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1991: Ein Kanada-Grand-Prix für die Ewigkeit

Williams-Star Nigel Mansell verspielt 1991 in Montreal in der letzten Runde beim Jubeln den Sieg: Was wirklich schiefging und wieso "Schumi" fast für Footwork fuhr

(Motorsport-Total.com) - Es ist die Horrorvorstellung eines jeden Formel-1-Piloten: Man führt vom Start weg überlegen, hat den Sieg vor Augen und dann verspielt man den sicheren Triumph in der letzten Runde des Rennens. Nur einem Mann ist das tatsächlich passiert: Formel-1-Legende Nigel Mansell, der stets einen gewissen Hang zu Dramatik hatte. Wir blicken zurück auf den Kanada-Grand-Prix 1991, der auch einen Generationswechsel in der Formel 1 einleitete, und klären auf, was damals in Mansells Williams wirklich vor sich ging.

Das Montreal-Wochenende beginnt mit einem Knalleffekt: Ferrari setzt Teamchef Cesare Fiorio vor die Türe! Der Italiener, dessen Ära von Intrigen gezeichnet ist und der wegen seiner Eitelkeit "Mr. Hollywood" genannt wird, stolpert nach dem Beinahe-Triumph mit Alain Prost im Jahr 1990 über den schwachen Saisonauftakt. Tiefpunkt: Das Imola-Heimspiel, als Prost bereits in der Aufwärmrunde abflog und Jean Alesi schon nach wenigen Metern crashte. Ex-Lancia-Rallyeteamchef Fiorio flüchtete nach dem San-Marino-Grand-Prix anonym auf einem Motorrad vor den wütenden 150.000 Ferraristi.

Der bittere Saisonstart - Ayrton Senna führt nach Siegen in allen vier Grands Prix vor Prost, der nur elf Zähler auf dem Konto hat - ist eine Folge der Trennung von Stardesigner John Barnard Anfang 1990. Die Lücke, die der Brite hinterlassen hat, konnte nicht geschlossen werden, wodurch der Druck in Maranello immer größer wird und Starpilot Prost den Boliden inzwischen auch öffentlich kritisiert.

Bei Ferrari brennt es lichterloh

Und tatsächlich brennt es bei Ferrari: Am Mittwoch lodern Flammen hinter der Box der Scuderia, weil eine Propangasflasche explodiert ist. Der Grund: Bei der Flasche, die von Teamkoch Luigi Montanini zum Zubereiten der hochgeschätzten Pasta benötigt wird, ist ein Ventil undicht, wodurch Gas ausströmt.

Cesare Fiorio

Aus für "Mr. Hollywood": Die Ära Fiorio geht bei Ferrari vor Montreal zu Ende Zoom

Montaninis Helfer Bruno Romani erleidet Verbrennungen an den Händen und im Gesicht und muss ins Krankenhaus. Chefmechaniker Umberto Benassi verhindert aber das Schlimmste und schleppt die in Brand geratenen Materialkisten ins naheliegende Ruderbecken auf der Ile de Notre Dame. Ein Sinnbild für die aktuelle Krise des Teams, das vorübergehend von Enzo Ferraris Sohn Piero Ferrari geleitet wird und erst Ende 1991 mit einem gewissen Luca di Montezemolo einen neuen Teamchef bekommen sollte.

Aber nicht nur bei Ferrari rumort es gewaltig, sondern auch bei Benetton: Das Team, das mit Verspätung und nach zahlreichen Nachtschichten in Imola den revolutionären B191 mit Haifischnase präsentiert hat, wird von Gerüchten über den Abgang von Technikchef John Barnard überschattet. Tatsächlich taucht der führende Designer der 1980er-Jahre, der bei McLaren zahlreiche Trends - unter anderem das Kohlefaser-Monocoque - gesetzt hat, nicht in Kanada auf.

Das Ende der Ära John Barnard

Vor allem das Getriebe des B191 gibt dem Team Rätsel auf, aber auch die Kühlung und ein Problem mit dem Benzindruck sorgen für rauchende Köpfe. Ist Barnard über sein Auto gestolpert, das mit seiner vom Vorjahres-Tyrrell inspirierten Frontpartie noch jahrzehntelang die Formel 1 prägen wird?

