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Bradl: "Ich bin einfach sehr, sehr glücklich"

Im großen Weltmeister-Interview spricht Stefan Bradl über den Verlauf seiner Saison, seine Familie und seine Zukunftspläne

(Motorsport-Total.com) - Stefan Bradl hat die Moto2-Gesamtwertung fast über die gesamte Saison hinweg angeführt. Nach seinem Sieg beim Saisonauftakt in Katar folgten weitere Triumphe in Portugal, Katalonien und Großbritannien. Vor dem letzten WM-Lauf des Jahres in Valencia steht Bradl als neuer Moto2-Weltmeister fest. Im Interview spricht der neue Champion über den Verlauf seiner Saison, seine Familie und seine Zukunftspläne.

Stefan Bradl

Stefan Bradl geht davon aus, dass er auch 2012 in der Moto2-WM antritt

Frage: "Stefan, du bist jetzt doch schon ein Rennen vor Saisonende der neue Moto2-Weltmeister. Was geht dir gerade durch den Kopf?"
Bradl: "Für mich ist das alles im Moment so unglaublich. Alles ist so frisch. Ich brauche etwas Zeit, um es zu realisieren. Außerdem will ich morgen auch ein letztes gutes Rennen in dieser Saison fahren. Aber jetzt muss ich zuerst einmal meinem Team danken, meinen Sponsoren und auch meiner Familie daheim. Ich denke es versteht jeder, dass es etwas Zeit braucht, um all das zu verstehen. Im Moment bin ich einfach sehr, sehr glücklich."

Frage: "Normalerweise passiert so ein WM-Gewinn am Ende eines Rennens. Es muss sich für dich surreal anfühlen, dass du heute bereits mitten im Qualifying als neuer Weltmeister Interviews gegeben hast..."
Bradl: "Ja, das war etwas merkwürdig, denn normalerweise gewinnt man eine Meisterschaft von einer Sekunde auf die andere, wenn man die Ziellinie überquert. Jetzt war es etwas anders, aber ich denke, dass es keine Rolle spielt. Deutschland hat einen neuen Weltmeister gebraucht und ich bin so stolz, dass ich es nun bin. Vor 18 Jahren gab es den letzten Champion aus Deutschland."

"Während des Qualifyings habe ich versucht, mich auf mich selbst zu konzentrieren. Schon das ganze Wochenende hatte ich ein gutes Gefühl auf dem Motorrad, alles hat wirklich gut funktioniert bis jetzt. Ich wollte eigentlich die Pole-Position. Morgen ist es mein Ziel, einfach das Rennen zu gewinnen. Jetzt fühlt sich alles so frei an, ich genieße einfach das Rennfahren. Ich werde das Rennen morgen genießen und versuchen, zu gewinnen. Und dann werden wir so gut feiern wie wir können."

Glückwunsch an Marquez

Stefan Bradl

Wo ist Marc Marquez? Stefan Bradl konnte letztlich alle Verfolger abschütteln Zoom

Frage: "Es ist keine einfache Saison für dich gewesen. Du bist in brillanter Form gestartet, doch der bislang letzte Sieg war in Silverstone. Wie wichtig war es, dass dein Team und deine Familie in der anschließenden, etwas schwierigeren Phase hinter dir standen?"
Bradl: "Ja, das war in dieser Periode am wichtigsten. Jeder hat diese Moto2-Saison genossen, denn ist ein sehr guter Zweikampf zwischen Marc und mir gewesen. Es hat nicht ein Rennen gegeben, das nicht aufregend gewesen ist. Manchmal denkt man als Fahrer: 'Verdammt, das ist jetzt schon wieder so ein enges Rennen.' Man möchte einfach nur vorne wegfahren, sein eigenes Rennen fahren. Aber in dieser Klasse ist alles so eng beieinander. Natürlich tut es mir für Marc leid, denn er hatte diesen Unfall in Sepang. Doch ich muss ihm auch gratulieren, denn er hatte eine großartige Rookie-Saison."

