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1990: Ein Spanien-Grand-Prix für die Ewigkeit

Wir haben das Jerez-Drama 1990 rekonstruiert: Wie Martin Donnellys Lotus vor den Augen seiner Freunde explodierte und er Senna mit dessen Schicksal konfrontierte

(Motorsport-Total.com) - Unmittelbar nach dem Grand Prix von Portugal 1990, den Ferrari-Pilot Nigel Mansell für sich entschieden hat, scheint die Formel-1-Welt noch in Ordnung: McLaren-Pilot Ayrton Senna führt in der WM 18 Punkte vor Ferrari-Erzfeind Alain Prost und steht damit vor seinem ersten WM-Matchball, während bei Ferrari dicke Luft herrscht, weil der falsche Ferrari in Estoril gewonnen hat. Da bereits am kommenden Wochenende das Rennen in Spanien ansteht, bleiben die meisten Piloten auf der iberischen Halbinsel und machen Urlaub.

Auch der 26-jährige Martin Donnelly (hier geht's zum ausführlichen Interview), der für das finanzschwache Lotus-Team seine erste Formel-1-Saison bestreitet und in Estoril wieder einmal wegen eines Technikdefekts ausgeschieden ist, nützt das schöne Wetter für einen Blitz-Urlaub an der Costa Blanca in Torrevieja. Mit Ed Devlin und dessen Frau Jenny reist ein befreundetes Pärchen aus Großbritannien an, das auch den Spanien-Grand-Prix live miterleben will, um Donnelly die Daumen zu drücken. "Wir haben relaxt, Sonne getankt und sind Essen gegangen", erzählt der nordirische Rennfahrer.

Donnelly fängt sich einen Sonnenbrand ein, als es am Donnerstag mit seiner Verlobten Dyanne und seinen Freunden in Alicante in den Flieger nach Sevilla einsteigt. Sofort geht es mit dem Leihauto zum eine Stunde entfernten Circuito de Jerez, der in der berühmten Sherry-Region liegt. "An der Strecke angekommen, habe ich Ed und Jenny auf einen Scooter gesetzt und den anderen Scooter mit meiner Verlobten Dyanne genommen", sagt Donnelly, der seinen Freunden bei einer gemeinsamen Runde um den Kurs die Eigenheiten und die Gangwechsel erklärt.

Kurz vor der Katastrophe: Lotus verlängert Donnelly-Vertrag

Martin Donnelly

Martin Donnelly: Der Ire stand vor der Erfüllung seines Lebenstraums Zoom

Am Ende der Runde bleibt er ausgerechnet in seiner späteren Schicksalskurve, dem ultraschnellen Rechtsknick Curva Ferrari, stehen und empfiehlt sie seinen Freunden als Aussichtspunkt für die Rennaction: "Ich habe ihnen gesagt, das hier sei die beste Stelle, denn man sieht mehrere Kurven. Außerdem befindet sich die Stelle direkt hinter den Boxen." Niemand ahnt, was sich am nächsten Tag hier ereignen wird.

Während Donnellys Freunde am Freitag-Morgen in die vorletzte Kurve pilgern, um ihren Kumpel Roberto Moreno bei der Vor-Qualifikation anzufeuern, beginnt der Schicksalstag für den Lotus-Piloten mit einer Jubel-Nachricht: "Lotus hat meine Vertragsoption für die folgende Saison wahrgenommen." Donnelly soll also 1991 das Team anführen und durch den Wechsel von Derek Warwick in die Langstrecken-WM zu Ross Brawns Jaguar-Rennstall einen neuen, talentierten Teamkollegen erhalten: Mika Häkkinen.

"Das Leben war fantastisch", erinnert sich Donnelly an die Stunden vor der Katastrophe. "Ich habe noch heute die unterschriebene Vertragsoption gerahmt an meiner Wand hängen. Und dann war da dieser 40.000-US-Dollar-Scheck - eine Gebühr, die Lotus zahlen musste, damit sie das Recht hatten, diese Optionsklausel wahrzunehmen. Ich habe einen Vertrag unterschrieben, der mir 5,6 Millionen US-Dollar einbrachte."