"John Barnard kritisierte nur. Man erhielt von ihm nie ein Lob." Gordon Kimball

Hinter den Kulissen heißt es, dass es beim von Quereinsteiger Flavio Briatore geführten Benetton-Team einen internen Machtkampf gegeben habe: Barnard wollte das gesamte, in Witney ansässige Team in sein zwei Autostunden entferntes Entwicklungszentrum in Godalming übersiedeln, wo Barnard auch für Ferrari entwickelt hatte. Der Plan für den Aufbau der Benetton Advanced Research Group war bereits ausgearbeitet, Baugenehmigungen eingeholt.

Aber dann wurde der schwierige Designer Barnhard in Briatores Augen zu einflussreich. "Ein Meeting mit ihm bedeutete stets, dass nur eine Person im Raum ist", beschreibt Ingenieur Gordon Kimball, der lange mit Barnard arbeitete und ihm als Technikchef bei Benetton nachfolgen sollte, den Briten gegenüber 'MotorSport'. "Es war schwierig, mit ihm zu arbeiten, denn er kritisierte nur. Man erhielt von ihm nie ein Lob."

Briatore serviert Stardesigner ab

Nelson Piquet

Revolutionäre Haifisch-Nase: Barnards Benetton B191 mit Piquet am Steuer Zoom

Abgesehen von der exzentrischen Persönlichkeit Barnards schienen sich die Investitionen in die Entwicklung nach dem schwierigen Start mit dem B191 nicht zu rechnen. Als das Team vor Montreal in Magny-Cours testen will, um mehr Erfahrung mit dem Auto zu sammeln, blockiert Barnard und will den Wagen in Eigenregie in der Fabrik verbessern. "Nicht alle im Team waren hellauf begeistert", berichtet Nelson Piquet, der seit 1990 für Benetton fährt. Für Briatore eine Gelegenheit, den internen Widersacher abzuservieren. Auch wenn dies erst nach Montreal bestätigt werden sollte, löst Briatore damit eine Zeitenwende aus.

Denn die große Ära Barnards ist damit vorbei. Dafür spürt man in der Formel 1: Es ist nur eine Frage der Zeit, ehe beim Williams-Renault-Team der Knoten platzen wird. Das extrem ambitionierte Auto hat zwar noch keine aktive Radaufhängung, an der im Hintergrund gearbeitet wird, dafür aber einen bärenstarken Renault-Motor und ein halbautomatisches Getriebe. Das ist auch der Grund, warum Nummer-1-Pilot Nigel Mansell und Riccardo Patrese in den ersten vier Saisonrennen nur je einmal das Ziel erreicht haben. Die Zuverlässigkeit ist der größte Feind.

Beim Team aus Didcot wartet auch ein gewisser Adrian Newey auf seinen ersten Triumph in der Formel 1. Der erst 32-jährige Chefdesigner wechselte im Jahr davor vom March-Team zu Williams und arbeitet dort unter der Leitung von Patrick Head. Dass er Barnard als überragender Designer der Formel 1 ablösen wird, weiß noch keiner.

McLaren-Teamchef Ron Dennis als Spaßbremse

Adrian Newey, Frank Williams, Nigel Mansell

Kurz vor dem Durchbruch: Designer Newey (li.) wartet noch auf seinen ersten Sieg Zoom

Das erste Rennen in Montreal gewinnt allerdings ... Jordan! Beim traditionellen Bootsrennen der Mechaniker setzt sich die irische Neueinsteigertruppe durch, die mit dem wunderschönen, grünen Jordan 191 und dem Humor von Teambesitzer Eddie Jordan die Herzen vieler Fans erobert. Auf den Verfolgerrängen: Tyrrell und Renault. Nicht am Start ist McLaren, weil Teamchef Ron Dennis, dessen Rennstall die Formel 1 dominiert, für so einen Spaß nicht zu haben ist: "Das ist nicht unser Stil ..."

Ganz und gar nicht McLaren-Stil ist auch das, was im ersten Training passiert: Ausgerechnet bei Sennas Boliden, der im Gegensatz zum Auto von Teamkollege Gerhard Berger kugelsicher scheint, platzt eine Ölleitung, weil sie vom Schalthebel aufgescheuert wird. Der Brasilianer, der in Kanada zum fünften Mal in Folge siegen will, rollt aus, doch die Folgen sind noch viel schlimmer.

Williams-Pilot Patrese rutscht auf der von Sennas McLaren hinterlassener Ölspur aus und prallt mit beinahe 300 km/h in der schnellen Links-Rechts-Kombination aus den Kurven 7 und 8 rückwärts gegen die Mauer. Auf den Körper des Italieners wirken Kräfte von 10g, er steigt benommen aus seinem zerstörten Boliden aus, geht aber sofort zu Boden.