Frage: "Hast du irgendwann einmal gedacht, dass dir die Meisterschaft vielleicht doch noch durch die Lappen gehen könnte? Vielleicht in Motegi, als du die Gesamtführung zum ersten Mal abgeben musstest?"
Bradl: "Um ehrlich zu sein, habe ich vor Motegi gar nicht an die Meisterschaft gedacht. Ich wollte einfach Rennen fahren, nachdem wir in Aragonien ein paar Probleme hatten. Als ich diesen großen Vorsprung in der Meisterschaft hatte, habe ich zwar versucht, jedes Rennen zu gewinnen. Man gibt auch immer sein Bestes. Aber ganz hinten im Hinterkopf denkt man doch immer: 'Du hast doch diesen großen Vorsprung.'"

"Ich bin kein Fahrer, der daran gewöhnt war, um eine Meisterschaft zu fahren oder jedes Rennen zu gewinnen." Stefan Bradl

"Ich bin kein Fahrer, der daran gewöhnt war, um eine Meisterschaft zu fahren oder jedes Rennen zu gewinnen. Natürlich habe ich daran gedacht. Aber gegen Ende war ich wieder in mehr oder weniger jeden Session, jedem Rennen, in einer guten Verfassung. Als ich in Motegi die Führung verloren hatte, dachte ich, dass es sicher sehr, sehr schwer werden würde."

"Aber es waren ja noch drei Rennen zu fahren. Da sagte ich zu mir: 'Jetzt spielt es keine Rolle mehr. Alles oder nichts.' Ich dachte einfach nicht mehr an die Meisterschaft. Das Rennen in Australien war von meiner Seite sehr gut, bis auf diesen dummen Fehler von mir in der letzten Runde. In Malaysia kam der Wendepunkt, weil da auch Marc ins Grübeln kam."

Frage: "Inwieweit war dir dein Vater, einst selbst ein Grand-Prix-Pilot, in den schwierigen Zeiten eine Hilfe?"
Bradl: "Meiner Meinung nach ist er jetzt auch ein Weltmeister. Für mich ist das etwas, dass ich im tiefsten Inneren spüre, genau 20 Jahre nachdem er Zweiter in der Meisterschaft wurde. Es gibt wohl nicht viele Leute im Fahrerlager, die einen Welt- und einen 'Vizeweltmeister' in der Familie haben. Das ist für mich etwas sehr besonderes. Er spielt in meinem Leben die größte Rolle. Er hat mich seit meiner ersten Sekunde im Rennsport unterstützt. Meine gesamte Familie stand die ganze Zeit hinter mir. Danke."

Bislang elf Podiumsplatzierungen

Stefan Bradl

Stefan Bradl feierte vier Siege und sieben weitere Podiumsplatzierungen Zoom

Frage: "Wie war es für dich, als Marquez plötzlich mehrere Rennen in Serie gewonnen hat, insgesamt sieben Stück?
Bradl: "Ja, er hat mehr Rennen als ich gewonnen. Doch ich bin konstanter gewesen und habe mehr Punkte in der Meisterschaft. Als er zu siegen begann und aus den Fehlern gelernt hatte, die er zu Saisonbeginn begangen hatte, war er wirklich stark. Er hatte auch ein großartiges Team hinter sich. Alles lief in die Richtung, dass Marquez die Führung in der Meisterschaft übernehmen würde. Ich habe bloß versucht, so schnell wie möglich zu sein, und nicht darüber nachzudenken."

"Sicherlich hat es ein paar Rennen gegeben, zum Beispiel in Misano oder am Sachsenring, wo wir auf dem selben Level in der Meisterschaft waren und ich hätte mehr riskieren können. Mal abwarten, wie es nächstes Jahr läuft. Vielleicht habe ich etwas aus diesen Situationen gelernt und kann ein Weltmeister mit vielleicht mehr Siegen in einer Saison sein. Aber elf Podiumsplatzierungen bislang sind auch nicht so schlecht."

Frage: "Du bist in dieser Saison mit einem Kalex-Chassis gefahren. Hattest du das Gefühl, dass du damit besser aufgestellt bist als die Konkurrenz? Oder hattest du eher einen Nachteil dadurch?"
Bradl: "Wir hatten einen besonderen Test, und zwar in Hockenheim, nach dem Rennen auf dem Sachsenring. Dort haben wir in der Sommerpause an meiner Kalex viele Dinge ausprobiert. Das hat sich letztlich als großer Fehler herausgestellt. Denn wir hatten gedacht, dass wir ein paar gute Sachen am Motorrad gefunden hätten. Doch beim nächsten Rennen in Brünn waren wir nicht so schnell, wie wir es erwartet hatten."