Donnelly-Drama vor den Augen seiner angereisten Freunde

Jerez

Der Unfall passiert in der schnellen Curva Ferrari unmittelbar hinter den Boxen Zoom

Motiviert durch die Gewissheit über eine gesicherte Formel-1-Zukunft gibt der Nordire im ersten Freien Training am Freitag-Vormittag richtig Gas. Donnelly fährt die zehntschnellste Zeit und liegt nicht weit hinter den Topteams McLaren, Ferrari und Williams in einer vielversprechenden Position.

"Das war auf dieser Strecke möglich, weil es keine sehr langen Geraden gab, wo die Honda- und Ferrari-Autos ihren Vorsprung geholt hätten", erklärt Donnelly. "Und unserem Lamborghini-Motor mangelte es an Leistung. Wir hatten nur 640 PS. Außerdem saß ich im Vorjahres-Monocoque von Satoru Nakajima. Es war sehr ungemütlich, damit zu fahren, aber es gab kein Geld, um ein neues Auto zu bauen."

Im ersten Qualifying ist Donnelly zehn Minuten vor Schluss in seiner schnellsten Runde sogar auf dem Weg zum sensationellen sechsten Platz, ehe die Glückssträhne auf dramatische Art und Weise endet. "Ed hat zu Jenny gesagt: Schau, hier kommt Martin! Und dann: Oh mein Gott!", schildert Donnelly, wie seine Freunde den Horrorunfall aus nächster Nähe erleben. "Shit happens! Der Crash ist direkt vor ihren Augen passiert."

Donnelly wird aus Lotus geschleudert

Ohne einzulenken donnert der gelbe Camel-Lotus mit Vollgas in die Leitplanke, die Trümmer werden in einer Explosion auf die Strecke zurückgeschleudert. Eines dieser Trümmer ist Donnelly selbst. Weil das Monocoque hinter dem Cockpit auseinanderbricht, wird er mitsamt dem Sitz aus dem Auto katapultiert und bleibt in gekrümmter Haltung reglos und angegurtet auf dem Asphalt liegen. "Als ich einschlug, wirkten Fliehkräfte von 46 g auf mich", sagt er. "Durch diesen Anprall war klar, dass auch meine inneren Organe betroffen sein würden."

Ed Devlin kann nicht zusehen, will über den Zaun auf die Strecke springen und seinem Freund helfen, doch Moreno, der nach seinem Ausscheiden in der Vor-Qualifikation neben ihm steht, hält ihn zurück. Der Brasilianer ist sicher, dass Donnelly tot ist. Reporter, die nach dem Abbruch des Qualifyings aus dem Pressezentrum auf die Strecke blicken, glauben zuerst, ein Sack liege auf dem Asphalt, ehe sie erkennen, dass es sich um den Körper des Rennfahrers handelt. Bei vielen werden Erinnerungen an Gilles Villeneuves Horrorunfall 1982 in Zolder wach.

Die Piloten wissen nicht, wie sie mit der Situation umgehen sollen: Stefano Modena fährt im Brabham langsam an Donnelly vorbei, Minardi-Pilot Pierluigi Martini ist der erste Fahrer, der sein Auto abstellt und helfen will. Doch als er den leblos wirkenden Körper aus nächster Nähe sieht, weicht er zurück und braucht selbst Hilfe von den Sanitätern.

Wie Rennarzt Watkins Donnellys Leben rettet

Da niemand Formel-1-Arzt Sid Watkins informiert, wo genau das Unglück passiert ist, muss dieser gemeinsam mit dem Anästhesisten die gesamte Runde abspulen. Der erste, der sich am Unfallort ein Herz fasst, auf die Strecke stürmt und Donnellys Körper berührt, ist Gerhard Bergers Betreuer Horst Röger. Der Deutsche kniet nieder, öffnet das Helmvisier und erkennt, dass der verunglückte Rennfahrer lebt, weil er um Atem ringt. Dann ertastet er den Puls: 80 bis 90, erhöht, aber stabil. "Ich habe ein Glücksgefühl, als wäre er gerade geboren worden", wird er später sagen.

