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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat: Sergio Perez

Der Rausschmiss von Sergio Perez durch Lawrence Stroll ist eine menschliche Tragödie und zeigt, wie wenig Loyalität im Millionenbusiness Formel 1 wert ist

Sergio Perez

Sergio Perez wird 2020 nicht mehr für das heutige Racing-Point-Team fahren Zoom

Liebe Leser/-innen,

einer fällt mir auf jeden Fall ein, der keine schöne letzte Nacht hatte: ich selbst! Erstmal, weil die letzte Nacht ziemlich kurz war. Gegen 22:15 Uhr hatte ich die spontane Eingebung, dass ich doch nach einem wirklich kräftezehrenden Tripleheader mal früher Schluss machen könnte, um mir das Finale der US-Open reinzuziehen. Schließlich bin ich, wenn ich mich nicht gerade mit Autorennen beschäftige, Dominic-Thiem-Fan der ersten Stunde.

Bis in den fünften Satz hinein hielt ich mich wacker, nur um dann rechtzeitig einzuschlafen, als mein Landsmann den ersten Grand Slam seit 25 Jahren nach Österreich holte.

An den 11. Juni 1995 erinnere ich mich auch deswegen noch ziemlich genau, weil ein paar Stunden nach Thomas Muster auch Jean Alesi den größten Triumph seiner Karriere feierte, beim Grand Prix von Kanada in Montreal, im Ferrari mit der Nummer 27 auf dem Circuit Gilles Villeneuve.

Was die Formel 1 betrifft, gibt es einige Kandidaten, die letzte Nacht schlecht geschlafen haben könnten. Ein paar davon werde ich mit meinem Kollegen Stefan Ehlen in unserem inzwischen schon traditionellen Montagsvideo besprechen.

Nicht vergessen: Um 17:00 Uhr gibt's das Video!

Das gibt's im Laufe des heutigen Tages eingebettet in diesen Artikel zu sehen, oder ab 17:00 Uhr als (gut planbare, weil danach natürlich auch on demand verfügbar) Premiere auf unserem YouTube-Kanal - den Sie am besten gleich abonnieren, damit Sie dort nichts mehr verpassen!

Meine Kolumne von letzter Woche hat sich im Nachhinein als fast prophetische Überleitung herausgestellt. Die letzte Zeile, über Sebastian Vettel, lautete: "Vielleicht fällt es ihm jetzt leichter, doch den Aston-Martin-Vertrag für 2021 zu unterschreiben."

Nach allem, was ich heute weiß, war da zwar die Tinte unter dem Vertrag noch nicht trocken, aber zumindest telefonisch mit Lawrence Stroll alles geklärt.


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Armer "Checo"! Er wusste längst Bescheid, als ihn Stroll am Mittwoch vor Mugello angerufen hat. Stroll hatte dem Rechtsbeistand des Teams am Sonntag nach dem Rennen in Monza aufgetragen, die finalen Unterlagen für die Vettel-Verpflichtung vorzubereiten. Inklusive 1,5 Millionen Dollar Gage vom Formel-1-Team und fünf Millionen Dollar Gage als Markenbotschafter für Aston Martin, wie die Plattform 'RaceFans' berichtet.

Dort stand geschrieben, dass Perez selbst das Gespräch zufällig mitgehört haben soll, weil Stroll kein Meister darin ist, leiser zu sprechen, wenn die Wände dünn sind.

Mir wurde die Geschichte anders erzählt. Jemand anderer soll mitgehört haben, aber weil der sympathische Mexikaner im Team viele Freunde hat, dauerte es nicht lange, bis die Nachricht zu ihm durchgedrungen war.

Fünf Podestplätze für Force India erobert

Perez erlebt gerade auf die harte Tour, dass Loyalität in einem Millionenbusiness wie der Formel 1 nichts wert ist. Seit 2014 fährt er schon für den Rennstall aus Silverstone, und obwohl er in der Zeit mit Nico Hülkenberg und Esteban Ocon zwei begabte Teamkollegen hatte, gehen die fünf letzten (von insgesamt sechs) Podestplätze des Vorgängerteams Force India auf sein Konto.