"Dann hat es etwas Zeit gebraucht, denn wir sind, finde ich, in eine falsche Richtung gegangen. Hockenheim ist keine Grand-Prix-Strecke, weshalb wir auch in Sachen Rundenzeiten keine Referenzen hatten. Trotzdem war ich in all der Zeit in den Top 3. Nach dem Rennen in Motegi bin ich auf mein Setup aus Barcelona zurückgegangen. Ich habe sofort gemerkt, dass das Motorrad einfacher zu fahren ist, dass es leichter war, damit schnell zu fahren."

"Wir hatten einfach gesehen, dass die anderen Jungs, vor allem Marquez, etwas an ihren Motorrädern gefunden hatten. Wir wollten reagieren und haben gesagt: 'Wir müssen jetzt am Motorrad arbeiten, um eine neue gute Lösung zu finden.' Letztlich war die Phase in der Saison, in der ich etwas zurückgefallen bin, jene Zeit, in der das Motorrad nicht perfekt gewesen ist."

Bradls Name in einem Atemzug mit Vettel und Schumacher

Stefan Bradl

Stefan Bradl ist der erste deutsche Weltmeister seit 18 Jahren Zoom

Frage: "Kannst du schon abschätzen, was du mit deinem WM-Triumph im motorsportbegeisterten Deutschland auslöst?"
Bradl: "Darüber könnte ich jetzt 20 Minuten lang sprechen. Ihr alle wisst, dass die Formel 1 in Deutschland wegen Sebastian Vettel und Michael Schumacher sehr beliebt ist. Da haben wir große Talente, großartige Sportler. Ich denke, dass sie alle die MotoGP verfolgen und davon begeistert sind. Dass Stefan Bradl jetzt der Name ist, der in Deutschland für den Weltmeister auf zwei Rädern steht, wird sicher viele Feierlichkeiten auslösen."

Frage: "Ändert der Moto2-WM-Titel etwas an deinen Plänen für die kommende Saison? Wechselst du jetzt vielleicht doch in die MotoGP?"
Bradl: "Nein, das denke ich nicht. Das einzige Angebot, das mir vorliegt, ist das von meinem jetzigen Team über eine weitere Saison in der Moto2. Das ist für mich im Moment die beste Möglichkeit. Aber es ist ja erst Samstag (lacht; Anm. d. Red.). Nein, ich denke, das wird mein Weg sein."

Frage: "Wirst du deine Startnummer 65 in der kommenden Saison gegen die 1 eintauschen?"
Bradl: "Das weiß ich im Moment noch nicht. Ich bin mir nicht sicher."

Frage: "Warum nicht?"
Bradl: "Weil das vom Sponsor '6,5%' abhängt (lacht). Die Nummer 1 auf dem Motorrad zu haben, ist, glaube ich, der Traum eines jeden Fahrers."

Frage: "Wirst du am Montag testen?"
Bradl: "Nein. Aber vielleicht am Dienstag! Sofern ich die Möglichkeit habe (lacht)."

Frage: "Du hattest nicht immer so viel Spaß am Rennfahren wie jetzt. Wie sind die vier Jahre mit deinem jetzigen Team für dich gewesen?"
Bradl: "Ich glaube, dass jeder Fahrer im Laufe seiner Karriere gewisse Höhen und Tiefen durchlebt. In jener Zeit war ich einfach sehr jung und daran gewöhnt, dass mein Vater immer bei mir ist. Er war für mich die Person, die mich in die Weltmeisterschaft bringen kann. Es war deswegen eine schwierige Zeit für mich, da ich damals nicht so Rennen fahren konnte, wie ich es wollte. Doch während dieser Zeit habe ich eine Menge gelernt, vielleicht sogar am meisten bis hierin - auch als Mensch."

"Letztlich habe ich ein neues Team gefunden und damit auch meinen Spaß auf dem Motorrad wiederentdeckt. Ich habe immer gedacht, dass ich vielleicht ein gewisses Talent habe. Das wollte ich zeigen. Und ich wollte für mich herausfinden, wie gut ich darin bin. Jetzt Weltmeister zu sein, ist ein großartiges Gefühl."

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