Martin Donnelly

Das Heck des Autos wurde beim heftigen Anprall komplett abgerissen Zoom

Nach über drei Minuten erreicht Watkins endlich die Unfallstelle. "Da wäre ich fast erstickt", wird Donnelly später sagen. Während Watkins' spanischer Kollege den Kinnriemen durchtrennt und den gebrochenen Kopfschutz abnimmt, stabilisiert der Brite das Genick des Piloten. "Sein Gesicht war blau, weil er zu wenig Sauerstoff bekam", schildert Watkins, der weiß, dass nach vier Minuten ohne Sauerstoff Gehirnschäden eintreten, seinen ersten Eindruck vom bewusstlosen Donnelly im Buch "Life at the Limit". "Er hatte die Zähne zusammengebissen, aber ich habe einen Weg gefunden, um sein Gebiss mit Gewalt zu öffnen."

Watkins gelingt es, Donnelly zu intubieren und die durch Blut verstopften Atemwege in der Nase freizumachen. "So haben wir dafür gesorgt, dass er wieder Sauerstoff bekam und sich seine Gesichtsfarbe normalisierte." Der schwer verletzte Rennfahrer bekommt bereits Infusionen, als Watkins auffällt, dass Blut aus dem linken Ohr austritt, was auf einen Schädelbruch oder gar Hirnverletzungen hindeutet. Außerdem muss er sich um die deformierten Beine kümmern.

Senna stellt sich seinem Schicksal

Währenddessen bemüht sich Warwick, die Fotografen und Schaulustigen von seinem ums Überleben kämpfenden Teamkollegen fernzuhalten. Einer, den er nicht zurückhält, ist Formel-1-Superstar Ayrton Senna, der in langsamen Schritten vorsichtig näherkommt. "Ich war in der Box und das Training war angehalten", schildert Senna. "Ich habe von einigen Leuten gehört, dass Donnelly einen katastrophalen Unfall hatte. Dann habe ich mich entschlossen, mir das selbst vor Ort anzusehen."

Was die wenigsten wissen: Senna und Donnelly sind Freunde, kennen einander gut aus den Nachwuchsjahren in Großbritannien. Der Brasilianer, der zum Zeitpunkt des Donnelly-Unfalls auf einer schnellen Runde war, hält an der Unfallstelle Donnellys Helm und verfolgt die Rettungsmaßnahmen des Ärzteteams ganz genau und sieht, wie dieser Blut verliert. Andere Piloten scheuen die Unfallstelle.


TV-Bericht über das Donnelly-Drama

Als der Lotus-Pilot endlich mit dem Krankenwagen ins Medical Center abtransportiert wird, kehrt Senna unter Tränen ins Fahrerlager zurück, zieht sich zurück und fährt dann in den verbleibenden zehn Minuten Qualifying die schnellste Runde, die bis dahin ein Pilot auf dem Circuito de Jerez zurückgelegt hat: 1:18.900 - 0,743 schneller als sein zweitplatzierter Teamkollege Gerhard Berger. Der Rest des Feldes ist mit über einer Sekunde Rückstand deklassiert.

Nach Unglück: Senna fährt souverän Pole-Position

"Ayrton hätte gar nicht mehr auf die Strecke gehen müssen, denn am Samstag gab es ein weiteres Qualifying, und die Strecke wird immer schneller, je mehr Gummi liegt", wundert sich Donnelly. "Wenn man bedenkt, dass er gerade gesehen hatte, dass ein Freund ums Überleben kämpft, und dann einen neuen Rundenrekord fährt, dann ist klar: Er war ein unglaublicher Kerl. Er wollte wohl die Dämonen vertreiben und sich sofort seiner Situation stellen."

Während Senna seinen McLaren ans absolute Limit treibt, erlangt Donnelly das Bewusstsein. Das erste, was er wissen will? "Zu meiner Verwunderung hat es ihn nicht losgelassen, welche Zeit er gefahren ist", offenbart Watkins. "Er war verwirrt und hat immer wieder Rundenzeiten wiederholt. Das zeigt, wie das Hirn eines Rennfahrers funktioniert." Donnellys einzige Erklärung: "Ich war immer noch vollgepumpt mit Adrenalin, wusste nicht, was los war."

