterschiede. "Ich erinnere mich, als ich einmal in Montreal aus dem Auto ausstieg und kaum noch etwas sehen konnte, weil ich so dehydriert war", blickt der Schotte gegenüber der 'BBC' zurück. "Was wir hingegen am vergangenen Wochenende in Kanada sahen, erinnerte in Hinblick auf die Herausforderung eher an frühere Langstreckenrennen."

Party vor dem Rennen war früher undenkbar

Für Coulthard ein Problem: "Die Formel 1 muss sexy sein und etwas Gefährliches haben. Derzeit läuft sie aber Gefahr, das zu verlieren." Er vergleicht den Status quo mit den vergangenen Jahrzehnten: "In der Ära von Senna, Prost und Mansell waren die Autos kaum zu bändigen und brachten die Fahrer ans Limit oder darüber hinaus, wobei auch die Fitness nicht so eine Wissenschaft wie heute war. Und selbst in meiner Ära, als die Sportwissenschaft an Bedeutung gewann, da erwachte man am Morgen des Rennens und dachte sich: "Gott sei Dank habe ich gut geschlafen. Heute bin ich der Herausforderung gewachsen."

Damals ging bei den Formel-1-Piloten stets deutlich vor Mitternacht das Licht aus, während dies heute anders ist, wie Coulthard beobachtet hat: "Ich weiß, dass es heute Fahrer gibt, die sich die Nacht vor dem Renntag nach Sponsorenterminen auf Partys um die Ohren schlagen. Natürlich trinken sie nichts, aber das zeigt, wie wenig Stress ihnen ein Grand Prix bereitet."