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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Toto Wolff

Speed weg bei Lewis Hamilton, Radmutterkanten weg bei Valtteri Bottas: Toto Wolff muss nach dem Grand Prix von Monaco einige Probleme lösen

Lewis Hamilton

Mercedes muss sich nach dem Rennen in Monaco sammeln und neu angreifen Zoom

Liebe Leser/-innen,

nach Barcelona hat ihn mein Kollege Stefan Ehlen noch am besten schlafen lassen, jetzt kommt er bei mir dran: Toto Wolff ist für mich der Mann, der letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat.

Wobei man vorwegschicken muss: Es ist Jammern auf hohem Niveau, das ich da heute betreibe. Acht der neun anderen Formel-1-Teamchefs würden sich die Sorgen, die der Mercedes-Boss nach dem Grand Prix von Monaco hat, wahrscheinlich wünschen.

"Wenn nicht dein Tag ist, ist nicht dein Tag", seufzte Mercedes-Pressesprecher Bradley Lord am Sonntagabend in der Zoom-Konferenz, als die Verbindung zwischen den Medienvertretern und Lewis Hamilton zum wiederholten Male abgebrochen war. Offenbar wurde das WLAN über den Boxen, wo sich Hamilton gerade befand, um 18:30 Uhr schon abgebaut.

Irgendwie hat das dann doch noch geklappt mit der Fragerunde mit dem siebenmaligen Weltmeister. Hamilton hatte ganz und gar nicht entspannt gewirkt, als er noch im Auto saß und am Boxenfunk nicht glauben konnte, dass ihn sein "Undercut" nicht nach vorne spülte, sondern drei Positionen kostete. Zwei Stunden nach Rennende sah er das aber schon deutlich lockerer.

Erstmals seit 2018 nicht an der Spitze der WM

Trotzdem ist jetzt Druck im Kessel im Mercedes-Team. Zum ersten Mal seit Juli 2018 liegt Mercedes in der Konstrukteurs-WM nicht in Führung, und zum ersten Mal überhaupt in seiner Karriere führt Max Verstappen die Fahrer-WM an. Der Red-Bull-Pilot hat nach fünf von 23 Rennen fünf Punkte Vorsprung auf Hamilton. Das ist nicht viel, aber psychologisch wichtig.

Mercedes hat einiges zu tun, wenn diese Woche die Debriefings des Monaco-Wochenendes anstehen. Zuerst einmal zu analysieren, warum mit Hamilton der erfolgreichste Rennfahrer aller Zeiten nicht den Funken einer Chance hatte.

Hamilton ist normalerweise dafür bekannt, mit seinen Reifen besonders schonend umzugehen und trotzdem schnell fahren zu können. Möglicherweise wurde ihm genau das in Monaco zum Verhängnis. Denn in den langsamen Kurven des Fürstentums kommt weniger Energie ins Gummi als anderswo, und die Außentemperaturen waren ebenfalls überschaubar.


Wende in der WM 2021: Was ist bei Mercedes los?

Zum ersten Mal seit Juli 2018 führt Mercedes nicht mehr in der Konstrukteurs-WM. Es gibt viel zu besprechen nach dem Grand Prix von Monaco. Weitere Formel-1-Videos

Was sonst seine große Stärke ist, könnte diesmal eine Schwäche gewesen sein. Gerade auf die schnelle Einzelrunde im Qualifying wie auch in der entscheidenden Runde unmittelbar nach seinem Boxenstopp fehlte die Temperatur in den Reifen und damit Grip.

Hamiltons erste Rundenzeit nach dem Wechsel von Soft auf Hard war 1:18.739 Minuten. Sebastian Vettel fuhr in jener Phase 1:15.316, Pierre Gasly 1:16.459 Minuten. Das gilt es zu analysieren. Und es wird keine bequeme Analyse.

Wolff & Allison: Widersprüchliche Aussagen

Zumal man bei Mercedes auch nach dem Rennen noch ziemlich verwirrt zu sein schien. Während Wolff behauptete, Hamiltons Reifen seien nahe dem Ende ihrer Lebensdauer gewesen, weshalb man ihn bereits in Runde 29 reinholte und auf einen "Undercut" setzte statt auf einen "Overcut" (in Monaco seit Jahren immer die schlechtere Strategie), meinte Technikdirektor James Allison, dass der Reifensatz sehr wohl noch gehalten hätte.

Schwamm drüber. Es sind nicht solche Nuancen, die Hamilton und Mercedes am Sonntag die WM-Führung gekostet haben. Das Paket war einfach zu langsam. Dass Hamiltons Reifen trotz des niedrigen Tempos auch noch schnell abbauten, lag womöglich daran, dass das Team mit einem Kniff versucht hat, schneller Temperatur in Hamiltons Reifen zu bringen. Das ging aber am Sonntag zulasten der Langlebigkeit.

Toto Wolff

Toto Wolff hat sich den Grand Prix von Monaco sicher anders vorgestellt Zoom

Hamilton hatte schon am Samstag nach dem Qualifying unbequeme Fragen gestellt - und wird diese Woche bei den Briefings in der Fabrik sicher nicht lockerlassen. Er spielt zwar runter, dass 2021 eine der schwierigsten Weltmeisterschaften seiner Karriere ist. Tatsache ist aber, dass ihn wohl seit Nico Rosberg 2016 niemand mehr so gefordert hat wie Verstappen jetzt.