Senna besucht Donnelly im Krankenhaus

Beim Hubschrauber-Transport in die Virgen-del-Rocio-Klinik in Sevilla verliert Donnelly die Hälfte seines Blutes - und das Bewusstsein. Die Situation ist lebensbedrohlich. Nach dem ersten Qualifying springt Senna in seinen Pkw und fährt ganz alleine die 90 Kilometer nach Sevilla. Dort trifft der McLaren-Superstar auf Donnellys Freund Mark Gallagher - später Journalist und Jordan-Manager -, der ihn zum in einem Zimmer mit Glasfront liegenden Patienten führt.

Sid Watkins

Formel-1-Arzt Watkins rettet nicht nur Donnellys Leben, sondern auch das Bein Zoom

Senna steht minutenlang hinter der Glasscheibe, blickt reglos auf seinen Kumpel und sagt kein Wort. Dann dreht er sich wieder zu Gallagher und bittet den Nordiren, sich bei ihm zu melden, sollte man Hilfe brauchen, ob diese finanzieller oder medizinischer Natur sei. Oder man einfach nur ein Flugzeug zum Transport brauche.

Die Erstuntersuchung zeigt, wie ernst Donnellys Verletzungen sind: Neben zahlreichen schweren Brüchen an beiden Beinen sorgt die geplatzte Arterie im linken Bein für einen enormen Blutverlust. Außerdem erkennen die Ärzte ein Hämatom in der linken Gehirnhälfte, einen gebrochenen Wangenknochen und eine Lungenquetschung durch die Sicherheitsgurte. Als sich Watkins am Abend im Krankenhaus ein Bild vom Zustand des Verletzten machen will, der sich inzwischen im künstlichen Tiefschlaf befindet, kommt es zum Eklat.

Eklat im Operationssaal: Watkins verhindert Beinamputation

"Sid Watkins hat den Gürtel aus seiner Hose gezogen und ihn um meinen Oberschenkel gebunden. Das hat mein Bein gerettet." Martin Donnelly

"Er hatte einen jungen Spanier an seiner Seite, der Spanisch und Englisch sprach", erzählt Donnelly. "Plötzlich war also ein Übersetzer im Operationssaal. Die Chirurgen wollten mein Bein amputieren, aber Sid wehrte sich und meinte, dass ich sein Patient sei. Die Chirurgen argumentierten, dass es ihr Krankenhaus sei und sie die Verantwortung tragen würden."

Mit Hilfe des spanischen Übersetzers gelingt es Watkins, sich durchzusetzen. "Sie haben einander angeschrien, und der junge Mann hat Sid verteidigt", sagt Donnelly. "Sid hat dann den Gürtel aus seiner Hose gezogen und ihn um meinen Oberschenkel geschnallt, um den Blutfluss zu stoppen. Das hat mein Bein gerettet."

Wie es zum Crash kam

Am nächsten Morgen sucht der nach wie vor tief betroffene Senna kurz vor dem Beginn des dritten Trainings das Gespräch mit Watkins, der am Ausgang der Boxengasse wartet, und spricht dabei angeblich sogar über einen möglichen Rücktritt. "Er sagte mir, dass er die Wiederbelebung beobachtet habe und fragte mich in seiner ernsten Art nach den technischen Details", sagt Whiting. "Er fragte mich auch, warum ich meinen Finger in Martins Mund gesteckt hatte, bevor ich ihn intubiert habe." 1994 wird Watkins nach Sennas tragischem Imola-Crash genau den gleichen Trick anwenden, um eine Lücke im Gebiss zu finden und die Atmung wiederherzustellen - und sich dabei an das Gespräch in Jerez erinnern.

