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Wer letzte Nacht am schlechtesten geschlafen hat

Wie eine unbedachte Aussage Jean Todt einen nur teilweise berechtigten Shitstorm beschert hat und warum Lewis Hamilton trotz allem gut schlafen kann

Jean Todt und Michelle Yeoh

Mit schwarzer Armbinde für die Opfer von Paris: Jean Todt, Partnerin Michelle Yeoh Zoom

Liebe Leser,

zugegeben, ich habe darüber nachgedacht, Lewis Hamilton nach dem Grand Prix von Brasilien am schlechtesten schlafen zu lassen. Argumente dafür gäbe es genug. Seine erneute sportliche Niederlage gegen Nico Rosberg etwa, zum zweiten Mal hintereinander, im Rennen wie (sogar schon zum fünften Mal) im Qualifying. Die Psychospielchen, die der Weltmeister nicht erst seit seinem Titelgewinn konsequent spielt, prallen von Rosberg in der Schlussphase der Formel-1-Saison 2015 einfach ab. Das kann einem erfolgsverwöhnten Superstar, dessen Ego den Erdboden immer weiter zu verlassen scheint, nicht egal sein.

Und da war auch noch das ominöse Wochenende vor Brasilien. Erst Party mit (doch nicht mehr?) Ex Nicole Scherzinger, dann mit Mama Carmen, zu deren 60er. Und dann, nach einem verkaterten Fotoshooting bei Madame Tussauds in London, der heiß diskutierte Verkehrsunfall in Monte Carlo, mit einem zwei Millionen Euro teuren Pagani Zonda. Es ist völlig egal, ob Hamilton damit nun ein anderes Auto gerammt hat (wie er behauptet) oder drei (wie die monegassische Polizei dem 'Telegraph' gesagt hat). So richtig abnehmen will ihm seine Version der Dinge kaum jemand.

Alkoholisiert war er bei dem Zwischenfall um 3:28 Uhr morgens nicht, so viel scheint gesichert. Aber im Paddock in Sao Paulo wurde hinter vorgehaltener Hand über Vorwürfe getuschelt, die so belastend sind, dass niemand wagt, darüber zu schreiben. Vielleicht aus dem ganz einfachen Grund, weil sie nicht wahr sind. Im Zweifel für den Angeklagten. Fest steht: Übermüdet war der 30-jährige Partylöwe, und der eine oder andere hat sich beim Abhören des Boxenfunks nach seinem Dreher im Freien Training sogar eingebildet, eine leicht verkaterte Stimme aus dem Cockpit vernommen zu haben. Vielleicht waren das aber auch nur die Nachwehen seines Fiebers.

Lasst den Weltmeister doch feiern!

Wie dem auch sei: Hamilton ist Weltmeister, und Weltmeistern steht es zu, ein bisschen zu feiern. Die Formel 1 braucht schließlich Typen (auch wenn Typ nicht gleich bedeuten muss, auf die Pauke zu hauen wie einst Parade-Playboy James Hunt) - und keine glattgebügelten PR-Marionetten. Und Hamilton ist, wie viele seiner Fans, Anhänger der Theorie, dass die jüngsten Rosberg-Siege ohnehin "von oben" gesteuert sind. Damit sein gebeutelter Teamkollege rechtzeitig vor 2016 psychologisch aufgerichtet wird und er selbst den nötigen Dämpfer zur rechten Zeit erhält.

"Lewis gewinnt die Weltmeisterschaft, und Nico sichert den zweiten Platz mit einer dominanten Leistung ab. Aus Teamsicht ist das ziemlich optimal." Toto Wolff

Ob gesteuert oder nicht, Tatsache ist, dass die Wende im Mercedes-Stallduell aus Management-Sicht genau zum richtigen Zeitpunkt passiert. "Man könnte sagen, dass alles richtig läuft", gesteht Sportchef Toto Wolff. "Lewis gewinnt die Weltmeisterschaft, und Nico sichert den zweiten Platz mit einer dominanten Leistung ab. Aus Teamsicht ist das ziemlich optimal." Hamilton wird also eher nicht schlecht geschlafen haben. Weil er innerlich mit Sicherheit überzeugt ist: Spätestens in Melbourne 2016 sieht das alles wieder anders aus.

Also nominiere ich diesmal Jean Todt für unsere traditionelle Montags-Kolumne. Der FIA-Präsident musste in den Sonntagszeitungen einen regelrechten Shitstorm über sich ergehen lassen. "FIA-Boss vergleicht Terroropfer mit Verkehrstoten", lautet etwa eine 'Bild'-Headline von Helmut Uhl, der am Ende seines vernichtenden Kommentars schreibt: "Ich schäme mich für die Formel 1 und die FIA." Und der 'Telegraph' findet, dass Todts "Fauxpas bezüglich der Terrorattacken in Paris" nicht nur ihn selbst, sondern auch die Formel 1 insgesamt "der Lächerlichkeit preisgeben".