Patrese-Crash bei Tempo 300

Der Routinier erhält von Formel-1-Arzt Sid Watkins keine Erlaubnis, das Training fortzusetzen. Überraschend voran: Nelson Piquets Benetton-Teamkollege Roberto Moreno. Mansell, der die zweitschnellste Zeit fährt, zeigt am Nachmittag im ersten Qualifying, dass der Williams auf dem Circuit Gilles Villeneuve gut liegt. Der Brite, der eigentlich nach dem Ferrari-Aus bereits zurücktreten wollte, fährt bei Regen Halbzeit-Pole-Position - und sorgt damit für die erste Nicht-McLaren-Bestzeit der Saison!

"Ich hoffe, dass es morgen schneit." Nigel Mansell

"Ich hoffe, dass es morgen schneit", ist Mansell zu Scherzen aufgelegt. Teamkollege Patrese, für den es im Williams-Qualifyingduell 4:0 steht, wird Achter - trotz Kopfweh und einem steifen Nacken. Ein persönlicher Erfolg nach dem Crash und der Mutprobe bei katastrophaler Sicht.

Als es am Samstag sonnig ist, wissen aber ohnehin alle, dass die Freitag-Zeiten für die Startaufstellung keine große Rolle spielen werden. Und dann passiert im Qualifying die ganz große Überraschung: Patrese schlägt ausgerechnet am Tag nach dem schweren Unfall gegen Mansell zurück und sichert sich seine erste Pole-Position seit zehn Jahren! Und stellt damit im Qualifying-Duell gegen den Williams-Nummer-1-Piloten sogar auf 5:0.

"Underdog" Patrese stellt mit Pole auf 5:0 gegen Mansell

Riccardo Patrese

Sensation: Ricciardo Patrese holt einen Tag nach seinem Crash die Pole Zoom

Mansell, der nach einem Kupplungsdefekt ins Ersatzauto klettern muss, das nicht mit dem Qualifying-Motor von Renault ausgerüstet ist, fehlen am Ende 0,130 Sekunden auf den Italiener, womit er erstmals seit 33 Monaten - also dem Spanien-Grand-Prix 1987 - dafür sorgt, dass beide Williams in der ersten Startreihe stehen. Damals hatte übrigens der Brite mit der roten Nummer 5 die Pole vor seinem Stallrivalen Piquet.

"Es ist zu dumm", ärgert sich Mansell nun über seine erneute Qualifying-Niederlage. "Mein Auto war perfekt, und ich wäre damit liebend gerne auf die Pole gefahren." Vor allem gegen den ohnehin angeschlagenen Patrese, der nur ein Achtel von Mansell verdient und weiß, dass das Rennen noch einmal eine andere Herausforderung wird.

"Die Nackenmuskulatur schmerzt, und wenn ich es mir genau überlege, tut mir alles weh. Für zwei oder drei Runden geht es", beschreibt der Routinier nach der Pole und vor seinem 213. Grand Prix seinen Zustand. "Das Auto ist zum Siegen gut genug, aber ob es der Fahrer morgen auch sein wird, weiß ich noch nicht."

Senna-Dominanz gebrochen

Ayrton Senna

Ayrton Senna beweist in Montreal, dass er doch nicht unschlagbar ist Zoom

Topfavorit Senna steht zum ersten Mal seit Estoril 1990 - also seit sieben Rennen - nicht auf der Pole-Position und muss mit Platz drei vorliebnehmen. "Jetzt werden die Leute begreifen, dass unsere Bestzeiten nicht so mühelos waren", sieht es der Brasilianer positiv. Neben ihm: sein Erzfeind Alain Prost, der an einer Angina leidet.

Beinahe wäre der Franzose sogar von Benetton-Überraschung Moreno geschlagen worden. Der Brasilianer ist bereits das gesamte Wochenende lang in Topform und besiegt damit seinen Teamkollegen Piquet, der hinter Gerhard Berger und Jean Alesi nur auf Startplatz sieben kommt. Doch Piquet lenkt von seiner eigenen Niederlage ab und ätzt gegen seinen früheren Stallfeind Mansell, der mit Patrese unerwartet Mühe hat: "Irgendwie läuft bei alles auf einen hübschen Stallkrieg hinaus", grinst der dreimalige Weltmeister nicht ohne Schadenfreude.