Inzwischen weiß man auch, wie es zu Donnellys Unfall kommen konnte. "Es war ein Aufhängungsbruch, also ein Fehler des Teams", erklärt Donnelly. "Unter dem Auto war die Aufhängung mit dem Chassis verbunden. Dort befand sich ein Umlenkhebel, der angeschraubt war und sich löste. Dem damaligen Nummer-2-Mechaniker ist das nicht aufgefallen. Durch das Problem bewegte sich die ganze Aufhängung, und es entstand Reibung, wodurch der obere Teil des linken Dämpfers abbrach. Man kann sich das wie bei einem metallischen Kleiderbügel vorstellen, der an der schwächsten Stelle bricht. Dadurch wurde das Auto zu einem unsteuerbaren Schlitten."

Inzwischen ist auch Donnellys Verlobter das Ausmaß des Dramas bewusst. "Dyanne hat am Tag des Unfalls lange gar nicht mitbekommen, wie schlimm es war", offenbart der Nordire. "Das Team und vor allem mein Teamkollege haben alles von ihr ferngehalten. Derek hat zu ihr gesagt, ich hätte zwar schon einmal besser ausgesehen, aber es sei nur ein Beinbruch. Ich werde mich erholen." Donnelly hat Verständnis: "Er wollte nicht, dass sie sich Sorgen macht. Erst am nächsten Tag sah sie auf der Titelseite der Zeitung das Foto des Unfalls, wo man die ganze Explosion sieht."

Bewegende Senna-Pressekonferenz nach verteidigter Pole

Doch wie so oft in der Formel 1 lautet das Motto: The Show must go on! Die Unglücksstelle wird am Samstagmorgen mit Reifenstapeln sicherer gemacht. Im für die Startaufstellung entscheidenden zweiten Qualifying legt Senna noch einmal nach, verbessert seine Runde vom Freitag um 0,413 Sekunden - und sichert sich damit die 50. Pole-Position seiner Karriere! Der immer noch als "Rennmaschine" verschriene Brasilianer lässt bei der folgenden Pressekonferenz seinen Emotionen freien Lauf.

Zuerst dankt Senna allen, die ihn bei seinen 50 Poles unterstützt haben, dann spricht er offen über das Drama des Vortags. "Als ich die Folgen dieses tragischen Unfalls mit meinen eigenen Augen gesehen habe, da hatte ich große Schwierigkeiten, damit klar zu kommen, mein Gleichgewicht zu halten und weiterzumachen", sagt Senna. "Ich habe alleine in meinem Motorhome ein paar sehr spezielle Momente durchlebt. Dann habe ich diese Wahnsinnsrunde hingelegt, die für mich unter diesen Umständen unglaublich war. Aber obwohl ich jetzt versuche, meine Gefühle auszudrücken, wird niemand je verstehen, wie ich mich gestern gefühlt habe."

Watkins pendelt zwischen Klinik und Jerez-Strecke

Auch die Gefühle während dieser Runde werde er "nie ausdrücken können". Die noch bessere Samstag-Zeit sei vor allem darauf zurückzuführen, dass er eine Attacke - vermutlich von Erzfeind Alain Prost, der meinte, das Rennen werde in der ersten Kurve gewonnen - fürchtete: "Ich hatte tief drin das Gefühl, dass jemand meine Zeit schlagen wird und ich schneller fahren muss als meine gestrige Zeit, um die Pole zu verteidigen. Das war keine perfekte Runde, aber sie hat gereicht."

Lotus-Pilot Warwick fährt am Samstag nur, weil er weiß, dass die Vorderradaufhängung des Lotus verstärkt wurde - und weil er die positiven Signale aus der Klinik in Sevilla vernommen hat. "Dieser Unfall hätte fünf Millionen Mal passieren können - und jedes Mal wäre Martin tot gewesen. So etwas kann man eigentlich nicht überleben. Ich bin nur gefahren, weil ich weiß, dass es ihm besser geht." Und so fährt der Brite zur Überraschung vieler die zehntbeste Rundenzeit und stellt den Lotus in die fünfte Startreihe. Ein kleiner Trost für die traumatisierte Mannschaft.