Schweigeminute im Zentrum einer Medienkontroverse

Was war passiert? Todt hatte sich am Samstag zu den Terroranschlägen in Paris in der vorangegangenen Nacht geäußert und einen zugegeben sehr gewagten Vergleich angestellt: "Auf unseren Straßen sterben jeden Tag 3.500 Menschen. Das sind mehr als 30 Mal so viele wie bei den Morden in Paris." Womit er mutmaßlich rechtfertigen wollte, dass vor dem Rennstart eine Schweigeminute abgehalten wird. Die war aber schon seit langer Zeit geplant, für mehr als eine Million Verkehrstote pro Jahr. Weswegen man sich im Gedenken an Paris als Alternative ausdachte, den Fahrern für die Fahrerparade schwarze Armbinden zu geben und eine französische Flagge mit Black Ribbon zu hissen.

Hätten nicht die Medien eine Riesenaffäre daraus gemacht, hätte wohl kaum ein TV-Zuschauer eine Pietätlosigkeit seitens der FIA oder der Formel 1 gegenüber den Betroffenen der Tragödie von Paris festgestellt. Und, bei allem Respekt: Es gibt derzeit wohl größere Probleme, als über die angemessene Art der Andacht zu streiten. In Wahrheit ist niemandem mit Schweigeminuten geholfen, mit Profilfotos im Tricolore-Schimmer oder mit #PrayForParis-Hashtags. Was die Welt in diesen Tagen braucht, sind mutige Menschen, die bereit sind, sie zu verbessern.

Nadelstich von einem gekränkten Ex-Weggefährten

Todt mag Pietät missen lassen haben, als er über Paris sprach. "Die Unfähigkeit, den emotionalen Gemütszustand anderer Menschen zu begreifen, ist ein Kennzeichen seines Verhaltens", twittert etwa der ehemalige Formel-1-Chefarzt Gary Hartstein, der lange für die FIA gearbeitet, sich aber schon vor Jahren mit Todt überworfen hat (woran er selbst alles andere als unschuldig ist). Und es stimmt schon: Mit besonderer Empathie hat Monsieur Todt am vergangenen Wochenende nicht brilliert. Das ist bedauerlich.

Ich unterstelle aber einem Franzosen, der einen Verband leitet, dessen Sitz im Herzen von Paris liegt, dass ihn das Schicksal seiner Landsleute keineswegs so kalt lässt, wie ihm das nun angelastet wird. Und ich vermute, dass ihm der Blick auf eine angemessene, empathischere Reaktion durch seinen grundsätzlich noblen Ehrgeiz verstellt war. Weil sein Kampf für Verkehrssicherheit das Leitmotiv seiner Präsidentschaft ist, weil er sich mit voller Leidenschaft dafür einsetzt, dass Menschen nicht in ihrem Alltag unnötig sterben müssen. Dafür ist er zuständig. Für Weltpolitik nicht.

Haben wir wirklich keine anderen Sorgen?

Ja, Todts Aussagen erscheinen pietätlos in einer Zeit, in der die Trauer noch frisch ist. Das darf man kritisieren. Aber ihn öffentlich so brutal zu denunzieren, das ist meiner Meinung nach kein guter Stil. Was er gesagt hat, ist die Wahrheit. Jeden Tag sterben auf den Straßen dieser Welt mehr Menschen als am Freitagabend in Paris. Und es gibt Regionen auf unserer Erde, in denen jeden Tag Bomben explodieren und dutzende Menschen umkommen. Aber niemand schreit in der Formel 1 nach einer Schweigeminute für die Hungertoten von Malawi oder Sambia, oder für die unschuldigen Zivilisten in Krisengebieten, die von westlichen Luftangriffen getötet werden.

Was in Paris passiert ist, ist nicht zu begreifen und auf das Allerschärfste zu verurteilen. Es ist auch nur natürlich, dass es uns - alleine schon wegen der intensiven Medienberichterstattung - emotional mehr berührt als andere Tragödien, die sich tagtäglich auf unserem Planeten ereignen. Aber dem FIA-Präsidenten für eine vielleicht seinem Amt nicht angemessene, wahrscheinlich zu unbedachte, aber ganz sicher nicht böse gemeinte Aussage einen so engen Strick zu drehen, finde ich scheinheilig.

Wahrscheinlich hat Jean Todt nach dem Shitstorm schlecht geschlafen. Vielleicht nicht ganz zu Unrecht. Aber damit sollte es dann auch gut sein.

Je suis Paris.

Christian Nimmervoll

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