Auch beide Footwork-Porsche von Michele Alboreto und Stefan Johansson schaffen erstmals in dieser Saison die Qualifikationshürde. Der Schwede fährt die Trainings übrigens mit dem Helm von Johnny Herbert, da sein Gepäck nicht in Montreal angekommen ist. Er ersetzt Alex Caffi, soll aber ebenfalls nur eine Zwischenlösung sein. Ein Test mit fünf Fahrern sei geplant, heißt es, zwei Kandidaten stammen angeblich aus Deutschland.

Michael Schumacher verhandelt mit Footwork-Porsche

Einer der beiden soll der erst 21-jährige Mercedes-Werksfahrer Michael Schumacher sein, der mit seinen Gruppe-C-Leistungen im Sauber-Mercedes aufhorchen lässt. "Kann ich mir nicht vorstellen", winkt Porsche-Mann Max Welti gegenüber 'Motorsport aktuell' ab. Ich habe nicht das geringste gegen deutsche Fahrer, aber wir haben momentan andere Sorgen als Nachwuchs zu fördern." Vor allem, wenn es um die Talente von Mercedes geht.

Michael Schumacher

Ein gewisser Michael Schumacher verhandelt mit Footwork über sein Debüt Zoom

Dennoch bittet Teamchef Jackie Oliver Mercedes erfolgreich um eine Freigabe Schumachers, der bereits sagt: "Mein Ziel ist und bleibt die Formel 1." Es kommt sogar zu Gesprächen in Großbritannien, weil man erwägt, Schumacher schon beim kommenden Rennen in Mexiko-Stadt eine Formel-1-Premiere zu ermöglichen, doch am Ende kommt es nicht zu einer Einigung.

Gleichzeitig wird am Montreal-Wochenende bekannt, dass sich Jordan-Pilot Bertrand Gachot demnächst in London vor Gericht gegen den Vorwurf der Körperverletzung verantworten wird müssen: Im vergangenen Dezember soll er einem Taxifahrer Tränengas ins Gesicht gesprüht haben. Seine Verurteilung sollte schließlich den Weg für Schumachers Formel-1-Debüt in Spa-Francorchamps freimachen.

Senna sicher: Williams in Kanada nicht zu schlagen

Noch aber haben die Formel-1-Altstars Ruhe vom aufmüpfigen Kerpener. Vor dem Kanada-Grand-Prix ist der neue Asphalt das große Thema. Der ist dunkler als der alte und wird dadurch heißer. Kommt das den Pirelli-Reifen entgegen, die unter anderem von Benetton und Tyrrell genutzt werden?

Tatsache ist jedenfalls, dass die Bodenwellen auf der Start-Ziel-Geraden trotz der Neuasphaltierung nicht Geschichte sind. Was vor allem Pole-Setter Patrese, der im Warm-Up wegen einer defekten Benzinpumpe nicht mitfahren kann, weil sich Mansell die Ersatzautos vertraglich gesichert hat, Sorgen bereitet: "Das wird hart für meinen Nacken."

Läuft also doch alles auf ein Duell Mansell gegen Senna hinaus und egalisiert der Brasilianer Jim Clarks Rekord von fünf Siegen in Serie? "Ich glaube nicht, dass ich heute eine Chance habe - die Williams sind zu stark", ist Senna skeptisch.

Mansell trickst Patrese beim Start aus

Riccardo Patrese, Nigel Mansell, Alain Prost, Gerhard Berger, Roberto Moreno

Stallrivalität bei Williams: Mansell setzt sich gegen Pole-Setter Patrese durch Zoom

Beim Start schießen die beiden Williams-Renault tatsächlich Rad an Rad auf die erste Kurve zu, ehe der Brite Härte beweist und sich die Führung schnappt. "Viel Platz hat er mir nicht gelassen", klagt Patrese. Dahinter ist Prost kurz Dritter, muss aber nach der ersten Kurve in die Wiese, wodurch Senna durschlüpft. Teamkollege Berger merkt hingegen schon nach zwei Runden, dass auch heute nicht sein Tag wird.

"Der Motor verlor Leistung und ist am Ende auf kaum zehn Zylindern gelaufen", erklärt er. Berger fährt in der fünften Runde in die Box und muss aufgegeben. Ein Fehlstart für McLaren. Währenddessen ist Mansell bereits voll auf Siegeskurs. "Ich bin schon ab der fünften Runde völlig entspannt", offenbart der Williams-Pilot, der Teamkollege Patrese einige Sekunden hinter sich hält, und an der Spitze mit schnellsten Runden das Tempo diktiert.