Das mag Wolffs derzeit größte Sorge sein; seine einzige ist es nicht.

Wie war das mit der Radmutter?

Denn die Radmutter von Valtteri Bottas' rechtem Vorderrad, die klemmt selbst am Montagmorgen immer noch am Mercedes. Jeder, der schon mal einen Schraubenschlüssel in der Hand hatte (und damit genauso "geschickt" ist wie ich), kennt das: Sind die Kanten der Radmutter einmal beschädigt, kriegst du diese einfach nicht mehr auf. Es war eine solche Banalität, die Bottas im Millionensport Formel 1 den Grand Prix gekostet hat.

Letztendlich sind es immer menschliche Fehler, die zu solchen Pannen führen. Bottas selbst war ein bisschen daran schuld, weil er seine Position nicht ganz genau getroffen hat. Dadurch musste der Mechaniker am rechten Vorderrad den Schlagschrauber leicht schief ansetzen, was wiederum dazu führte, dass dieser nicht richtig anbiss, sondern durchrutschte. Und der Mechaniker war beim Ansetzen des Schlagschraubers mutmaßlich nicht präzise genug.

Valtteri Bottas

Nichts geht mehr: Valtteri Bottas Kugel fällt im Auto-Roulette von Monaco auf die Null Zoom

Aber Mercedes wäre nicht Mercedes, würde man aus Wochenenden wie Monaco nicht die richtigen Lehren ziehen. Ein grünes Licht, das dem Mechaniker signalisiert, ob der Schlagschrauber richtig angesetzt ist, damit die Kanten nicht abgeschmirgelt werden können, gibt es laut Wolff jetzt schon. Ein System, das aber am Rennsonntag in Monaco offensichtlich versagt hat. Ich gehe davon aus, dass man sich damit jetzt auseinandersetzen und eine Alternative mit niedrigerer Fehlerwahrscheinlichkeit entwickeln wird.

Was den Speed betrifft, muss sich Mercedes keine Sorgen machen. Monaco ist sozusagen das neue Singapur: die eine Strecke, auf der man am meisten verwundbar ist.

Das ist kein neuer Trend. Schon in den vergangenen Jahren war Mercedes dort weniger dominant als anderswo. Und mit den Federn, die man wegen der neuen Unterbodenregel lassen musste, war 2021 nicht der Vorsprung kleiner als sonst, sondern man fiel im dicht gestaffelten Formel-1-Feld gleich ein paar Plätze nach hinten.

Die gute Nachricht ist: Hamilton war, als er freie Fahrt hatte, schnell genug, um eine Zeit von 1:12.909 Minuten in den Asphalt zu brennen. Das war um 1,740 Sekunden schneller als Verstappen! Auch wenn der Vergleich ein bisschen hinkt (weichere, frischere Reifen, als das Auto gegen Ende am leichtesten war): Das zeigt, dass der Speed grundsätzlich im Mercedes steckt.

"Flexiwings": Mercedes kündigt Protest an

Für Baku muss sich Mercedes vielleicht ein letztes Mal warm anziehen. Der nach hinten kippende "Flexiwing" von Red Bull darf dort noch einmal eingesetzt werden, bevor ab Le Castellet die verschärften Belastungstests greifen. Und das ist auf dem Stadtkurs mit den langen Geraden und der verwinkelten Altstadt ein mutmaßlich größerer Vorteil als auf jeder anderen Strecke.

Kein Wunder, dass Wolff noch am Sonntagabend unmissverständlich angekündigt hat, dass er nicht akzeptieren wird, dass die FIA die verschärften Tests um ein weiteres Rennen verschleppt.

Sollte die FIA dabei bleiben, stellt er klar, wird Mercedes in Baku Protest gegen Red Bulls Heckflügel einlegen. Und sollte dieser vor Ort von den Rennkommissaren abgelehnt werden, so Mercedes, werde man die Sache zum Internationalen Berufungsgericht schleppen.


Fotostrecke: Formel-1-Technik: Die verbotenen Flexi-Flügel

Es bleibt also spannend in den nächsten Wochen in der Formel 1. Nicht nur auf, sondern auch abseits der Rennstrecke.

Zum Abschluss noch ein Hinweis in eigener Sache: Unter dem Motto #LetzteNacht diskutieren mein Kollege Stefan Ehlen (der seine Kolumne heute Sebastian Vettel gewidmet hat) und ich am Montagabend um 19:00 Uhr auf dem YouTube-Kanal von Formel1.de über unsere Kolumnen - und zwar live (Kanal jetzt abonnieren und keinen Livestream mehr verpassen!). Alle, die live dabei sind, können im Livechat mit uns interagieren und uns Fragen zum Grand Prix von Monaco stellen. Danach steht das Video natürlich auch on demand im Videoplayer auf unseren Plattformen zur Verfügung.

Ihr

Christian Nimmervoll

P.S.: Folge mir auf Facebook unter "Formel 1 inside" mit Christian Nimmervoll". Dort gibt's alle von mir verfassten Formel-1-Texte sowie Insiderinfos, Meinungen und Einschätzungen zu aktuellen Themen. Und natürlich die Möglichkeit, diese Kolumne zu kritisieren und zu diskutieren!