Nach dem Warm-up am Sonntag, das der Qualifying-Zweite Prost für sich entscheidet, fliegt Watkins mit dem Hubschrauber ein weiteres Mal in die Klinik zu Donnelly. Da der Zustand des Piloten weiter stabil ist, bespricht Watkins mit den Ärzten, ihn am Dienstag nach dem Rennen in seine Klinik nach London transportieren zu lassen.

Grand Prix beginnt mit Crash

Die Stimmung ist angespannt, als das Rennen um 14 Uhr bei Temperaturen an die 40 Grad losgeht: Und der Grand Prix beginnt mit einem großen Knall. Allerdings nicht - wie viele vermuten - zwischen Senna und Prost, sondern zwischen Berger und dem von Ferrari umworbenen Tyrrell-Shootingstar Jean Alesi, der als Qualifying-Vierter einen Platz vor dem Österreicher losfährt.

Jean Alesi

Erste Kurve: Ferrari-Kandidat Jean Alesi und Berger geraten aneinander Zoom

Grund: Der Franzose kommt schlecht weg, dann wird es zwischen ihm, Berger und Riccardo Patrese zu eng und es kommt zur Berührung. Alesi, der sich ins Kiesbett dreht, schimpft: "Berger hat nach links gedrängt und mich rausgeboxt." Der Österreicher wehrt sich später: "Ich bin mir gar nicht sicher, ob wir uns überhaupt berührt haben."

So geht Senna vor den beiden Ferrari von Prost und Mansell sowie Teamkollege Berger in die erste Kurve. Der McLaren-Star kann sich in der Anfangsphase nicht von seinem französischen Schatten lösen, der offenbar schneller ist, aber auf dem engen Kurs keinen Weg vorbei findet.

Ferrari-Teamstrategie sticht Senna aus

Daher zieht Ferrari ein perfektes Mannschaftsrennen ab: In der 20. Runde kommt Mansell, der knapp hinter den beiden WM-Rivalen liegt, an die Box. Prost folgt fünf Runden später und zwingt damit Senna, der einen Undercut fürchtet, eine Runde nach dem Ferrari-Piloten ebenfalls an die Box.

Da Senna bei der Boxeneinfahrt von AGS-Pilot Yannick Dalmas aufgehalten wird, hilft ihm der Traumstopp in 5,1 Sekunden nur bedingt. Dann die Schlüsselszene bei der Boxenausfahrt: Mansell, der beim vergangenen Rennen in Estoril wegen seines aggressiven Starts noch von Teamkollege Prost kritisiert wurde, mausert sich plötzlich zum Teamplayer, als Senna aus der Box fährt. "Ich sehe Prost im Rückspiegel heranjagen und beschließe, ihn auf der Geraden vorbeizulassen, aber Senna habe ich im toten Winkel", erklärt der Brite, warum er den Brasilianer eine Kurve lang blockiert, ehe auch dieser vorbeizieht. Ein Manöver, das Prost im entscheidenden Moment Luft zum Atmen gibt.

Prost jubelt unterm Helm: "Toll, wie Nigel meine Interessen wahrgenommen hat." Daraufhin verliert Senna fast zwei Sekunden pro Runde auf den neuen Führenden. "Ich bin viel schneller als Ayrton - und überrascht, wie langsam er ist", schildert Prost. In der McLaren-Box weiß man bereits warum: Eine kleine, nach dem Boxenstopp zurückgebliebene Pfütze signalisiert, dass Sennas Bolide Kühlwasser verliert, das auf die Hinterreifen sprüht.

Senna-Ausfall statt WM-Titel in Jerez

Auch wenn der Rückstand auf Prost auf 30 Sekunden anwächst und sich der Leader einen Sicherheitsstopp leistet, hält sich Senna bis zur 51. von 73 Runden vor Mansell auf Platz zwei. Dann zieht der Brite vorbei, und der McLaren-Pilot kommt ebenfalls an die Box, "weil ich zuerst an ein Reifenproblem glaube". Kurz darauf muss er aufgeben: "Es ergab keinen Sinn mehr, denn die Temperaturen stiegen und die Warnleuchte brannte."

