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Cockpitschutz-Diskussionen: Ist die Formel 1 sicher genug?

Nach Red Bulls Windschutzscheiben-Test ist sich das Formel-1-Fahrerlager uneinig: Coulthard und Rosberg wollen Leben retten - Lauda und Brundle zweifeln

(Motorsport-Total.com) - In zwei Monaten wird darüber entschieden, wie zukünftig der Kopf des Piloten in einem Formel-1-Auto geschützt wird. Ob dies mit dem "Halo"-System passiert, das Ferrari bereits ausprobierte, im Form der Windschutzscheibe von Red Bull oder einer ganz anderen Lösung, ist noch nicht abzusehen und wird heiß diskutiert. Die Lager scheinen sich in Traditionalisten und Sicherheits-Vertreter aufzuspalten, aber die Grenzen sind fließend. Der unfallerfahrene Niki Lauda ist der Meinung: Die Königsklasse ist sicher genug.

Daniel Ricciardo

Wie sehr wird sich das Bild der Formel 1 in Zukunft verändern? Zoom

"Wir haben nach Sennas Tod in den vergangenen Jahren schon so einen tollen Job gemacht", sagt der dreimalige Champion gegenüber 'Sky Sports F1'. "Was auch immer wir in Zukunft machen, wir müssen sichergehen, dass wir die DNS der Formel 1 nicht zerstören. Wenn man plötzlich mit Autos ankommt, die geschlossen sind, wo man die Fahrer und die Helme gar nicht mehr sieht - da müssen wir vorsichtig sein. Die Formel 1 heutzutage ist sicher."

Der tragische Tod von Rennlegende Ayrton Senna beim Rennen in Imola 1994 galt als letzter großer Unglücksfall in der Königsklasse - bis es 2014 zu dem unglücklichen Umstand kam, der dem jungen Jules Bianchi das Leben kostete. Tödliche Kopfverletzungen im Cockpit waren auch das Schicksal des IndyCar-Piloten Justin Wilson und des jungen Talents Henry Surtees in der Formel 2. Die äußert traurigen Vorfälle sind für Lauda, der 1976 - einer Zeit, in der Todesfälle keine Seltenheit waren - selbst ums Leben kämpfen musste, offenbar kein Grund für ein Umdenken im Sport. Und mit dieser Meinung steht er nicht allein da.

Daniel Ricciardo mit Cockpitschutz

Daniel Ricciardo probierte in Sotschi erstmals die Windschutzscheibe aus Zoom

"Ich bin auf Nikis Seite und glaube, dass die Strecken und Autos sicher genug sind", sagt Ex-Pilot Martin Brundle. "Wir dürfen die DNS des Sports nicht verlieren, wie Niki gesagt hat. Und er hat sich das Recht verdient, diese Meinung zu vertreten. Offene Reifen, offenes Cockpit, verehrte Helden. Fernando Alonso hat am Wochenende gesagt, die Formel 1 brauche keine Helden. Dem stimme ich absolut nicht zu."

"Wenn du ins Cockpit steigst musst du dir darüber im Klaren sein, dass du verletzt, gelähmt oder getötet werden kannst", so Brundle weiter. "Wenn du auf dieses, bereits stark reduzierte Risiko nicht vorbereitet bist, dann tu es nicht. Ein Fahrer kann davon ausgehen, dass alles Nötige getan wurde, um sicherzustellen, dass er auch beim größten Unfall davon kommt. So weit sind wir bereits in der Formel 1."

Alonso hat gerade erst selbst einen schweren Unfall hinter sich, der von seinem Auto nur noch das Monocoque übrigließ. Er kam mit Rippenbrüchen und einem Pneumothorax davon und setzte ein Rennen aus. Der Melbourne-Crash warf aber sogleich die Frage auf, wie hinderlich der geplante Cockpitschutz beispielsweise beim Aussteigen aus einem Auto sein kann, das ich auf den Kopf gerollt hat.