Batterie leer: Senna-Serie beendet

Senna muss hingegen richtig kämpfen, wird von den beiden Ferrari von Prost und Alesi gejagt, ehe sein französischer Rivale in der zehnten Runde einen Fehler macht und sich dreht. Dadurch schlüpfen Alesi und Piquet, der seinen Teamkollegen Moreno überholt hat, durch. Moreno, der im Training noch so geglänzt hat, kämpft mit einem Problem an der Kraftübertragung und muss seinen Boliden an der Box abstellen.

Das Rennen fordert weitere Technikopfer: In Runde 26 passiert das schier Unmögliche, und WM-Leader Senna rollt aus. Beim McLaren ist die Batterie leer, weil die Lichtmaschine den Geist aufgibt. "Ein ganz blöder Defekt", ärgert sich der Titelverteidiger. Damit ist die Erfolgsserie des McLaren-Stars zu Ende. Niemand weiß zu diesem Zeitpunkt, dass er auch die kommenden vier Rennen nicht gewinnen sollte.

Prost, der inzwischen wieder Anschluss an Alesi und Piquet gefunden hat, freut sich kurz, muss dann aber ebenfalls mit Getriebeschaden aufgeben. Die Ferrari-Pleite ist perfekt, als Alesi auch noch mit Motorschaden ausrollt. Somit führt Mansell kurz nach Halbzeit 17 Sekunden vor Patrese und 50 Sekunden vor Piquet. Das Rennen ist eigentlich gelaufen.

Mansell gibt trotz souveräner Führung Vollgas

Dennoch fährt Mansell weiter, als würde es um die Pole-Position gehen, knallt eine schnellste Runde nach der anderen hin. Und das laut eigenen Angaben mühelos: "Ich hätte bequem ein, zwei Sekunden schneller fahren können - ohne jede Anstrengung. Das Auto - oder ich - hatte die Fähigkeiten." In der 47. Runde rollt plötzlich ein Williams langsam an die Box: Es ist das Auto von Patrese, der sich einen Reifenschaden eingehandelt hat, auf Platz sechs zurückfällt und sogar von Mansell überrundet wird. Jetzt führt der Brite 58 Sekunden vor Piquet, der seinen einzigen Stopp absolviert hat. Alle anderen haben bereits Rundenrückstand.

Nelson Piquet, Riccardo Patrese

Der Williams-Renault ist in Montreal mit Abstand das schnellste Auto Zoom

Patrese gelingt es, sich gegen Mansell wieder zurückzurunden, doch seine Aufholjagd kommt ins Stottern, als auch beim Italiener die Technik verrückt spielt und Stefano Modena im Tyrrell vorbeigeht und damit Vierter ist. "Mein Getriebe legte Gänge ein, die ich gar nicht haben wollte", offenbart Patrese, dass es ihm wieder einmal die Halbautomatik den Spaß verdirbt. "Das Herunterschalten wurde immer schwieriger."

Bei Mansell läuft hingegen alles nach Plan, als er die letzte Runde seiner Machtdemonstration beginnt. Die Freude ist dem Leader anzusehen, er kann es nicht mehr erwarten, endlich seinen ersten Williams-Sieg seit dem Comeback zu feiern und winkt triumphierend ins Publikum, hat nur eine Hand am Lenkrad. Der 55 Sekunden zurückliegende Piquet stellt keine Gefahr mehr dar.

Mansell wirft Sieg in letzter Runde weg

Auch in der Haarnadel zeigt Mansell die Siegerfaust, doch dann beschleunigt der Williams plötzlich nicht mehr. Der Brite ist ebenso fassungslos wie die Zuschauer, er trommelt vor Ärger auf das Cockpit und rollt nur noch. Ist ihm der Sprit ausgegangen? "Warum muss er denn so Gas geben?", hinterfragt BBC-Experte James Hunt Mansells Strategie.

Mansell bringt den Boliden nicht mehr in Gang, bleibt aber minutenlang kopfschüttelnd im Auto sitzen - die größte Demütigung, die man sich als Formel-1-Pilot vorstellen kann. "Das ist noch schlimmer als Adelaide 1986, als ich den WM-Titel durch Reifenplatzer verloren habe", schimpft er. Was es noch schlimmer macht: Nutznießer ist diesmal nicht Prost, sondern sein Erzfeind Piquet. Der ist fassungslos: "Die Sache war eigentlich hoffnungslos und ich hatte schon Gas rausgenommen, als ich plötzlich über Funk hörte: Push! Push! Mansell wird langsamer, er bleibt stehen, du gewinnst noch!"