Im Sommer 2018 stand Force India dann vor der Pleite, und auf den ersten Blick sah es ein bisschen merkwürdig aus, dass ausgerechnet Perez selbst am Ende den Insolvenzantrag einbrachte, der das Ende der Ära Vijay Mallya besiegelte.

Damit war aber der Weg frei für die Rettung durch neue Investoren. Ohne Perez hätte es das heutige Racing Point (und zukünftige Aston Martin) mit Stroll am Ruder nicht gegeben.

Doch daran scheint sich jetzt keiner mehr zu erinnern. Otmar Szafnauer, dem Vernehmen nach eine der Kräfte im Team, die dafür plädiert hat, Perez gegenüber loyal zu bleiben und ihn nicht rauszuschmeißen, muss sich in den TV-Interviews ganz schön anstrengen, dass man ihm das schlechte Gewissen nicht ansieht, wenn er versucht, für Perez trotz des Rausschmisses anerkennende Worte zu finden.

Rein menschlich gesehen ist das, was mit Perez gerade passiert, eine Tragödie. Eigentlich hätte die Option auf seine Dienste für 2021 schon bis 31. August gezogen werden sollen. Er selbst stimmte zu, diese bis nach Monza zu verlängern. Weil er eh keine anderen Optionen hat, die attraktiver wären als Aston Martin.

Geändert hat das nichts. Am Ende bekam er trotzdem die Absage.

Wie geht's jetzt weiter?

Positiv ist, dass "Checo" sicher weiter Formel 1 fahren kann, wenn er das möchte. Mit seinen mexikanischen Sponsorengeldern, die Force India jahrelang über Wasser gehalten haben, ist er sowohl für Haas als auch für Alfa Romeo ein hochattraktiver Kandidat.

Bei Alfa (Sauber) könnte er zu seinen Wurzeln zurückkehren, dorthin, wo 2012 mit ein paar sensationellen Auftritten als "Reifenflüsterer" seine Karriere begonnen hat. Und er könnte als Routinier den Mentor geben für einen der Ferrari-Junioren. Aus deutscher Sicht bevorzugt Mick Schumacher.

McLaren-Boss Zak Brown hat ihm sogar schon ein IndyCar-Cockpit angeboten, sollte der 30-Jährige in Zukunft Lust verspüren, näher an der Heimat und an der Familie zu sein. Aber das alles ist bestenfalls ein Trostpreis.

Eigentlich hätte er 2021 für seine langjährige Treue und Loyalität gegenüber seinem Team belohnt werden sollen. Jetzt, wo die Ernte für das eingefahren wird, woran Perez maßgeblich mitgearbeitet hat, ist er den neuen Chefs plötzlich nicht mehr gut genug.

Das tut insofern doppelt weh, als gar nicht gesagt ist, dass der Neue, Vettel, überhaupt sehr viel besser Autofahren kann. Dessen aktuelle Leistungen bei Ferrari dürften Stroll sen. im Hinblick auf 2021 jedenfalls nicht ruhig schlafen lassen.

Aber die brutale Realität ist: Mit einem viermaligen Weltmeister lassen sich mehr von den teuren Luxussportwagen verkaufen als mit Perez, und Deutschland ist für Aston Martin der wichtigere Markt als Mexiko, gerade im Hinblick auf den neuen SUV DBX, der der "Game-Changer" für den angeschlagenen Sportwagenhersteller werden soll.

Das Update hatte nur der Sohn vom Chef

Dass Perez in Mugello auch nicht wahnsinnig gut ausgesehen hat, was seine Performance betrifft, hatte einen einfachen Grund.

Das größte technische Update der Saison, laut Szafnauer "ein paar Zehntel" pro Runde wert, stand nur in einfacher Ausführung zur Verfügung, und beim Münzwurf dürfte zufällig nicht der in Ungnade gefallene Mexikaner, sondern der Sohn des Chefs gewonnen haben.

Trotzdem war Perez im Qualifying sogar um einen Hauch schneller.

Letztendlich wurde er Fünfter, während das Update in den Leitplanken der Arrabbiata das Zeitliche segnete.

Eigentlich hätte es für Sotschi auch an Perez' Auto kommen sollen. Aber so ungeschickt, wie sich die italienischen Streckenposten im Umgang mit Strolls Racing Point angestellt haben, ist nicht auszuschließen, dass das erste Update ein Totalschaden ist und es mit einer zweiten Ausführung bis Sotschi knapp werden könnte.