Fotostrecke: Horrorcrash in Melbourne: Alonso & Gutierrez

"Ich glaube, das Cockpit zu schließen würde mehr Probleme erzeugen als lösen", sagt Brundle, der kein gutes Haar an den Lösungs-Vorschlägen lässt: "Sie sind hässlich und schwer und lassen sich nicht ohne weiteres in die Nachwuchsserien integrieren. Es ist so gut wie sicher, dass der Cockpitschutz eingeführt wird, weil bestimmte Szenarien dazu geführt haben. Dann wird aber irgendetwas anders passieren, bis wir schließlich an dem Punkt angelangt sind, wo wir die Fahrer ganz aus dem Auto nehmen müssen."

Fernsteuerungs-Horrorszenarien, Traditionalisten und Kopfschutz-Gegnern stehen aber die entgegen, denen es im Motosport nicht sicher genug sein kann. So sagt etwa David Coulthard gegenüber 'Wheels24': "Wenn es etwas gibt was den Kopf des Fahrer schützt und Verletzungen vorbeugt, die Senna und Bianchi das Leben gekostet haben, dann finde ich es schwer nachzuvollziehen, wie man dagegen sein kann."

Kimi Räikkönen testet das

Die Cockpitschutz-Alternative "Halo" fuhr Ferrari bei den Tests in Barcelona Zoom

"Es gibt natürlich die historische Sicht auf Grand-Prix-Autos", räumt der Ex-Pilot ein. "Wenn man anfängt, die Räder und das Cockpit zu schließen, dann wird es praktisch zu einem Sportauto. Aber ich denke, es wird immer etwas Neues und wie überall im Leben auch verschiedene Meinungen dazu geben. Es ist die Aufgabe des Entscheidungsgremiums, sich alles genau anzuschauen und das Richtige zu tun."

Auch der derzeitige WM-Führende Nico Rosberg verteidigt die neuen Sicherheits-Bemühungen: "Wir brauchen es ganz sicher. Es ist die größte Gefahrenzone, die in unserem Sport noch vorhanden ist, wie wir auch bei den kürzlichen Todesfällen gesehen haben. Dieser Bereich ist zurzeit am wichtigsten, also ist es toll zu sehen, dass die Dinge voranschreiten. Alle Fahrer sind dafür. Wir wissen auch, dass es nicht ideal ist in den Augen der Puristen. Wir sind selbst auch welche. Wir wissen sehr gut um diesen Kompromiss. Ich respektiere die Gegener und verstehe sie auch, aber hoffe, dass sie sich damit abfinden."

Bis zum 1. Juli soll es eine Entscheidung über den Cockpitschutz geben. Formel-1-Boss Bernie Ecclestone ist kein Fan. "Ich mag die Windschutzscheibe nicht", sagt er. "Sie wird niemanden retten." Aber der Promoter hat nur eine Stimme im Gremium der Entscheidungsträger und weiß: "Wir müssen abwarten, wie alle darüber denken. Wie bei allem im Leben muss man auf die positiven Seiten achten. Das einzige ist: Es wird viele Boxenstopps geben, wenn sie die Windschutzscheibe reinigen müssen."


Red-Bull-Windschutzscheibentest: Trümmerteile

So werden herumfliegende Teile von bis zu einem Kilo bei Geschwindigkeiten von 230 km/h abgeleitet Weitere Formel-1-Videos

TV-Experte Brundle weist derweil darauf hin, dass es noch andere Bereiche der Formel 1 gibt, bei denen sich ein Überdenken der Sicherheitsvorkehrungen lohnen würden:

"Es muss zu allererstes an die Fan gedacht werden. Sie kommen an die Strecke und bezahlen dafür unterhalten und nicht verletzt oder getötet zu werden. Da muss jede Anstrengung unternommen werden, um sie zu schützen. Dann gibt es noch die Streckenposten, ohne dessen Einsatz kein Event stattfinden könnte. Sie sind meist unbezahlte Freiwillige und verdienen es, absolut geschützt arbeiten zu können. Und dann sind da noch die Boxencrews, die wissen, welches Risiko sie eingehen. Aber ich denke, auch hier muss regelmäßig geprüft werden, wie Verletzungen auf ein Minimum beschränkt werden können."

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