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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Wie das einst so stolze Team von Frank Williams zu einem modernen Minardi geworden ist und Lewis Hamilton seinem Renningenieur Nerven gekostet hat

Liebe Leser,

Lance Stroll

Das legendäre Williams-Team ist nur noch ein Schatten seiner selbst Zoom

ich bin mir ziemlich sicher, dass die meisten von Ihnen damit gerechnet hätten, dass Max Verstappen nach dem Grand Prix von Monaco das Hauptthema dieser Kolumne sein würde. Nun, ich überrasche meine Leser gerne! Oder, anders ausgedrückt: Darüber kann ich Ihnen nichts erzählen, was Sie nicht ohnehin schon im TV gesehen haben. Ein Supertalent, das in sechs Rennen sechs Fehler macht, während der Teamkollege in der Form seines Lebens fährt. Verstappen stand schon mal besser da bei Red Bull und in der Formel 1 insgesamt. Damit ist alles gesagt.

Aber die wahre Tragödie dieses Grand Prix von Monaco war nicht Verstappen, sondern Williams.

Jeder, der den Kinofilm gesehen hat, weiß: Es muss Frank Williams körperliche Schmerzen bereiten, auf seine alten Tage noch erleben zu müssen, was aus seinem stolzen Team geworden ist. Beim wichtigsten Grand Prix des Jahres liest sich die nüchterne Bilanz so: Letzter und Vorletzter.

Ja, Leclerc und Hartley werden im offiziellen Ergebnis noch hinter Sergei Sirotkin und Lance Stroll geführt. Doch in Wahrheit sahen die beiden die Zielflagge nicht. Außer Williams wurden nur Stoffel Vandoorne und Romain Grosjean überrundet. Das sitzt.

Nun hat Williams schon öfter mal einen Monaco-Grand-Prix in den Sand gesetzt. Man denke zum Beispiel an 1997, als jemand die vermeintlich geniale Idee hatte, Polesetter Heinz-Harald Frentzen und Jacques Villeneuve mit Slicks in die Regenschlacht zu schicken.


Williams: Der Trailer zur Dokumentation

Der Historien-Streifen zeichnet das Bild einer erfolgreichen sportlichen, aber vor allem emotionalen familiären Geschichte nach Weitere Formel-1-Videos

Aber die Pannen 2018 haben eine ganz andere Qualität. Da ist plötzlich ein Stift locker, der die Kopfstütze fixieren soll. Ist, zugegeben, Mercedes auch schon passiert. Drei Minuten vor dem Start sind bei Sirotkin die Reifen noch nicht montiert.

Dafür kennt das Reglement nur eine Strafe: zehn Sekunden Stop & Go. Es spricht nicht für Fachkenntnis, wenn diese dann seitens des Teams als zu hart kritisiert wird. So ist halt das Reglement.

Es ist ja nicht so, dass Monaco ein Ausrutscher gewesen wäre. Bereits zuvor in Barcelona war Williams das schlechteste Team. Wegen ständiger Strömungsabrisse, wie Berater Alexander Wurz erklärt hat. In der Konstrukteurs-WM liegt Williams ebenfalls an letzter Stelle. Mit vier Punkten. Sauber (Vorletzter) hat elf; Haas (Drittletzter) 19.

Man kann auch verstörend finden, wie das Williams-Management gerade mit lästigen Medienanfragen umgeht. Da wird zum Beispiel Claire Williams darauf angesprochen, welche Rolle Alex Wurz denn nun eigentlich genau habe. Antwort: Das möchte sie lieber nicht öffentlich definieren. Warum eigentlich?

Oder Sirotkins Probleme mit dem Sitz: Zuerst erzählt der Russe bereitwillig von großen Schmerzen, die ihm seine Sitzposition bereitet hat - allerdings schon unter Ermahnung der Pressesprecherin, er möge genau aufpassen, was er da so sage. Zwei Wochen später kann sich der Russe an all das nicht mehr erinnern. Er habe nie von Problemen mit dem Sitz gesprochen. Wie bitte?

Und dann wundert man sich noch über Paddy Lowes Erklärung für Strolls Reifenschaden, nämlich überhitzende Bremsen, die auch die Felge überhitzen haben lassen. Mit der kurz zuvor im TV gezeigten Kollision mit dem Ericsson-Sauber hatte das alles wirklich nichts zu tun? Hm.

Es läuft gerade so einiges schief bei Williams. Es ist ein Trauerspiel, sich das anschauen zu müssen, wenn man bedenkt, wie erfolgreich dieses Team einmal war. Und, was viele vergessen: Wie groß es immer noch ist! In Grove sind insgesamt 800 Mitarbeiter beschäftigt. Nicht alle für das Formel-1-Team. Aber die meisten. Davon können Force India, Toro Rosso & Co. nur träumen.