Dass nach Strolls lautstarkem Hospitality-Gespräch in Monza jemand zu "Checo" petzen gelaufen ist, wundert mich übrigens nicht. Der Mexikaner ist ein geselliger, sympathischer Kerl, im Team allseits beliebt. Und nicht nur da.

Ich glaube, es war bei einer Formel-1-Party ("The Code 20") nach dem Grand Prix von Kanada in Montreal 2013, als ich zum ersten Mal erlebt habe, warum alle "Checo" lieben.

Montreal 2013: "Checo, Checo"!

Meine Erinnerung an den Abend ist noch recht lebendig: In dem exklusiven Club, der für die Party angemietet worden war, dröhnte laute Musik, halbnackte Frauen hingen am Seil von der Decke. Ernst Hausleitner und Karl Wendlinger vom ORF, mit denen ich auf ein Glas Wein verabredet war, kamen mir schon wieder entgegen, als ich dort erst ankam. Zu laut, zu schrill, sagten sie.


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Ein paar Meter neben der eigentlichen Location, in derselben Straße, saß Claire Williams mit ihrem Rennteam in einem Straßencafe. Und als ich so in der Schlange stand beim Einlass, weil der Club längst aus allen Nähten platzte, erlebte ich, wie sich eine Gruppe vordrängelte und "Checo, Checo" rief.

"Checo" kam dann auch prompt zum Eingang und erklärte dem unbarmherzigen Security-Bullen, dass die netten Mädels (es waren auch ein paar Jungs dabei) alle zu ihm gehören und man sie doch bitte reinwinken möge. Mit Erfolg.

Ich frage mich heute noch, wie gut befreundet "Checo" und die Gruppe wirklich waren und wie gut sie sich kannten. Ich kann mich jedenfalls nicht an viele Abende erinnern, an denen ich mit meinen besten Freunden erstmal Selfies geknipst habe. Aber das ist eine andere Geschichte.

Weil die Party letztendlich auch für mich, obwohl damals zarte 31 Jahre jung, zu laut und zu schrill war, beschränkte ich mich darauf, im Außenbereich an einem Glas Wein zu nippen und ein bisschen zu beobachten, was da so vor sich ging. So oft hatte ich bis dahin schließlich noch nicht die Gelegenheit gehabt, mit den Herren Formel-1-VIPs abends Party zu feiern.

Am besten gefiel mir Nico Hülkenberg, der ganz entspannt draußen saß und sich neben all dem Trubel einfach nur mit einer netten Dame unterhielt.

"Keiner hat so viele Freunde wie 'Checo'"

Und natürlich "Checo", der ein paar Mal an mir vorbeilief, immer mit einem Cocktail in der Hand, weil wieder jemand "Checo, Checo" gerufen hatte. Elena, die Party-Organisatorin, die mich und meinen damaligen Chef tagsüber eingeladen hatte, grinste mich an: "Keiner hat heute so viele Freunde wie 'Checo'!" Es war der Running Gag des Abends.

Sergio Perez

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Aber es beschreibt ganz gut, wie "Checo" so tickt. Ein sympathischer junger Mann mit Lust aufs Leben, zugänglich, unkompliziert. Vielleicht ein bisschen naiv.

Und der den größten Fehler seiner Karriereplanung schon 2012 gemacht hat, als er der aufstrebende Shootingstar der Formel 1 war, aber nicht die Geduld hatte, auf Ferrari zu warten, sondern schon 2013 zu McLaren wechselte - und dort seine Chance auf den großen Durchbruch vermasselte.

Jetzt hätte er, "against all Odds", doch noch einmal die Chance bekommen können, in der Formel 1 für ein top finanziertes Team um Podestplätze zu fahren. Vielleicht sogar um Siege.

Und das Allerbeste daran war: Er hatte den Weg für Aston Martin sogar selbst mit vorbereitet, das ganze Team aufgebaut.

Es war alles angerichtet. Hat nicht sollen sein.

Die Formel 1 kann manchmal ziemlich grausam sein.

Ihr

Christian Nimmervoll

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