Letzte Sternstunde: Piquet staubt Sieg von Erzfeind ab

Piquet bleibt cool - mehr oder weniger. "Als ich an ihm vorbeigefahren bin, wäre ich fast gekommen", kann er sich eine Provokation nicht verkneifen. Um dann noch zu ergänzen: "Wenn ich mich nicht zusammenreiße, tut mir Mansell am Ende gar noch Leid." Und so feiert der 38-Jährige seinen 23. und letzten Grand-Prix-Sieg - mit dem Auto von Designer Barnard, der eben erst vor die Tür gesetzt wurde. Es sollte auch der letzte Pirelli-Formel-1-Triumph bis zum Comeback im Jahr 2011 sein.

Als Mansell, der fünf Runden vor Schluss noch den Rundenrekord verbesserte, wieder im Fahrerlager ist, diskutiert er mit Renault-Motorenchef Bernard Dudot. Seine Version des Unglücks? "Ich komme zum 69. Mal zur Haarnadel, will zum 69. Mal runterschalten - und plötzlich passiert nichts!", sieht er sich schuldlos. "Ich werde halb wahnsinnig. Plötzlich ist der Leerlauf eingelegt, und der Motor stirbt ab."

Was bei Mansell wirklich schiefging

Nigel Mansell, Bernard Dudot, David Brown

Frust pur: Mansell nach dem Ausfall mit Dudot und seinem Renningenieur Zoom

Bitter enttäuscht ist nicht nur Mansell selbst, sondern auch Designer Newey, der seinen ersten Sieg in der Formel 1 ebenfalls bereits in trockenen Tüchern sah. "Das war wirklich bitter, denn nach den vielen Versuchen mit Leyton House und Williams war ich schon sicher, dass ich nun endlich ein Rennen gewinnen würde. Dann ist aber nur eine Viertelmeile vor dem Ziel alles schiefgegangen. Ich war komplett niedergeschlagen."

Nach außen bemüht man sich bei Williams, seinen sensiblen Starpiloten nicht als Schuldigen darzustellen. Doch die Wahrheit ist, dass Mansell die Drehzahl beim Jubeln zu weit sinken hat lassen. "Er bummelte im dritten Gang durch eine Erster-Gang-Haarnadel", offenbart der damalige Chefmechaniker Dickie Stanford gegenüber dem Magazin 'MotorSport'. "Das mag die Renault-Lichtmaschine nicht." Einen Defekt schließt er aus: "Wir konnten das Auto in der Box ja danach ganz normal starten, was es nur noch schmerzhafter machte."

Erste Punkte für Jordan-Team

Damit ist auch die Theorie endgültig widerlegt, dass Mansell der Sprit ausgegangen ist. Trostpflaster für Williams: Patrese steht immerhin als Dritter auf dem Siegespodest. Zweiter wird nach seinem Monaco-Ausfall, bei dem er ebenfalls auf Platz zwei lag, sensationell der italienische Tyrrell-Pilot Stefano Modena.

Und für Jordan gibt es mit Andrea de Cesaris und Gachot auf den Plätzen vier und fünf trotz Getriebeproblemen die ersten Punkte der Teamgeschichte. Der irische Teamchef Eddie Jordan geht in der Boxengasse mit Tränen in den Augen auf und ab und sagt bloß: "Ich kann jetzt nicht reden." Endlich muss seine Truppe nicht mehr durch die Vorqualifikation. Als Sechster in der Wertung? Mansell, der wegen der zurückgelegten Distanz doch noch gewertet wird. Es sollte der bitterste WM-Punkt seiner Karriere sein.

Da hilft es auch nicht weiter, dass sich Patrese mit Piquet freut: "Abgesehen von all meinen Problemen bin ich happy, dass dieser alte Herr gewonnen hat. Das beweist, dass wir alten Knacker noch zu was zu gebrauchen sind." In der WM ist Piquet, der mit seinem dritten Kanada-Sieg sorgt, dass zum siebten Mal in Folge ein Brasilianer gewinnt, nun sensationell Zweiter hinter Senna. Dennoch wird ihn Schumacher zu Saisonende in die Rente schicken - und Mansell Senna noch einen heißen Tanz um den WM-Titel bereiten.

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