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350 LKW an der Strecke: Saubere Formel 1 im Hybrid-Zeitalter?

Dank Hybrid-Antrieben sieht sich die Formel 1 als Vorreiter der Zukunftstechnologie - doch es braucht Horden an Trucks, um den Zirkus am Laufen zu halten

(Motorsport-Total.com) - Wie nachhaltig ist die Formel 1? In den vergangenen Jahren wurde große Anstrengungen unternommen und das technische Reglement darauf getrimmt, die Königsklasse des Motorsports umweltfreundlicher zu machen. Wichtigste Neuerungen waren die Einführung der V6-Turbomotoren mit 1,6 Litern Hubraum und Energierückgewinnung und die Begrenzung des Benzinverbrauchs auf 100 Kilogramm pro Grand Prix. Besonders durch die Einführung der Hybrid-Antriebe wollte FIA-Boss Jean Todt die Formel 1 2014 zu einem Vorreiter in Sachen Zukunftstechnologien machen.

Ferrari Trucks

Ferrari-Fuhrpark an der Strecke: Ein Truck-Grand-Prix oder doch die Formel 1? Zoom

Doch nicht bei jedem kommen die kleinen, effektiven Hybridmotoren gut an - viele Fans vermissen den lauten Sound der früheren Verbrennungsmotoren und Formel-1-Promotor Bernie Ecclestone kritisierte die Hybrid-Technologie gewohnt plakativ gar als "größtes Problem aller Zeiten". Spätestens ab 2018 soll die Formel 1 dank künstlicher Soundgeneratoren wieder lauter klingen. Doch es gibt weitere Widersprüchlichkeiten rund um die vielzitierte Nachhaltigkeit in der wichtigsten Motorsport-Rennserie der Welt.

Auf einer der jüngsten Pressekonferenzen wurde die Team-Verantwortlichen von einem Journalisten gefragt, wie sich denn die sparsamen und sauberen Hybrid-Antriebe mit der Tatsache vertragen, dass es rund 350 Trucks benötigt, um die Formel 1 von einer Rennstrecke zur anderen zu schaffen. Haas-Teamchef Günther Steiner muss daraufhin erst mal schlucken und meint: "Wir haben keine 350 LKW, wir haben neun." Der Südtiroler findet seinen Rennstall auch in dieser Hinsicht in höchstem Maße effizient: "Wir müssen ja auch eine Show bieten - und wenn es das ist, was es dazu benötigt, dann ist es eben so."

Williams: 19 LKW, um von Spielberg nach Silverstone zu kommen

Unterstützung erhält er dabei von Ferrari-Chefingenieur Jock Clear: "Der Formel-1-Zirkus ist so, wie ihr (die Journalisten; Anm. d. Red.) ihn haben wollt, wie ihn die Fans wollen und wie wir ihn haben möchten. Ferrari trifft ja nicht zum Spaß die Entscheidung, mehr LKW einzusetzen. Wir sind Teil des Zirkus - und sollte der sich entscheiden, irgendwann in eine andere Richtung gehen zu wollen, zieht Ferrari sicherlich mit." Der Brite, der erst seit Anfang 2015 bei der Scuderia tätig ist, räumt allerdings ein, dass ihm erst in seiner neuen Rolle bei den Italienern bewusst wurde, was alles nötig ist, um so viel Technik rund um die Welt zu schaffen.


Fotostrecke: Die Formel-1-Motorhomes

"Eine der ersten Fragen, die ich stellte, drehte sich um dieses Thema - und sie sagten mir, die meisten (Trucks; Anm. d. Red.) sind dafür da, um das Frühstück für die Journalisten zu liefern", scherzt Clear. Dass der enorme LKW-Fuhrpark ein Thema in der Königsklasse ist, gibt auch Williams-Technikdirektor Pat Symonds zu: "Ich war ziemlich überrascht, als ich in Silverstone an die Strecke kam. Ich dachte, ich bin eher bei einem Truck-Grand-Prix als bei einem Formel-1-Grand-Prix angekommen."

