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Anderson: Das Geheimnis der Auspuff-Systeme

Ex-Jordan-Technikchef Anderson erklärt, welcher Auspuff am besten funktioniert, woran McLaren scheiterte und warum die Wirkung überbewertet wird

(Motorsport-Total.com) - Red Bull hat im Vorjahr damit begonnen - jetzt hat das gesamte Feld nachgerüstet: Der Auspuff gilt 2011 als das entscheidende Element, um Performance zu gewinnen. Das hatte erst kürzlich Mercedes-Teamchef Ross Brawn gesagt, der den Einfluss der Auspuffgase bereits bedeutender einstuft als den dieses Jahr verbotenen Doppeldiffusor. Dieses Verbot war übrigens auch der Auslöser, warum die Teams dieses Jahr auf innovative Auspuff-Konzepte setzten: Die Ingenieure versuchen mit allen Mitteln, den verlorenen Abtrieb beim Diffusor wieder zurückzugewinnen.

Renault überraschte mit seinem Auspuff alle, doch ist das System effizient?


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Doch wie funktioniert die neue Technologie wirklich? Ex-Jordan-Technikchef Gary Anderson gibt gegenüber 'Autosport' eine Erklärung ab: "Die Teams experimentieren mit unterschiedlichen Lösungen, doch das Ziel ist immer das gleiche: die Geschwindigkeit des Luftstroms unter dem Auto zu steigern und so Abtrieb zu generieren. Es geht darum, den Luftstrom beim Unterboden so schnell wie möglich zu bewegen - der Diffusor wird sich ansaugen und die Luft weiter beschleunigen. Je schneller man den Luftstrom zum vorderen Teil des Unterbodens bekommt, desto besser funktioniert der Diffusor und desto mehr Abtrieb generiert er."

Vor ein paar Jahren wäre es aber undenkbar gewesen, die Auspuff-Gase für diesen Prozess zu instrumentalisieren. Wenn der Pilot früher vom Gas ging, dann strömten auch keine Abgase mehr aus dem Auspuff. "Mit den viel besser entwickelten Motor-Management-Systemen hält dies aber länger an", erklärt Anderson. "Beim Bremsen arbeiten diese Systeme immer noch zu 50 Prozent."

Was Red Bull anders macht als Renault

Interessant ist, dass sich die Auspuff-Systeme der Teams dieses Jahr extrem unterscheiden: "Renaults Interpretation ist ganz anders als die von Red Bull", bestätigt Anderson. "Bei Renault ragt der Auspuff vor dem Seitenkasten heraus und vergrößert so die Geschwindigkeit des Luftstroms in diesem Bereich des Unterbodens und versorgt den Diffusor somit schneller. Red Bull hat sich auf den Bereich auf der Innenseite der Hinterreifen am Ende des Unterbodens konzentriert. Dadurch saugen sie die Luft von der Unterseite des Bodens ab. Das Ziel ist das gleiche, nur mit einer völlig anderen Philosophie."

Anderson merkt an, dass der Wirkungsbereich der Auspufflösungen von Red Bull und Renault der gleiche ist, auch wenn die Systeme an unterschiedlichen Orten am Auto angebracht sind: "Es geht in beiden Fällen um mehr Abtrieb beim Unterboden. Bei Renault nützt man die Geschwindigkeit des Luftstroms, um mehr Abtrieb zu produzieren, Red Bull gelingt das Gleiche, indem man mehr Luft unter den Unterboden zerrt."

Welches System ist das beste?

Hätte der Nordire die Wahl, für welches Konzept würde er sich entscheiden? "Das Renault-Paket ist dramatischer als das Red-Bull-Paket", analysiert er. "Es ist sehr kompliziert, diesen Auspuff im vorderen Bereich zum Arbeiten zu bringen. Ich stelle mir die Frage, ob es wirklich die beste Lösung ist. Ich hätte mich also für den Red-Bull-Weg entschieden, denn es ist das einfachste System, das wahrscheinlich am meisten bringt. Die Art und Weise, wie der Luftstrom am Boden durch den Hinterreifen verdrängt wird, wirkt sich sehr signifikant auf die Wirkung des Diffusors aus."¿pbvin|512|3511|red bull|0|1pb¿

Ganz allgemein findet Anderson aber, dass die Auswirkungen des Auspuffs auf den Diffusor überbewertet werden: "Natürlich gewinnt man Grip, doch das ist nicht vergleichbar mit einem Doppeldiffusor. Man würde ein sehr hochentwickeltes System benötigen, um diesen Effekt zu erzielen. Die derzeitigen Systeme bringen vielleicht zwei Zehntelsekunden pro Runde und in Wahrheit rund 20 Kilogramm Abtrieb. Mehr ist es nicht, egal ob bei Renault oder einem anderen Team."

Was McLaren bei den Wintertests beim Auspuff probierte, gibt aber selbst Anderson Rätsel auf: "Wir haben es noch immer nicht wirklich verstanden. Es sah so aus, als hätten sie versucht, den Auspuff in der Mitte des Autos zu platzieren, damit dieser auf die Mitte des Diffusors einwirkt. Sie hatten aber jede Menge Überhitzungsprobleme mit ihrem komplexen System und mussten auf ein Standard-Setup zurückwechseln. Da sieht man, dass es auch hier um einen Kompromiss geht."