Senna ist frustriert: "Im Titelkampf ist das das Schlimmste, was passieren konnte." Wäre er auf Platz zwei durchgekommen, dann würden ihm zwei zweite Plätze in Suzuka und Adelaide zur WM-Krone reichen. Jetzt liegt Prost nur noch neun Punkte - also einen Sieg - zurück. Später stellt sich heraus, dass das französische AGS-Team nicht nur durch die Senna-Blockade bei der Boxeneinfahrt Schützenhilfe für Prost geleistet hat: Ein Teil von Dalmas' Boliden wird im McLaren-Kühler gefunden - der Grund für Sennas Ausfall.

Spektakulärer Berger-Crash

Teamchef Dennis schreitet mit dem Teil in die AGS-Box und tönt: "Ich möchte Ihnen Ihren Beitrag zum WM-Kampf gerne zurückgeben." Überhaupt ist es ein bitteres Wochenende für McLaren, denn auch Berger, der nach seinem zweiten Stopp mit frischen Reifen Zweiter werden will, scheidet im Kampf um Platz vier nach einer Kollision mit Williams-Pilot Thierry Boutsen aus. "Ich habe Bremsprobleme, bremse spät in die Kurve hinein und verhake mich mit Boutsens Rädern." Der McLaren fliegt über den Williams spektakulär ins Kiesbett.

Und so führt Prost mit einem Vorsprung von 22 Sekunden einen Ferrari-Doppelerfolg an, dahinter landen Benetton-Pilot Alessandro Nannini und das Williams-Duo Boutsen und Patrese auf den Plätzen drei bis fünf. Lotus-Pilot Warwick scheidet zehn Runden vor Schluss auf Platz sieben mit Getriebeschaden aus.

Alain Prost, Nigel Mansell

Ungewohnte Eintracht: Prost und Teamplayer Mansell nach dem Doppelsieg Zoom

Sieger Prost, der zwei Siege für den Titelgewinn braucht, schickt eine Drohung in Richtung Senna: "Ich sehe nur eine Chance von 20 Prozent, dass ich es schaffe, aber um die werde ich kämpfen. Und ich bin in Suzuka und Adelaide auch zu mehr Risiko bereit." Eine interessante Aussage, denn in Suzuka werden Prost und Senna in der ersten Kurve zusammenkrachen, was den Titel Senna in die Hände spielt.

Donnellys Rückkehr: Keine Emotion am Unglücksort

Wie es nach dem Jerez-Wochenende Martin Donnelly geht? Der wird zwar tatsächlich wie geplant am Dienstag per Flugzeug nach London transportiert, sein Zustand verschlechtert sich aber so sehr, dass er sogar die letzte Ölung erhält. Einmal mehr gewinnt er den Kampf gegen den Tod und verlässt nach drei Monaten das Krankenhaus.

Ein Formel-1-Comeback gelingt nicht, weil er an den Tests scheitert, bei einem Unfall rechtzeitig das Cockpit zu verlassen. Dafür wird er Teamchef und fährt parallel dazu Rennen. Erst 1997 kehrt der Nordire an den Schicksalsort Jerez de la Frontera zurück. "Und zwar mit einem jungen Fahrer namens Ralph Firman", verweist er auf den befreundeten Iren, der in der Saison 2003 für Jordan starten sollte.

Im Fahrerlager wird er von Reportern von Autosport Italia gefragt, ob er bereit sei, an der Unglücksstelle ein Interview zu geben. Was er dort erlebt, überrascht ihn selbst: "Wir sind also in diese Kurve gegangen, in der ich den Unfall hatte, waren bei den Reifenstapeln, wo es passiert ist. Aber das hat bei mir überhaupt keine Emotionen ausgelöst. Es war verrückt, ich konnte mich nicht erinnern."

Später rekonstruiert er die Ereignisse, aber die Zeit vom Estoril-Wochenende bis Weihnachten 1990 bleibt ein schwarzes Loch. "Es ist seltsam", sagt er. "Man glaubt, dass man sich an diese Dinge erinnern können müsste, sie sind sehr wichtig für mein Leben, aber ich weiß all das nur, weil man es mir erzählt hat."

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