Williams musste zwischen den Rennen in Österreich und in England sein gesamtes Material mit 19 Trucks über die Distanz von rund 1600 Kilometer schaffen - innerhalb von nur 48 Stunden. 14 Trucks benötigte es allein für den Transport des Motorhomes und dessen Zubehör, fünf weitere für das Rennteam. Nur für den Transport des Hauptteils der Williams-Hospitality sind zehn LKW vonnöten - doppelt so viele wie für das eigentliche Rennteam. Beim englischen Traditionsrennstall unterstreicht man aber die Wichtigkeit des Motorhomes als Zuhause für die Sponsoren und Teammitglieder.

Monisha Kaltenborn: Formel 1 umweltfreundlicher als Fußball?

Symonds warnt deshalb davor, diese Dinge mit der sparsamen Hybrid-Technologie in den Rennboliden zu vermischen: "Wir haben eine sehr, sehr effiziente Power Unit fabriziert. Das ist der Weg der Zukunft und ein toller Beitrag zur Kraftfahrzeugentwicklung", lobt er den technischen Weg der Königsklasse und fragt sich: "Wenn es darum geht, Wie viel Benzin benötigt wird, um zu einem Grand-Prix-Rennen zu kommen, wo beginnt und wo endet diese Diskussion? Zählt man dann die Fahrzeuge auf dem Parkplatz der Rennstrecke?"

"Hätten wir kein Rennen, würden die Fans wahrscheinlich durch die Gegend fahren, zum Einkaufen oder sonst wohin düsen." Pat Symonds

Der Williams-Verantwortliche will sogar einen Beitrag der Formel 1 zum allgemeinen Spritsparen erkannt haben: "Ich argumentiere oft so: Die Leute, die zuhause vor dem Fernseher sitzen und unser Rennen ansehen, verbrauchen kein Benzin. Hätten wir kein Rennen, würden sie wahrscheinlich durch die Gegend fahren, zum Einkaufen oder sonst wohin düsen", zieht auch er das Argument heran, dass die Formel 1 schließlich gute Unterhaltung biete. "Verwechselt also bitte nicht den tollen Job, den die Power-Unit-Hersteller machen, mit dem bisschen Show, die wir liefern", lautet Symonds Fazit.

James Key, Jock Clear, Monisha Kaltenborn, Pat Symonds

Die Formel-1-Verantwortlichen verteidigen die Nachhaltigkeit der Königsklasse Zoom

Ähnlich sieht es auch Sauber-Teamchefin Monisha Kaltenborn: "Wenn man uns mit den anderen großen Sportevents auf der Welt vergleicht, dann ist die Formel 1 - auch wenn wir Motorsport betreiben - in dieser Hinsicht viel besser als zum Beispiel Fußball. Der Großteil unserer Zuschauer ist zu Hause, im Gegensatz zu anderen großen Spielen oder Events, zu denen 80000 Leute oder mehr hinfahren." Unerwähnt lässt die Sauber-Teamchefin dabei, dass natürlich auch zu den Formel-1-Wochenenden jeweils mehrere Tausend Menschen anreisen.

Haas-Boss Steiner zweifelt nun sogar an der erwähnten Anzahl von rund 350 Trucks. "Wir haben ja nur neun - und es gibt elf Teams, da müsste ja jeder etwa 30 LKW haben." Zum Fuhrpark der Formel-1-Rennställe gesellen sich an einem Rennwochenende aber auch noch die Trucks der übertragenden TV-Anstalten, Fahrzeuge für Catering und weitere Logistik. Steiners Lösungsansatz lautet deshalb Effizienz, die in der Formel 1 über allem steht. Er ist sich sicher, dass kein Team mehr LKW einsetzt und damit mehr Geld verbrennt als nötig: "In der Hinsicht arbeiten wir also genauso effizient wie beim Hybrid-Antrieb in unserem Auto", so der Südtiroler abschließend.

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