Mehr als 70 Millionen Euro hat Williams 2017 alleine für Personal ausgegeben. Gleichzeitig geht Hauptsponsor Martini Ende 2018 verloren. Neue Geldgeber werden angesichts der aktuellen Leistungen nicht so leicht zu finden sein. Und die Williams-Aktie steht an der Frankfurter Börse bei 17,5 Euro. Immerhin - das waren schon mal weniger als 13. Aber emittiert wurde das Papier vor sieben Jahren um 25.

Beobachtet man das Williams-Drama von außen, wird man das Gefühl nicht los, dass das aktuelle Management nicht Herr der Lage ist. Im Paddock kursieren die wildesten Gerüchte. Zum Beispiel, dass es Strömungen innerhalb des Teams gibt, die es bewusst herunterwirtschaften wollen, um die Kontrolle übernehmen zu können. Aber das sind Stand heute völlig haltlose Anschuldigungen.

Man kann nur darüber spekulieren, dass es unter Frank Williams wohl nie so weit gekommen wäre. Mag sein, dass er sich in schwierigen Zeiten an seinen alten Kumpel Bernie Ecclestone gewendet hätte, um sich ein bisschen Geld zu leihen. Ganz diskret. Aber seit bei Williams nicht mehr Racer die Entscheidungen treffen, sondern Finanzinvestoren, hat das Team seinen früheren Glanz verloren.

Und es wurde innerhalb eines Jahrzehnts von einem der erfolgreichsten Teams der Formel-1-Geschichte zu einem modernen Minardi. Nur nicht so sympathisch.

Sicher nicht die Story, die sich Frank Williams für seine alten Tage vorgestellt hatte.

Wer sonst noch schlecht geschlafen hat:

Peter Bonnington: Der Renningenieur von Lewis Hamilton konnte einem fast leidtun. Immer wieder forderte sein Fahrer einen Reifenwechsel, dabei konnte jeder Blinde sehen, dass das eine katastrophale Entscheidung gewesen wäre und zwei Plätze gekostet hätte. Ich bin zutiefst beeindruckt von der Ruhe und Gelassenheit, mit der Bonnington immer wieder zu erklären versuchte, warum ein Reifenwechsel keine gute Idee sei. Hätte einer meiner Redakteure so lange auf einer ganz offensichtlich dummen Idee rumgeritten, wäre mir irgendwann der Kragen geplatzt ("Jetzt halt doch einfach mal die Fresse und mach!"). Und ich hätte ganz sicher nicht gut geschlafen.

Christian Horner: Nach einem Monaco-Sieg, wirklich? Ja, weil der Marktpreis von Daniel Ricciardo gerade immer höher wird. Und der Australier sich ziert, das fertige Vertragsangebot zu unterschreiben. Warum eigentlich? Eine krude Theorie: Solange Lewis Hamilton noch nicht bei Mercedes unterschrieben hat, wird Toto Wolff die Karte Ricciardo in der Hinterhand halten. Denn wenn man einen glaubwürdigen Plan B hat, kann man von Hamilton in den Gagenverhandlungen nicht beliebig abgezockt werden. Aber was, wenn Hamilton zu viel will und Daimler-Chef Dieter Zetsche da nicht mitspielt? Dann kann aus einem taktischen Spielchen ganz schnell Realität werden.

Nico Hülkenberg

Grid-Girl-Verbot in der Formel 1: War da nicht irgendwas? Zoom

Sharon Maffei: Die Ehefrau von Liberty-Topmanager Greg Maffei war, so will es die Legende, der Grund dafür, dass die Grid-Girls aus der Formel 1 verbannt werden. Aber die Macht von Liberty reicht offenbar nicht ins Fürstentum Monaco. Die Girls dort waren am gestrigen Rennsonntag so schön und elegant wie eh und je. Und fast noch ein bisschen freizügiger als sonst. Da hilft's auch nix, dass jedem Grid-Girl der Geschlechterneutralität wegen ein Grid-Boy zur Seite gestellt wurde: Frau Maffei hat bei den Fotos von halbnackten Brüsten wahrscheinlich einen Kreislaufkollaps erlitten. Ich nicht.

Pascal Wehrlein: Ausgerechnet Brendon Hartley, der im Toro-Rosso-Cockpit sitzt, mit dem der Mercedes-DTM-Fahrer in Verbindung gebracht wird, fuhr in Monaco eines seiner besseren Wochenenden. Wehrlein selbst, das lässt er via Mercedes-Pressestelle ausrichten, hat die Gerüchte "auch gehört. Mit mir hat dazu noch niemand gesprochen. Daher kann ich dazu auch nichts weiter sagen." Aha. Eines steht fest: Wenn es Helmut Marko genauso schwer gemacht wird, mit Wehrlein zu sprechen, wie uns, dann wird das mit einem Formel-1-Comeback bei Toro Rosso ganz sicher nichts.

Ihr

Christian Nimmervoll

PS: Folgen Sie mir oder meinen Kollegen auf Twitter unter @MST_ChristianN!

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